Die virtuellen Erlöser

1. April 2010

Gruselshow an Karfreitag  

Wir haben Osterzeit. Da feiern die christlichen Religionen den Erlöser Jesus Christus. Und  damit die Befreiung von der Erbsünde, die Vergebung der Sünden und die Option, irgendwann das verlorene Paradies wieder zu gewinnen. Eigentlich eine schöne und tröstende Vision, wenn sie denn funktioniert. Ich jedoch, hatte damit lange meine Probleme. Und das als braves, gläubiges Kind, als langjähriger, eifriger Ministrant.  

Jake Sully vor (vorne) und nach der Erlösung (hinten)

 

Das hatte mit Bildern und Ritualen rund um Ostern zu tun, die mir als Kind recht ungeheuerlich vorkamen. Da waren zunächst in unserer Pfarrkirche von Sankt Michael in München Berg am Laim (eine wunderschöne, große Barockkirche, die immer einen Besuch wert ist!) die zwei großen Glaskästen rechts und links im Hauptschiff der Kirche. Dort liegen sorgsam präpariert und mit Juwelen geschmückt die Skelette zweier Heiliger: St. Johannes Nepomuk und der heilige Norbert. Starker Tobak für eine unbedarfte kindliche Seele.  

Das heilige Grab  

Zu Ostern wurde das Gruseln aber noch ein wenig schlimmer: Da wurde im Hauptschiff rechts das heilige Grab aufgebaut. Dort lag von Gründonnerstag an hinter geheimnisvollen Gaze-Tüchern – trotzdem gut erahnbar – der Leichnam des gekreuzigten Jesus Christus. Es dauerte seine Jahre, bis mir klar wurde, dass das nur eine Holzfigur war. Eine Holzfigur wie die des heiligen Sebastian, die in der kleinen Filialkirche St. Stefan am Altar stand: von Dutzenden von dicken Pfeilen durchbohrt.  

Richtiges Grauen und pure Angst aber hat mich eine Karfreitags-Prozession in Taormina auf Sizilien gelehrt. Ich war gerade vielleicht 11 Jahre alt als ich dort eine sehr spezielle Vorahnung von Höllenqualen live und in Farbe zu sehen bekam: Mönche in weißen und blutroten Kutten mit Kopfmasken à la Ku-Klux-Klan. Sich selbst geißelnde Büßer. Schwer ächzende und schwitzende Männer, die überschwere Heiligenstandbilder durch die Straßen trugen und manchmal fast hinfielen. Dazu monotone Gebete, klagende Gesänge und alles in einem hypnotischen Rhythmus. Mir ward Angst und Bange.  

Unter solchen Prämissen war es lange Jahre etwas schwierig, Ostern so recht genießen zu können. Egal wieviele Eier am Ostersonntag im schmalen Garten hinter dem Reihenhaus versteckt waren. Der Erlösungsgedanke war seitdem nicht mehr so richtig funktionabel. Aber kein Grund zur Klage, eher im Gegenteil. Es ist gar nicht so schlecht, nicht auf Erlösung hoffen zu wollen. Ich war deshalb nie so richtig für Heilslehren zu begeistern, egal ob sie von oben (Kirche), links, rechts oder unten (Hölle) kamen.  

James Camerons „Avatar“  

Um so mehr überraschen neue, virtuelle Erlöser, die deutlich wieder Konjunktur haben. Jake Sully (Sam Worthington), der humanoide Star von James Camerons „Avatar“, stirbt ganz karfreitagsmäßig am Ende des Filmes und feiert seine Wiederauferstehung als Na’vi und erlöst zumindest den humanoiden Teil der Zuschauer im Kino von den Sünden der militaristischen Erdbewohner, die den Paradiesplaneten zu zerstören versucht hatten.  

2,6 Milliarden Dollar hat der Film jetzt schon eingespielt. Und die Kassen klingeln weiterhin. Nicht nur weil immer mehr Zuschauer den Film ansehen, sondern weil so viele Menschen den Film immer und immer wieder sehen wollen. Die Flucht in die betörend schöne 3-D-Welt des Films mit Anleihen aus der Designwelt der Tiefsee und der chinesischen Huang Shan Gebirge scheint suchtbildend zu sein. Vielleicht ist es aber auch der kultisch inszenierte Erlösungs-Mythos am Ende des Filmes. (Mal sehen, wann „Avatar2“ kommt – und was dort passiert.)  

Erlösungs-Mythen auf Zelluloid oder genauer gesagt digitale Datenträger sind auf alle Fälle ein gutes Geschäft. Erster Prototyp war Neo (Keanu Reeves) in der „Matrix“-Trilogie. Er erlöste am Ende der drei Folgen der Wachowski-Brüder die in der Scheinwelt-Matrix gefangene Menschheit, indem er sich für sie opfert und sein Leben gibt.  

Pete Sebeck und der Daemon  

Der nächste Held, der denselben Weg geht, ist Detective Pete Sebeck, der Held des neuen Bestsellers „Daemon“ von Daniel Suarez (Rowohlt Taschenbuch Verlag). Ein Thriller über einen Computerspiel-Architekten, der die Welt zu einer Spielfläche für sein Rache-Programm Daemon und das damit aufgebaute Darknet macht. Ein Roman wie ein Compterspiel in Buchstaben. Die Bilder dazu muss sich der Leser vorerst selber denken. Aber das Buch ist eigentlich ein zu lang geratenes Film-Exposé. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es verfilmt wird. (Das Buch hat deutliche dramaturgische Schwächen, ist aber für Nerds, Gamer und Internet-Enthusiasten in seiner etwas verschwurbelten binären Welt-Philosophie durchaus ein intellektuelles Vergnügen.)  

Auch in diesem Werk muss der Held, hier Detective Sebeck, büßen und sterben – wie einst Jesus verraten von seinen Freunden – um dann wieder aufzuerstehen und in einer überkitschigen Erlösungsszene den Cliffhanger für das für 2011 angekündigte Sequel „Darknet“ zu inszenieren. Ein für Computerspiele ja ganz typisches Szenario. Der Cliffhanger, um zum nächsten Level vorzustoßen – und natürlich auch der Erlösungsgedanke. Stirbt man wird man ja auch nach „Game over“ wiedergeboren. (Na ja, ohne die Menschheit zu erlösen, zugegeben.) 

Internet als Erlöser  

Schon eigenartig, wie sehr Erlösungs-Phantasien gerade jetzt Konjunktur haben. Ein kurzer Blick in die Definition von Erlösung im wie immer so hilfreichen Wikipedia gibt einen guten Hinweis: „Im religiösen Sinn versteht man unter Erlösung einen Prozess oder einen Punkt des Heraustretens aus einem Zustand der Unfreiheit, Bedrängung und Entfremdung.“ Drei Symptome, die unsere Zeit und ihre Probleme sehr gut umreißen: Unfreiheit, Bedrängung, Entfremdung. Drei Symptome, aus denen das Internet in seiner anarchisch freien Form eine „Erlösung“ versprochen hat.  

Drei Gefahren, die dem Internet heute von den Regulationsbegierden der an Macht verlierenden Regulatoren drohen. In China, im Iran, in Nordkorea, aber auch in Australien und in der EU. Es ist schon reichlich kurios, wenn sich die amerikanische Regierung für die Freiheit des virtuellen Raums nicht nur in China, sondern wie zuletzt auch gegen Zensurpläne in Australien explizit einsetzen muss. Und Europa könnte die nächste Station sein. Obama kann im schlimmsten Fall dann in seiner esoterischsten Rolle glänzen: als Erlöser.

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