Oper & Lust

19. Juli 2010

Karajan und das Desaster der Oper

Ein – ausnahmsweise kühler – Sommerabend im Chiemgau. Open Air wird Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ aufgeführt. Keine seiner bekannten Opern. Mozart hat sie im Alter von 19 Jahren als Auftragsarbeit für den Karneval in München geschrieben. Ein krudes Beziehungskuddelmuddel, das sich nach viel Jux und Tollerei, witzigem Spiel und netten Arien in ein Happy End auflöst. Eine Produktion der Theaterakademie von Gut Immling, der Sommeropernbühne im Chiemgau. Inszeniert hat Isabel Ostermann von der Berliner Staatsoper unter den Linden. Gespielt wird im Garten vor der zur Opernbühne umgewidmeten Reithalle von Gut Immling.

Ich bin relativ hartgesotten, was Theater und speziell Oper angeht (dazu später). Aber diese Opera Buffa, mit kleinem Kammerorchester unter der komödiantisch mitspielenden Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock und jungen Nachwuchsstars aus aller Welt (Korea, Japan, Spanien etc.), hat mich seit langen Jahren wieder einmal richtig herzhaft lachen lassen. Zu gut waren die Gags, zu kurios die Situationen und herrlich deftig die sexuellen An- und Ausspielungen. Hier wurde Sex als schönste Nebensache der Welt gezeigt, lustvoll, lustig und nie peinlich. (Die Oper ist definitiv erst ab 16 Jahren zu empfehlen!)

Kellner in der Bohème

Das ist nun so ganz anders als alles, was ich je zuvor auf der Opernbühne gesehen habe. Ich gebe zu, das war – abseits von Immling – herzlich wenig. Zu intensiv – und zu negativ war meine Prägung in Sachen Sangesbühne. Ich war wohl zehn Jahre alt, da durfte ich für den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper vorsingen. Frühkindliches Trauma: Ich wurde nicht genommen, die Stimme war nicht gut genug. Ich erinnere mich an Wut und Trauer. Ich habe wohl eine halbe Stunde geweint – in der Badewanne beim damals üblichen freitäglichen Wochenbad.

Als Trost durfte ich aber als Statist auf der Bühne der Münchner Staatsoper agieren. Als Kellnerjunge in der „Bohème“ und als Volk im „Bajazzo“ und der „Cavalleria Rusticana“. Mein erstes Erlebnis auf der Bühne samt (mildem) Lampenfieber und Nervosität. Schließlich war in der Generalprobe das Schlimmstmögliche passiert. Ich hatte das Tuch mit dem Geschirr, dass ich im Laufschritt hereinzubringen hatte, zu hart abgesetzt und das Brathuhn (aus Plastik), das ich servierte, kollerte von den zerbrochenen Tellern auf den Boden. Ich wurde nicht geschimpft dafür, die abergläubigen Theaterleute waren froh darüber, war es doch ein gutes Omen.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hat mir damals der Dirigent der Opern hinterlassen: Herbert von Karajan. Ein Name, den  meine Mutter nur in höchster Ehrerbietung hauchte. „Der große Karajan!“ Ich erlebte ihn als anonyme Stimme aus einem plärrenden Lautsprecher, der wild schimpfend und fluchend seine Kommandos gab und das gesamte Ensemble in Angst und Schrecken versetzte. Zumindest für mich Zehnjährigen. Keine Ahnung, ob das auch von den „Erwachsenen“ so erlebt wurde, mir hat das nachhaltig jedes Interesse und jede Begeisterung für die  Oper verleidet.

Als ich meine Erschütterung über die schlimme Wortwahl des großen Meisters zuhause erzählte, wurde mir glatt beschieden: Das könne nicht sein. Ein Karajan flucht nicht. Das sei alles Einbildung eines hypernervösen Kindes… So weit zu meiner Sozialisation in Sachen Oper.

Ziege als Star

Und jetzt dann dieses furiose, harlekinische Kasperltheater unter freiem Himmel der „Gärtnerin aus Liebe“. Selten so gelacht über die Regieideen und deren herrlich komödiantische Umsetzung. Meist fotografierter Star des Abends war eine weiße Ziege, die mitspielen durfte. Immer wieder schlich sich eine andere Besucherin zu dem Tier und fotografierte es. (Es war ja alles Open Air und man saß bei Speisen und Getränken an Tischen, zwischen denen gespielt und gesungen wurde!) Die Vorstellung, wie dann Tante Gertrude zuhause ein Bild von einer Ziege herumzeigt mit der Bemerkung: Ich war in der Oper. Oder: Ich war bei Mozart. Köstlich!

Das Publikum in der Oper war üblicherweise weithin ergraut. Um so erstaunlicher bei dem hohen Altersdurchschnitt war die freudige und positive Aufnahme der sehr eindeutigen Szenen und der sehr überzeugend gespielten Lustjuchzer. Das ist der Vorteil eines Opernabends auf dem Land abseits der großen Bühnen: Das Publikum ist normal und unverblendet.

Aber echt schade, dass nicht mehr junge Menschen so etwas zu genießen lernen. Solch ein „tierischer“ Jux, solch pralles Leben und solch ungeniert gespielter Kitsch und Humbug müsste bei einem jungen Publikum eigentlich super ankommen. So was ist „Camp“, wie Freund Joop sagen würde. Zugegeben, die Musik muss man als junger Mensch erst zu lieben lernen. Das ist bisweilen komplex und groovt nicht so richtig. (Außer wenn sich im Rezitativ Barjazz-Klänge hineinmischen.) Aber wer Mozart als Musikpunk in „Amadeus“ (Film!) genossen hatte, der erlebt auf Gut Immling, dass diese Deutung nicht so falsch war.

(Die Inszenierung ist im nächsten Frühjahr auch in der Berliner Staatsoper unter den Linden zu erleben.)

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