Lernstunde

8. Oktober 2010

Das Stuttgarter Immobilienprojekt

Stuttgart21, ja oder nein? Das war mir lange relativ wurscht. Ein bisschen sehr teuer, dass dafür die Immobilien- und Baubranche dick abkassieren kann. Und die Begründung einer besseren Bahnanbindung war seit je fadenscheinig. Aber schön fand ich den Bahnhof in Stuttgart nie, praktisch auch nicht. Ich kenne etliche Bahnhöfe, die unter die Erde verlegt worden sind. Sie sind nicht schön, aber sie funktionieren. Und wenn wie in Madrid dafür das historische Bahnhofsgebäude intelligent umgewidmet wird, wunderbar. So schön sind breite Bahntrassen quer durch eine Stadt nun wirklich nicht. Sie trennen Wohnviertel, sie machen Lärm und mindern Wohnqualität.

Aber in Wirklichkeit habe ich mir aus einem anderen Grund keine dezidierte Meinung erlaubt. Bei diesem Thema ist meine Ratio schwer geschwächt: Ich bin ein echter Bahn-Romantiker. Nein, gar nicht mal wegen Ökologie oder wegen der bequemen Arbeitsmöglichkeiten – wenn die Züge mal nicht überfüllt sind. Nein, mein Bezug zu Bahn und Bahnreisen ist viel grundsätzlicher, emotionaler Natur.

Das geht schon damit los, dass ich in Berg am Laim, in Hörweite des damals dort gelegenen Rangierbahnhofs aufgewachsen bin. Vor allem in der Stille der Nacht, wenn die jugendlichen, später pubertierenden Gedanken wirr herumschwebten, wurden sie dramatisch durch das eiserne Aufeinanderprallen der Puffer untermalt , wenn neue Güterzüge zusammengestellt wurden. Dazwischen gab es kurze, kryptische Ansagen per Lautsprecher an das Rangierpersonal. (Das war lange vor dem Mobilfunk.) Für mich war das bei allem technoiden Klang eine schöne, eine vertraute Geräuschkulisse, die zugleich Ferne, Technik, vor allem aber Abenteuer versprach.

Abenteuer am Bahndamm

Abenteuer vor allem deswegen, weil das Bahnareal und die in seiner Nachbarschaft gebaute Eisenbahnersiedlung für das brave Kleinbürgertum der Eigenheimsiedlung schlecht beleumundet war. Die gingen dort nicht in die Kirche, waren Sozis und auch sonst eher verdächtig. Kurzum: Es war die ideale Projektionsfläche für wilde Träume und spannende Phantasien junger Köpfe und Seelen. Und als dann noch ein frühreifes Mädchen aus der Nachbarschaft mit einem Jungen von dort durchbrannte und die Gerüchte erzählten, sie würden irgendwo in den aufgelassenen Bahngebäuden ein Lotterleben genießen, war die Bahnsiedlung endgültig ein sehnsüchtiges Abenteuerland.

Die Bahn war für mich zugleich auch immer Synonym für Aufbruch und Fremde. Wir hatten nie ein Auto, also fuhren wir immer mit der Bahn in Urlaub, vorzugsweise mit Liegewagen von Touropa und vorzugsweise nach Italien an die Adria. Und dieses Reisen war wirklich besonders: Dieser Rhythmus der Gleise, wenn der Zug fuhr, über dem man irgendwann einschlief mit der Aussicht, in der Fremde, im warmen, schönen Süden aufzuwachen. Diese traumhaften Momente der Schlaflosigkeit, wenn der Zug lange an der Grenze zu warten hatte und ins Abteil das kaltgelbe Licht der Sodium-Lampen fiel. Und natürlich hatte ich für meine Märklin-Anlage zwei solch schöne Personenwagen mit dem edlen Schriftzug der Touropa am Waggon.

Auch später in erwachsenen Jahren hat mich das Bahnfahren immer begeistert. Kaum woanders kann ich so intensiv, so konzentriert und inspiriert arbeiten wie in einem Zug, der durch die Nacht jagt. Unendliche Male habe ich das auf der Fahrt von Hamburg (aus dem Exil) nach München (in die Heimat)  erprobt – mit großem Erfolg.

Klammheimliche Freude

Und jetzt also Stuttgart. Ich gebe zu. Ich habe lange so etwas wie klammheimliche Freude empfunden über die Proteste in Stuttgart. Es ist immer eine kleine, vielleicht nicht sehr erwachsene, nicht sehr faire, aber sehr genugtuende Freude, wenn die Bürger nicht auf Rosstäuschereien der Politik hereinfallen. Und dass das in Stuttgart sogar bis in die ureigenste CDU-Klientel hineinreicht, war das Tüpfelchen auf dem „i“.

Spätestens seit dem Polizeieinsatz, bei dem es in Kampfmontur, mit Reizgas und den neuen, brutalen Wasserwerfern gegen Schüler und brave Bürger ging, ist es mit der Wurschtigkeit vorbei. Wenn man es nötig hat, mit solchen Mitteln eine Infrastrukturmaßnahme durchzusetzen, die doch eigentlich für die Bürger gedacht sein sollte, dann kann da etwas nicht stimmen.

Dieses Ereignis, die Kommentare der verantwortlichen Politiker im Nachhinein, die zu Publikumsbeschimpfungen gerieten, zeigen, dass es um viel, viel mehr als den Bau eines Bahnhofs geht. Hier eskaliert das Unbehagen, nein der Brechreiz der Bürger, auch gerade auch der der üblichen Protest-Klientel, an der Heuchelei und der Verlogenheit der etablierten Politik. Und die diversen TV-Diskussionen zeigen, dass den verantwortlichen Politikern ihre eigenen falschen Töne, ihre hohlen Phrasen und festgefahrenen Denkschemata gar nicht bewusst sind. Sonst würden sie sie ja nicht weiter so ungeniert perpetuieren.

Latente Wahrheiten

Die Widersprüche, einerseits Hunderte von Milliarden von Euros für die Spekulationen der Finanzmärkte zur Verfügung zu stellen und auf der anderen um fünf Euros für einen Hartz IV-Empfänger zu feilschen, sind eben – latent oder offen – jedem Bürger bewusst, nur scheinbar nicht denjenigen, die das zu verantworten haben: den Politikern. Sie kapieren auch nicht, was da los ist. Sie klammern sich schier verzweifelt an rationale Argumente für den Bahnhof. Zum einen sind diese selten wirklich überzeugend und zum anderen irrelevant, wenn das Projekt längst zur Projektionsfläche für ein Unbehagen, für Ängste und tief sitzende Verärgerung ist.

Und am schlimmsten macht die Sache die notorische Haltung als beleidigte Leberwurst. Alle Politiker der Bahnhofsbefürworter sind brüskiert, wie sich die Wähler, also der Volkssouverän, erdreistet, die sorgfältig ausgekungelten und durch die Instanzen klandestin verabschiedeten Beschlüsse einfach so in Frage zu stellen. Was erlauben Wahlvolk? Einfach so, ohne Vorwarnung, den Souverän spielen zu wollen, egal was das kostet? Das ist die schlimmste narzisstische Kränkung, die ein Politiker und seine Kaste erleben können.

Häutung der Gesellschaft

Das letzte Mal, als es den Autoritäten, den Politikern, den Wirtschaftsverbänden und Lobbyisten, also all denen, die gemeinhin das Sagen haben, die Sprache verschlagen hat, als sie nicht mehr mit dem Volk, das sie zu repräsentieren angetreten waren, funktionabel kommunizieren konnten, das waren die Jahre nach 1968 mit den positiven Folgen einer Runderneuerung der Gesellschaft und den fürchterlichen Folgen der bleiernen Jahre des Terrorismus. Eine neue Generation von Politikern schaffte es damals, wieder den Dialog mit den Bürgern zu eröffnen, ja im besten Fall sogar den Bürgern den Eindruck zu vermitteln, dass sie verstanden werden.

Müssen wir da jetzt  noch einmal durch? Es scheint so. Die Gesellschaft muss sich dringend wieder einmal häuten. Politiker wie Stefan Mappus sind dabei äußerst hilfreich…

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3 Responses to “Lernstunde”

  1. Frank Says:

    Moin Michael,
    da hast Du natürlich den (Exil-)Schwaben in mir geweckt. Ich würde gerne drei Dinge anmerken, die in der öffentlichen Diskussion leider zu kurz kommen. Zum Einen ist es die von dir als fadenscheinig bezeichnete Optimierung des Verkehrswegenetzes. Ich dachte das zuerst auch, bis ich etwas genauer recherchiert habe. Tatsache ist aber , dass es nicht nur um die 6 ICE-Minuten nach Ulm geht. Der neue Messebahnhof wird Durchgangsbahnhof der Trasse München/Paris und von dem bis nach Ulm verkürzt sich die Fahrzeit schon mal um 25 Minuten. Der Bahnhof selbst ist tägliches Nadelöhr für Tausende Autopendler, vor allem für die aus Nord und Ost. Das muß geändert werden, weil es in der Stadt unerträglich ist. Hier wären Investitionen sowieso unverzichtbar.

    Zweitens: Die vier bis X Milliarden lösen sich doch nicht in Luft auf. Wann wollen wir denn investieren, wenn nicht in der Phase einer Hochkunjunktur, die der Vollbeschäftigung zustrebt. Meiner Meinung nach sichert ein solches Projekt langfristig jede Menge Arbeitsplätze bei den Baubetrieben, den Zulieferern und der vor ort ansässigen Versorgungswirtschaft, sprich Lebensmittel, Gastro, Hotellerie, etc.

    Drittens: 15 Jahre Planfeststellungsverfahren bieten genug Zeit für Bürgerproteste. Es hat zwei Landtagswahlen gegeben, wo man sich für Rot-Grün hätte entscheiden können, wenn die Mehrheit das will. Das Ding lief bereits, bevor wir beide bei EO angefangen haben!

    Unterm Strich – aber ich habe keine abschließende Meinung von weit weg im Norden – war das ganze bescheiden kommuniziert und zwar von der Politik einerseits, von der Gegenerschafft aber ebenfalls. Siehe zum Vergleich den sehr akurat vorgetragenen Kampf um die Hamburger Primarschule. Das martialische Vorgehe der Polizei ist eine Armutserklärung eben dieser Politik, aber nicht des Projekts selbst. Ich nehme einige Stimmen aus meinen früheren Freundeskreisen war, die es sehr schick finden, auf dem Weg aus Ihrer Midlife-Krisen-Sinnsuche ein Bißchen Alt-68er zu spielen. Mit der Sache hat das dann nicht mehr viel zu tun.

    Aber ein gutes hat die Sache. Giovanni di Lorenzo hat es gestern auf den Punkt gebracht: Ich kann mich nicht erinnern, dass politische Themen von so vielen Menschen so intensiv diskutiert wurden, wie diesen Sommer.

    • konitzer Says:

      Danke Frank für die zusätzlichen Argumente. Mir geht es hier auch nicht um die endgültige Klärung auf der rationalen Seite, sondern ich wollte auf die Diskrepanz zwischen Politik und Bürgerbefindlichkeit hinweisen. Wer recht hat, braucht nicht Knüppel, Reizgas und Wasserwerfer. Das ist die Kommunikationsebene von „Machthabern“, die nicht verstehen, dass sie Dienstleister am Volk sind – und nicht umgekehrt. Das Projekt ist ja nicht von den Bürgern initiiert, sondern von Menschen, die mit so was Geld verdienen. Für mich ist das ein Immobilienprojekt und kein Bahnprojekt.

  2. Dirk Ernst Says:

    Lieber Michael,
    Einer deiner besten Artikel in letzter Zeit, analytisch auf den Punkt gebracht. Da kann ich Dir nur voll zustimmen.
    Ich hoffe es geht Dir sonst gut, melde dich doch mal, wenn du in Berlin bist und Zeit hast.

    Liebe Grüße

    Dirk


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