Wehleidigkeiten

28. März 2010

Der Mini-Jetlag der Nachrichten

Radionachrichten auf Bayern 3. Thema: Umstellung auf die Sommerzeit. Haupt-Tenor der Nachricht: Die Umstellung auf die Sommerzeit ist schädlich, viele Menschen bekommen eine Art Mini-Jetlag von der nächtlich „verlorenen“ Stunde . Vor allem Nachtschwärmer mit entsprechend spätem Aufstehen leiden darunter schwer.

Die Süddeutsche Zeitung präzisiert: Die „Eulen-Typen“, also nachtaktive Menschen, seien in ihrer biologischen Uhr besonders schwer gestört. Und das sieben Monate lang, bis die Uhr wieder zurück gedreht sei. Und hier malen dann Wissenschaftler wirklich ein Horror-Szenario: mehr Herzinfarkte, Monate von Schlafstörungen, Funktionsstörungen, vor allem der Leber usw.

Leben im Wattekokon

Meine spontane Assoziationskette zu dieser exzeptionellen Nachricht:

  • Wie schön und unproblematisch muss eine Welt sein, in der es solche Meldungen bis in die Nachrichten schaffen.
  • Wieviel Klicks mag wohl solch eine Online-Nachricht generieren? Genug, um die Kosten dafür zu decken?
  • Es gibt wohl keinerlei Unsinn, zu dem sich nicht irgendein Wissenschaftler bereit erklärt, eine beliebige Meinung mit Wissenschaftlerei zum Problem zu sanktionieren. Dahinter steckt dieselbe Publicity-Geilheit – hier nur naturwissenschaftlich verbrämt – wie in den Trash-Talks der nachmittäglichen Talk-Shows. (Ich habe das selbst real erlebt, als ich für den WIENER zum Thema „Waldi-Sterben“ die Umweltschädigungen von Haustieren bei Veterinären und Tierheilpraktikern recherchierte.)
  • Endlich weiß ich, dass ich zu den „Eulen-Typen“ gehöre. Klingt ja viel besser und dramatischer als der Satz, ich schreibe gerne auch nachts (also zum Beispiel jetzt).“, wie ich mein nachtaktives Treiben bisher beschrieben habe.
  • Wiegen denn 215 Stunden mehr Licht und möglicherweise Sonne, wahlweise zu verbringen in Biergärten, beim Sport, bei Freizeitvergnügen oder auch Nichtstun nicht einen Mini-Jetlag auf (vorausgesetzt man überlebt Herzinfarkt und Leberfunktionsstörungen etc.)?
  • Wie muss man sich den realen Alltag eines Lebens ausmalen, das durch eine absehbare Zeitverschiebung von einer Stunde außer Rand und Band geraten kann? Wie wattegepuffert und reizlos muss das sein. Und wie lärmend langweilig?

Wehleidigkeit rules!

Am Ende der Assoziationskette steht dann der tiefe Seufzer, wie viel Wehleidigkeit unsere Zeit umweht. Das kann ich gut beurteilen. Als kränkelndes Kind habe ich eigentlich die perfekte Grundausbildung zur körperlichen Wehleidigkeit durchgemacht. Aber zwei wirklich ernste Erkrankungen im Kindesalter haben mich davon nachhaltig geheilt. Später waren es dann weise Frauen, die mir alle Ansätze, rückfällig werden zu wollen, wirkungsvoll austrieben.

Viel schlimmer aber ist die mentale Wehleidigkeit.

Dieses erfindungsreiche Gespinst, das einen so wirkungsvoll von disziplinierter und munterer Arbeit abhält. Was gibt es nicht alles Wichtiges zu tun, zu erledigen, zu bedenken etc., bevor man sich endlich an die Tastatur setzt und den Denk- und Schaffensprozess beginnt. Wieviel Stunden sind da schon an kreative Wehleidigkeiten verschenkt worden!

Diese kreative Kraft, die immer neue Belohnungen für genialisch vollbrachte Nichtigkeiten einfordert. Kaum hat man ein paar Zeilen geschrieben, eine Präsentation skizziert oder ein Beet gejätet, fordert der Körper sofort Tribut in Form von Keksen, Getränken, Tee, Pause oder am besten Lob und Zuwendung.

Diese nagende Eitelkeit, die peinliche Attribute für das Missverständnis eines „erfolgreichen Lebens“ imaginiert. Mein Haus, mein Auto, meine Frau – und dazu Kinder, Hunde, Hobbys, Weine, Klamotten, Überzeugungen, Ehrgeiz… Was ist nicht alles wichtig genug, um vom wirklich Wichtigen abzulenken!

Diese schlampige Haltung zum Leben, die immer wieder Banales in den Mittelpunkt stellt, die es zulässt, dass Zeit mit abenteuerlichen Begründungen (vor einem selbst) sinnlos verprasst wird und die wild um Aufmerksamkeit buhlt, damit man nicht den Blick erfolgreich prüfend nach innen werfen kann/muss.

Diese narzisstische Untugend, das Ich zum Zentrum einer lieblos selbst gezimmerten Welt zu machen, und dann zu beschließen, darunter leiden zu wollen, dass einen all die anderen – die das genauso tun – nicht anhimmeln, loben, verehren, tätscheln und applaudieren wollen.

Diese schlaffe Einfallslosigkeit, die es so weit kommen lässt, solche Unerheblichkeiten wie die Umstellung der Uhr um eine Stunde in den Rang einer Nachricht zu erheben.

Frage: Ist es wehleidig, sich über so etwas noch empören zu wollen? Oder einfach nur angebracht?

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