Action in der Echokammer

8. Mai 2010

Jeder hat den Freundeskreis, den er verdient

Trends und Zeitgeist. Die Akzeptanz von neuen Ideen, neuen sozialen Ritualen , neuen Technologien ist immer auch ein Kampf um Begriffe. Mit griffigen, attraktiven Begriffen kann man neue Ideen wunderbar schmackhaft machen. Einer der besten Begriffe-Köche, der immer neue Termini aus dem Hut zauberte, war (und ist) Mathias Horx. Wieviele neue Trends hat er uns durch würzige Begriffe schmackhaft gemacht!

Nymphe Echo scheitert an Narcissus

Man kann mit perfide kreativer Wortwahl aber ebenso gut Neues sublim diskreditieren. Kein Problem. Auffällig in dem Zusammenhang ist die derzeitige Häufung des Begriffes „Echokammer“ – gerne auch in der angelsächsischen Version „Echo Chamber“. Damit werden nur allzu gerne die Social Media diskreditiert. Den Vorwurf, in den Social Media werde nur unter Seinesgleichen die eigene Meinung zementiert, formuliert im Blogbeitrag zum 15. Trendtag Thomas Huber (semanticon Unternehmensberatung): „Der explizit erklärte Zweck solcher Plattformen ist es, unter sich zu bleiben, die eigene Gruppe und ihre Überzeugung zu stärken und die eigene Sicht der Dinge nicht mehr zur Disposition zu stellen. Sie fungieren daher vor allem als Resonanzböden der jeweiligen Orientierung – der „Weltinnenraum des Kapitals“ zerfällt in unendlich viele kleine Echokammern. Man hört in dieser Abgeschiedenheit nur noch sich selbst, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der auf einem Floß im Königsee ganz versunken seinem eigenen Echo lauschte.“

Temperament gegen Teilzeit-Blockwarte

Huber sorgt sich angesichts der Fantalliarden von Echokammern um die Zukunft des kritischen Diskurses:  „Wie aber sollen künftig politische Diskurse in der bürgerlichen Öffentlichkeit organisiert werden, wenn einerseits die klassischen Medien mit Mut- und Fantasielosigkeit ihre Selbstzerstörung betreiben und zugleich andererseits der Trend zum social cocooning die politischen und sozialen Räume in wenige per RRS-Feed vernetzte Echokammern auf der eigenen Favoritenliste eingrenzt und eine (Re-) Flexion nicht mehr zulässt?“

Einwurf Eins: Jeder hat die Facebook-Gemeinde und den Twitter-Followermob, die er sich selbst gewählt hat. Härter formuliert: die er verdient. Wenn dann dort die Erfahrung gemacht wird, dass ein kritischer Dialog und jedwede Reflexion dort nicht funktionieren, dann sollte das zu denken geben. Ich würde an der Stelle diese Erfahrung erstens nicht verallgemeinern und dann – zweitens – schon gar nicht der Öffentlichkeit preis geben.

Natürlich finde ich es selten doof, wie schon erlebt, dass ein militanter Nichtraucher einen seiner Freunde aus Facebook verbannt, weil der raucht – und das auch in Zukunft auch weiter in Restaurants tun will. Aber wer hat mittlerweile immer noch nicht mitgekriegt, dass das Internet ganz wie das ganz normale Leben ist? Auch dort gibt es Teilzeit-Hausmeister, -Blockwarte, -Wichtigtuer und -Ideologen. Aber dagegen stehen so viel Witz, Engagement, Mut, Intelligenz, Temperament, Wärme und Liebe bis hin zur Euphorie, die das mehr als wettmachen.

Echo, die Schutzheilige der Re-Tweets

Einwurf Zwei: Die Echokammer als Beschreibung eines virtuellen Schmorens im eigenen Saft ist vom mythischen Bild her arg schief. Kurz zur Erinnerung: Die schöne Nymphe Echo scheitert tragisch in ihrem Versuch, den (selbstverliebten) Jüngling Narcissus zu bezirzen, weil ihr Hera die Sprache geraubt hat und ihr nur noch die Fähigkeit gelassen hat, die letzten Worte eines anderen zu wiederholen. Hera rächt sich damit an Echo, die ihr Geschichten erzählt hat, um so Heras Mann Zeus den Freiraum für amouröse Eskapaden zu geben. So gesehen ist die Nymphe Echo die Schutzheilige des intentionalen Storytellings – und aller Re-Tweeter.

Die Nymphe wird von Narzissus gar nicht wahrgenommen und verzweifelt darüber, zieht sich in eine Höhle zurück (Echokammer!) und verzehrt sich, bis sie nur noch Stimme ist. Gerade Narzissmus, der doch angeblich in Social Media so exzessiv gepflegt wird, nimmt das Echo gar nicht wahr…

Resonanzkörper voller Leben

Einwurf drei: Echokammer ist eigentlich ein Begriff aus der Tontechnik. Seit den 30er-Jahren, seit der Erfindung der Tonaufnahme, gibt es sie, um Musik mehr Volumen, mehr Hall und mal mehr Leben, mal mehr Melancholie zu geben. Die vielleicht berühmteste Echokammer gab es in den Abbey Studios, die später durch die Plattenaufnahmen der Beatles berühmt geworden sind. Die berühmteste Echokammer Deutschlands waren die riesigen Hallen der Hansa-Tonstudios. David Bowies Stimme in „Heroes“ etwa hat durch sie seine besondere Sounddramatik erhalten. Manchmal waren die Echokammern aber auch viel kleiner und profaner. Die Doors etwa nutzten ihr Klo als Echokammer.

So gesehen dreht es einem bei Thomas Hubers Bild von König Ludwig auf seinem Floß die Fußnägel auf. Er genau war nicht in einer Echokammer. Diese eben waren eher Resonanzböden, um Musik besondere Dimensionen zu geben und genau nicht, um Leere und Nichtigkeit zu erzeugen. Auch dann nicht, als Echokammern seit den 50er-Jahren elektronische Geräte waren (zunächst Tonbänder mit Endlos-Loop) und dann digitale Schaltkreise…

Social Media sind künftig die Medien

Einwand Vier: Ich stimme voll mit Rob Key überein, der in einem Artikel in iMEDIA forderte: We have to kill „Social Media“! Halt, keine Angst, Key ist nicht das US-Pendant zu Thomas Huber. Im Gegenteil. Er findet, es ist höchste Zeit, aufzuhören von „Social Media“ zu reden. Der Begriff tut, als wäre es irgendwas Besonderes, dass Menschen wie selbstverständlich miteinander im Internet kommunizieren, ganz ohne Anleitung von oben, außen oder sonstwo her. Zitat Rob Key: „We are rapidly moving to a post-social media world, where all media is social, and brands and businesses recognize its power to influence the entire enterprise.“

Kommunikation ist immer sozial. Medien sollten immer Kommunikation sein. Social Media wird DAS Medium sein. Ganz einfach – ohne Echo und jenseits aller Kammern…

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