Modernes Denken

11. Mai 2010

Social Media als Selbstprostitution

Das Leben eines Professors ist nicht leicht. Die Studenten hören nicht zu. (Sie können sich nur noch 10 Minuten lang konzentrieren!) Die Öffentlichkeit will von Professoren der Medizinischen Psychologie gerade nicht viel wissen, jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler im Focus.

Aber Professor Ernst Pöppel ist ein Medienprofi. Er weiß, was zu tun ist, um Aufmerksamkeit zu ernten: Man gehe zu einem klassischen Printmedium und tue das, was sie zur Zeit am liebsten machen: Internet-Bashing, vorzugsweise Social Media-Bashing; oder aber ganz, ganz toll: Facebook-Bashing. Dazu braucht es nur ein paar übertourige Reizworte und eine atemberaubend steile These, und schon ist man endlich wieder in den Schlagzeilchen.

Und so liest sich dann das Ergebnis dieses waghalsigen Medien-Stunts, Zitat aus dem Faz.Net der Frankfurter Allgemeinen vom 11. Mai 2010: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“

Diese zwei Sätze muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – halt, falsches Bild bei einem Hirnforscher: durch die Ganglien rotieren lassen. Eine „Offenlegung von Intimitäten ohne Verpflichtung“, das ist laut Weltbild von Prof. Pöppel eine „Selbstprostitution“. Also ist jedes Gespräch, das über ein oberflächliches Geschwafel hinausgeht, schon eine Selbstprostitution. Jedes Gespräch mit einem Psychologen wie Prof. Pöppel: Selbstprostitution. Jedes Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin: Selbstprostitution.

Mal kurz im Ernst: Was soll solche Häme? Und warum lässt man so etwas in einem Medium, das auf sich hält, überhaupt zu? Bei Facebook-Einträgen ist keinerlei „Geld“ oder auch sonstwelche Gratifikationen im Spiel, warum dann der Begriff „Prostitution“? Wie anders soll Kommunikation sinnvoll funktionieren, wenn nicht einer etwas von sich preis gibt? Das ist nicht Selbstprostitution, sondern simpel Anfang eines Diskurses zwischen Gleichen. Interessant, wenn man in Journalisten- oder Wissenschaftskreisen Kommunikation anders definiert. Als Selbstgespräche oder als Predigt ex Kathedra?

Beichte als Sünde

Weil wir gerade beim Thema sind: Besonders kurios wird die Bemerkung von Professor Pöppel, wenn ich an das für mich als Kind besonders schlimme, weil institutionalisierte „Offenlegen von Intimitäten“ denke: die Beichte in der Kirche. Das war immer Samstagabend, immer in Kollision zur Sportschau. Und statt Toren zuzujubeln musste man sich überlegen, wie viele Sünden zuzugeben – oder notfalls sogar zu erfinden – waren, damit die Beichte glaubwürdig erschien, und welche Sünden wegzulassen waren, damit es nicht zu peinlich wurde. Also hat man Flüche ersonnen, die man nicht getan hat, und dafür einige Maturbationserlebnisse weggelassen. Und dann hoffte man, dass der Beichtstuhl des gütigen Stadtpfarrers frei war, denn der hakte im Gegensatz zum jungen Kaplan beim 6. Gebot nicht nach und beließ es bei gnädigen fünf Vater Unsern (statt ewig dauernde Rosenkränze beten zu müssen).

Hätte schon damals Professor Pöppel so schlau daher geredet, dann wäre es leicht gewesen zu beichten. Denn die Beichte selbst wäre ja Selbstprostitution gewesen, nämlich „Offenlegen von Intimitäten“, und damit automatisch auch Sünde. Zugegeben mit Verpflichtung, nämlich etlichen Gebeten zur Buße.

Man muss Herrn Professor Pöppel nur ein wenig in seinen anderen öffentlichen Äußerungen verfolgen. Dann sieht man, wie sehr er bei aller Analyse des Netzwerkes des Gehirnes einem analogen, also linearen Denken verhaftet ist. In einem Interview mit Telepolis 1999 beschreibt er das Dilemma modernen Denkens folgendermaßen:

Schizoide Qualitäten

„Ich schalte sehr schnell zwischen verschiedenen Kontexten hin und her, konzentriere mich also drei Sekunden lang auf einen Sprachfetzen, drei Sekunden auf das Fernsehen, drei auf den Computer. Das kann ich endogen tatsächlich steuern. Aber der Effekt ist, daß es zu einer Art schizoidem Denken kommt, mit dem nichts mehr verbunden ist. Es gibt dann keine Nachhaltigkeit der Repräsentation mehr, keine Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung. In dieser Beziehung ist das Gehirn also sehr konservativ und wird sich dagegen wehren.“

Wenn man die Schriften wichtiger Hirnforscher verfolgt, dann ist es genau dieses unspezifische Denken, das Pöppel „schizoid“ nennt, was die Reizgehirne junger Menschen ausmacht. Der Unterschied ist, dass diese Hirnforscher dieses Denken nicht wie Pöppel diffamieren, sondern im Gegenteil als speziell neues, evolutionär weiter entwickeltes Denken ansehen. Es ist das Denken des digitalen Zeitalters. Schnell, parallel, non-linear, vernetzt.

Untersuchungen bei jungen Rezipienten zeigen, wie gut und schnell sie optische Reize zu verarbeiten vermögen – und wie schwer sie sich tun, lineare Texte zu verarbeiten. Das kann man aus der Sicht eines analog, logisch, linear funktionierenden Gehirns beklagen. Und zugegeben, es hat nicht nur Vorteile. Aber es ist das Gehirn, dass auf dem Weg ist, die Welt der Zukunft mit ihren sprunghaften Entwicklungen, mit ihrer Beschleunigung, mit den absehbaren Kaskaden an Konflikten und Krisen auszuhalten – und auch zu bewältigen.

Was Pöppel als schizoid abqualifiziert, ist wohl eher eine mentale Offenheit, die verschiedene Optionen gleichwertig nebeneinander zulässt, um damit dann eine kreative Lösung zu finden. (Kreativität kann man durchaus auch als schizoiden Prozess definieren.)

Denken für Umbruchzeiten

Viele unserer Krisen entstehen nicht zuletzt, weil mit einem alten Denken, weil mit alten Mustern (beispielsweise: Gier!) neue Technologien genutzt – oder besser: missbraucht werden. Viele Konflikte entwickeln sich so fulminant, weil versucht wird, sie mit alten Methoden in den Griff zu bekommen. Wir sind heute in einer Umbruchzeit. Eines Umbruchs unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Systeme und vor allem: unseres Denkens. Dafür braucht es auch ein dafür passendes Tool, sprich Gehirn.

Ein Professor, der sich Hirnforscher nennt, sollte das zu allervorderst wissen. Vor allem, weil so viele seiner Kollegen diese Änderung des Denkens eher positiv konstatieren – und nicht diffamieren. Aber wie gesagt: für einen willkommenen Medien-Stunt sind solche feschen Sätze allemal gut. Man könnte so etwas aber auch, wenn man etwas übellaunig ist, durchaus als „Selbstprostitution“ bezeichnen.

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