Biografische Exit-Strategien

5. März 2010

Das Dilemma – wie kommt man aus der Nummer raus?

Einer meiner Lieblingsautoren, wenn es um Action-Filme in Buchform geht, ist Lee Child. Perfekt, wie er das Format seines Helden Jack Reacher und seiner Romane gestaltet hat. Innerhalb dieses klar gesteckten Areals lässt er dann seiner Phantasie und seinem Einfallsreichtum freien Lauf.

Lee Child beschreibt seinen Schreibstil so: Er erfindet eine spannende, außergewöhnliche Situation, in die er seinen Helden aussetzt. Dann lässt er der Geschichte bis zur Mitte des Romans ihren Lauf (und dabei viel Fahrt aufnehmen), und die zweite Hälfte der normalerweise 500 bis 600 Seiten verwendet er dann darauf, einen sinnvollen und befriedigen Schluss zu finden. Normalerweise gelingt es ihm ganz gut, dass sein Held gut aus der Nummer, die ihm sein Autor eingebrockt hat, heraus kommt.

Im realen Leben ist das nicht so einfach. Wer sich da ein falsches Drehbuch geschrieben hat – oder hat schreiben lassen – für den kann es sehr schwer werden, aus seiner Nummer wieder herauszukommen. Exemplarische Beispiele finden sich gerade zuhauf: Riekel, Amerell, Westerwelle… Das Dilemma ist, dass es in der Medienwelt von heute kaum mehr brauchbare Exit-Strategien gibt für Menschen, die sich heillos verrannt haben. Die simpelste und glaubwürdigste Lösung verbietet sich leider von selbst, einfach zu sagen: „Sorry, ich habe mich geirrt!“ Oder: „Wir haben verstanden!“

Es ist ja kein Zufall, wenn jemand in eine prekäre Position (inhaltlich, nicht institutionell) geraten ist. Entweder hat er eine andere Agenda als die Mehrheit der Journalisten – oder schlimmer der Menschen, draußen im Lande. Griffiges Beispiel ist Westerwelles Versuch, die Umfragewerte mit Angriffen auf Hartz IV zu verbessern. Ganz grausam ist es, wenn der Zeitgeist sich so markant dreht, dass es Beteiligte in ihrer Binnenwahrnehmung nicht mehr mitbekommen. Schönes Beispiel Riekel und ihre juristische Replik an Künast. Es geht eben nicht mehr um das verbriefte Recht, mit glitschigen Liebesstories Auflage zu machen, sondern um einen desaströsen Imageverfall von Journalismus und eine schlimme Banalisierung von Politik.

Drei Stationen U-Bahn-Fahrt

Und es kommt noch die persönliche Komponente hinzu. Politiker, Journalisten und Medienprominenz leben alle in einem unguten Kokon, der eine vernünftige Selbstwahrnehmung fast unmöglich macht. Guido Westerwelle missversteht die Zustimmung einer BILD wohl tatsächlich als Lebenswirklichkeit.

Tom Schimmeck bringt das Problem im Interview im aktuellen „Journalist“ (leider – und bezeichnenderweise nicht online!) auf den Punkt: „Wirklichkeitskontakt? Regelmäßige Ausflüge drei, vier Stationen mit der U-Bahn in eine beliebige Richtung? Das wäre ein Anfang, für den man Zeit aufbringen müsste.“ Eine leider nicht mehr praktizierte Exit-Strategie. Da sind schon die Bodyguards vor. (Der letzte passionierte U-Bahn-Fahrer in der Politik war wohl Hans-Jochen Vogel.)

Das zweite Problem ist die psychologische Komponente. Politiker, Journalisten und Medienprominenz stehen ja nicht zufällig im Rampenlicht. Sie wollten ja dort hin. Entsprechend ist ihre psychische Grundausstattung: narzisstisch bis hoch-narzisstisch. Und für einen Narzisst bricht per definitionem eine Welt zusammen, wenn er einen Fehler eingestehen müsste. Falsch: er kann ja gar keine Fehler machen, weil ja großübermächtig. Die Welt ist falsch, nicht er selbst. Aber die Idee, dass sich die Welt ändert, nur damit ein selbst-gerechter Mensch recht behalten darf, ist auch keine gangbare Exit-Strategie.

Ich habe einmal in meinem Leben das Vergnügen gehabt, Jörg Haider zu interviewen. Ich war dafür wohl so gut vorbereitet wie noch zu keinem Interview zuvor. Und ich kann nicht behaupten, dass ich in dem Interview gewonnen hätte. Man kann keinen Pudding an die Wand nageln – und keinen rechten, liberalen Populisten auf eine Position festlegen, um von dort aus mit ihm zu streiten. Die Weltlage ist für solche Menschen ein Konstrukt, das je nach Bedarf und Laune interpretiert werden darf.

Die Frage an Haider, auf die ich vorweg am meisten stolz war, lautete so. „Wenn Sie, Herr Haider, in Afrika geboren wären oder auf dem Balkan, so fit und ehrgeizig wie Sie sind, Sie wären doch der erste, der sich auf den Weg macht, illegal in Europa einzuwandern!“ Haiders trockene Antwort: „Genau vor denen müssen wir uns hier in Europa schützen!“ – Eben.

Die letzte Hoffnung: Genscher oder Neo

Wie also könnte eine funktionierende Exit-Strategie aussehen? Irgendwelche Peinlichkeiten von wegen „Missverständnis“ oder „missverstanden“ schließen sich längst aus. Auch die beliebte Medienschelte ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr glaubhaft: …falsch interpretiert worden…“. Der Gang nach Canossa ist (für Narzissten) sowieso nicht gangbar. Bleibt als einzige Hoffnung Hilfe von außen. Bei Westerwelle: bitte, heiliger Dietrich (Genscher), hilf! Bei Riekel könnten ja Spin-Doktoren des Burda-Verlages hilfreich einschreiten. Bei Amerell? Schwierig, nachdem Kerner jetzt schon mal ausfällt. Collina?

In Filmen, die aus einem Plot nicht mehr vernünftig herausfinden, ist ja der Trick sehr beliebt, dass der Held am Ende aus seinem Alptraum, den er die 90 Minuten zuvor gehabt hat, aufwacht. Fragt sich, wer weckt uns? Neo, Ihr Einsatz bitte…

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