Der Algorithmus, wo man mit muss

20. Januar 2011

Bad Air Days und andere Katastrophen

Der Worst Case für Dienstleister und deren Anbieter ist die Erfindung von Twitter. Egal was einem als Konsument auch an Widrigkeiten passiert, der Ärger und die Frustration muss raus. Und wie kann man das besser, wirksamer und publikumsträchtiger machen als per Twitter (oder auch Facebook). So viel Zeit ist immer, um mal schnell 140 Zeichen abzusetzen, die es in sich haben. Und so bekommt die private Öffentlichkeit mit – und bei genügend Retweets und/oder einem Follower-Multi auch eine breite Öffentlichkeit in Echtzeit, wer wo wie versagt, einen Auftrag vergeigt oder sonstwie Kunden-Bashing betrieben hat. Ein Horror für alle großen Dienstleister.

Es hatte diesen Winter dann schon echt kabarettistische Ausmaße, was verzweifelte bis wutglühende Bahnfahrer von ihren misslichen Abenteuern im verschneiten Deutschland zu twittern hatten. Oder die S-Bahn-Nutzer, und das wohlgemerkt nicht nur im pannengeplagten Berlin. Nicht viel besser ging es Flugpassagieren. Interessant zu verfolgen, an welchen Tagen Air Berlin seine Fluggäste bis zur Weißglut verärgerte, dann gab es wieder typische Bad-Air-Days bei der Lufthansa, manchmal performten beide deutsche Fluglinien lausig. Egal was passiert, es entsteht bei jeder massiven Störung von Verkehrsmitteln unweigerlich so genannte „tote“ Zeit, die man nicht produktiv nutzen kann.

Tote Zeit für Wut nutzen

Nicht produktiv nutzen konnte. Das ist jetzt vorbei. Zumindest kann man jetzt wirksam seinem Ärger Luft machen und seine Wut in 140 säureätzenden Buchstaben veredeln. Und je mehr einer des Schreibens im verdichteten Raum fähig ist, desto vernichtender sind solche Rundumschläge. Und je mehr einer auf Reisen ist, desto öfter – und kompetenter – kann er seinem Frust Ausdruck geben. (Mein Tipp hier: die Tweets von Thomas Koch.) Und je länger die Wartezeiten sind, desto öfter kann man bei einem Desaster auf dem Laufenden gehalten werden. Es lassen sich dann wahre Fortsetzungs-Romane des Verkehrs-Terrors im Twitter-Telegrammstil mitverfolgen. Womöglich noch mit Fotos illustriert.

Ich könnte an dieser Stelle auch so manche Leidensgeschichte zum Besten geben. Nicht nur über die S-Bahn in München oder DB-Carsharing (ja auch hier hat die Bahn Performance-Defizite). Mein ganz besonderer Stein des Anstoßes ist die Stadtsparkasse München, die mich nach über 40 Jahren Kundentreue unbedingt loswerden will. Denn was macht ein Girokonto ohne Dispo Sinn? Die Stadtsparkasse München interessiert nicht, wie viel Geld regelmäßig auf meinem Konto ist oder wie viel Geld hereinkommt. Nein ihr geht es darum, dass jeden Monat gleich viel herein kommt. Was bei einem, der freiberuflich tätig ist, nun mal nicht der Fall sein kann. Besonders schön ist, dass der Filialleiter, der so etwas verantwortet, nie telefonisch erreichbar ist und lieber Untergebene vorschickt, die dann „leider nichts tun können“. Aber die Stadtsparkasse München soll ihren Willen haben, ich beende meine Laufbahn als Kunde möglichst bald. Versprochen!

Der Fall soll wie die oben erwähnten auch nur als Beispiel eines neuen Service-Desasters stehen, das sich in den Jahren notorischer Sparmaßnahmen eingeschlichen hat, und letztlich ein notorischer Missbrauch digitaler Informations- und (vermeintlicher) Rationalisierungs-Möglichkeiten ist. Die Stadtsparkasse München hat meinen Dispo gestrichen, weil irgend ein Algorithmus Alarm geschlagen hat. Scheint der Anti-Freiberufler-Algorithmus zu sein. Und gegen diesen Algorithmus kann natürlich kein Mitarbeiter „etwas machen“. Algorithm rules!

Algorithm rules

Flugpassagiere konnten nicht abheben, weil die Verbrauchsberechnungen für Enteisungsmittel irgendwie falsch waren. Ob es hier die Dummheit derer ist, die die Daten eingegeben haben, oder dem Algorithmus nicht gesagt worden ist, dass Enteisungsmittel im Winter gebraucht werden und dann gerne auch mal Straßen vereist sind, auf denen der Nachschub „just in time“ geliefert werden soll. Aber die Straßen waren da leider „just in ice“.

Den Fluggesellschaften fehlte es allerdings nicht nur an Enteisungsflüssigkeit, sondern oft genug an Personal im Cockpit. Irgendein Schönwetter-Rationalisierer hat die grandiose Idee gehabt, dass man die teure Ressource Mensch noch effektiver einsetzen kann, wenn man sie wild von Flugzeug zu Flugzeug wechseln lässt. Dumm nur, wenn die Fluggäste vollzählig und eingecheckt sind, aber die Crew in Paris fest sitzt, weil dort Nebel herrscht. Neulich ging es mit der Lufthansa gar eine Stunde später auf die Startbahn, weil alle da waren, nur der Co-Pilot nicht, der flog gerade aus Lissabon ein. Es werden also nicht nur komplette Crews hin und her geschubst, sondern diese „just in time“ zusammengewürfelt. Sicherlich von einem ausgeklügelten Computerprogramm, also einem Algorithmus.

Schönwetter-Manager

An dieser Stelle ist es natürlich dringend notwendig, die viel gescholtenen Algorithmen in Schutz zu nehmen. Die sind nur so doof wie die, die sie programmiert haben, bzw. konzipiert und beschlossen haben. Denn wenn wir Stunden warten, weil kein Zug kommt, weil die Crew nicht da ist oder wenn wir als Bankkunden in Misskredit geraten, dann reibt sich ja irgendwo irgendein Manager die Hände. Er hat sich schließlich seinen Bonus oder seine Pluspunkte auf dem Personalkonto eingeheimst, weil er kreativ ganz tolle neue Einsparungsmöglichkeiten gefunden hat.

Dass solche“Effizienz-Maßnahmen“ nur bei idealen Bedingungen, also bestem Wetter, und nur für Normalkunden taugen, interessiert ja in dem Moment nicht. Dass massig Geld verloren geht oder in Kundenberuhigungsaktivitäten investiert werden muss, interessiert genauso wenig. Die Boni sind ja schon verteilt. Und dass Kunden verloren gehen, schreckt auch keinen, denn die Konkurrenz ist mindestens genauso schlimm. (Vielleicht arbeitet die ja sogar mit demselben Algorithmus.) Die dort verärgerten Kunden ersetzen dann halt die im eigenen Betrieb vergraulten. – Das ist die neue, die digitale Service-Wüste. Die Service-Atacama.

Maschinen-Intelligenz als Daffamierung

So etwas wäre ja mal ein Thema für eine Verbraucherschutz-Ministerin. Aber so lange weniger als fünf Prozent der Bevölkerung weiß, was ein Algorithmus ist und was er bewirkt – und nicht mal das Wort richtig zu schreiben versteht, ist das natürlich kein Thema für die Politik. Aber wie sehr inzwischen Schindluder etwa mit digital berechneten Bonitäts-Bewertungen getrieben wird, hat Marco Friedersdorf  erlebt und in seinem Blog „Minds Delight“ perfekt dokumentiert. Seine Kreditwürdigkeit wurde allein durch die Tatsache, dass er in Berlin-Neukölln wohnt, massiv eingeschränkt. Das ist eine flagrante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes unserer Verfassung. Und irgendwer hat sich solch einen Sozialer-Brennpunkt-Algorithmus ausgedacht – und schlimmer: irgendwer ganz oben hat ihn sich konzeptionell ausgedacht und in irgendeinem Gremium gut geheißen.

Hier brennt es politisch lichterloh. Viel schlimmer als bei Google oder Facebook, weil abseits aller Aufmerksamkeit. Hier müssen wir Digital-Apologeten aktiv werden. Wer, wie auch ich, die Schönheiten einer digitalen Zukunft besingt, muss klandestine Fehlentwicklungen anprangern, will er seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren. So lange Politik meint, man wäre schon digital, wenn man im Bundestag ein iPad nutzt, müssen halt andere ran…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: