Die digitale Privatsphäre

27. Mai 2010

Facebook kann nicht digital

Jetzt werden die Privacy-Einstellungen von Facebook nun doch wieder entschärft bzw. userfreundlicher gemacht. Der laute Protest der Facebookgemeinde ist gehört worden. Vermeintlich. Ich habe aber leider schwer den Verdacht, dass Mark Zuckermann nur bis zur nächstnötigen Position zurückgerudert ist. Nur was nicht durchsetzbar war, wird zurückgenommen. Von Einsicht, wie unklug und unangebracht die Ausweitung der Privatsphäre bei Facebook ist, keine Spur. Man muss sich nur Zuckerbergs Videobotschaft ansehen, so uncharmant, emotionslos und unengagiert.

Aber der Reihe nach. Ich bin der Meinung, dass die Aufregung über den Schutz der Privatsphäre in Europa und Deutschland absurd und hysterisch ist. Ängste über möglichen und vermeintlichen Missbrauchs privater Daten werden unverantwortlich angeheizt. Sie werden uns vor allem durch die Massenmedien (inkl. dem Verweis auf unsere spezielle Historie samt Nazi-Medien-Diktatur) antrainiert. Das ist ein Reflex auf alte negative Erfahrungen. (Ja, auch ich war gegen Volkszählungen!) Aber es ist auch einer der Abwehrreflexe der alten Massenmedien gegen die neue digitale Medienwelt.

Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft den Großteil unserer Bedenken, möglichst viele Details unseres Lebens der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, verlieren werden. Digital Natives kennen solche Vorbehalte gar nicht. Sie genießen die Vorteile einer digitalen Offenheit in den Sozialen Netzen und den Mobilen Medien viel zu sehr. Wer bitteschön glaubt denn, dass eine Firma mit echtem Zukunftspotential das Internet nach Fotos durchforsten wird, die Bewerber in spätpubertärer Trunkenheit zeigen. Oder anders gefragt: Wer will bei solch einer Firma ernsthaft als junger Mensch mit Ambition arbeiten?

Im Zweifel die kleinere Menge

Das alles ändert aber nichts daran, dass es reichlich Menschen gibt, die nur allzu gerne Informationen über andere Menschen, die sie aus dem Internet gewinnen können, missbrauchen. Ob das gewöhnliche Perfidie ist, enttäuschte Liebe, Neid, Missgunst, Depression oder was immer die menschliche Psyche an Abgründen bereit hält. Daher geht es auf dem Weg von der analogen zur digitalen Gesellschaft vor allem darum, dass jeder selbst bestimmen kann, welcher Öffentlichkeit er welche Informationen zur Verfügung stellt. Das sollte nicht nur einfach zu regeln sein – das leistet Facebook nun wohl. Oberstes Prinzip aber sollte sein, dass im Zweifel immer die kleinst mögliche Gruppe persönliche Infos zur Ansicht bekommen, anstatt eine vom Betreiber definierte Menge von Menschen.

Mein Verdacht ist, dass die Privacy-Einstellungen bei Facebook verändert worden sind, um mögliche rechtliche Komplikationen  zu vermeiden. Wenn die Facebook-Verantwortlichen Werbetreibenden sehr granulare Zielgruppen vermitteln, müssen sie wohl rechtlich dafür sorgen, dass dem möglichst wenig Einschränkungen von Usern im Wege stehen. Daher die Default-Einstellung, dass im Zweifel die Privacy-Einstellungen möglichst lax sind.

Das zentrale Problem ist, dass Facebook bei seinem Versuch, seine exorbitante Reichweite endlich monetarisieren zu können, sehr konventionell, sehr altmodisch, ja analog zu Werke geht. Es wird nicht versucht, ein Marketingmodell der Zukunft zu schaffen, sondern es werden Werbetreibenden wie einst schon beim TV Zielgruppen zur Verfügung gestellt. Das einzig Digitale daran ist, dass diese Zielgruppen bei Facebook aufgrund der verfügbaren Daten (Ort, Ausbildung, Beruf, Interessen etc. etc.) extrem granular angeboten werden können.

Bisher ist der Ansatz der werblichen Kommunikation, die Facebook Kunden anbietet, überholt. Da hat Google einst mit der Erfindung der Google Ads inhaltlich und konzeptionell weit eher Neuland betreten, ebenso mit seinem AdSense-Vermarktungsmodell. Ähnlich Innovatives hat Facebook bisher nicht zu bieten.

Kommerzielle Kommunikation der Zukunft

Der Ausweg für Facebook wäre, dass das Unternehmen zu Ende denkt, wie eine akzeptable werbliche Kommunikation in einer digitalen Zukunft aussehen könnte. Hierzu einige Anregungen:

  • Kommerzielle Kommunikation darf in Zukunft nicht mehr von oben herab verordnet werden.
  • Es darf künftig nur mehr auf gleicher Augenhöhe kommuniziert werden.
  • Werbung darf nie mehr manipulativ sein.
  • Kommerzielle Kommunikation darf den Konsumenten nicht mehr ohne Konsens zugemutet werden.
  • Kommerzielle Kommunikation muss in Zukunft realen Mehrwert bringen.
  • Kommerzielle Kommunikation muss – dank Personalisierung – individuell ansprechen.
  • Kommerzielle Kommunikation wird in Zukunft völlig anders aussehen als konventionelle Werbung heute.
  • Kommerzielle Kommunikation könnte durchaus auf den Prinzipien von Social Networks funktionieren.
  • Die wirkungsvollste Werbung sind Empfehlungen von Freunden.
  • Märkte sind Gespräche – so das Cluetrain Manifest. Warum also dann nicht eine neue kommerzielle Gesprächskultur?
  • Wir wollen weiter kaufen und konsumieren, aber selbstbestimmt.
  • Aber weiter dürfen – und sollen – Faszination, Magie und Kreativität von Produkten, Services und Ideen kommuniziert werden.

Und für Facebook müsste das heißen:

  • Facebook müsste der oberste Advokat seiner Kunden sein, dass die kommerzielle Kommunikation im größten Sozialen Netzwerk der Welt in die Zukunft weist.
  • Facebook müsste treibende Kraft der Ideenfindung für eine sinnvolle und akzeptable kommerzielle Kommunikation der Zukunft sein.
  • Facebook müsste dabei neue Ideen und neue Konzepte im Gespräch und im Konsens mit seinen Mitgliedern suchen – und finden.
  • Das Prinzip Ordre de Mufti (hier: Zuckerberg) muss ein für alle Mal abgeschafft sein.
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One Response to “Die digitale Privatsphäre”


  1. […] Tatsache ist, wer die Vorteile des Prosumertums genießt, der muss auch dessen Folgen tragen, sprich eine öffentliche Präsenz in den (Digitalen) Medien „aushalten“. Das Leben, so still und zurückgezogen gewesen es sein mag, wird partiell öffentlich, wenn man aktiv in die Prosumer-Relation investiert. Besonders aber, wenn man sich in den Social Media engagiert. (Das entschuldigt nicht Facebooks [planvoll?] schlampiger Umgang mit Persönlichkeitsdaten. Siehe dazu auch: Facebook kann nicht digital.) […]


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