Mind Refresher

21. März 2010

Vilém Flusser, Louis Bec: „Vampyroteuthis Infernalis“ 

Was für ein Buch. Ich muss es irgendwann in den frühen 90er-Jahren entdeckt haben. Es ist mir in seinen Bildern bis heute unvergessen. Es ist eines der ganz wenigen Bücher, die mich und meine Sicht der Dinge besonders nachhaltig geprägt haben. Geschrieben hat es Vilém Flusser (mit Illustrationen von Louis Bec) und trägt den Titel: „Vampyroteuthis Infernalis“ (European Photography). Es ist im Grunde der biologische, kulturkritische, philosophische Vergleich des Menschen – homo sapiens – mit dem Tiefseeoctopus der Gattung „Vampyroteuthis Infernalis“. 

Vampyroteuthis Infernalis

 

Das Buch ist aber viel mehr. Es ist eine extrem ergiebige Mixtur einer sehr unsentimentalen Anthropologie samt ausgiebiger Reflexion der Gattung Mensch und seiner Gattungsgeschichte. Er wird extrem detailliert beschrieben und analysiert im Spiegelbild des ihm auf den ersten Blick extrem entgegensätzlichen Tieres, des Tiefseetintenfisches Vampyroteuthis Infernalis. Dieser Oktopus lebt in mehreren tausend Metern Tiefe am Boden der Ozeane. Er lebt, durch den Druck des Wassers bedingt, kopfüber. Er ist ein hauptsächlich auf Kopf, Mund, Tastwerkzeuge und Sexualorgane reduziertes Tier, das für seine Größe ein unglaublich großes Gehirn mit einer dem Menschen nicht unähnlichen Struktur hat. (Ein Video von dem Tier findet sich auf Spiegel Online.) 

Das Buch ist in all seiner Kürze aber auch noch eine ungewöhnliche Kulturgeschichte des Menschen (und des Oktopus), ein Philosophie-Exkurs, eine Evolutionsgeschichte, ein Biologiebuch, ein riesiger Bildungskanon, eine intensive Sprachkritik und ein Ausblick auf die (digitale!) Zukunft.  (Das Buch ist1987, in Vor-Internet-Zeiten geschrieben!) 

Zitat: „Vampyroteuthis ist ein Weichtier, das derart komplex ist, dass es sich gezwungen sieht, zu Wirbeltierstrategien zu greifen und einen Schädel auszubilden. Wir sind Wirbeltiere, die derart komplex sind, dass sie sich gezwungen sehen, zu Weichtierstrategien zu greifen und immaterielle Kunst auszubilden. Unser Interesse an Objekten beginnt zu schrumpfen, wir sind dabei, Medien herzustellen, durch welche hindurch wir menschliche Gehirne vergewaltigen, um sie zum Speichern immaterialler Informationen zu zwingen. Wir bilden Chromatophora (Fernsehen, Video, synthetisierende Bilder übertragende Computermonitore), mit deren Hilfe die Sender die Empfänger lügnerisch verführen – eine Strategie, die in Zukunft zweifelhadt ,Kunst‘ genannt werden wird.“ 

Vorsicht: Fremdwort-Katarakte 

Mir hat das Buch eine völlig neue Sicht auf uns Menschen gegeben. Es holt uns von unserem Sockel der Selbstüberschätzung und zeigt in griffigen Bildern unseren Weg an die Spitze der Evolutionsentwicklung. Im Vergleich zum uns gar nicht unähnlichen Gegenpart werden unsere Denk- und Verhaltensmuster glasklar deutlich. Es konterkariert so unsere vermeintliche Großartigkeit und reflektiert genial unser Hulturgeschichte und Kultur-Zukunft. 

Kaum ein anderes Buch ist bei jedem neuen Lesen wieder solch eine Erfrischung für den Geist wie dieses kleine Heftchen. So kurz der Text ist (71 Seiten), so ergiebig ist er. Es ist unglaublich, wie viele schöne Beobachtungen, kluge Gedanken, wilde Thesen und intelligente Assoziationen Vilém Flusser in dem Text versammelt hat. Er ist dabei wunderbar flüssig und witzig geschrieben, aber dennoch nicht leicht verdaulich. Zu viele Ideen sind hier auf engstem Raum miteinander verwoben, und die Fremd- und Fachwortdichte ist so dicht wie kaum sonstwo. Ein Lexikon sollte da schon zur Hand sein, noch besser: Wikipedia. 

Aber der Aufwand lohnt sich. Denn Flussers Gedanken sind nur auf den ersten Blick verschroben. Sie sind ganz klare Bilder, die die Sicht auf uns Menschen und seine Kultur und sein Denken und Handeln so einleuchtend und dabei sympathisch und wohlwollend schildern. Man wird kein anderer Mensch nach Lesen dieses Buches, aber man wird nie mehr sein wie zuvor. (Mit diesem Paradoxon schalten wir zurück in die angeschlossenen Unk-Häuser.) 

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One Response to “Mind Refresher”

  1. nickruegsegger Says:

    Habe heute wieder einmal Pulpo gekocht und wie jedesmal ist mir dabei Flusser und sein Buch in den Sinn gekommen. Habe mich gefreut dass ich nicht der einzige bin der das Buch kennt. Kurz vor seinem tragischen Unfall lernte ich Flusser bei einem Vortrag in Bern kennen. Heute arbeite ich in der it Branche und bin immer noch sehr beeindruckt von seinem Weitblick bezüglich Internet!
    LG Toni


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