Reflexion im Internet

1. Juli 2010

Verändert das Internet das Denken?

Es ist wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst, was bedingt was? Verändert das Internet unser Denken – und damit in letzter Konsequenz unser Gehirn? Oder leben wir in einer Zeit, die dringend ein anderes Gehirn, ein anderes Denken nötig hat? Und ist daher der weltumspannende Hyper-Informations-Speicher samt seiner intensiven Hypertext-Verlinkung zwingend entstanden, um dies möglich zu machen?

Immer mehr Soziologen, Neurologen, Biologen und Intelligenzforscher machen sich daran, die Effekte zu untersuchen, die das Internet auf uns User und unsere neuronalen Prozessoren ausübt. Eine sehr umfangreiche und lesenswerte Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert Nicholas Carr in der Juni-Ausgabe des WIRED.

Die Wissenschaftler glauben, einige positive Veränderungen feststellen zu können, oder sagen wir mal wertfrei, erhöhte mentale Leistungen nachweisen zu können. Speziell in der Wahrnehmung und Verarbeitung von visuellen Reizen und Informationen. Auf alle Fälle fällt auf, dass die Gehirnaktivität beim Surfen im Internet höher ist als beim normalen Lesen – oder gar beim TV-Konsum. Auch die Fähigkeit zum Multitasking ist bei internet-affinen Menschen wohl höher – wenn man das denn positiv sehen will. Teilweise wird das aber auch als erhöhte Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, weniger positiv gesehen.

Skimmen statt lesen

Die Wahrheit ist, dass die Untersuchungen eher negative Effekte meinen diagnostizieren zu können/müssen. Am dramatischsten ist die Unfähigkeit der meisten Probanden, Informationen, die sie im Internet – im Überfluss – gefunden haben, ins Langzeitgedächtnis sickern zu lassen – und somit auch die Unfähigkeit zu Denkprozessen, zur Reflexion und persönlicher Bewertung.

Verantwortlich wird dafür die spezielle Art der Rezeption im Internet gemacht. Anstatt zu lesen und dabei geistige Bilder zu imaginieren, scannt der User Texte und Bilder, oder es skimmt sie, wie es im Artikel definiert wird (to skim = absahnen, Rahm abschöpfen). Es werden Inhalte also nur nach Verwendbarkeit abgeklopft. Kurzfristige Reize gewinnen dabei stets – und der langsame und langwierige Prozess der Informationsverarbeitung und Gedankenproduktion – samt Reflexion – kommt im Internet zu kurz. So jedenfalls die im WIRED zitierten Wissenschaftler und ihre Studien.

Das zentrale Problem, so die Studien, ist das Ablenkungspotential, das das Internet in jedem Moment bereit hält, es ist ein Interruptions- und Ablenkungs-System. Die Masse der Hyperlinks, die Multimedialität, die parallelen Aktivitäten in sozialen Netzen, bei Twitter, per E-Mail, Chat etc. verhindern wirksam jede stete Konzentration, jedes Beharren bei einer Aufgabe, einem Thema. Das im TV gelernte Zapping erweitert sich zu einer pathologischen Click-eritis. Unser Erregungsgehirn läuft im Overdrive, aber alles geht viel zu schnell vorbei, als den Engpass zum Langzeitgedächtnis zu schaffen, um dort verarbeitet zu werden.

Inszenierte Internet-Rezeption

Also wieder ein weiteres Fiasko-Szenarium für das Internet, wie wir es jetzt so gerne und „nachhaltig“ aus der Welt der Print-Medien vorgelegt bekommen? Vielleicht. Schließlich sind das alles Studien mit wenig Probanden, und wie man erahnen kann, sind die Untersuchungen in sehr konstruierten Versuchsanordnungen entstanden. Wie, bitte, sieht denn der typische Internet-User aus, den es zu untersuchen gilt?

Aber das beiseite gestellt. Etliche Denkansätze der zitierten Studien sind es wert, bedacht zu werden – auch unter der Gefahr, dass man dabei ins Reflektieren kommt. Unser Denken hat sich sicher geändert. Wie sehr, das kann man im Eigenversuch kaum abschätzen, zu sehr sind die Erinnerungen an früheres Denken entweder verklärt oder vergessen – oder mindestens arg verschwommen.

Beobachten lässt sich aber sehr gut die Denkarbeit, zum Beispiel beim Schreiben. Ich gehöre ja noch der Generation an, die ihre ersten Geschichten mit Hand schrieb – und es dann mit ein wenig Übung wagte, gleich in die (mechanische!) Schreibmaschine zu schreiben. Das hieß, man musste sich, bevor man mit dem Schreiben anfing, schon mal seine Gedanken gemacht haben, was und wie man schreiben will. Bei längeren Magazin-Artikeln gab es dafür regelrechte zu „Drehbüchern“ erweiterte Gliederungen, an denen es dann linear entlang zu schreiben galt.

Neue Ideen beim Schreiben waren damals fatal, denn das hätte geheißen, das Tippen neu von vorn neu beginnen zu müssen: Zurück auf Los – und ziehe kein Honorar ein. Der faule Kompromiss waren dann Artikel-Fahnen, die einer dadaistischen Textcollage glichen. Etliche Kollegen, denen damals die guten Ideen immer erst beim Schreiben kamen, brachten mit wirren Patchwork-Manuskripten die Setzer in der Zeitungsproduktion zu veritablen Wutanfällen – und auch Nervenzusammenbrüchen.

Das Ende des linearen Schreibens

Welche Erlösung waren dann die ersten Computer, ob von Commodore, von Atari oder Apple. Sie veränderten die Schreibweise – und Denkweise – ganzer Journalisten-Generationen. Jetzt konnte munter darauf los geschrieben werden, Korrekturen und Ergänzungen waren ja jederzeit und überall möglich. Für mich war das deutlich ein Übergang von einem echten Schreibstress, der geistige Knochenarbeit war, hin zu einer Lust am Schreiben. Und es befreite das Denken.

Automatisch besser wurden die Artikel deswegen nicht. Schlecht recherchierte, schlampig geschriebene Artikel wurden durch den Computer nicht besser. Zu wenig Gehirnschmalz wurde dadurch nicht ausgeglichen. Aber das bergarbeitermäßige Hindurcharbeiten durch einen Stoff war vorbei. Schreiben wurde von der Maloche zum – im besten Fall – Vergnügen.

Das Recherche-Wunder Internet

Noch freier und noch vergnüglicher wurde das Schreiben dann mit dem Internet. Das unmittelbare User-Feedback (Hits, Verweildauer) war die beste Schule für ein gutes, schnelles und intelligentes – ja auch effekthascherisches – Schreiben. Vor allem aber vereinfachte das Internet den Aufwand der Recherchen. Was war es einst eine Mühsal, einfache lexikalische Informationen zu bekommen. Die Wege in Bibliotheken kosteten so viel Zeit und brachten oft kaum Zugewinn. Das ist heute längst vorbei. Google, Wikipedia & Co. sei Dank. Die Basics sind jetzt so gut und so schnell zu erledigen. Da bleibt dann im besten Fall genug Zeit zu weitergehender Recherche und Reflexion.

Das ist ja auch der Grund, warum sich das Schreiben, das Drehen von Videos und das Posten von tollen Fotos so breit popularisiert hat. Parallel zu viel Schrott und Spam ist die Menge ausgezeichneter Artikel und Filme in Blogs und auf Websites exorbitant gestiegen. Und nie war es mithilfe guter Suchmaschinen und der Hilfe aus sozialen Netzen so leicht, die Perlen zu finden – und den Rest in den unendlichen Weiten der Speichermedien verdorren zu lassen.

Ach ja, apropos. Was in diesen schönen, leicht zu findenden Artikeln, Videos, Bildern, Kunstwerken, Haikus (Twitter) und Facebook-Nachrichten etc. an Reflexion, an Kreativität, an Sensibilität, an Wissen, an Denken, an sozialem Engagement und an Aufmerksamkeit geschaffen wird, das ist so exorbitant mehr als je zuvor in der Weltgeschichte geschehen ist. Das entzieht sich aller Untersuchung von Wissenschaftlern, ist aber faktisch zu erleben.

Denken, Reflexion, Abwägen im öffentlichen Raum waren früher ein Privileg einer winzigen Minderheit (Journalisten, Wissenschaftler). Heute ist es ein Massenphänomen. Und das, obwohl nach wohlmeinenden Untersuchungen (Forrester) „nur“ zwischen 10 Prozent (Deutschland/Europa) und 25 Prozent (USA) der Internet-User selbst aktiv Inhalte posten. Und das allen Ablenkungen, die das Internet bietet, zum Trotz.

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3 Responses to “Reflexion im Internet”


  1. […] am 2. Juli Apropos „Henne und Ei“. Folgendes ausgesprochen interessantes Post widmet sich der gleichen Thematik und vertieft sie. Dieser Artikel wurde veröffentlicht in AUF […]

  2. philgeland Says:

    Ob das Internet das Denken verändert?
    Aber selbstverständlich.
    So wie einst der Buchdruck.


  3. […] zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles […]


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