Die Pixel-Diebe

13. August 2010

Google Streetview und digitale Ängste

Google Streetview funktioniert jetzt schon in vielen Ländern. Unter anderem solchen aus unserem Kulturkreis wie Frankreich, Holland, Italien oder der Schweiz. Wie Streetview funktioniert und welche Bildschärfe möglich ist, das sieht man bei einem Besuch von Amsterdam, Mailand, Paris, London oder Zürich auf Google Maps. Dort kann man auch mal mit dem gelben Signet-Männchen in die Nebenstraßen abschweifen und entdecken, wie viele wirklich lohnende Objekte für Diebe und Einbrecher hier zu finden sind und wie detailliert Informationen für Einbrecher in diesem Monster von Service zu gewinnen sind.

Ich gebe zu, ich habe nie als Einbrecher gearbeitet und meine Kompetenz in dieser Branche ist daher recht bescheiden. Eigentlich ist es nur angelesenes Wissen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie die Herren sich da digital durch die diversen, vielversprechenden Nebenstraßen durchklicken, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden haben. Und schwupps, mit einem Klick haben sie dann ihr Opfer ausbaldowert.

Bei aller Qualität der Bilder, bei der Bildschärfe selbst im Zoom-Modus und auch im 3-D-Modus – die Sicherungen der Fenster, Alarmanlagen, die Sichtachsen, die Bewohntheit der Objekte, das alles lässt sich mit Google Streetview nicht wirklich recherchieren. Ich habe den schweren Verdacht, dass Einbrechertrupps, die sich allein auf dieses Tool verlassen, nicht sehr erfolgreich sein werden.

Pixel als Orientierungshilfe für Diebe

Der Verdacht liegt nahe, dass sich all die Hausbesitzer, die sich zum Beispiel im Münchner Umland (wo Google Streetview noch gar nicht zur Debatte steht) empören, dass jetzt Einbrechern Tür und Tor geöffnet sind, sich nie mit dem Service selbst befasst haben. Und natürlich können sie so auch gar nicht die Vorzüge solch eines wirklich hilfreichen Navigationstools erkennen. Unterstützt von erratischen Politikern, die ihre Behausungen bei Google Streetview auspixeln lassen, fangen auch sie an, ihre Häuser aus dem Service tilgen zu lassen. (Einen wunderschönen Artikel dazu hat Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Das ist nun aber auch eine wirklich intelligente Methode, möglichen Dieben klar zu machen, dass hier attraktive Einsatzgebiete existieren. Wer etwas zu verbergen hat, wer solche Angst vor Einbrechern hat, der muss in seinen vier Wänden ja große Schätze verborgen haben. Also müssen sich die oben beschriebenen digitalen Einbrecherbanden künftig nur daran orientieren, wer sein Domizil auspixeln hat lassen. – Danach, zugegeben, müssen sie sich doch noch persönlich vor Ort begeben, um ein wenig zu recherchieren – um dann, wenn man dann schon mal da ist, zuzuschlagen.

Apropos Politiker und Pixel-Tarnung. Irgendwie scheint ihr Drang in die Öffentlichkeit an dieser Stelle kurios zu enden. Dabei ist es doch irgendwie interessant, welche Dimensionen ein Zuhause eines von der Bevölkerung gewählten – und bezahlten – StaatsDIENERS hat. Abgesehen davon, kann man die Adressen der Herren und Damen Politiker nicht so einfach recherchieren. Nicht mal per Google. Und schon gar nicht per Streetview. In den USA war übrigens der einzige Politiker, der sein Zuhause auspixeln ließ, der umstrittene Ex-Vizepräsident Dick Cheney. (So berichtet es SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in seinem Twitter-Channel akreye.)

Gardinen und Makellosigkeit

Ich erinnere mich noch gut an den Zinnober, den meine Mutter um die Gardinen im Haus betrieb. Die mussten möglichst immer geschlossen und natürlich blütenweiß sein. Das war ein schwieriges Unterfangen mit einem Ehemann im Haus, der täglich eine (!) Zigarette (Orient-Tabak, filterlos) und eine Zigarre (1 DM) rauchte. Da galt es immer wieder – unter Wehklagen – die Gardinen abzunehmen, die Stoffmengen zu waschen und zu trocknen. Viel Aufwand für perfekten Sichtschutz.

Kurioserweise nahm die Angst, man könne ins (Reihen-)Haus hineinschauen, im Sommer rapide ab. Da wurde auf der Terrasse gelebt, alle Fenster standen offen und die Gardinen waren aufgezogen. Und wenn es abends warm war, blieb das auch so bis zum Schlafengehen. Befragt vom neugierigen Kindermund (meinem), warum andere Leute ein paar Straßen weiter gar keine Gardinen hatten, wurde man aufgeklärt, dass das sicher Protestanten wären, da könne man immer in die Häuser hineinsehen. Wir Katholiken hatten da wohl mehr zu verbergen…

Das Prinzip des gardinenlosen Protestantismus wurde mir später auch wirklich so erklärt, dass die Angehörigen dieser Konfession immer offen allen Nachbarn zeigen wollten, dass sie nichts zu verbergen hätten und dass sie ein sie ein makelloses Leben führen würden. – Als Barbara und ich dann unsere erste gemeinsame Wohnung hatten, führten wir zwar nicht unbedingt ein makelloses Leben, aber Vorhänge hatten wir nicht. Schon aus Kostengründen – und überhaupt. Gardinen nicht waschen zu müssen empfanden wir nach der Erfahrung des Gardinenwaschzwangs unserer Mütter als echte Befreiung.

Deutsche Digitalphobie

Diesen Gardinenwahn scheint sich Deutschland bis ins digitale Zeitalter bewahrt zu haben. Die Phobie, auch nur die Außenfassade (oder die Hecken und Mauern davor), im Internet sichtbar zu machen, ist ebenso absurd wie dann schon wieder interessant. Wie schwach muss es um das Selbstbewusstsein solcher Menschen bestellt sein, dass sie Streetview so emotional ablehnen. Wie kränkbar müssen solche Menschen sein? Hauptargument dagegen ist meist: „Google hat mich ja nicht gefragt, ob ich das will.“ Und wie ängstlich muss ein Volk sein, das den Umstand, die Öffentlichkeit überall auch digital offen sichtbar zu machen, als Unterstützung von Diebesbanden fürchtet.

Ich schätze Europa – und Deutschland – und die Kultur hier, weil sie so mannigfaltig ist. Ich liebe die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit von so vielen Menschen, gerade auch hier außerhalb der großen Stadt. Ich fand es gerade in Amerika immer wieder befremdlich, wieviel Paranoia und Angst in jedem John Doe (dem amerikanischen Herrn Jedermann) zu entdecken sind, gegen die als Hilfsmittel nur Waffen helfen. Wie enspannend und souverän finde ich die vielen, weiten Gegenden etwa auf dem Land, wo Türen nicht abgeschlossen sind. Auch nachts nicht.

Google ist evil

Zugegeben, ich schließe meine Türe ab. Aber das hat Versicherungsgründe. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor Dieben, nicht vor Streetview. Aber was mir Sorgen bereitet, das ist der Angriff von Google (und Verizon) auf die Netzneutralität. Hier ist Google evil! Hier wäre es wirklich angebracht, meine verehrten Damen und Herren Politiker dass man sich kümmert. Hier gehört ein Gesetz her – und keines zum Thema Streetview. Aber da hört man nichts. Das scheint weit außerhalb des Kompetenz- und Interessensrahmens zu liegen. Ist ja auch klar. Mit Angstmache lassen sich Wähler anscheinend besser fangen als mit der Sorge um Freiheits- und Gleichheitsprinzipien.

Apropos: Ich habe den Aufruf für Netzneutralität bereits unterzeichnet. Wäre nett, wenn es ganz viele andere tun. Es ist ganz einfach und geht ganz fix: Pro Netzneutralität. – Danke!

2 Responses to “Die Pixel-Diebe”

  1. Eva Herold Says:

    Ganz Deiner Meinung bei Streetview. „Netz-Neutralität“ allerdings ist mir nicht ganz klar: Freie Fahrt für Spam u n d Content? http://www.dld-conference.com/2010/08/net-irrationality.php

    • konitzer Says:

      Jede organisierte Einschränkung von Freiheit ist Unfreiheit. Allein die Frage: Und wo genau fängt Spam an? Gegen Spam muss man sich anders wehren als durch technische Einschränkungen. Das ist ein systemisches und juristisches Problem.


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