Alexander Dubček

3. Mai 2010

Zeitgeist 1987 – Besuch bei Alexander Dubček  

Es gibt (journalistische) Siege, die sind bei jeder Gelegenheit locker aus der Erinnerung abzurufen. Die Niederlagen dagegen fallen schnell dem Vergessen anheim. Und je länger sie her sind, desto gründlicher. Aber es gibt auch Niederlagen, die man nie vergisst – und die man im besten Fall gütig belächelt. Vor allem wenn man dabei so viel über seine eigene Paranoia lernt und etwas über die großen Helden der eigenen Jugend.  

Alexander Dubček

 

Zeitreise in den Frühling 1987. 18 Jahre ist es seit dem Prager Frühling her. Eine lange Zeit. Aber unvergessen sind die Bilder – und die Helden von damals. Allen voran Alexander Dubček. Mit seiner Ernennung zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei am 5. Januar 1968 begann der Prager Frühling. Mit dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Paktes und der Absetzung Dubčeks am 17. April 1969 endete die Hoffnung auf einen anderen, offenen, demokratischen Sozialismus.  

Jetzt 18 Jahre später war Gorbatschow seit gut zwei Jahren an der Macht und die Sowjetunion wandelte sich dank Glasnost und Perestroika. Der ideale Zeitpunkt, dachten wir in der Redaktion des WIENER in München, den großen Vordenker einer Öffnung des Sozialismus zu treffen und nach seiner Sicht zu fragen. Und wie das so ist in Redaktionen, wer solch grandiose Ideen hat, darf sie auch ausbaden.  

Gelbes Haus in Bratislava  

Eine ausgiebige Recherche unter den Exil-Tschechen in Deutschland ergibt eine sehr widersprüchliche Informationslage. Zum einen heißt es – Zitat aus meinem Artikel in der Juni-Ausgabe 1987 des WIENER: „Als einfacher Arbeiter soll Dubček in einer tristen Mietskaserne in Bratislava wohnen. (…) Stets überwacht und isoliert, sei er seelisch gebrochen, seit er nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes (…) nach Moskau zitiert und dort einer Gehirnwäsche unterzogen worden wäre.“  

Andere wiederum meinen, er sei in einem Haus in einem besseren Viertel auf dem Hügel über der Altstadt in einer Art Hausarrest weggesperrt. Das soll leicht zu finden sein, weil rund um die Uhr ein Auto der Polizei auffällig unauffällig davor Wache stehe. Und Journalisten, so hieß es auch, die Kontakt zu Dubček suchten, würden sofort festgenommen und des Landes verwiesen. Schöne Aussichten. Wunderbares Futter für meine bei Verwandtenbesuchen in Ost-Berlin von Kindesalter effektiv eingeimpfte Sozialismus-Paranoia (mit Stasi-Agenten überall).  

Die Realität war dann ernüchternd. Egal wie lange ich in dem Viertel herumkurvte, es gab kaum ein gelbes Haus (die meisten Häuser waren sozialistisch dunkelstaubgrau) und schon gar nicht eines, vor dem ein Polizeiauto oder behelfsweise ein ziviles Auto mit zwei Bewachern stand. Kapitulation und Rückfahrt ins Hotel, um eine weitere Runde der Telefonrecherche zu starten. Die Gemeinde der Exil-Tschechen war extrem freundlich und hilfsbereit. Dann schließlich spät nachts ein neuer Hinweis: Dubček wohnt in der Mišikova Ulice in der Mitte der Straße.  

Keine Stadtpläne  

Heute reicht ein Blick in Google Maps um die Straße zu finden, in Bratislava damals dagegen war das ein Problem. Es gab schlicht keine Stadtpläne zu kaufen. Nach langem Suchen fand ich dann wenigstens einen uralten Plan in einem uralten Touristenaushang in einer Vitrine und konnte die Straße finden. Anhand einer selbst gemalten Skizze versuchte ich, sie für mich selbst auffindbar machen. Nach langen Irrfahrten fand ich die verwinkelt angelegte Straße tatsächlich. Aber kein gelbes Haus und kein Polizeiauto gaben irgendeinen Hinweis, wo Dubcek zu finden sei.  

Paranoia hin oder her, jetzt heißt es, sich durchzufragen. Nach einigem erfolglosen Klingelputzen findet sich dann irgendwann doch ein Tscheche mit genügend Deutschkenntnissen und der Zivilcourage, mir den entscheidenden Tipp zu geben. Es ist das Haus Nr. 31, eine große, graue Villa mit rotem Balkon, weitem Garten und einer mannshohen Mauer ringsum.  

Originaltext meiner Reportage im WIENER damals: „Einmal kurz geklingelt. Ein kleiner, weißer Spitz, der es sich auf den Gartenstufen bequem gemacht hatte, sticht wie von der Tarantel gestochen hoch und bellt sich die Seele aus dem Leib. Nicht lange. Dann öffnet sich die Haustür, und Herrchen ruft ihn zur Räson. – Herrchen, das ist unverkennbar Alexander Dubček. Nicht der hagere, steife, langnasige, bürokratenmäßige Dubček, wie ihn die Geschichtsbücher überliefern, sondern ein gemütlicher, weißhaariger, wohlgenährter, netter alter Herr in Strickweste.  

Massive Freundlichkeit und Verbindlichkeit  

Dubček kommt die Gartentreppe herunter, öffnet und strahlt vor Verbindlichkeit. Ich stelle mich vor, schildere ihm mein Anliegen: Jetzt, wo allenthalben in Moskau von Demokratisierung die Rede ist, da müsste er doch, da könnte er doch nach 18 Jahren endlich sein Schweigen brechen… – Dubček schüttelt leise den Kopf. – Sogar Gorbatschow, den Jiři Hašek einen „Dubček in Moskau“ nennt, wolle angeblich mit ihm reden.  

„No interview.“, unterbricht mich Dubček und lächelt unvermindert freundlich – Warum nicht? Wo sein Gedankengut doch jetzt in Russland Wirklichkeit zu werden scheint. Dazu müsste doch er, Gorbis großer Bruder etwas sagen, etwas zu sagen haben. – Situation und mein Monolog scheinen Dubček zu gefallen. Mit „No chance.“ kappt Dubček meine Suada, lacht mich noch eine Spur liebenswerter an, greift meine Hand und drückt sie. Ein warmer, fleischiger Händedruck. Mit „Excuse me!“ und „You must understand!“ verabschiedet er sich. An der Haustür winkt er noch einmal freundlich zurück.“  

Rehabilitierung und Tod  

Was für ein Frust. Was für eine Niederlage! Chefredakteur Wolfgang Maier ist nicht erbaut, aber nimmt es sportlich. Immerhin ist die Geschichte der Story spannend genug, in zwei Spalten im bezeichnenderweise „Zentralorgan“ genannten Glossenteil verewigt zu werden.  

Eineinhalb Jahre nach meinem Besuch wurde Alexander Dubček auf Betreiben der Kommunistischen Partei Italiens die Ehrendoktorwürde der Universität Bologna verliehen. Im letzten Moment stimmten die Behörden seiner Ausreise zu. Seine Dankesrede war nett und harmlos. Es war Dubčeks erste offizielle Äußerung nach seiner Absetzung.  

1989 wurde Dubček dann offiziell rehabilitiert und am 28. Dezember 1989 sogar zum Parlamentspräsidenten des Tschechischen Parlaments gewählt. – Am 1. September 1992 starb Dubček an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls. Gerüchte, der Unfall sei von seinen Feinden initiiert worden, ließen sich nicht erhärten.

Advertisements

One Response to “Alexander Dubček”


  1. […] This post was mentioned on Twitter by hubertus lobenstein. hubertus lobenstein said: Walking down memory lane….Sehr lesenswertes Stück Zeitgeschichte: https://konitzer.wordpress.com/2010/05/03/alexander-dubcek/ […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: