Das blanke Handgelenk

31. Oktober 2010

Die Entzeitlichung der Zeit

Es passiert immer öfter, dass man von jungen Menschen angehauen wird. Nicht um Geld, sondern um Zeit: „Wie spät ist es denn?“ Nicht dass diese Jugendlichen und Jung-Erwachsenen nicht das Geld hätten, sich eine Uhr zu kaufen. Vor allem, seit diese auch schon für wenige Euro zu haben ist. Ja nicht einmal, wenn sie das Geld hätten, sich teure, schicke Uhren zu leisten, sie würden darauf verzichten.

Uhren sind uncool. So wie offene Schnürsenkel und unter dem Hüftknochen platzierte Hosen signalisieren, ich bin cool, ich werde nie einen eilenden Schritt tun, entsprechend zeigt das Fehlen einer Uhr, dass man sich nicht von der Hektik unserer Konsum-/Medien-/Geschäfts- und Arbeitswelt tyrannisieren lassen wird. Das blanke Handgelenk als schicke beiläufige Geste des Protests gegen den Status Quo.

Die amerikanische Vordenkerzeitschrift “The Atlantic“ sorgt sich daher schon darum, dass in jungen Kreisen die übliche Handgeste, wenn man auf das Handgelenk deutet, um stumm nach der Uhrzeit zu Fragen, nicht mehr funktioniert: „Was will er, wenn er dahin zeigt? Hat er Schmerzen im Handgelenk?“

Ohne Zeit keine Leistung

Sehr schön wird im Artikel im „Atlantic“ die Historie der Chronisierung und Mechanisierung der Zeit skizziert. So gesehen sind Uhren und deren Zuwachs an Macht ein Synonym für unsere Industriekultur, den Kapitalismus und das Leistungsprinzip: Leistung = Arbeit x Zeit. Was für eine Perspektive. Auf der einen Seite geht uns die Arbeit aus – und nun vaporiert auch noch die Chronologie. Wie soll sich dann Leistung noch lohnen, Herr Ackermann?

Ich bin nun ein Vielfaches zu alt, um so cool sein zu können wie die uhrlosen jungen Leute, ja auch alt genug, um es nicht mehr sein zu wollen. Trotzdem trage ich keine Uhr. Zum einen hat mich noch nie die Idee fasziniert, den Gegenwert eines Gebrauchtwagens oder gar eines Kleinwagens am Handgelenk spazieren zu tragen. Es war mir schlicht körperlich unangenehm. Warum sollte ich die Manschetten meiner Hemden hoch krempeln, um dann trotzdem noch immer kein freies Handgelenk zu haben? Und ein nettes, kluges oder witziges Wort schmückt allemal mehr als eine dicke Rolex (& Konsorten).

Entspannter Umgang mit Zeit

Jetzt ist mein Handgelenk wieder nackig, denn ich brauche längst keine Uhr mehr. Es gibt genug rundum. Im Arbeitsumfeld sowieso oder etwa am Computer, aber auch massenweise im öffentlichen Raum. Spätestens seit das Smartphone unabdingbar ist, weiß zumindest ein Apparat, den ich bei mir trage verlässlich, wie spät es ist. Das ist die rationale Seite der Geschichte. Aber steckt nicht auch ein Körnchen Attitüde dahinter? Wahrscheinlich.

Ich bin nicht der Einzige meiner Generation, der bewusst auf einen Zeitmesser verzichtet. Professor Karlheinz Geißler, seines Zeichens Zeitforscher, tut das ebenso, wie er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sein Argument für den Uhrenverzicht ist ein entspannteres Verhältnis zur Zeit. Um nicht zu spät zu kommen, ist er häufiger früher da und nutzt die verbleibende Zeit, und gesteht aus dieser entkrampften Haltung jedem Menschen auch zu, zu spät zu kommen – und definiert das als Höflichkeit. (Daran kann ich noch arbeiten.)

Wir Händler der Zeit

Den wichtigsten Punkt aber streift er nur kurz: Die Uhr als Taktgeber unserer Gesellschaft hat längst ausgedient. Wir sind nicht mehr Sklaven der Taktung nach Stunden und Minuten, wir sind inzwischen auf der nach oben offenen Skala der Souveränität zu geschickten Händlern und Kaufleuten der Zeit aufgestiegen. Wir verabreden uns nicht mehr zu festen Zeiten, sondern nur unverbindlich in groben Zeitrastern, um dann die Details on the fly, bzw. via air per Handy aktuell vor Ort zu verhandeln: „Wo bist du gerade? – Ich bin hier. – Kommst du die nächste halbe Stunde vorbei?“

An der Deflation der Zeit ist (natürlich!) auch die Digitalität schuld. Seitdem wir uns Dinge jederzeit und überall zu Gemüte führen können und wir uns nicht mehr zu fixen Zeiten vor Radios versammeln müssen, um Musik zu hören oder vor TV-Geräten, um Nachrichten zu erfahren oder eine Sendung zu sehen, ist die Zeit beliebiger geworden.

Die befreite Zeit

Zugleich ist die Zeit immer unverbindlicher geworden – und sie wird es durch unseren Umgang mit der Zeit immer noch mehr. In einer globalen Welt, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr (!) 24 Stunden lang ohne inne zu halten funktioniert, ist die Zeit quasi deflationiert. Wir haben immer weniger davon, sie ist (uns) aber trotzdem immer weniger wert.

Das fällt am meisten auf, wenn die Zeit einmal völlig außer Kraft gesetzt ist. Fragen Sie Ihre Freunde oder Kollegen, die beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull  irgendwo in der Welt gestrandet sind und nicht mehr weiter kamen, wie sich das anfühlt. Erst unangenehm, dann rundum befreiend.

Evolution der Zeit

Und hier ist der nächste Schritt der evolutionären Entwicklung der Zeit zu erahnen: Über Zeit entscheidet nicht mehr die neutrale, von Wissenschaftlern definierte Zeit von Minuten und Stunden, Tagen und Jahren, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zur Zeit. Jeder kennt das Gefühl, dass sich die Zeit verdichtet, wenn etwas interessant ist und wie sehr sich Zeit verdehnen kann, wenn dem nicht so ist.

Je mehr wir autonome Personen werden, die sich nicht von einer ideellen oder orologischen Taktung des Lebens tyrannisieren lassen, desto mehr werden wir Herrscher unserer Zeit. Und je mehr sie sich dabei verdichtet, desto wichtiger wird der Augenblick – und desto nebensächlicher wird Vergangenheit – oder wird jedes bange machen vor der Zukunft unwahrscheinlich.

Die Augenblicklichkeit – also der Genuss des Hier und Jetzt ist doch eine wunderschöne Vision. – – – Vor allem hier und jetzt, während ich mit dem Zug nach Süden fahre…

Aber halt, ich bin ja schon da und muss aussteigen… – die Zeit ist wie im Flug im Zug vergangen…

P.S.: Jetzt hat auch Spiegel Online das Thema aufgegriffen: „Der digitale Schwarm“.

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