Berufskrankheit Zynismus

2. März 2010

Die „Bunte“ und ihre Politikerüberwachung

Der Journalismus fördert allzu oft eine schlimme Gemütskrankheit: den Zynismus. Definieren wir diese Berufskrankheit hier einmal als fatale Wirkungskette einer
●  rabiaten Entwertung aller Werte
●  diebischen Freude über die daraus entstehende Freiheit
●  Missbrauch dieser zur Gewinnung skandalöser bis komisch-absurder Situationen
●   und das ohne jeden Versuch eines irgendwie gearteten neuen Werteüberbaus. – Es sei denn, man will eine Auflagenzahl oder damit verbundenes Renommee oder Gehalt als Wert missverstehen.

Ich tue mir leicht, über Zynismus zu schreiben. Ich war auch schon schwer von dieser Mismundialität angekränkelt. Ein verständlicher Kollateralschaden in einem Berufsstand, der sein seelisches Gleichgewicht zwischen Urzweifel (das leere Blatt) und Hybris und Narzissmus (das gefüllte Blatt) zu finden hatte. Und in einer vor-Digitalen Zeit, als man noch Texte linear per Stift oder Schreibmaschine zu Blatt zu bringen hatte, war der Triumph eines gelungenen Textes immens. Und er wurde nie von irgendwelchen Nutzungszahlen, Bewertungen oder gar User-Kommentaren geschmälert. (Das ist erst heute der Fall und ein massives Problem für alle Berufs-Zyniker.)

Der zweite große Auslöser von Zynismus ist die tiefe Enttäuschung und die herbe Frustration, dass man als Journalist so oft mehr weiß als man schreiben darf oder kann. Weil politischer Druck entgegen steht, persönliches Desinteresse eines Vorgesetzten, die Recherchelage zu dünn ist – oder schlicht das Publikum (angeblich) nicht daran interessiert ist. Daran geht schnell einmal der glühendste Idealist – buchstäblich – vor die Hunde. (Zynismus leitet sich vom altgriechischen κυνισμός ab und meint „Hündischkeit“ – oder etwas charmanter „Bissigkeit“.)

Ich habe recht – und du bist doof

Das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen diese Gemütsverkümmerung ist die Recherche. Je besser und je erfolgreicher sie ist, desto besser kann man Fakten sprechen lassen und um so weniger muss man Meinungshuberei betreiben. Auffallend ist, dass die besten und fleißigsten Rechercheure selten Zyniker werden. Wer es mit der Recherche nicht so hat, dem bleibt dann nur die gepflegte Hybris und dessen häßliche Schwester Zynismus.

Kurt Kister, der Großmeister des reflektierten Zynismus, hat so unrecht nicht, wenn er, wie jetzt in der SZ am Wochenende, sich selbst zitiert: „Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, „Politik“ komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie „ich habe recht“, wohingegen „Feuilleton“ aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt „ich habe recht und du bist doof“ heiße.“ – Leider trifft letzteres beileibe nicht nur auf Feuilleton-Journalisten zu, sondern auf eine valide Grundmenge, vor allem der Edelfedern.

Die hohe Schule der Recherche und ein besonders geeignetes Gegenmittel zum Zynismus ist der investigative Journalismus. Auch den habe ich ja lange Jahre betrieben und nicht nur für hehre, schwere  Themen, sondern bisweilen auch zum Amüsement aller Beteiligten, Journalisten und Leser. Aber immer steckte bei diesen Recherchen unter Einsatz der eigenen Person wenigstens ein Mehr an aufklärerischem Ehrgeiz als zynischem Vergnügen. Vor allem aber war damals – in den 80-ern und 90-ern – die Tabuzone klar definiert: die Privatsphäre der Recherche-„Opfer“. Nur was wirklich gesellschaftlich – oder nennen wir es „politisch“ – relevant war, wurde auch geschrieben, alles andere (und das war viel!) blieb unter Verschluss.

Politik mit A-Politischem

Aus dieser Position entsetzt die Recherchepraxis der „Bunten“. Da wird ganz gezielt nur im Privatleben recherchiert – und das dann auch noch an Detektive outgesourct. Die können ja gar nicht irgendwelche inhaltliche, sprich journalistische Relevanz einschätzen. Sollten sie wohl auch nie. Es ging nur um Bettgeschichten und deren vermeintliche Leserattraktion.

Wir wissen, wie gerne und erfolgreich mit Bettgeschichten Politik gemacht wird. Ein seriöser Politiker wie Theo Waigel wird so ganz berechnend abgeschossen, ein nicht so seriöser wie Horst Seehofer zumindest angeschossen. Willy Brandt ist der Jagdmeute nur durch Rücktritt entkommen. Andere haben ganz kregel überlebt: Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder auch Christian Wulff.

Darum geht es der „Bunten“ aber wohl kaum. Hier werden viel mehr die schon fast pubertären Erotik-Phantasien verklemmter Medienmacher ausgelebt. Wer sich mal ein paar Tage im Kreis verdienter Journalismus-Kollegen bewegt, bekommt massenhaft Tatsachen und Fakten erzählt, die bei Licht besehen nur Tratsch und Gerüchte sind. Der treibt es mit der, diese mit jenem. Der ist schwul und diese Lesbe. Diese Ehe ist im Eimer, jener ist jener hörig. Und alles ist so belanglos, und wenn es denn stimmen würde, dann nur reinste Privatsache der Beteiligten.

Die Idee, dass Oskar Lafontaine etwas mit Sarah Wagenknecht haben könnte, ist solch ein typischer Wunschtraum permapubertierender Berufszyniker. So sehr Klischee, dass es weh tut: die Linke, ein Sündenpfuhl! Solche Dümmlichkeiten verbietet sich mindestens seit den 60-er Jahren selbst die CDU ! Und selbst wenn es wahr wäre, so what? Wenn einer nie einen Hehl aus seiner Genussfreude gemacht hat, dann Oskar. „Und das ist gut so!“ – um es mal mit Klaus W. auszudrücken.

Aber der Verdacht liegt schon nahe, dass hier die „Bunte“ hunderttausende von Euro für inhaltliche Banalitäten einer Liaison, und sei sie erotisch, ausgegeben hat, damit vielleicht anderswo mit diesen Fakten, Fakten, Fakten Politik zu machen versucht wird. Die Attacke des „Stern“ zielt doch sicher nicht nur auf ein so niedliches journalistisches Schoßhündchen, wie es die „Bunte“ nun mal ist. – Ach ja, apropos Zynismus, das Hündische – ist es nun schon so weit? Dog eat dog!

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10 Responses to “Berufskrankheit Zynismus”

  1. jose redondo-vega Says:

    gut gebrüllt. das waren sehr sicher sehr andere zeiten

  2. Jeeves Says:

    “Und das ist gut so!”
    Typisch Journalist, möchte man sagen. Das Zitat ist falsch. Es fehlt ein „auch“.
    Ansonsten: Fein beobachtet.

    • konitzer Says:

      Typisch Journalist – alle Füllwörter weglassen 😉

      • konitzer Says:

        Es gibt den kleinen, aber wichtigen Unterschied zwischen Kynismus und Zynismus. Ersterer will durch Sarkasmus und Entschlossenheit die Welt verbessern, zweiterer nur das eigene Mütchen kühlen.

  3. sayadin Says:

    Die Dinge sind weder gut noch böse, das Denken macht sie erst dazu.
    Es gibt Situationen in denen Zynismus durchaus angebracht ist. Die Arroganz und Rücksichtslosigkeit der herrschenden Klasse, ob Politik, Religion oder Geldadel verletzt viele Teile der Gesellschaft und mit Zynismus wehrt man sich.
    Obwohl ich die Vorstellung vom Barrikadenbau viel sympathischer finde.

    No Passeran, compangeros

  4. Leserin Says:

    Sehr interessant.
    Aber was heißt denn „kregel“? („Andere haben ganz kregel überlebt: Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder auch Christian Wulff.“)

  5. sexliebesinn Says:

    Ein sehr guter Blog, ich bin froh, Sie gefunden zu haben! Ich frage mich oft, wie unser Weltbild – und unsere Welt – aussehen wuerde, wenn der Journalismus nicht von dieser Krankheit beherrscht wuerde. Wenn es nicht nur um Materielles ginge. Dabei spiegeln die Medien sicher auch eine grassierende Malaise der menschlichen Seele wieder: Wir sind einfach ueberzeugt, dass am Leben an sich grundsaetzlich etwas verkehrt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ohne eine tiefe Erfahrung der grundlegenden Positivitaet des Lebens und der menschlichen Natur und ihres Potenzials, so wie sie von Mystikern und Weisen durch die Jahrtausende hindurch vermittelt wird, da weiter kommen. Waere es nicht fantastisch, wenn die guten Nachrichten und Moeglichkeiten genau so viel Raum bekaemen, wie alles, was sich noch entwickeln muss? Gruenden sie doch bitte eine neue Presse! Meine Unterstuetzung haben Sie!!!

    • konitzer Says:

      Es gibt genug, was man kritisch sehen und hinterfragen muss. Aber das darf die innere Stimmung und die positive Weltsicht nicht vermiesen.
      Mein Blog heißt The Difference, weil ich hier Dinge erzählen oder propagieren möchte, die einen positiven Schritt nach vorne machen – oder zeigen, wo etwas hingehen könnte.

  6. sayadin Says:

    Wenn ich mich hilflos und ausgeliefert fühle, dann werde ich sehr zynisch.


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