iPad & Entschleunigung

15. Juli 2010

PresseClubforum: iPad – gut oder schlecht  für Zeitungen?

Die aquarius consulting GmbH lud am 9. Juli in den Presseclub München. Thema der mehr als zweistündigen Diskussion: „Apples Mediengeschäft – gute oder schlechte Nachrichten für Zeitungsverleger?“ Das Ergebnis stand schon zu Anfang fest. Die anwesenden Verlagsmanager Rudolf Spindler (Süddeutsche Zeitung) und Jan Bayer (WELT Gruppe) waren sich in ihrer Hoffnung einig: Der iPad von Apple soll das Ende der Gratiskultur im Internet einläuten und den Einstieg in eine Bezahlkultur für Presse-Inhalte bringen.

Wolfgang Wallauer, Rudolf Spindler, Marc Ritter, Jan Bayer, Michael Geffken (v.l.n.r.)

Als kritischer Gegenpol für die iPad-Begeisterung der Verlagsmanager war zur Diskussion (Moderator: Marc Ritter, aquarius consulting) Michael Geffken von der Leipzig School of Media eingeladen – und dazu Wolfgang Wallauer, der Anzeigenchef vom Mobilfunker O2. Letzteres überraschte, weil doch gerade die Zugangsanbieter zum Internet, also auch zum iPad, (Anzeigen-)Budgets abgreifen, die die Inhalteanbieter zu deren Refinanzierung dringend benötigen würden.

Embryonale Phase

Viel Respekt gebühren Spindler und Bayer, weil sie sich so früh, noch ehe die ersten echten Erfahrungen gesammelt werden konnten, schon solch einer Runde stellten. Die Welt-Gruppe hat immerhin schon das erste iPad-App im Markt, wenn auch noch gratis im Probierangebot. Spannend wird, wieviele der vielleicht 50.000 Besitzer eines iPads (Stand Anfang Juli 2010) in Deutschland sich für ein kostenpflichtiges App entscheiden werden, wenn die embryonale Phase dieses Marktes vorbei ist.

Immerhin war man sich bei den Verlagsmanagern seltsam einig, dass man bald keine interessanten Inhalte mehr gratis im Online-Angebot bieten will. Hier droht wohl eine baldige inhaltliche Versteppung, die sich auf reine Allerwelt-News beschränken und die Premium-Inhalte kostenpflichtig verticken will. Zitat: „Exzeptionelles wird nicht mehr im Web (gratis) stehen.“

Auch die künstlich Klickzahlen generierenden Fotostrecken sind dann wohl out. Zitat Spindler: „Die Redakteure haben die Nase voll von Geblinke und Bildergalerien.“ – Man wäre also wohl bereit, auf Reichweite und IVW-Wettkämpfe zu verzichten. Hauptsache die Kasse stimmt.

Etwas erschreckend ist dann aber doch die Vision, wie die iPad-Apps inhaltlich gestaltet werden sollen:

  • Ohne alle Links nach außen – auf eigene oder andere Websites
  • Keine Einbindung in Communities und wohl auch ohne Kommentarfunktion
  • Volle Einbindung von Werbung (wer will in solch kleinen Zielgruppen werben?)
  • Lesestücke anstatt Multimedia-Environments

Virtuelle Entschleunigung

Wie so etwas erfolgreich sein soll, ohne all die Vorteile des Webs zu nutzen, ist zweifelhaft. Erschreckend auch die Begründung solch eines Isolationismus: Die Nutzer wollen angeblich Lesestücke mit einem Anfang und einem Ende. Angeblich sehnen sie sich danach, endlich wieder das Gefühl zu haben, etwas fertig gelesen zu haben, anstatt stets fürchten zu müssen, sich in der Unendlichkeit des Internets zu verlieren. Das firmiert dann als willkommene „Entschleunigung“ (Zitat Spindler & Bayer). Eine sehr virtuelle Entschleunigung, wenn man bedenkt, dass das Welt-App immerhin viermal am Tag aktualisiert wird.

Dankenswerterweise formulierte Michael Geffken klar Skepsis gegenüber solchem Denken. Er wünschte sich einen höheren Verarbeitungsgrad von Inhalten im App im Vergleich zur Printversion. Er forderte viel mehr Innovation in der Erstellung und Verarbeitung von Inhalten, journalistisch wie technisch. Vor allem aber klagte er mehr Experimentiertfreude ein.

Der wunde Punkt

Wie sehr dies der große wunde Punkt in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche ist, wurde allerseits zugegeben. Dass sich in den Verlagen vieles deutlich ändern muss, wurde ebenfalls gerne zugegeben. Und natürlich muss man erst Erfahrungen sammeln und die Chance haben, aus Fehlern zu lernen. Rudolf Spindler konzidierte auch, dass es erhebliche kulturelle Veränderungen in den Redaktionen und im Verlagsmanagement geben muss.

Diese Wahrheit ist aber so alt wie die Versuche der Zeitungen und Zeitschriften, im Internet Fuß zu fassen – und dort Geld zu verdienen. Und ebenso erfolglos blieben alle Versuche, weil immer versucht wurde, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Immer wurde das Internet nur als neuer, billigerer Verbreitungsweg gesehen, nie – oder selten – als neue Plattform mit eigenen Gesetzen. Auch jetzt werden wohl nur Apps erfolgreich sein, die den für das Medium (jetzt iPad) adäquaten Mehrwert schaffen. Dieselben Zeitungen auf einem Bildschirm zu blättern, wie man es sonst mit Papier macht, kann keinen Sinn machen.

Aufbruchstimmung sieht anders aus

Wenn man aber Mehrwert schaffen will, muss man normalerweise auch mehr Aufwand betreiben. Nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell und technisch. Und das kostet. Außerdem haben Zeitungen und Zeitschriften hier bislang immer versagt. Der kleinlaute Verlust fast aller Rubrikenanzeigen (KfZ-, Immobilien-, Partnerschafts- & Stellenanzeigen) an Web-Anbieter zeigen das so schmerzhaft deutlich.

Michael Geffken brachte die Skepsis, die herkömmlichen Inhalteanbieter könnten mit einer grundsätzlichen neuen Kultur den Turnaround schaffen, auf den Punkt: „Ich bezweifel inzwischen, dass die großen Verlagshäuser die innere Fähigkeit des Wandels haben.“ – So beredt, so klug und einsichtig die Einlassungen der Verlagsbranche bei der Veranstaltung waren, so wenig überzeugten sie letztlich. Irgendwie beschleicht einen immer das Gefühl, dass hier das Web als Zumutung gesehen wird, das das Leben unnötigerweise schwer macht. Man hat nicht das Gefühl, dass die digitale Verbreitung als Chance für wirklich Neues (inhaltlich, technisch & vermarktungsbezogen) gesehen wird. iPad hin, iPad her.

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2 Responses to “iPad & Entschleunigung”


  1. Die Sehnsucht nach Abgeschlossenheit (formal und inhaltlich), wie sie auch Thomas Hettche in seinem FAZ Artikel vor 2 Monaten angemahnt hat, scheint mir ein verzweifeltes Klammern an überkommene Produktionsprozesse, die einfach nicht mehr zurück kommen werden. Ich will als Leser nicht mehr in die Abgeschlossenheit eines iZines zurückfallen. Die offene Vernetzung gerade im Nachrichtencontent ist mir wichtig.


  2. […] pädagogische und/oder spannende Inszenierung einer Information oder Geschichte. Will man in einer iPad-Version Mehrwert erzeugen, ist das unabdingbar! Auch die Organisation und Betreuung eines Hyperlocal-Services, einem […]


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