Bigotterie rules

16. März 2010

Zwei Göttern sollst Du dienen!

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich ziemlicher Experte in Sachen Bigotterie bin. Wer in einer Reihenhaus-Siedlung des katholischen Siedlungswerkes aufgewachsen ist und eine lange Karriere als Ministrant (bis zum Oberministranten) hinter sich hat, der kennt sich da aus. – Nein, hier kommt kein Bekenntnis für irgendwelche Übergriffe sexueller Natur. Im Gegenteil! Ich habe die Zeit in kirchlich-katholischen Jugendorganisationen nur bestens in Erinnerung. Da gab es damals in den 60-er und 70-er Jahren sogar extrem liberale Patres und Priester, die vor allem eines im Sinne hatten: nachdenkliche, lebensfrohe und offene Menschen zu erziehen. Wenn sie dann auch noch gebetet haben, war es fein. (Haben wir eher nicht.)

Schlimmer war das Alltagsklima in der katholischen Siedlung. Hier war die Selbstgerechtigkeit zu Hause. Da man ja brav jeden Sonntag in die Kirche ging und freitags kein Fleisch aß, konnte man sich sonst jede – wie es so schön hieß – „lässliche“ Sünde leisten. Das reichte von Besserwisserei und Gängelung, übler Nachrede und Tratscherei bis zu Nachbarschaftskriegen mit Stacheldraht zwischen den handtuchbreiten Gärten. War ja nicht weiter schlimm das alles, konnte man ja am nächsten Wochenende beichten, Absolution war garantiert.

Die ganz hohe Schule der Bigotterie ist die Selbstgerechtigkeit. Wenn man aus der Position einer – natürlich vermeintlichen – moralischen Überlegenheit andere abqualifiziert. Den Höhepunkt solch hohler Moralität habe ich aus der Gymnasiumszeit in Erinnerung. Unser geliebter, junger Religionslehrer hatte sich auf dem Faschingsball der Schule als freakiger Militärseelsorger á la M.A.S.H. verkleidet, samt Eisernem Kreuz, das er als 15-jähriger in den letzten Kriegstagen umgehängt bekommen hatte; die sonst sorgsam über seine Glatze drapierten Haare als lange Matte bis auf die Schulter herabhängend nach hinten gekämmt.

In der nächsten Religionsstunde legte sein Chef und zugleich offizieller Religionsbeauftragter des Kultusministeriums mit großer Geste sein Eisernes Kreuz auf den Tisch und wetterte gegen den Nestbeschmutzer soldatischer Ehre und Tapferkeit . Ausgerechnet dieser Religionslehrer, der sein Leben lang im Kirchensinn gegen die Unmoral und für sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt hatte, verliebte sich im Jahr seiner Pensionierung dann in seine Krankenschwester, ließ das Zölibat Zölibat sein und heiratete. Ihm haben wir diese Befreiung von sexueller Verklemmung nun wirklich nicht gegönnt…

Giftspritzen im Anschlag

Wer aber Bigotterie nur als typisches Phänomen kirchlicher Kreise vermutet, irrt gewaltig. Der Glauben mag gelitten haben, die Selbstgerechtigkeit und die Bigotterie haben andere Moralinstanzen als neue Heimat gefunden. Die Medien sind voll davon. Der Fall der Bischöfin Käßmann ist da ein gutes Beispiel. Ihren Rücktritt dürften einige schwer bedauert haben, die schon ihre Giftspritzen bis zum Anschlag gefüllt hatten. Das hatten sich die Moraloberaufseher z.B. von BILD sicher anders gedacht.

Ein anderes kurioses Exempel von Bigotterie findet sich in einer Untersuchung der Universität Toronto wieder, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet: Menschen, die bewusst Bio-Produkte kaufen, nehmen sich auf der Basis dieser moralischen Überlegenheit dann in Tests durchaus das Recht heraus, ihre Mitmenschen mies zu behandeln. Schlechter auf alle Fälle als Non-Bio-Käufer. „Moral Credentials“ nennen die Psychologen diese irrtümliche Neigung, sich aus der Position einer moralischen Überlegenheit anderswo mehr herausnehmen zu dürfen. Moderner Ablasshandel sozusagen.

Die Herkunft des Begriffes „Bigotterie “ ist strittig. Sie finden sich in der Beschreibung der Normannen in England, die wohl als Christen im Übermaß die Phrase „bei Gott!“ gebrauchten. Ich habe den Begriff immer als „Diener zweier Götter“ missverstanden: dem offiziellen religiösen Gott auf der offiziellen Ebene und dem eigenen Ego und seinem sich selbstständig gemachten Wertesystem. Aber so falsch lag ich damit wohl nicht. Denn Narzissmus spielt hier auf alle Fälle herein: Selbstüberhöhung, Selbstgerechtigkeit und überzogene Selbstwahrnehmung sind die originären Zutaten für Bigotterie.

Gegenmittel Gleich-Gültigkeit

Und damit sind wir abschließend wieder einmal bei unserem Lieblingsopfer gepflegter Häme, dem Außenminister-Darsteller (Zitat Spiegel Online): Guido W. Es ist auch Bigotterie, wenn man seinen Gegnern munter vorwirft, mit Kritik zu verleumden und das auch noch als Schwulenfeindlichkeit abzutun. Wer so denkt, der wackelt bedenklich auf dem Kothurn seines selbst gezimmerten Moral(in)-Systems. So kann man auch als Schwuler schwulenfeindlich agieren.

Ob ich ein Gegenmittel gegen grassierende Bigotterie weiß? – Ich empfehle da dringend Gleich-Gültigkeit. Ein bewusstes und reflektiertes (!) Gleichstellen unterschiedlicher Wertesysteme und dazu eine gesunde Dosis „Demut“, d.h. ein Hintenanstellen persönlicher Wichtigkeit und eigener Interessen. Ist nicht leicht, zugegeben, schon gar nicht für Politiker. Wie das geht hat Margot Käßmann vorbildlich vorgemacht.

2 Responses to “Bigotterie rules”

  1. monologe Says:

    Genau! Es ist ja nicht so, als ob andere „Orthodoxien“ nicht dasselbe Problem hätten bzw. bereiten würden. Ich bin in der DDR aufgewachsen und was Selbstgerechtigkeit, Bigotterie etc.pp. angeht, kaum Unterschiede. Meine ich. Aber Gleichgültigkeit? Es kann wegen dieser Methode aber zu einer Situation kommen, in der Gleichgültigkeit zum Mittun wird und Mitschuld auslöst. Am Westerwelle etwa kann man sicher einiges ablesen. Der Mann verkörpert die Unverschämtheit seines Geheimnisses: die Vorabselektion ehe es ernst wird. Gebrauchsfähig – nicht gebrauchsfähig. Er drückt den Stempel, wenn er von „linkem Zeitgeist“ redet. Die ihm „den Schneid“ nicht abkaufen können – wer sind die? Die nicht FDP wählen jedenfalls. Alles links der FDP. Lächerlich also. Sicher, man wird lange suchen müssen, um Dümmeres zu finden, das für so wichtig gehalten wird. Und das ist eben die Gefahr. Da ist es wenig tröstlich, dass heutzutage der Hitler allgemein als lächerlich angesehen wird. Kunststück. Na, man wird sehen. Danke für diesen Artikel.

  2. konitzer Says:

    Bitte genau auf die Schreibweise achten! Gleich-Gültigkeit ist nicht Gleichgültigkeit. Das eine meint eine Offenheit etwa zwischen verschiedenen Wertemaßstäben und subjektiven Einschätzungen, das andere nur eine schnöde Wurstigkeit. Letzteres meine ich gerade nicht!


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