Offline in Italien

9. April 2010

 

Service-Paradies Italien

Eine Woche digitaler Entzug. Sieben Tage offline im schönen Italien. Die italienische Telekom meint, kein Geld von uns bekommen zu haben und dreht den Internetanschluss zu unserem Haus ab. Über die Hotline lässt sich der Irrtum sehr schnell klären. Schon am selben Tag soll der Anschluss wieder gehen.

Südliche Marken

Die Hotline ist um Längen komfortabler und intelligenter als in Deutschland. Man gibt gleich zu Anfang die Anschlussnummer mit ein und erfährt gleich, wie viele Minuten man warten muss (durchschnittlich zwei!), und die Prognose stimmt. Voraussetzung ist nur, dass man gut italienisch spricht, sonst hat man ein Problem. Die Mitarbeiter(innen) sind freundlich, kompetent und versprechen stets schnelle Hilfe. Das aber jeden Tag, denn die versprochene Hilfe trifft nicht ein, der Anschluss bleibt tot.

Nach genau einer Woche endlich der Durchbruch. Das Problem lag angeblich in der Zentrale. Was immer das heißt. Aber nun wird die Leitung innerhalb von Minuten frei geschaltet. – Bis zum nächsten Missverständnis zwischen Bank und Telecom Italia.

Apropos Banken. So weit vorne die Telecom Italia ist, so weit hinten sind die Banken auf dem Weg in die Digitalität. Zwei Beispiele: Wir haben hier längst gelernt, dass man bei administrativen Angelegenheiten viel Zeit mitbringen muss. Manchmal gelingt es uns schon ganz gut, nicht zu deutsch zu sein, sprich ungeduldig. Bei der Bezahlung einer Gebühr in der Post ist nur ein Kunde vor uns auf der Wartebank. Aber eine schick aufgemaschelte ältere Dame wird von der einzigen Angestellten im Mini-Postamt intensiv bedient.

Vor-digitale Zeit

Es geht darum, ein neues Konto bei der Postbank in Italien zu eröffnen. Exakt eine Stunde später, nach einem Computerabsturz und gefühlten 35 ausgedruckten und unterschriebenen Formularen geht die Dame nach Hause. Ohne Konto, aber mit dem Versprechen, dass in den nächsten Tagen ein Brief kommt, mit dem sie dann wiederkommen darf – und dann sei alles ok.

Bei der Eröffnung eines eigenen Kontos in einer Genossenschaftsbank auf dem Lande vergeht mehr als eine Stunde. Die Papierflut ist unendlich, und alle Bankdokumente werden noch in alten, mühsam bedienbaren Druckern handgestanzt.

Aber es gibt Online-Banking. Das aber funktioniert nur, wenn es immer vom selben Computer getätigt wird. Sonst sperrt sich das Konto automatisch. Um dafür eine Lösung zu finden gehen wir in die Bank. Zum Büro fürs Electronic Banking geht es durch einen alten barocken Saal im ersten Stock mit wertvollen Gobelins und altem Ziegelboden. Dafür ist der Mitarbeiter charmant, intelligent und kompetent. Rasch wird eine Lösung gefunden – und die funktioniert tatsächlich nach ein paar Tagen.

Eine Woche ohne Internet

Und wie solch eine Woche ganz ohne Internet war? Wunderbar eigentlich, so über die Osterfeiertage. Die Welt dreht sich wider Erwarten weiter. Viele unwichtige Nachrichten haben wir verpasst. Die Wichtigen sind per Twitter und Facebook und Email nachvollziehbar.

Statt meiner „Familie“ auf Facebook haben wir unsere nette Großfamilie hier im Süden genossen. Die Nachbarn kamen einfach so vorbei – unser Telefon ging ja nicht. Und bei Bedarf gab es ja auch noch das Mobiltelefon. (Wurde aber kaum strapaziert.)

Man bekam eine Ahnung, wie ein Digital Divide aussehen könnte. Wie sehr leben wir Digerati in unserer eigenen Themen-Cloud, vielleicht sogar im -Kokon. Wie weit sind die Offliner und Verlegenheits-User von dieser Welt entfernt. Mit allen Nachteilen – und allen Vorteilen. Das analoge Leben hat definitiv auch seine sehr schönen Seiten, vor allem hier im mediterranen Süden.

Aber wir sind sehr froh, wieder „back home“ in der digitalen Welt zu sein. Der unfreiwillige Test hat enthüllt: Wir sind angekommen in einer digitalen Selbstverständlichkeit – können aber auch anders . Das nennt man gemeinhin wohl auch „Freiheit“.

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