Bochum – Selbstverführung – Facebook

21. Mai 2010

Marketing in der Praxis in Bochum

Ausflug nach Bochum – zum 10-jährigen Jubiläum des Marketing Clubs Bochum. Schauplatz in einem alternativen Club (Die Bastion) in einem ehemaligen Bunker. Statt einem Vortrag (wie zuletzt 2003) war diesmal ein spannendes interaktives Format gewählt. Ich befragte Mitglieder des Marketing Clubs zu ausgewählten aktuellen Trend-Themen wie Mobile Marketing, Social Media, Luxus, Innovation, Perma-Marketing, Location Based Services, Disruptive Märkte, Post-Print-Age, Monitoring und Gratis-Kultur.

Marketing Club Bochum

Selten kam ich so erfrischt und optimistisch aus einem solchen Event. So kurz die jeweiligen Interviews und Gesprächsrunden waren (5 Minuten +), so interessant und ergiebig waren sie. Und was am meisten Mut machte: Die dort versammelten Manager und Unternehmer hielten sich nicht mit rückwärts gerichteten Grundsatzdiskussionen auf, sondern agierten, argumentierten und handelten nach vorne los. Wie erfrischend und zukunftsorientiert. Bochum jedenfalls wird nicht nur dem Anspruch der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ gerecht.

Kleine, interessante Einblicke in den Marketingalltag in Bochum:

  • Die sozial, ökologische GLS-Bank beeindruckt mit einem interessanten Blog (auf utopia.de), mit sehr gut geführten Facebook– und Twitter-Präsenzen.
  • Perma-Marketing macht zum Beispiel gerade Sport-Marketing aus. Besonders spannend wird es, wenn eine Mannschaft nicht nur 3-mal am Stück verliert, sondern 10-mal und absteigt. Eine echte Challenge…
  • Ehrlich und gut, wenn ein junger Marketing-Professor gesteht, dass er in Sachen Internet und Web-Marketing auch immer von seinen Studenten lernt.
  • Überraschend, wie einig man sich in der Meinung war, dass die Zeit des Print schon bald vorbei sein wird und deshalb Videos so viel wichtiger und wirksamer sind.
  • Witzig, wenn ein Brauereibesitzer zugibt, dass er seine Einschätzung zu Social Media korrigieren musste, als er erlebte, wie Kunden sich in Facebook-Aktionen für die Brauerei einsetzten.
  • Einleuchtend, wie Marktforscher schildern, wie sie Web-Monitoring längst ganz selbstverständlich einsetzen.
  • Ich habe nicht gewusst, dass Web-Befragungen bei der NRW-Wahl genauso präzise in der Prognose waren wie die großen Meinungsforschungsinstitute.

Solche Einblicke gewinnt man, wenn man abseits der großen Unternehmen und der Großsprecher der Medien und des Marketing mit Praktikern redet. Der Mittelstand handelt einfach – und scheint sich in der de-hierarchisierenden Wirkung der Social Media viel leichter zu tun als große Unternehmen. Hier sind die Hierarchien längst flach und transparent. Hier wird gehandelt – und nicht nach Karrieren geschielt.

Reise in die Vergangenheit

Die Verbindung zum Marketing Club Bochum geht auf einen Vortrag in den 90er-Jahren in Düsseldorf zurück. Damals habe ich die Zukunft des Prosumers, des zum Mitprodukzenten werdenden Konsumenten, prognostiziert. 2003 habe ich diese Vision eines Marktes, in dem der Konsument (mindestens) auf Augenhöhe mit den Produzenten agiert, in einem Vortrag in Bochum vor dem Marketing Club weiter exemplifiziert.

Es ist immer spannend mal nachzusehen, was man so vor Jahren erzählt hat. Sind die Prognosen in etwa so eingetreten wie vorausgesagt? Der Reality-Check ging in diesem Fall positiv für mich aus. Die Situation hat sich dank der Social Media sogar schneller und entschiedener zugunsten der Konsumenten verschoben, als gedacht. Heute können Produzenten kaum mehr gegen die geballte Macht der im Netz vernetzten Konsumenten angehen. Boykott-Aktionen wie zuletzt wieder bei Nestle zeigen das.

Ich habe aber einen Gedanken in dem Vortrag von 2003 sozusagen wiederentdeckt, den es heute ganz neu zu bewerten und weiterzuentwickeln gilt: Wenn die Hersteller von Waren nicht mehr die absoluten Herrscher über die Märkte sind, sondern die Konsumenten mindestens ebenso viel zu sagen haben, kommt ihnen auch eine neue Verantwortung zu. Zum Beispiel bei der Neuentwicklung neuer Angebote und Produkte.

Die Selbstbegeisterung der Kunden

Die Frage ist: Wie kann man in einem nicht hierarchischen System dafür sorgen, dass Bedürfnisse entstehen, artikuliert und reflektiert werden? Wie kann organisiert werden, dass Innovation und neue Konzepte sozusagen „gemeinsam“ entwickelt werden? Oder um es an einem Beispiel besonders plastisch zu machen: Wer übernimmt die Rolle eines Jules Verne, der in seinen Büchern seine Phantasien zu bahnbrechenden Menschheitsträumen werden ließ wie eine Reise um die Welt, wie U-Boote unter Wasser, wie einen Flug zum Mond und vieles mehr?

Meine Ideen dafür waren 2003 folgende:

  • Ende aller werblichen Manipulation
  • Entkoppelung von Kommunikation und Vertrieb
  • Offene, „absichtsfreie“ Kommunikation zwischen Kunden und Produzenten
  • Aufbau einer echten Kundenbeziehung
  • Reaktion und Feedback auf Kunden
  • Aufbau von Vertrauen, Affinität, Committment
  • Trigger von Kundenreaktionen (the magic moment!)
  • Hilfe zur Selbstverführung (Emotionalisierung)
  • Optimierung des Selbsterlebnisses des Kunden (Empowering)
  • Rolle als Mentor, Helfer, „Engel“ bei der Ich-Findung
  • Konsum als Individualisierungsprozess (statt Schnäppchenstolz)
  • Konsumptives Erleben von Motivation und Ich-Ideal (Konsum als Kommunikation)
  • Kauf als Fetisch von Motivation und Selbsterneuereung

Über diese Ideen der Selbstverführung der Kunden und dem vernetzten, gemeinsamen Brainstorming nach zeitadäquaten Träumen und deren Erfüllung demnächst einmal mehr.

Facebooks fataler Fehler

An diesem Punkt aber nur eine kurze Bemerkung zu Facebook. Facebook hätte alle Chancen, die ideale Plattform sowohl für die ideelle, kreative aber auch konsumistische Selbstfindung unserer (Konsum-)Gesellschaften zu werden. Wenn Sie sich aber nicht entblöden, auf das Niveau der manipulativen Werbung herabzusteigen, dann verpassen sie eine Riesenchance. Sie verraten die Konsumenten sozusagen an eine überkommene, veraltete Idee der Werbung. Der Verdacht liegt nahe, dass sie gar nicht verstanden haben, welch überragendes Potential sie in der Hand haben.

Wenn Facebook das nicht versteht, werden andere an ihre Stelle treten. Wie schnell Soziale Netzwerke abwirtschaften (in des Wortes Bedeutung) können, zeigen ja StudiVZ & Co.

3 Responses to “Bochum – Selbstverführung – Facebook”


  1. Michael A. Konitzer stellt die Realität unter ein neues Licht: mit spitzem Verstand und nachvollziehbarer Argumentation ist er einer der unverzichtbaren Marketing-Kommunikatoren unserer Zeit und ein glaubhafter Anwalt aller rezipientenorientiert Handelnden.


  2. Lieber Michael Konitzer,

    seit mehreren Wochen schon reise ich durch die Marketing-Realität mittelständischer Unternehmen abseits von internationaler Kunden und Agentur-Realität und ich kann Ihnen nur zustimmen: Spannender, zupackender, realitätsnäher und bereit, Lehrbuch und Theoriemodell jederzeit infrage zu stellen!! Hier wird Social Media im täglichen „try and error“ ausprobiert, verworfen, neu justiert und wieder an den Start gebracht. Vor einigen Wochen hatte ich einen Abend in Dortmund mit ganz ähnlichen Erlebnissen: http://lobenstein.posterous.com/a-night-out-in-dortmund

    Schöne Feiertage!!

    • konitzer Says:

      Hier ist vor allem Begeisterungsfähigkeit, Enthusiasmus und Effektivität spürbar. Es ist eben ein Unterschied, ob Prio 1 das eigene Unternehmen oder die eigene Karriere ist.

      Und danke, die Feiertage sind nun endlich schön! ;.)


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