Olympia 1972 München

17. Juni 2010

Aufbruch eines jungen Mannes – und einer Stadt

Heute geht das Leben junger Menschen (spätestens) mit 18 Jahren los. Dann sind sie volljährig und sollten die Verantwortung – vor allem aber die mit der Unabhängigkeit (=Freiheit?) verbundenen Freuden zu genießen lernen. Ich gehörte gerade noch zu der Generation, die erst mit 21 Jahren volljährig wurde. (Der Treppenwitz der Geschichte hier: Genau einen Monat nach meinem 21. Geburtstag wurde das Volljährigkeitsalter auf 18 herabgesetzt.)

Trotzdem begann das Leben als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre durchaus mit dem 18. Geburtstag. Dann durfte man nämlich auch damals schon den Führerschein machen. Und dann war es vorbei mit der nächtlichen Sperrstunde, die bis dahin die letzte Tram in Richtung Berg am Laim definiert hatte. Jetzt konnte man auch mal später nach Hause kommen – den Krach am nächsten Morgen (oder noch des Nächtens, weil die besorgte Mama „nicht einschlafen konnte“) rechnete man dafür gerne mit ein.

So wie damals in den Jahren 1971/1972 mein Leben mit dem Führerschein und dann auch mit dem ersten eigenen Auto in Fahrt kam – einem elfenbeinfarbenen VW Käfer 1300 (mit dankenswerterweise unverbiegbaren Stoßstangen) – so wachte zu dieser Zeit die gesamte Stadt München aus ihrer Behäbigkeit und Betulichkeit auf. Die ideologische Basis hatten die Schwabinger Krawalle 1962 und dann die 68er-Revolte samt den studentischen Sit-Ins und Teach-Ins geliefert.

Weltstadt mit Herz

Für eine echte Integration in die 68er-Jahre war ich zu spät geboren. Immerhin durfte ich als jüngstes Mitglied der (neu erkämpften!) Schülermitverwaltung den Triumph der Einrichtung eines Raucherzimmers für die Oberstufe mitverantworten. Ich durfte des Nachmittags im Musikzimmer des Wilhelm-Gymnasiums die wüsten Klavierkaskaden eines wilden Pianisten und Sängers und seiner Begleitmusiker erleben: Konstantin Wecker. Eine herbe Niederlage mussten wir bei der Forderung nach einem designierten Sex-Zimmer im Gymnasium einstecken. (Wir waren ein humanistisches Jungen-Gymnasium, wohlgemerkt!) Das wurde glatt abgelehnt.

Den großen Pusch der Emanzipation von einer verkrusteten und verschlafenen Landeshauptstadt zu einer attraktiven Großstadt erlebte München damals in der Vorbereitung – und dann der Feier der Olympiade 1972. Plötzlich waren die Baugruben, die das München der 60er-Jahre geprägt hatten, verschwunden, es gab eine U- und eine S-Bahn. Neue Hotels, Restaurants und Cafes schossen aus dem Boden, und auch Fast Food- und Pizza-Buden.

Bunter Mix von Menschen

Dann kam die Welt zu Besuch nach München. Wir rückten in unserem sowieso kleinen Reihenhaus zusammen und hatten die Olympia-Tage über ein junges Ehepaar aus Sapporo zu Gast. Wie fremd und schick. Dazu kam noch mein Onkel – mit ganz vielen Eintrittskarten zu den verschiedensten Sportereignissen inkl. Boxen, Volleyball, Leichtathletik, Fußball etc. Es war ein wunderschöner Mix an Menschen in der Stadt. Endlich konnte man auch mal das mühsam erlernte Englisch live anwenden.

Trotz der niederschmetternden Tage der Geiselnahme der israelischer Sportler samt deren tragischen Ausgangs, war die Olympiade in München ein echtes Coming Out der Stadt und ihrer Bewohner. Plötzlich war nicht mehr nur das berühmte Schwabing ein Ort der Boheme, sondern ganz neue Viertel wurden hip: das Lehel, Haidhausen, die Isarvorstadt, die Au, die Schwanthalerhöh etc. Überall schossen neue Läden, junge Kneipen und lustige Alternativen aus dem Boden.

Jazz statt Rock

Besonders unvergesslich bleiben mir die Wochen der Olympiade aber vor allem aufgrund eines Konzertes. Im Rahmen des Kulturprogramms gab es für die jüngeren Zuhörer ein sehr spezielles Jazz-Konzert im Kongress-Saal des Deutschen Museums. Ein Rock-Konzert in staatlicher Verantwortung war damals noch undenkbar. Aber Jazz, das schon. Das hatte ja schon Eingang ins Feuilleton gefunden.

Irgendein sehr kompetenter und zugleich sehr subversiver Mensch muss dieses Programm gestaltet haben. Es spielten nacheinander drei Gruppen. Zuerst eine polnische Jazz-Band, deren Name mir leider (aber zurecht) entfallen ist. Das war gut gemeint von wegen Ostpolitik etc., mehr aber nicht. Danach folgte die Charles Mingus Band. Ein echtes Highlight, so weit ich es mit meiner damals begrenzten Musik-Kompetenz beurteilen konnte. Das Publikum war jedenfalls gebannt, sowohl von den Solo-Leistungen als auch dem perfekten Zusammenspiel unter der Führung des Altmeisters am Bass. Und dem Affen wurde auch Zucker gegeben: Selbst die singende Säge wurde ausgepackt.

Metal-Jazz: Mahavishnu Orchestra

Den Abschluss des Konzertes machte das Mahavishnu Orchestra von John McLaughlin. Ich hatte die erste LP des legendären Jazz-Rock-Quintetts schon im Plattenschrank. Die ingeniöse Mischung aus Instrumental-Virtuositis , genialen „anderen“ Melodien und einem bisweilen extrem aggressiven Drive hatte mich von Anfang an begeistert. Daher auch meine Investition in die teuren Konzertkarten des Olympia-Kulturprogrammes.

Nach einer längeren Umbaupause war schließlich das riesige Equipment der Band aufgebaut: Eine Mauer aus mannshohen, hellblau verchromten Boxen von Shure und dazu die üblichen Türme von Marshall für Gitarre, Bass und die Violine. Ein leises Surren der Anlage schwebte im Saal. John McLaughlin, guruhaft ganz in Weiß gekleidet, begrüßte das Publikum höflich-schüchtern und legte erst einmal eine kurze Meditations-Minute in aller Stille ein. Es war mucksmäuschenstill.

Und dann brach das Inferno los. Ich habe außer einem Motörhead-Konzert im Beton-Quader des Schwabinger Bräu nie wieder solch eine laute Band gehört. Und was sie da in mörderischer Lautstärke boten, war musikalisch eine Ungeheuerlichkeit: höchste Virtuosität, ein geniales Zusammenspiel von fünf extrem versierten – und motivierten – Musikern. Verrückte Harmonien, aberwitzige Rhythmus-Kaskaden (Billy Cobham at his best!!!), schräge Taktgebung, überraschende Breaks, hypnotisierende Soli und wilde Melodie-Verfolgungsrennen zwischen John McLaughlin (Gitarre), Jerry Goodman (Violine) und Jan Hammer (Keyboards, Synthesizer) – und nicht zu vergessen Rick Laird (Bass).

Das vielleicht beste Konzert, das ich je gehört habe. Das Publikum reagierte zuerst wie paralysiert. Die Lautstärke hatte alle in ihre Sitze gepresst. Die Münder standen offen. Teils aus Staunen, teils um die Lautstärke irgendwie aushalten zu können. Der erste Song war „Meeting the Spirit“, danach folgte „You Know, You Know“. – das zu wissen, verdanke ich der extensiven Beschreibung des Konzertes von Christopher Schneider, der damals das Konzert auf Kassettenrekorder mitgeschnitten hat.

Nach etwa zehn Minuten Paralyse aufgrund von Harmonik und Lautstärke muckten dann endlich die Jazz-Puristen auf. Ihre Buhrufe hatte keine Chance, gehört zu werden, zu laut spielte das Mahavishnu Orchestra – und zu gut. Also verließen die Jazz-Spießer unter Protest den Saal. Nach kurzer Unruhe war der wohl zu einem Drittel geleert. Der Rest aber feierte die Band und das Konzert. Und – man war jetzt unter sich.

Mahavishu Orchestra, August 1972, München

Musikalisches Erweckungserlebnis

Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Live-Konzerten des Mahavishnu Orchestras auf meiner Festplatte. Auf Wolfgangs Vault kann man sehr gut ihre kurze Live-Karriere anhand verschiedenster Konzerte mitverfolgen. (Die Konzerte sind gratis per Stream, man kann sie aber auch für kleines Geld als MP3 kaufen.) Auch auf Youtube gibt es Mitschitte, die die Grandiosität und Aggressivität des Konzerts erahnen lassen: You know, you know, You know You know (HD), Meeting of the spirits, und in weniger berauschender Soundqualität Dance of the Maya, Birds, A Lotus on Irish Streams. (Trilogy ist aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.)

Das Konzert war für mich ein Erweckungserlebnis. Ich hatte schon längst Rockmusik geliebt – und auch in diversen Bands selbst gemacht. Ich hatte bis dahin auch schon einige Konzerte gehört, darunter Jethro Tull, Pink Floyd – und natürlich alle lokalen Heroen: Out of Focus (jetzt MP3s auf Amazon ), Subject Esquire/Sahara, Amon Düül, Red Rooster u.v.a. Aber nach diesem Konzert hatten sich mein Gehör und mein Musikgeschmack neu justiert. Seitdem war mir keine Band auf Dauer genug, die immer dasselbe spielte. Seitdem liebe ich Musik, die neue Wege geht. Seitdem liebe ich Musik, die im ersten Moment weh tut, weil sie Hörgewohnheiten (und Denkgewohnheiten) verletzt.

Seitdem liebe ich nur noch Musiker und Bands, die einen Unterschied machen. – Und da es solche Musik und solche Musiker unverändert gibt, habe ich bis heute nicht aufgehört, Musik zu sammeln, Musik zu hören – und auch ein wenig Musik (für mich) zu machen. – Und das habe ich irgendeinem wunderbar verrückten Menschen zu verdanken, der Programmverantwortlichen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele eingeredet hat, dass das Mahavishnu Orchestra eine Jazzband ist…

P.S.: Gerade entdecke ich, dass „Underworld“ auf dem Sampler-Album „Athens“, auf dem sie die Bands verewigt haben, die sie maßgeblich beeinflusst haben, auch das Mahavishnu Orchestra mit dabei haben – mit You Know, You Know“!

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4 Responses to “Olympia 1972 München”


  1. […] dieser Stelle ein kleiner Exkurs in Sachen Olympiade. Ich habe München vor, während und nach der Olympiade 1972 erlebt. Damals wurde aus einem verschlafenen Nest vor den Alpen eine wirklich attraktive Stadt. Und durch […]

  2. Hendrik Decker Says:

    Vielen Dank, Herr Konitzer, für Ihr posting „Aufbruch eines jungen Mannes – und einer Stadt“. War damals auch in München, als freigestellter Wehrpflichtsoldat: um dem Dienst an der Waffe zu entfliehen, hatte ich mich gemeldet für vom Bund finanzierte Unterstützung von Radio- und Fernseh-Dienstleistungen zur Übertragung von Wettkämpfen der olympischen Spiele. Ich kannte München noch nicht, vor meiner Ankunft in der Stadt einige
    Wochen vor Anfang der Spiele, war hin und weg von der Frische, Vitalität, Internationalität, Modernität und Aktualität der Stadt, nahm an mehreren Veranstaltungen der Kultur-Olympiade teil, u.a. an dem unvergesslichen Konzertabend mit Mingus und Mahavishnu, der auch für mich und mein Verhältnis zu Musik (und darüber hinaus) prägend war. Etwas merkwürdig fand ich allerdings die abwertenden Bemerkungen über die polnische Rock-Jazz-Gruppe Niemen, die den Konzertabend eröffnete. Klar, die spielten nicht in derselben Kategorie wie Mingus oder Mahavishnu, aber man tut dem Gesamterlebnis des Abends vielleicht doch etwas Unrecht wenn man diese Vorgruppe einfach so wegwerfend abtut. Polen war, damals und seit je her in einer führenden Position im europäischen Jazz, und war zurecht vertreten im Programm von Jazz-Now, zumal mit einer Gruppe die den damaligen Jazz-Rock-Gruppen in Englad durchaus ebenbürtig war, vielleicht sogar kompromissloser als die Briten.
    Leider gibt es nicht allzu viel authentisches Material über die Gruppe Niemen und ihre Mitglieder, fand auf die Schnelle nur den link zum Namensgeber https://de.wikipedia.org/wiki/Czes%C5%82aw_Niemen und zum Bassisten der Gruppe:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Nadolski
    (und, kurios, der facebook-Kommentar von Wojciech Konikiewicz auf http://helmutnadolski.info/ )

    • konitzer Says:

      Ich wollte Niemen nicht abwerten, aber im Kontrast zu dem, was danach kam, war es in meiner Erinnerung einfach relativ schlicht. Aber schön zu erfahren, dass es einem anderen Menschen, Nicht-Münchner noch dazu, ähnlich erging wie mir. Das objektiviert angenehm den eigenen, subjektiven Eindruck. Gerade auch was München und sein kulturelles Klima angeht.

  3. Hendrik Decker Says:

    Besten Dank für Ihre rasche Antwort! Ich freute mich selbst auch innig über Ihre blog-Notiz, fühlte mich zurückversetzt in die eigene Zeit als junger Mann in München. Im Grund stimme ich Ihnen voll zu dass Niemen um Klassen schlichter war als Mahavishnu, und weitaus weniger interessant. Wollte eigentlich nur, sozusagen als Gegengewicht, ein anerkennendes Wort hinsichtlich des polnischen Beitrags zur europäischen Musikszene zum Ausdruck bringen und dem Gesamterlebnis des Abends Rechnung tragen. Allerdings war Niemen keine „Jazz-Band“, sondern doch wohl viel eher eine Blues-Rock-Band mit gewissen Spuren-Elementen an Jazz, wie man leicht nachvollziehen kann beim Anschauen und Anhören des folgenden clips ihres München-72-Auftritts:

    Der Programmverantwortliche des Abends, Joachim-Ernst Berendt, war übrigens von alters her ein Freund der polnischen Jazz-Szene, und hat auch früh den Impuls verteidigt und verstärkt, den der Rock Ender der 60er / Anfang der 70er Jahre dem Jazz gegeben hat. Diese Bemerkung ist ausgelöst durch Ihre Hypothese eines „verrückten Menschen“, “ der Programmverantwortlichen des Kulturprogramms der Olympischen Spiele eingeredet hat, dass das Mahavishnu Orchestra eine Jazzband ist…“. Mahavishnu war damals wohl wirklich die Spitze der zeitgenössischen Jazz-Entwicklung. Ausserdem: tut mir leid wenn meine Kommentare etwas schulmeisterlich wirken, vermutlich hatte ich damals zu viel J-E.B. im Radio gehört… und, wer weiss, vielleicht kennen wir uns flüchtig, vom Sehen, denn meine München-Erlebnisse 1972 veranlassten mich, 2 Jahre später meinen Saarbrücker Studienort dorthin zu verlegen, wo ich dann bis 2002 blieb und ebendort über die Jahre zahllose Musikveranstaltungen miterlebte — m.a.W., wir sind uns vermutlich bei mehreren Konzert-Events beinahe begegnet… in diesem Sinne, viele freundliche Grüße aus meinem Wohnort Valencia,

    __Hendrik


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