Disco Center

26. März 2010

Analoge Abenteuer im Plattenladen

Êines der schönsten Abenteuer des Alltags, das München in den 70er- und 80er-Jahren bereit hielt, waren die Besuche im Schallplattenladen. Immer Grund genug, in die Innenstadt zu fahren, sobald genug Geld für einen Plattenkauf angespart war. Und dann der Check, ob die neue Ten Years After, die neue Yes oder noch besser, eine von King Crimson oder Van der Graaf Generator schon angekommen war. Und dieser erhebende Moment, wenn man einen der raren Abhörplätze ergattert hatte und dann in die Ohrhörer die ersten Ausläufer neuer musikalischer Landschaften – oder im Fall von King Crimson, Pink Floyd oder Led Zeppelin neue musikalische Kontinente zu entdecken waren.

Das erste Mal der legendäre Riff von Jimmy Page auf Whole Lotta Love. Was für eine Ungeheuerlichkeit damals. Anrührend, wie sich in der Gitarrero-Dokumentation „It May Get Loud“ Edge von U 2 und Jack White von The White Stripes wie kleine Jungs mit beseeltem Blick um Jimmy scharten, als der den Riff für sie spielte. Wie macht der das nur?

Die genauere Exploration neuer Platten fand dann zu Hause am eigenen Plattenteller statt. Aber der mythische Ort der ersten Entdeckung und der musikalischen Initiation, das war der Plattenladen: das Disco Center in der Sonnenstraße oder in der Leopoldstraße, oder auch mal der Lindberg, wo man in kleine Kabäuschen mit billigen Plattenspielern verbannt wurde. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn neue Songs, Sound und Bands zu entdecken waren.

Form follows function

Das Wühlen in den Massen von Longplayern oder bei den Sonderangeboten waren große Entdeckerreisen. Tolle neue Coversleeves verführten zum Hören unbekannter Bands, manchmal auch zum Kauf wenig gelungener Platten. Aber eigentlich war das schon die Vor-Schule der großen Weisheit „Form follows function“. Selten waren schlechte Platten in guten Covern – und umgekehrt.

Das war die Goldene Zeit der Rockmusik. Eine Zeit der analogen Töne und der ganz großen Emotionen. Mythische Orte, die heute nur noch in der Erinnerung existieren. Die späteren billigen Abklatsche der Platten, die CDs und die entsprechenden Vertriebshallen der WOMs und Saturns, die konnten nie dieselben Emotionen wecken. Sie waren nur noch Abgabeplätze von bisweilen durchaus gelungenen Produkten der Musikindustrie. Die Läden sind entweder auch schon pleite oder sie bauen nach und nach ihre Musikabteilungen ab. Kein Wunder. Sie waren nie wirklich tolle Orte der Exploration und der Entdeckung großer neuer Klangkombinationen.

Die Entdeckungen, die macht man heute im Netz. Bei Amazon & Co. in ärgerlich kurzen Klanghäppchen, auf MySpace in dem bisweilen lächerlichen Dschungel aus missglückten, billigen Grafiken. Besser sind da fast durchweg die Websites der Bands. Hier gilt ähnliches wie einst bei den Plattencovern. Selten haben schlechte Bands schlechte Websites – und umgekehrt.

Them Crooked Vultures

Aber seit Facebook und Twitter von etlichen Bands und Musikern kreativ, intelligent und extensiv genutzt werden, kehrt die Emotion und die Spannung der Entdeckung neuer Musik- und Video-Abenteuer zurück. Radiohead etwa nutzt die digitale Welt und ihre Marktmechanismen in beeindruckender Weise. Nicht nur, dass sie ihr letztes Werk „In Rainbows“ über das Netz vertrieben haben und jeder nur zahlen musste, wieviel er dachte. Immer wieder darf man neue Versionen entdecken, Konzertmitschnitte, neue Songs oder akustische Versionen, die Radiohead ins Netz stellen und per Facebook und Twitter promoten. Hier wird man Teil des Entstehungsprozesses und baut echte Loyalität und bleibende Emotionen auf.

Ähnlich gut, teilweise noch kreativer spielen Them Crooked Vultures, die Supergroup von John Paul Jones (Led Zeppelin), Dave Grohl (Nirvana, Foo Fighters) und Josh Homme (Kyuss, Queens of the Stone Age), mit den Möglichkeiten der digitalen Welt. Noch bevor die Platte in den Handel kam, waren alle Songs eine Woche lang komplett gratis auf YouTube als Soundfiles zu hören. Da war ich fast wieder in die gute alte Zeit der Plattenläden versetzt. Hier durfte ich für lau alle Songs ein erstes Mal entdecken (und was für tolle Songs) – um dann natürlich gleich die CD zu ordern und das Ticket zum Live-Konzert. Dann folgte der Live-Auftritt der Band im Rockpalast, der wunderbare, perfekt abgemischte Live-Versionen der Songs und zusätzliches Material präsentierte.

Mittlerweile hat die Band auch in den Studios der BBC gespielt und die Ergebnisse in Radiosendungen und als Video verewigt. Neue Konzerte werden per Twitter angekündigt, ebenso neues Videomaterial auf YouTube oder auch regionale Rabatt-Aktionen für MP3-Downloads. Man hat viel Spaß und immer wieder neue interessante News und neues Material als Fan der Band. Man ist in den Entstehungsprozess eingeweiht. Das schafft Nähe, Loyalität und hohe Emotionalität. Eine Nähe, die es einst in den goldenen Zeiten der Rockmusik nicht gab.

Massive Attack

Ähnlich gelungen ist das Spiel von „Massive Attack“ mit den Digitalen Medien und den digitalen Möglichkeiten. Das neue Album „Heligoland“ ist mit seinen nur auf Facebook zu hörenden Remixes und tollen (per Twitter und Facebook) promoteten Videos und immer interessanten News und Fotos von der Tour perfekt über Social media in den Markt gebracht. Auch hier wird perfekt Nähe geschaffen und es werden Verbindungen auf Dauer aufgebaut.

Marketeers dieser Welt, nehmt euch ein Beispiel an diesen kreativen Wegen, in der digitalen Welt mit Social Networks erfolgreich zu promoten, zu verkaufen und Kundenbindung aufzubauen. Mit ähnlich magischen Momenten wie einst in den geweihten Hallen der Schallplattenläden. Aber das setzt einen lebendigen und kreativen Umgang mit Content voraus. Denn nur damit kann man auf der Klaviatur der Social Media sinnvoll spielen und gewünschte Effekte bei Konsumenten erreichen.

2 Responses to “Disco Center”

  1. Hubertus von Lobenstein Says:

    Lieber Michael Konitzer, als alter Vinyl-Fan und immer noch im Besitz von rund 1000 Vinyl-Scheiben, von denen ich mich nicht trennen mag, selbst wenn ich zum Anhören den Schallplattenspieler jedesmal neu aufbauen muß: Genauso ist es!! Allerdings finde ich in zunehmendem Maße auch jenseits des Mainstreams eine Heimat bei i-tunes. Deren Infos zu Bands, insbesondere auf der amerikanischen Seite werden immer besser. Und wenn man von Mendelssohn bis Metallica unterwegs ist, dann bietet i-tunes wirklich auch spannende Entdeckungstouren. Ich weiss, ich weiss, das ist musikalische Häppchenkultur, aber kann auch anregend sein…Und nein, ich arbeite nicht in Apples PR-Abteilung…..;-))

    • konitzer Says:

      Ich gehöre eher der Amazon-Fraktion an. Die Artikel dort plus das vielfältige User-Feedback helfen mir sehr gut, meine Lieblings-Downloads festzumachen. Aber die besten Tipps zu ganz neuen Bands finde ich – seit Pandora in Europa nicht mehr funktioniert – bei CD-Baby. Guter Tipp. Deren Tonalität bei CD-Beschreibungen und vor allem beim Shipping ist unübertoffen. Der größte Teil meiner Plattensammlung (Vinyl) ist irgendwann beim vierten Umzug in den Secondhand-Plattenladen gewandert. Das waren damals stolze 8.000 + Stück. (Als Musikredakteur, der ich ja auch immer nebenbei war, hat sich da sehr viel angesammelt.) Manchmal bereue ich den Schritt, aber mehr wegen der Cover als wegen des Vinylklangs.


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