Fremdstolz als neue Erfahrung

14. März 2010

Lena Meyer-Landrut macht Deutschland stolz 

Wir sind inzwischen in Deutschland schon ganz gut im Fremdschämen geworden. Genug Übung haben wir ja, dank Dschungel- und Casting-Shows, den Selbstentblößungen  der Talk- und Realitysendungen und all dem Schrott des Billig-TV. Spezielle Formate haben sich darauf geradezu kapriziert: Sasha Cohen mit „Borat“ und „Brüno“ und auch „Jackass“ haben es bis ins Kino geschafft – und gerade auch Stefan Raab holt sich die Mehrzahl seiner Gags aus der billigen Schublade der Schadenfreude über mediale Selbstentblößung. 

Lena Meyer-Landrut

Lachen ist schon seit je her eine wirksame und gesellschaftlich akzeptierte Methode, mit unangenehmen und peinlichen Situationen fertig zu werden. Mit solch „operativem“ Lachen werden selbst schmerzhafteste Wahrheiten auszusprechen gewagt und unangenehmste Situationen irgendwie erträglich gemacht. Längst aber ist dieses Lachen instrumentalisiert und zum willkürlichen Belustigungsinstrument degeneriert. Man lacht, weil es peinlich ist, nicht weil witzig. Mario Barth erntet so den Großteil seiner Lachsalven. Man lacht über die Peinlichkeit der anderen und vergisst, dass man auch immer selbst der andere ist.  

Zeitalter der Peinlichkeiten 

Die Gelegenheiten für Peinlichkeiten sind so hoch wie noch nie zuvor. Unser Wissen, unsere Kultur, unser Lifestyle und der Zeitgeist entwickeln sich so schnell und auf so vielen Ebenen gleichzeitig, dass es so gut wie unmöglich ist immer State of the Art zu sein. Entsprechend oft ist man mal peinlich – und noch nie war die Wahrscheinlichkeit so groß, dass solch ein Moment per Foto oder gar Video festgehalten wird. 

Das trifft auf ganz besondere Weise auf die Politiker zu. Bei Lübke ging das los, die erste große Hochzeit erlebte das Fremdschämen bei „Birne“ Kohl. Nach kurzer Pause dank Maßanzüge tragender rot-grüner Koalition häufen sich wieder die Anlässe, sich auch beim Zusehen der Tagesthemen vor Scham unter der Couch verstecken zu wollen. Dazu braucht es nicht allein krass peinliche Situationen. Forsch gelebte Wichtigtuerei und forcierte fehlende Authentizität reichen dazu schon. 

Die Begriffe „Fremdschämen“ oder „Fremdscham“ sind recht moderne Spracherfindungen. Sie sind eigentlich erst nach der Jahrtausendwende in Gebrauch gekommen. Die Sprachschöpfung des „Fremdschämens“ wird ausgerechnet Harald Schmidt, dem letzten „schamlosen“ Spötter und dem in seinen besten Momenten souveränen Tabuverletzer zugeschrieben. (Toll zu dem Thema auch Jan Delays Song „Überdosis Fremdscham“.) 

Bevor dieses plastische Sprachbild in Gebrauch kam, hieß das unangenehme Gefühl, wenn man sich für die Peinlichkeit eines Anderen schämte bezeichnenderweise „narzisstische Scham“. Der narzisstische Effekt ist offensichtlich. In einer Welt, in der allein ICH im Zentrum stehe (was das Ideal jedes Narzissten ist), bezieht sich jede Gegebenheit auf mich. Ist also etwas in meinem Umfeld massiv blamabel, beziehe ich das unvermittelt auf mich – und schäme mich für ihn und über ihn. 

Fremdstolz statt Fremdscham 

Nun zeigt aber ausgerechnet der Großmeister der Fremdscham-Schadenfreude, Stefan Raab, dass die Fremdscham auch noch eine hübsche Schwester hat: der Fremdstolz bzw. das Fremdfreuen. So geschehen in Raabs Eurovisions-Casting „Ein Star für Oslo“. Die Entdeckung der singenden Märchenfee Lena Meyer-Landrut (so heißen Feen in Deutschland nun mal) hat eine seltene Allianz der kollektiven Freude, der kollektiven Sympathie und eines eigenartigen Stolzes ausgelöst. 

Nach dem Sieg der verspielten, phantastischen wie phantasievollen und dabei selbstbewussten Lena war das Presseecho einhellig begeistert. Sogar die BILD, sonst DSDS verpflichtet und dem Springer-allergischen Raab eher in Feindschaft verbunden, schrieb eine Liebeserklärung an Lena. Twitter explodierte fast mit positiven Affirmationen. Auf der Fanwebsite bei Facebook verdoppelte sich die Zahl der Fans innerhalb von 12 Stunden von 13.000 auf 26.000. Lena führt mit ihren drei Songs aus dem Finale binnen Stunden alle Musik-Download-Plattformen an. 

Und das wohlgemerkt mit einer Musik, die so noch nie in deutschen Charts irgendeine Chance gehabt hat. Mit einem schräg-verspielten Auftreten, das sich so – wohltuend – von aller sonst verbreiteten Langeweile unterscheidet, die sich gerne Professionalität nennt. Hier ist ein Phänomen zu beobachten, das ich als „Fremdstolz“ bezeichnen würde. Deutschland ist stolz darauf, dass es hierzulande eine so nette und dabei nie anbiedernde junge 18-Jährige gibt, die wunderschön versponnene Geschichten zu erzählen weiß und deren Sprache so „derb“ bildreich ist. Deutschland freut sich über sich selbst, dass man doch noch nicht verlernt hat, Ereignisse jenseits der Norm gut finden zu können. Die Hoffnung ist: Sind wir nicht alle ein bisschen Lena?

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