Rainbow Cuisine

30. März 2010


Der Gourmet-Trend 2010: Südafrika

Der aktuelle Trend auf den großen Food- und Gastronomie-Messen ist die Küche Südafrikas. Der Anlass ist natürlich die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli 2010. Dabei sollte viel mehr die Attraktivität und Qualität der Küche Südafrikas der Grund dafür sein. Denn kaum eine Gourmet-Linie ist so vielfältig, so modern und dabei für europäische Gaumen so naheliegend wie die Südafrikas.

Die Geschichte und die Entwicklung der Küche in Südafrika erklärt vieles. Die Einwanderer (und Kolonialisten) kamen aus allen Ländern Europas in den südlichen Zipfel Afrikas. Und für die Volksstämme, die anfangs noch sehr die geografische Nähe zueinander suchten, war die heimische Küche ein wichtiger identitätsstiftender Faktor. Und so hielten sich über lange Jahrzehnte und Jahrhunderte typische Gerichte aus Ländern wie England, den Niederlanden, Italien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, aber auch aus orientalischen Ländern oder Indien (als britische Kolonie).

Schon bald aber überließen die weißen Siedler die niederen Arbeiten des Kochens den Angestellten. Die kamen ab dem 17. Jahrhundert vor allem aus Malaysia, Java und Indonesien. Denen waren die typischen europäischen Gerichte, die sie zu kochen hatten, viel zu langweilig und würzten sie entsprechend ihrer heimischen Tradition mit exotischen Gewürzen und Kräutern und machten sie so viel attraktiver, pointierter – und natürlich schärfer.

Rainbow People

Den dritten großen Einfluss auf die Küche Südafrika haben natürlich die Einheimischen, die verschiedenen Stämme Schwarzafrikas, die im Süden des Kontinentes leben: die Tembe Tonga, die Khoi (Hottentotten), die San (Buschmänner), die Xhosa, die VhaVenda u.a. Sie hatten ihre eigenen Zubereitungstraditionen des einheimischen Speisenangebotes an Fleisch, Fisch und Gemüsen. Viel wird sehr gekonnt gegrillt, aber es gibt auch viele Ragout-Gerichte.

Und das ist der vierte interessante Einfluss der südafrikanischen Küche. Es gibt in diesem großen, sehr fruchtbaren Land eine Vielzahl an Fischsorten (Süß- & Salzwasser) und Krustentieren, ganz anderes Fleisch (z.B. Hirsch, Antilope oder Springbock) und eine wunderbare Bandbreite an Gemüsen und Obst. Hinzu kommen die grandiosen Weine Südafrikas, rot wie weiß.

Aus dieser extremen Vielfältigkeit an Einflüssen ist eine grandiose Küche entstanden, die zum einen sehr alte Kochtraditionen optimal erhalten – und verfeinert hat. So habe ich die wohl beste Kalbszunge meines Lebens in einem Restaurant in Stellenbosch gegessen. (Meine Mutter selig wird mir so einen Satz hoffentlich verzeihen.) Unser Nachbar brachte aus dem Meer den frischen Hummer mit und servierte ihn in einer unnachahmlichen Marinade, die irgendwo asiatisch-afrikanisch feurig und dabei fruchtig war. Es gab bei ihm auch einen riesigen weißen Fisch, der nur richtig gelingen wollte, wenn er vor Neumond gefangen war. (Danach matschte das Fleisch.)

Perfekte Vielfalt an Ingredienzien

Sensationell auch die afrikanischen Grill-Spezialitäten in dem weitläufigen Open-Air-Restaurant im Weingut von Spier. So schmackhaft wie der auf den Punkt gebratene und smart gewürzte Springbock habe ich gegrilltes Fleisch nur selten vorgesetzt bekommen. Auf ausladenden, weithin rauchenden Grillflächen wurde hier nur perfekt mariniertes Fleisch kredenzt. Perfekt abgerundet mit kuriosen kabarettistischen Darbietungen in dem guttural schnalzenden Xhosa-Dialekt.

Auffallend auch das Talent der südafrikanischen Küche für Saucen, Curries, Ragouts und Aufläufe. Mein Lieblingsessen - und schon oft zuhause nachgekocht - ist der Bobotie, ein Erbe der niederländischen Küche. Ein Hackfleisch-Auflauf (es gibt auch eine Fischvariante) mit Äpfeln, Rosinen, getrockneten Aprikosen, Mandeln und exotischen Gewürzen.

Bobotie – der etwas andere Auflauf

Hier das Rezept für den Bobotie: 1 Kilo Hackfleisch – vorzugsweise Rind und Lamm. 2 große Zwiebeln, fein gehackt. 2 Zehen Knoblauch. Alles in einem Öl-Butter-Gemisch in einer Pfanne anbraten. Dann mit drei guten Löffeln Curry und einem Löffel Kurkuma würzen und kurz simmern lassen. – Fleisch aus der Pfanne nehmen und kurz abkühlen lassen, dann mit in Milch eingeweichtem Weißbrot, Zitronenschale und -Saft einer Zitrone, 1 Ei, 100 Gramm klein geschnittenen getrockneten Aprikosen, einem sauren Apfel (geschält, entkernt, klein gehackt), 2 Handvoll Sultaninen, 50 Gramm geschälten, kurz angerösteten Mandelsplittern und einigen Lorbeerblättern (oder Blättern vom Orangen- oder Zitronenbaum) einen Teig mischen. Salzen & pfeffern, evtl. ein Hauch Chili rein, evtl auch Zimt. Diese Masse in eine gebutterte Auflaufform, mit Alufolie abdecken und bei 160 Grad 90 Minuten ins Rohr. Dann Temperatur auf 200 Grad erhöhen, über die Masse einen Mix aus einem Viertel Liter Milch, 2 Eiern (oder mehr) und Salz gießen und ca. 15 Minuten offen weiterbacken, bis alles schön braun ist. – Dazu Reis (gewürzt!) und Gemüse nach Wahl – und einen fruchtigen Rotwein dazu. – Super!

Aber nicht Fleisch und Fisch sind die ganz großen Spezialitäten in Südafrika, sondern der Umgang mit Früchten und Gemüsen – und wie sie miteinander gemischt werden. Die würztechnische Zubereitung wird jedem Vegetarier neue Geschmackswelten öffnen. Vor allem aber gibt es tolle Rezepte, Gemüse und Früchte haltbar zu machen: als Chutney, Preserves, Kompott oder Marmeladen. Hier habe ich mir viel abgeschaut, wenn ich meine Quitten und Äpfel zu Gelee verarbeite. Mit einem Hauch Ingwer, Zimt, Chili und einem (guten!) Spritzer Apfelbrandy oder Whisky schmeckt das alles noch mal so gut.

Süßer Abschluss

Ein großes Talent hat die südafrikanische Küche auch bei Süßspeisen und Desserts. Auch hier lebt die komplette Tradition europäischer Küchen in asiatisch zugespitzten Versionen fort. Puddings, Blancmanges, Mousses, Halva, Coulis, Pfannkuchen, Kuchen, Kekse und auch sehr gutes Gebäck (inkl. Brot), alles ist in allen Geschmacksrichtungen geboten.

Wer sich für diese Trendküche des Jahres 2010 interessiert, dem sei das großartig gestaltete Kochbuch “Rainbow Cuisine” von Lannice Snyman und Andrzej Sawa (SES Publishers) empfohlen (englische Version!). Großartige Fotos und kenntnisreiche Texte zu Land und Leuten, Produkten und Historie und natürlich alle wirklich wichtigen Rezepte inklusive. Und die Rezepte gelingen und schmecken. Sie gelingen, weil die Küche in ihrem wilden Mix Tür und Tor für kreative Interpretationen und Weiterenwicklungen offen hält.

Auf alle Fälle gibt es keine Gründe, sich bei der WM im Sommer nur mit Chips und Flips zu verköstigen. Let’s cook Africaans.

Wehleidigkeiten

28. März 2010


Der Mini-Jetlag der Nachrichten

Radionachrichten auf Bayern 3. Thema: Umstellung auf die Sommerzeit. Haupt-Tenor der Nachricht: Die Umstellung auf die Sommerzeit ist schädlich, viele Menschen bekommen eine Art Mini-Jetlag von der nächtlich “verlorenen” Stunde . Vor allem Nachtschwärmer mit entsprechend spätem Aufstehen leiden darunter schwer.

Die Süddeutsche Zeitung präzisiert: Die “Eulen-Typen”, also nachtaktive Menschen, seien in ihrer biologischen Uhr besonders schwer gestört. Und das sieben Monate lang, bis die Uhr wieder zurück gedreht sei. Und hier malen dann Wissenschaftler wirklich ein Horror-Szenario: mehr Herzinfarkte, Monate von Schlafstörungen, Funktionsstörungen, vor allem der Leber usw.

Leben im Wattekokon

Meine spontane Assoziationskette zu dieser exzeptionellen Nachricht:

  • Wie schön und unproblematisch muss eine Welt sein, in der es solche Meldungen bis in die Nachrichten schaffen.
  • Wieviel Klicks mag wohl solch eine Online-Nachricht generieren? Genug, um die Kosten dafür zu decken?
  • Es gibt wohl keinerlei Unsinn, zu dem sich nicht irgendein Wissenschaftler bereit erklärt, eine beliebige Meinung mit Wissenschaftlerei zum Problem zu sanktionieren. Dahinter steckt dieselbe Publicity-Geilheit – hier nur naturwissenschaftlich verbrämt – wie in den Trash-Talks der nachmittäglichen Talk-Shows. (Ich habe das selbst real erlebt, als ich für den WIENER zum Thema “Waldi-Sterben” die Umweltschädigungen von Haustieren bei Veterinären und Tierheilpraktikern recherchierte.)
  • Endlich weiß ich, dass ich zu den “Eulen-Typen” gehöre. Klingt ja viel besser und dramatischer als der Satz, ich schreibe gerne auch nachts (also zum Beispiel jetzt).”, wie ich mein nachtaktives Treiben bisher beschrieben habe.
  • Wiegen denn 215 Stunden mehr Licht und möglicherweise Sonne, wahlweise zu verbringen in Biergärten, beim Sport, bei Freizeitvergnügen oder auch Nichtstun nicht einen Mini-Jetlag auf (vorausgesetzt man überlebt Herzinfarkt und Leberfunktionsstörungen etc.)?
  • Wie muss man sich den realen Alltag eines Lebens ausmalen, das durch eine absehbare Zeitverschiebung von einer Stunde außer Rand und Band geraten kann? Wie wattegepuffert und reizlos muss das sein. Und wie lärmend langweilig?

Wehleidigkeit rules!

Am Ende der Assoziationskette steht dann der tiefe Seufzer, wie viel Wehleidigkeit unsere Zeit umweht. Das kann ich gut beurteilen. Als kränkelndes Kind habe ich eigentlich die perfekte Grundausbildung zur körperlichen Wehleidigkeit durchgemacht. Aber zwei wirklich ernste Erkrankungen im Kindesalter haben mich davon nachhaltig geheilt. Später waren es dann weise Frauen, die mir alle Ansätze, rückfällig werden zu wollen, wirkungsvoll austrieben.

Viel schlimmer aber ist die mentale Wehleidigkeit.

Dieses erfindungsreiche Gespinst, das einen so wirkungsvoll von disziplinierter und munterer Arbeit abhält. Was gibt es nicht alles Wichtiges zu tun, zu erledigen, zu bedenken etc., bevor man sich endlich an die Tastatur setzt und den Denk- und Schaffensprozess beginnt. Wieviel Stunden sind da schon an kreative Wehleidigkeiten verschenkt worden!

Diese kreative Kraft, die immer neue Belohnungen für genialisch vollbrachte Nichtigkeiten einfordert. Kaum hat man ein paar Zeilen geschrieben, eine Präsentation skizziert oder ein Beet gejätet, fordert der Körper sofort Tribut in Form von Keksen, Getränken, Tee, Pause oder am besten Lob und Zuwendung.

Diese nagende Eitelkeit, die peinliche Attribute für das Missverständnis eines “erfolgreichen Lebens” imaginiert. Mein Haus, mein Auto, meine Frau - und dazu Kinder, Hunde, Hobbys, Weine, Klamotten, Überzeugungen, Ehrgeiz… Was ist nicht alles wichtig genug, um vom wirklich Wichtigen abzulenken!

Diese schlampige Haltung zum Leben, die immer wieder Banales in den Mittelpunkt stellt, die es zulässt, dass Zeit mit abenteuerlichen Begründungen (vor einem selbst) sinnlos verprasst wird und die wild um Aufmerksamkeit buhlt, damit man nicht den Blick erfolgreich prüfend nach innen werfen kann/muss.

Diese narzisstische Untugend, das Ich zum Zentrum einer lieblos selbst gezimmerten Welt zu machen, und dann zu beschließen, darunter leiden zu wollen, dass einen all die anderen - die das genauso tun - nicht anhimmeln, loben, verehren, tätscheln und applaudieren wollen.

Diese schlaffe Einfallslosigkeit, die es so weit kommen lässt, solche Unerheblichkeiten wie die Umstellung der Uhr um eine Stunde in den Rang einer Nachricht zu erheben.

Frage: Ist es wehleidig, sich über so etwas noch empören zu wollen? Oder einfach nur angebracht?

Disco Center

26. März 2010


Analoge Abenteuer im Plattenladen

Êines der schönsten Abenteuer des Alltags, das München in den 70er- und 80er-Jahren bereit hielt, waren die Besuche im Schallplattenladen. Immer Grund genug, in die Innenstadt zu fahren, sobald genug Geld für einen Plattenkauf angespart war. Und dann der Check, ob die neue Ten Years After, die neue Yes oder noch besser, eine von King Crimson oder Van der Graaf Generator schon angekommen war. Und dieser erhebende Moment, wenn man einen der raren Abhörplätze ergattert hatte und dann in die Ohrhörer die ersten Ausläufer neuer musikalischer Landschaften - oder im Fall von King Crimson, Pink Floyd oder Led Zeppelin neue musikalische Kontinente zu entdecken waren.

Das erste Mal der legendäre Riff von Jimmy Page auf Whole Lotta Love. Was für eine Ungeheuerlichkeit damals. Anrührend, wie sich in der Gitarrero-Dokumentation “It May Get Loud” Edge von U 2 und Jack White von The White Stripes wie kleine Jungs mit beseeltem Blick um Jimmy scharten, als der den Riff für sie spielte. Wie macht der das nur?

Die genauere Exploration neuer Platten fand dann zu Hause am eigenen Plattenteller statt. Aber der mythische Ort der ersten Entdeckung und der musikalischen Initiation, das war der Plattenladen: das Disco Center in der Sonnenstraße oder in der Leopoldstraße, oder auch mal der Lindberg, wo man in kleine Kabäuschen mit billigen Plattenspielern verbannt wurde. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn neue Songs, Sound und Bands zu entdecken waren.

Form follows function

Das Wühlen in den Massen von Longplayern oder bei den Sonderangeboten waren große Entdeckerreisen. Tolle neue Coversleeves verführten zum Hören unbekannter Bands, manchmal auch zum Kauf wenig gelungener Platten. Aber eigentlich war das schon die Vor-Schule der großen Weisheit “Form follows function”. Selten waren schlechte Platten in guten Covern – und umgekehrt.

Das war die Goldene Zeit der Rockmusik. Eine Zeit der analogen Töne und der ganz großen Emotionen. Mythische Orte, die heute nur noch in der Erinnerung existieren. Die späteren billigen Abklatsche der Platten, die CDs und die entsprechenden Vertriebshallen der WOMs und Saturns, die konnten nie dieselben Emotionen wecken. Sie waren nur noch Abgabeplätze von bisweilen durchaus gelungenen Produkten der Musikindustrie. Die Läden sind entweder auch schon pleite oder sie bauen nach und nach ihre Musikabteilungen ab. Kein Wunder. Sie waren nie wirklich tolle Orte der Exploration und der Entdeckung großer neuer Klangkombinationen.

Die Entdeckungen, die macht man heute im Netz. Bei Amazon & Co. in ärgerlich kurzen Klanghäppchen, auf MySpace in dem bisweilen lächerlichen Dschungel aus missglückten, billigen Grafiken. Besser sind da fast durchweg die Websites der Bands. Hier gilt ähnliches wie einst bei den Plattencovern. Selten haben schlechte Bands schlechte Websites – und umgekehrt.

Them Crooked Vultures

Aber seit Facebook und Twitter von etlichen Bands und Musikern kreativ, intelligent und extensiv genutzt werden, kehrt die Emotion und die Spannung der Entdeckung neuer Musik- und Video-Abenteuer zurück. Radiohead etwa nutzt die digitale Welt und ihre Marktmechanismen in beeindruckender Weise. Nicht nur, dass sie ihr letztes Werk “In Rainbows” über das Netz vertrieben haben und jeder nur zahlen musste, wieviel er dachte. Immer wieder darf man neue Versionen entdecken, Konzertmitschnitte, neue Songs oder akustische Versionen, die Radiohead ins Netz stellen und per Facebook und Twitter promoten. Hier wird man Teil des Entstehungsprozesses und baut echte Loyalität und bleibende Emotionen auf.

Ähnlich gut, teilweise noch kreativer spielen Them Crooked Vultures, die Supergroup von John Paul Jones (Led Zeppelin), Dave Grohl (Nirvana, Foo Fighters) und Josh Homme (Kyuss, Queens of the Stone Age), mit den Möglichkeiten der digitalen Welt. Noch bevor die Platte in den Handel kam, waren alle Songs eine Woche lang komplett gratis auf YouTube als Soundfiles zu hören. Da war ich fast wieder in die gute alte Zeit der Plattenläden versetzt. Hier durfte ich für lau alle Songs ein erstes Mal entdecken (und was für tolle Songs) – um dann natürlich gleich die CD zu ordern und das Ticket zum Live-Konzert. Dann folgte der Live-Auftritt der Band im Rockpalast, der wunderbare, perfekt abgemischte Live-Versionen der Songs und zusätzliches Material präsentierte.

Mittlerweile hat die Band auch in den Studios der BBC gespielt und die Ergebnisse in Radiosendungen und als Video verewigt. Neue Konzerte werden per Twitter angekündigt, ebenso neues Videomaterial auf YouTube oder auch regionale Rabatt-Aktionen für MP3-Downloads. Man hat viel Spaß und immer wieder neue interessante News und neues Material als Fan der Band. Man ist in den Entstehungsprozess eingeweiht. Das schafft Nähe, Loyalität und hohe Emotionalität. Eine Nähe, die es einst in den goldenen Zeiten der Rockmusik nicht gab.

Massive Attack

Ähnlich gelungen ist das Spiel von “Massive Attack” mit den Digitalen Medien und den digitalen Möglichkeiten. Das neue Album “Heligoland” ist mit seinen nur auf Facebook zu hörenden Remixes und tollen (per Twitter und Facebook) promoteten Videos und immer interessanten News und Fotos von der Tour perfekt über Social media in den Markt gebracht. Auch hier wird perfekt Nähe geschaffen und es werden Verbindungen auf Dauer aufgebaut.

Marketeers dieser Welt, nehmt euch ein Beispiel an diesen kreativen Wegen, in der digitalen Welt mit Social Networks erfolgreich zu promoten, zu verkaufen und Kundenbindung aufzubauen. Mit ähnlich magischen Momenten wie einst in den geweihten Hallen der Schallplattenläden. Aber das setzt einen lebendigen und kreativen Umgang mit Content voraus. Denn nur damit kann man auf der Klaviatur der Social Media sinnvoll spielen und gewünschte Effekte bei Konsumenten erreichen.

Zynismus reloaded

22. März 2010


Die Unfähigkeit der Werber zur Begeisterung

Hubertus von Lobenstein, einer der einflussreichsten Werber in Deutschland (Saatchi & Saatchi, Springer & Jacoby, TBWA, jetzt vonlobenstein ltd.) hat in seinem Blog eine sehr seltsame Begebenheit beschrieben. Er scheint in seinem Facebook-Umfeld in einem seltsamen schwarzen Loch der Miesepeterei zu leben. Letztes Wochenende freute sich Deutschland ziemlich spontan und einheitlich über Lena Meyer-Landrut und ihre zu Herzen gehende Performance und Authentizität bei “Unser Star für Oslo”. Selbst die Berufszyniker in der Presse, inklusive der Süddeutschen Zeitung und sogar BILD, schrieben liebevolle bis euphorische Artikel über das neue deutsche Mädchenwunder. Mit ihrer phantasievollen Art brachte Lena sogar diesen Zynismus zum Schmelzen.

Einzig eine Insel des Zynismus bleibt fest. So jedenfalls beschreibt Hubertus von Lobenstein die Reaktionen, die er aus seinem Freundeskreis auf Facebook über drei Stunden hinweg erlebte. Er zitiert Sprüche wie: “Die kann nicht singen!”, “Was für eine Blamage für Deutschland!”, “Die ist ohne Talent und hässlich.” oder “Warum müssen wir mit solchen Shows und ihren talentfreien Akteuren leben?” Von Lobenstein betont, dass diese Reaktionen nicht etwa von Musikkritikern oder Fans der Konkurrentin Jennifer kamen, sondern von “ganz normalen Menschen” aus der Werbebranche.

Nicht zufällig übertitelt von Lobenstein seinen Blogeintrag mit “Stop the Cynics!” Erschreckend ist ja nicht nur, wie von Lobenstein bemängelt, dass hier Werber gegen den breiten Massengeschmack anmäkeln. Schlimmer ist, dass sie das Gespür verloren haben, wie und warum Lena so viel Zustimmung erhielt. Oder zugespitzt formuliert: Sie haben die Fähigkeit verloren, sich begeistern, sich becircen zu lassen – oder sich auch mal einfach in eine Fee des 21. Jahrhunderts zu verlieben. Zynismus verätzt scheinbar alle Rezeptoren für große Gefühle und versperrt den Zugang zu ihnen.

Zyniker werden nicht geboren

Zynismus ist in seiner Charakteristik eine sehr feige Haltung. Wolfgang Kröper von der Agentur “Betriebskultur” bemerkt in seinem Kommentar zu Hubert von Lobensteins Post sehr treffend: “Äußere ich mich negativ über einen Sachverhalt, rede ich immer über das kritisierte Objekt. Spreche ich mich positiv für eine Sache aus, erzähle ich etwas über mich.” Beckmesserei oder Mäkelei ist immer auch ein Verstecken der eigenen Person hinter ätzenden Bemerkungen. Es ist allzuoft auch die Angst vor eigener Hohlheit und mangelndem “Selbst-Bewusstsein”, das sich hinter aufgeblähtem “Selbstbewusstsein” versteckt.

Fragt sich aber, was macht die Medien und die Werbung zu solch einem Hort von Zynikern? (Welch fatale Symbiose in Anbetracht der Lage beider Branchen!) Geht man als Zyniker in diese Branchen oder wird man dort dazu ausgebildet? Was die Werber angeht, habe ich oft genug erlebt, wie aus begeisterten Kreativen berechnende bis zynische Kampagnenmanager wurden. Das schaffen Kunden oft ganz leicht. Im Briefing heißt es noch, es muss etwas ganz Neues, ganz Mutiges gewagt werden. Aber wehe, man nimmt das zu ernst. Dann erstarrt der Kunde manchmal schon bei der Präsentation wirklich mutiger Ideen.

Ideen schrumpfen zur Wirklichkeit

Oder fast noch schlimmer: Im Prozess der Umsetzung der Ideen wird scheibchenweise immer mehr Mut gekappt. Ich glaube, von Karl Kraus stammt für dieses Phänomen die Beschreibung von der “Idee, die zur Wirklichkeit schrumpft”. Besonders schmerzhaft ist es, wenn nach diesem Schrumpfungsprozess alle Kanten abgeschliffen sind und sich die Ur-Idee nicht einmal mehr erahnen lässt. Und das passiert nur allzu oft.

Manchmal überleben großartige, mutige Ideen zunächst noch, weil vielleicht wirklich ein Vorstand Mut honoriert und selber mit verantwortet. Manchmal kämpfen auch starke Werber so überzeugend, dass ängstliche Kunden über ihren Schatten springen. Dann aber, wenn der kreative Alltag einkehrt und Manager der zweiten Ebene das operative Geschäft übernehmen, gewinnt immer mehr Hasenfüßigkeit die Oberhand. Und das soll kein Vorwurf an diese Manager sein. Sie wollen schließlich noch Karriere machen. Und die kann man so gut wie nie ohne Netz und doppelten Boden machen. Also sichert man sich ab – auf beiden Seiten. Zu ungunsten des kreativen Produkts.

Das Korrektiv des Crowd-Blissing

Solche Prozesse sind die gnadenloseste Schule des Zynismus. Es gab bisher auch kaum eine Option, solch einer Entwicklung zu entkommen. (Außer durch ingeniöses Coaching von außen.) Aber heute ist das anders. Heute kann man nicht mehr wie einst den schlimmstmöglichen Konsumenten als Standard setzen und den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Mediennutzer gnadenlos nach unten rechnen. Heute hat man genug Möglichkeiten der Realtime-Recherche, um zu sehen, wie ein Publikum tickt – und wie es etwa im Fall Lena spontan im Netz seiner Freude, Begeisterung und Liebe Ausdruck verleiht.

Hubertus von Lobenstein hätte seinen Facebook-Kreis nur kurz verlassen und letzten Freitag oder Samstag einmal in Twitter schauen müssen. Dort explodierten schier die positiven Posts über Lena. Crowd-Blissing at its best. Und Werber waren durchaus auch dabei. Thomas Koch etwa, Branchenurgestein, hatte sofort die besondere Qualität von Lena entdeckt und auf seinem Twitterchannel #ufomedia kommuniziert: “Go, Lena, go!” Alter schützt halt vor Begeisterungsfähigkeit nicht!

Wir haben heute die Option von Monitoring, wenn wir in den Medien und der Werbung arbeiten. Wir können heute in Echtzeit Meinungs- und Stimmungsbilder abrufen. Die Zeit von selbstgezimmerten Ideallesern wie Henri Nannens Putzfrau (“Der Nil ist blau!”) oder synthetischen Konsumenten-Clustern (LOHA!) ist damit vorbei. Man kann mit realen Menschen in Echtzeit kommunizieren. Das können auch in Zukunft Profis besser. Das ist dann die Zukunftsperspektive von Medien und nach dem Niedergang der etablierten Werbung eines künftigen Begeisterungs-Business: die Organisation der Kommunikation zwischen Branchen, Firmen, Produkten und den Konsumenten.

Mind Refresher

21. März 2010


Vilém Flusser, Louis Bec: “Vampyroteuthis Infernalis” 

Was für ein Buch. Ich muss es irgendwann in den frühen 90er-Jahren entdeckt haben. Es ist mir in seinen Bildern bis heute unvergessen. Es ist eines der ganz wenigen Bücher, die mich und meine Sicht der Dinge besonders nachhaltig geprägt haben. Geschrieben hat es Vilém Flusser (mit Illustrationen von Louis Bec) und trägt den Titel: “Vampyroteuthis Infernalis” (European Photography). Es ist im Grunde der biologische, kulturkritische, philosophische Vergleich des Menschen – homo sapiens - mit dem Tiefseeoctopus der Gattung “Vampyroteuthis Infernalis”. 

Vampyroteuthis Infernalis

 

Das Buch ist aber viel mehr. Es ist eine extrem ergiebige Mixtur einer sehr unsentimentalen Anthropologie samt ausgiebiger Reflexion der Gattung Mensch und seiner Gattungsgeschichte. Er wird extrem detailliert beschrieben und analysiert im Spiegelbild des ihm auf den ersten Blick extrem entgegensätzlichen Tieres, des Tiefseetintenfisches Vampyroteuthis Infernalis. Dieser Oktopus lebt in mehreren tausend Metern Tiefe am Boden der Ozeane. Er lebt, durch den Druck des Wassers bedingt, kopfüber. Er ist ein hauptsächlich auf Kopf, Mund, Tastwerkzeuge und Sexualorgane reduziertes Tier, das für seine Größe ein unglaublich großes Gehirn mit einer dem Menschen nicht unähnlichen Struktur hat. (Ein Video von dem Tier findet sich auf Spiegel Online.) 

Das Buch ist in all seiner Kürze aber auch noch eine ungewöhnliche Kulturgeschichte des Menschen (und des Oktopus), ein Philosophie-Exkurs, eine Evolutionsgeschichte, ein Biologiebuch, ein riesiger Bildungskanon, eine intensive Sprachkritik und ein Ausblick auf die (digitale!) Zukunft.  (Das Buch ist1987, in Vor-Internet-Zeiten geschrieben!) 

Zitat: “Vampyroteuthis ist ein Weichtier, das derart komplex ist, dass es sich gezwungen sieht, zu Wirbeltierstrategien zu greifen und einen Schädel auszubilden. Wir sind Wirbeltiere, die derart komplex sind, dass sie sich gezwungen sehen, zu Weichtierstrategien zu greifen und immaterielle Kunst auszubilden. Unser Interesse an Objekten beginnt zu schrumpfen, wir sind dabei, Medien herzustellen, durch welche hindurch wir menschliche Gehirne vergewaltigen, um sie zum Speichern immaterialler Informationen zu zwingen. Wir bilden Chromatophora (Fernsehen, Video, synthetisierende Bilder übertragende Computermonitore), mit deren Hilfe die Sender die Empfänger lügnerisch verführen – eine Strategie, die in Zukunft zweifelhadt ,Kunst’ genannt werden wird.” 

Vorsicht: Fremdwort-Katarakte 

Mir hat das Buch eine völlig neue Sicht auf uns Menschen gegeben. Es holt uns von unserem Sockel der Selbstüberschätzung und zeigt in griffigen Bildern unseren Weg an die Spitze der Evolutionsentwicklung. Im Vergleich zum uns gar nicht unähnlichen Gegenpart werden unsere Denk- und Verhaltensmuster glasklar deutlich. Es konterkariert so unsere vermeintliche Großartigkeit und reflektiert genial unser Hulturgeschichte und Kultur-Zukunft. 

Kaum ein anderes Buch ist bei jedem neuen Lesen wieder solch eine Erfrischung für den Geist wie dieses kleine Heftchen. So kurz der Text ist (71 Seiten), so ergiebig ist er. Es ist unglaublich, wie viele schöne Beobachtungen, kluge Gedanken, wilde Thesen und intelligente Assoziationen Vilém Flusser in dem Text versammelt hat. Er ist dabei wunderbar flüssig und witzig geschrieben, aber dennoch nicht leicht verdaulich. Zu viele Ideen sind hier auf engstem Raum miteinander verwoben, und die Fremd- und Fachwortdichte ist so dicht wie kaum sonstwo. Ein Lexikon sollte da schon zur Hand sein, noch besser: Wikipedia. 

Aber der Aufwand lohnt sich. Denn Flussers Gedanken sind nur auf den ersten Blick verschroben. Sie sind ganz klare Bilder, die die Sicht auf uns Menschen und seine Kultur und sein Denken und Handeln so einleuchtend und dabei sympathisch und wohlwollend schildern. Man wird kein anderer Mensch nach Lesen dieses Buches, aber man wird nie mehr sein wie zuvor. (Mit diesem Paradoxon schalten wir zurück in die angeschlossenen Unk-Häuser.) 

Facebook auf Rezept

18. März 2010


Social Networks machen glücklich und kreativ

Und einmal mehr gefährdet das Internet den Fortbestand des Abendlandes. Diesmal sind Facebook, Twitter und all die anderen Social Networks schuld. Schweizer Banken sperren für ihre Mitarbeiter Facebook, weil es von der Arbeit ablenkt und Phishing Attacken möglich macht. (Daten nach Deutschland?) Die italienische Post hat den Facebook-Konsum ihrer Mitarbeiter auf eine Stunde pro Arbeitstag rationiert, aufgeteilt in sechs Etappen à 10 Minuten.  In der Hälfte der US-amerikanischen Firmen sind Twitter und Facebook komplett tabu, weil angeblich arbeitseffektivitätshinderlich, 1,5 Prozent der wirtschaftlichen Produktivität der USA soll Facebook allein vernichten. In Großbritannien soll die Wirtschaft jährlich um 1,83 Milliarden £ durch Social Media geschädigt werden.

Tony Hsieh

Oh Herr, lass digitales Verständnis auf die Ungläubigen regnen! Oder vielleicht tun es auch folgende drei authentischen Exempel neuer digitaler Kultur:

A) Facebook & Co. schädigen die Wirtschaft nicht, sondern sie feuern sie an. Gerade durch die kurzen Social-Snacks, die sich die User an den Bürocomputern gönnen. WIRED weist in seiner aktuellen Ausgabe nach, wie wichtig solch kleine Pausen bei der Arbeit für das menschliche Gehirn sind. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, kontinuierlich wie am Fließband zu arbeiten, schon gar nicht bei kreativer Arbeit. Der menschliche Geist braucht Ablenkung, um ein Problem oder eine Arbeit immer wieder neu und/oder von einem anderen Blickwinkel anzugehen. Das weisen die Autoren des Buches “Creativity and the Mind” (Perseus Books) nach.

Facebook macht glücklich

B) Besuche bei Facebook, Twitter und Konsorten sind dabei mental sehr ereignisreiche Erholungspausen. Der amerikanische Neurowissenschaftler Dr. Gary Small hat bei seinen Untersuchungen der Gehirnaktivitäten von Usern der Social Networks festgestellt, wie er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtet, dass bei Facebook-Newbies dieselbe Gehirnaktivität wie beim Lesen eines Buches festzustellen ist. Bei erfahrenen Nutzern aber war die sie mehr als doppelt so hoch. Hier explodiert das Gehirn nahezu. So gesehen dürfte die Arbeit nach solch einem Gehirntuning ja deutlich besser von der Hand gehen.

Außerdem sind Facebook-User glückliche Menschen. Dr. Small ängstigt sich, dass Facebook-User dopamin-abhängig werden, weil sie dank der Vernetzung mit ihren Freunden so viel des Glückshormons ausstoßen, dass es eine “nüchterne Verwendung solcher Dienste sehr schwierig macht”. (Wer will das auch schon.)

C) Das beeindruckendste Bekenntnis für Social Media und hier speziell für Twitter hat in einem ausführlichen Blogeintrag der CEO von Zappos, Tony Hsieh, formuliert, der seinen Online-Schuhhandel unter anderem mit seiner Social Media-Strategie extrem erfolgreich gemacht hat (und inzwischen teuer an Amazon verkauft hat). Unter der Headline “How Twitter Can Make You A Better (and Happier) Person” führt er detailliert aus, wie ihn sein Blog und vor allem sein Twitteraccount glücklicher werden ließ und zu einem besseren Menschen gemacht hat. Eine überzeugend argumentierende Huldigung.

Twitter macht einen besseren Menschen

Vier wesentliche Benefits schildert er an schönen, oft witzigen Beispielen:
1. “Twitter macht mir immer wieder bewusst, wer ich und meine Firma sein wollen.”
Es lässt ihn bewusster Leben, so als sei permanent eine Kamera auf ihn gerichtet. Seitdem ist er freundlicher zu seinem Umfeld und offener und positiver in der Bewertung fremder Menschen.
2. “Twitter lässt mich den Alltag in witzigerer und positiverer Weise sehen.”
Hsieh kann inzwischen in nervigen Situationen die komischen Elemente entdecken und per Twitter als wahre Komödien inszenieren, etwa als er sich auf dem Balkon seines Hotels aussperrt und per Twitter Hilfe holt.
3. “Twitter lässt mich immer wieder darüber nachdenken, wie ich das Leben anderer besser machen kann.”
Statt narzisstischer Selbstbespiegelung will Hsieh in jedem seiner Tweets etwas Positives bewirken. Es machte ihn daher weniger Ich-bezogen und sensibler für die Probleme oder Anliegen anderer.
4. “Twitter lässt mich die kleinen Dinge im Leben bewusst wahrnehmen.”
Da Hsieh sich vorgenommen hatte, jeden Tag zu tweeten nahm er seine Umwelt viel aufmerksamer wahr und entdeckte so kuriose Szenen und Bilder, die er beschreibt oder fotografiert.

Merke: Facebook und Twitter machen glücklich – und noch dazu bessere Menschen aus uns. Nur falls mal der Chef Probleme macht, wenn man im Büro auf Facebook aktiv ist!

Burn on statt Burn out

17. März 2010


Freizeit als kreativer Sprengsatz

Eine der häufigsten Defensivsätze nach meinen Vorträgen und Workshops über Social Media (Facebook, Twitter & Co.) geht meist ungefähr so: “Ich würde ja so gerne, aber ich weiß nicht woher ich die Zeit dafür nehmen soll.” Diesen Satz gibt es in verschiedenen Klangfarben von wehleidig klagend bis forsch selbstbewusst nach dem Motto: Ich habe viel Wichtigeres zu tun. Erschreckend wie viele Menschen sich in eine selbst geplante Zwangsjacke aus verplanter Zeit flüchten. Der Status Quo des eigenen Terminkalenders verhindert wirksam jede auch noch so marginale Änderung des Lebensablaufes.

Ein grandioses Beispiel eines knallhart verplanten Lebens – hier ins Extrem überzogen – beschreibt Miriam Meckel in ihrem Versuch, ihr Burn Out-Erlebnis in Gedanken und Worte zu fassen: “Brief an mein Leben”. Der bezeichnendste Satz dort: “Im Alltag nach dem Sinn des Lebens zu fragen, ist in etwa so passend und mutig, wie im Schlafanzug zu einem Empfang des Bundespräsidenten zu gehen.” Wer nach dem Sinn des Lebens nicht im Alltag fragt (wo denn sonst?), sollte vielleicht wirklich zu einem Empfang des Bundespräsidenten gehen, in welchem Aufzug auch immer.

Cognitive Surplus

Wie gefangen wir in unserem Umgang mit an sich frei verfügbarer Zeit sind, beschreibt eindrucksvoll Clay Shirky (Autor, Berater, Uni-Professor N.Y.) in seinem Vortrag auf der Web 2.0 EXPO mit dem Titel “Cognitive Surplus” – vielleicht am besten übersetzbar mit “Geistiger Zugewinn”. Er erzählt hier zunächst die Geschichte, wie am Anfang der industriellen Revolution in England die der Landarbeit entwöhnten Arbeiter in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun hatten als sich mit Gin ins Koma zu saufen. Es gab damals aufgrund der riesigen Nachfrage überall fliegende Gin-Verkäufer in London.

Shirkys These: Die Arbeiter konnten mit der ungewohnten freien Zeit nicht umgehen und ergriffen die erst schlechteste Option: Gin. Als Gegenmittel zu den Alkoholexzessen entstanden dann allmählich in London die bis heute üblichen bürgerlichen Bildungs- und Zerstreuungs-Institutionen: Schulen, Bibliotheken, Museen, Theater, Politik. Merke: Freizeit und ein sinnvoller Umgang damit will erst kreativ erdacht und dann gelernt sein.

TV als Kreativitäts-Tod

Dasselbe Dilemma passierte laut Shirky nach dem Zweiten Weltkrieg ein weiteres Mal. Durch steigende Einkommen und sinkende Arbeitszeiten entstand ein neuer ungelöster Freizeit-Stau. Der wurde diesmal nicht (so sehr) mit Alkohol absorbiert, sondern diesmal mit TV-Konsum. Da auch zu dieser Zeit keine anderen Konzepte zur Vernichtung von Freizeit zur Verfügung standen,  kam der passive Medienkonsum samt ihn finanzierender Werbung gerade recht, um den Überfluss an freier Zeit zu kanalisieren.

Diesmal, nach 50 Jahren TV-Boom, sind es nun die Social Media, die eine sinnvolle Alternative zur passiven Freizeitvertrödelung bieten. Shirky errechnet, dass die Arbeit, die etwa bisher in Wikipedia geflossen ist, schätzungsweise 100 Millionen Stunden geistiger Arbeit gekostet haben. Eine Riesensumme auf den ersten Blick. Aber dem stehen 2 Milliarden Stunden TV-Konsum pro Jahr allein in den USA entgegen. So gesehen könnten mit dieser unproduktiven Zeit allein in den USA jährlich 2.000 Projekte von Wikipedia-Dimensionen geschaffen werden. Oder anders gerechnet. Die 100 Millionen Stunden, die Wikipedia bis heute “gekostet” hat, werden allein jedes Wochenende in den USA mit dem Konsum von TV-Werbung verplempert.

Trillionen von Stunden Schaffenskraft

Diese Zahlen – so sehr sie im Einzelnen hinterfragt werden könnten – geben eine Dimension von möglichem Zugewinn an aktiver geistiger Beschäftigung (“cognitive surplus”), die uns zur Verfügung stehen könnte. Kein Wunder, dass also der TV-Konsum sinkt, vor allem bei jungen Zielgruppen. Und wie wertig attention-mäßig ein im Hintergrund laufender TV-Apparat ist, während zur selben Zeit vor dem Bildschirm gebloggt, gepostet, gechattet oder das Social Network gepflegt wird, ist offensichtlich. (Inzwischen auch zunehmend der werbenden Industrie.)

Wenn man dieses Potential an brach liegender Zeit und Kreativkraft sieht und dazu die Möglichkeiten bedenkt, die das Internet und speziell Social Media uns heute zur Verfügung stellten, ist das Wissens-Wunder Expedia kein Wunder mehr. Das erklärt auch den Boom von Blogs, Chaträumen und Social Media, von Facebook, Twitter & Co. Und stellt man in Rechnung, dass die Generation der Digital Natives Interaktion als Selbstverständlichkeit leben, ahnt man die Probleme, die das TV-Business und die in Passivität investierende Werbeindustrie schon allzu bald bekommen werden. Und man bekommt einen Vorgeschmack, was mit den Billionen, ja Trillionen ungenutzter geistiger, kreativer, sozialer Schaffenskraft alles Schöne und Gute entstehen kann. Sinnvolle Arbeit, die wirksamer erholen kann als passiver TV-Konsum. – Burn On statt Burn Out!

Bigotterie rules

16. März 2010


Zwei Göttern sollst Du dienen!

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich ziemlicher Experte in Sachen Bigotterie bin. Wer in einer Reihenhaus-Siedlung des katholischen Siedlungswerkes aufgewachsen ist und eine lange Karriere als Ministrant (bis zum Oberministranten) hinter sich hat, der kennt sich da aus. – Nein, hier kommt kein Bekenntnis für irgendwelche Übergriffe sexueller Natur. Im Gegenteil! Ich habe die Zeit in kirchlich-katholischen Jugendorganisationen nur bestens in Erinnerung. Da gab es damals in den 60-er und 70-er Jahren sogar extrem liberale Patres und Priester, die vor allem eines im Sinne hatten: nachdenkliche, lebensfrohe und offene Menschen zu erziehen. Wenn sie dann auch noch gebetet haben, war es fein. (Haben wir eher nicht.)

Schlimmer war das Alltagsklima in der katholischen Siedlung. Hier war die Selbstgerechtigkeit zu Hause. Da man ja brav jeden Sonntag in die Kirche ging und freitags kein Fleisch aß, konnte man sich sonst jede – wie es so schön hieß – “lässliche” Sünde leisten. Das reichte von Besserwisserei und Gängelung, übler Nachrede und Tratscherei bis zu Nachbarschaftskriegen mit Stacheldraht zwischen den handtuchbreiten Gärten. War ja nicht weiter schlimm das alles, konnte man ja am nächsten Wochenende beichten, Absolution war garantiert.

Die ganz hohe Schule der Bigotterie ist die Selbstgerechtigkeit. Wenn man aus der Position einer – natürlich vermeintlichen – moralischen Überlegenheit andere abqualifiziert. Den Höhepunkt solch hohler Moralität habe ich aus der Gymnasiumszeit in Erinnerung. Unser geliebter, junger Religionslehrer hatte sich auf dem Faschingsball der Schule als freakiger Militärseelsorger á la M.A.S.H. verkleidet, samt Eisernem Kreuz, das er als 15-jähriger in den letzten Kriegstagen umgehängt bekommen hatte; die sonst sorgsam über seine Glatze drapierten Haare als lange Matte bis auf die Schulter herabhängend nach hinten gekämmt.

In der nächsten Religionsstunde legte sein Chef und zugleich offizieller Religionsbeauftragter des Kultusministeriums mit großer Geste sein Eisernes Kreuz auf den Tisch und wetterte gegen den Nestbeschmutzer soldatischer Ehre und Tapferkeit . Ausgerechnet dieser Religionslehrer, der sein Leben lang im Kirchensinn gegen die Unmoral und für sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt hatte, verliebte sich im Jahr seiner Pensionierung dann in seine Krankenschwester, ließ das Zölibat Zölibat sein und heiratete. Ihm haben wir diese Befreiung von sexueller Verklemmung nun wirklich nicht gegönnt…

Giftspritzen im Anschlag

Wer aber Bigotterie nur als typisches Phänomen kirchlicher Kreise vermutet, irrt gewaltig. Der Glauben mag gelitten haben, die Selbstgerechtigkeit und die Bigotterie haben andere Moralinstanzen als neue Heimat gefunden. Die Medien sind voll davon. Der Fall der Bischöfin Käßmann ist da ein gutes Beispiel. Ihren Rücktritt dürften einige schwer bedauert haben, die schon ihre Giftspritzen bis zum Anschlag gefüllt hatten. Das hatten sich die Moraloberaufseher z.B. von BILD sicher anders gedacht.

Ein anderes kurioses Exempel von Bigotterie findet sich in einer Untersuchung der Universität Toronto wieder, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet: Menschen, die bewusst Bio-Produkte kaufen, nehmen sich auf der Basis dieser moralischen Überlegenheit dann in Tests durchaus das Recht heraus, ihre Mitmenschen mies zu behandeln. Schlechter auf alle Fälle als Non-Bio-Käufer. “Moral Credentials” nennen die Psychologen diese irrtümliche Neigung, sich aus der Position einer moralischen Überlegenheit anderswo mehr herausnehmen zu dürfen. Moderner Ablasshandel sozusagen.

Die Herkunft des Begriffes “Bigotterie ” ist strittig. Sie finden sich in der Beschreibung der Normannen in England, die wohl als Christen im Übermaß die Phrase “bei Gott!” gebrauchten. Ich habe den Begriff immer als “Diener zweier Götter” missverstanden: dem offiziellen religiösen Gott auf der offiziellen Ebene und dem eigenen Ego und seinem sich selbstständig gemachten Wertesystem. Aber so falsch lag ich damit wohl nicht. Denn Narzissmus spielt hier auf alle Fälle herein: Selbstüberhöhung, Selbstgerechtigkeit und überzogene Selbstwahrnehmung sind die originären Zutaten für Bigotterie.

Gegenmittel Gleich-Gültigkeit

Und damit sind wir abschließend wieder einmal bei unserem Lieblingsopfer gepflegter Häme, dem Außenminister-Darsteller (Zitat Spiegel Online): Guido W. Es ist auch Bigotterie, wenn man seinen Gegnern munter vorwirft, mit Kritik zu verleumden und das auch noch als Schwulenfeindlichkeit abzutun. Wer so denkt, der wackelt bedenklich auf dem Kothurn seines selbst gezimmerten Moral(in)-Systems. So kann man auch als Schwuler schwulenfeindlich agieren.

Ob ich ein Gegenmittel gegen grassierende Bigotterie weiß? – Ich empfehle da dringend Gleich-Gültigkeit. Ein bewusstes und reflektiertes (!) Gleichstellen unterschiedlicher Wertesysteme und dazu eine gesunde Dosis “Demut”, d.h. ein Hintenanstellen persönlicher Wichtigkeit und eigener Interessen. Ist nicht leicht, zugegeben, schon gar nicht für Politiker. Wie das geht hat Margot Käßmann vorbildlich vorgemacht.


Lena Meyer-Landrut macht Deutschland stolz 

Wir sind inzwischen in Deutschland schon ganz gut im Fremdschämen geworden. Genug Übung haben wir ja, dank Dschungel- und Casting-Shows, den Selbstentblößungen  der Talk- und Realitysendungen und all dem Schrott des Billig-TV. Spezielle Formate haben sich darauf geradezu kapriziert: Sasha Cohen mit “Borat” und “Brüno” und auch “Jackass” haben es bis ins Kino geschafft – und gerade auch Stefan Raab holt sich die Mehrzahl seiner Gags aus der billigen Schublade der Schadenfreude über mediale Selbstentblößung. 

Lena Meyer-Landrut

Lachen ist schon seit je her eine wirksame und gesellschaftlich akzeptierte Methode, mit unangenehmen und peinlichen Situationen fertig zu werden. Mit solch „operativem“ Lachen werden selbst schmerzhafteste Wahrheiten auszusprechen gewagt und unangenehmste Situationen irgendwie erträglich gemacht. Längst aber ist dieses Lachen instrumentalisiert und zum willkürlichen Belustigungsinstrument degeneriert. Man lacht, weil es peinlich ist, nicht weil witzig. Mario Barth erntet so den Großteil seiner Lachsalven. Man lacht über die Peinlichkeit der anderen und vergisst, dass man auch immer selbst der andere ist.  

Zeitalter der Peinlichkeiten 

Die Gelegenheiten für Peinlichkeiten sind so hoch wie noch nie zuvor. Unser Wissen, unsere Kultur, unser Lifestyle und der Zeitgeist entwickeln sich so schnell und auf so vielen Ebenen gleichzeitig, dass es so gut wie unmöglich ist immer State of the Art zu sein. Entsprechend oft ist man mal peinlich – und noch nie war die Wahrscheinlichkeit so groß, dass solch ein Moment per Foto oder gar Video festgehalten wird. 

Das trifft auf ganz besondere Weise auf die Politiker zu. Bei Lübke ging das los, die erste große Hochzeit erlebte das Fremdschämen bei “Birne” Kohl. Nach kurzer Pause dank Maßanzüge tragender rot-grüner Koalition häufen sich wieder die Anlässe, sich auch beim Zusehen der Tagesthemen vor Scham unter der Couch verstecken zu wollen. Dazu braucht es nicht allein krass peinliche Situationen. Forsch gelebte Wichtigtuerei und forcierte fehlende Authentizität reichen dazu schon. 

Die Begriffe „Fremdschämen“ oder „Fremdscham“ sind recht moderne Spracherfindungen. Sie sind eigentlich erst nach der Jahrtausendwende in Gebrauch gekommen. Die Sprachschöpfung des „Fremdschämens“ wird ausgerechnet Harald Schmidt, dem letzten „schamlosen“ Spötter und dem in seinen besten Momenten souveränen Tabuverletzer zugeschrieben. (Toll zu dem Thema auch Jan Delays Song “Überdosis Fremdscham”.) 

Bevor dieses plastische Sprachbild in Gebrauch kam, hieß das unangenehme Gefühl, wenn man sich für die Peinlichkeit eines Anderen schämte bezeichnenderweise „narzisstische Scham“. Der narzisstische Effekt ist offensichtlich. In einer Welt, in der allein ICH im Zentrum stehe (was das Ideal jedes Narzissten ist), bezieht sich jede Gegebenheit auf mich. Ist also etwas in meinem Umfeld massiv blamabel, beziehe ich das unvermittelt auf mich – und schäme mich für ihn und über ihn. 

Fremdstolz statt Fremdscham 

Nun zeigt aber ausgerechnet der Großmeister der Fremdscham-Schadenfreude, Stefan Raab, dass die Fremdscham auch noch eine hübsche Schwester hat: der Fremdstolz bzw. das Fremdfreuen. So geschehen in Raabs Eurovisions-Casting “Ein Star für Oslo”. Die Entdeckung der singenden Märchenfee Lena Meyer-Landrut (so heißen Feen in Deutschland nun mal) hat eine seltene Allianz der kollektiven Freude, der kollektiven Sympathie und eines eigenartigen Stolzes ausgelöst. 

Nach dem Sieg der verspielten, phantastischen wie phantasievollen und dabei selbstbewussten Lena war das Presseecho einhellig begeistert. Sogar die BILD, sonst DSDS verpflichtet und dem Springer-allergischen Raab eher in Feindschaft verbunden, schrieb eine Liebeserklärung an Lena. Twitter explodierte fast mit positiven Affirmationen. Auf der Fanwebsite bei Facebook verdoppelte sich die Zahl der Fans innerhalb von 12 Stunden von 13.000 auf 26.000. Lena führt mit ihren drei Songs aus dem Finale binnen Stunden alle Musik-Download-Plattformen an. 

Und das wohlgemerkt mit einer Musik, die so noch nie in deutschen Charts irgendeine Chance gehabt hat. Mit einem schräg-verspielten Auftreten, das sich so – wohltuend – von aller sonst verbreiteten Langeweile unterscheidet, die sich gerne Professionalität nennt. Hier ist ein Phänomen zu beobachten, das ich als “Fremdstolz” bezeichnen würde. Deutschland ist stolz darauf, dass es hierzulande eine so nette und dabei nie anbiedernde junge 18-Jährige gibt, die wunderschön versponnene Geschichten zu erzählen weiß und deren Sprache so “derb” bildreich ist. Deutschland freut sich über sich selbst, dass man doch noch nicht verlernt hat, Ereignisse jenseits der Norm gut finden zu können. Die Hoffnung ist: Sind wir nicht alle ein bisschen Lena?

Die Liebe zum Fisch

12. März 2010


Die Beschränktheit der Sterneköche 

Ich esse gern, ich koche gern. Sieht man mir teilweise auch an. An meinen entspannten Gesichtszügen natürlich, weniger an meinen überflüssigen Pfunden. Als Genuss-Koch gehe ich auch gerne essen, um neue Anregungen zu bekommen, neue Geschmackserlebnisse zu machen – und natürlich auch aus Genussfreude. Gerne bin ich daher immer in Sterne-Restaurants gegangen. Wohlgemerkt, das gehört der Vergangenheit an. Zum einen überrascht nur noch sehr selten eine wirklich bahnbrechende Kreation. Vor allem aber haben mir die Mit-Gäste in den Edel-Restaurants den Spaß verdorben. Die Attitüde der meisten Gourmets ist einfach fürchterlich. 

"Ma" in Berlin

Entweder sind sie sowieso nur da, um anzugeben. Vor jungen Damen, jungen Kollegen, Businesspartnern etc. Oder sie dokumentieren ihre Wichtigkeit, ihr Bankkonto und ihr Ego. Das führt dann gerne mal dazu, dass man kaum selbst zu einem vernünftigen Gespräch kommt, weil nebenan laut Unwichtigkeiten dröhnend laut erzählt werden. Mögen Sie auch die Menschen, die Geschichten ohne Pointe erzählen, aber immer im Tonfall, als käme eine? Und das Fürchterliche ist, dass man bei solch intelligenzfreien Reden nicht so wirklich weghören kann. Das ist ähnlich wie man auch kaum seinen Blick von einem wirklich häßlichen Menschen wenden kann. 

Der zweite Grund, der mich aus den Gourmet-Tempeln vertrieben hat, ist die Verwöhnung meines Gaumens mit guten Grundzutaten, seit ich so viel mehr Zeit in Italien verbringe. Gute Dinge, einfach und gekonnt zubereitet, schmecken immer um Längen besser als hochexaltierte Kochrituale. Auf den populistischen Nenner gebracht: Italien schlägt Frankreich um Längen. 

Und ich entdecke immer öfter junge Restaurants, die genau diesen Weg gehen. Nicht hoch kandidelter Unsinn wird gebastelt, sondern beste Zutaten werden gekonnt zubereitet. Zwei Beispiele von vielen: Die “Bar Corso” in München oder das “Heinrich” in Berlin. Und das Schönste ist, dort ist auch das Publikum viel netter – und der Geldbeutel bleibt auch noch (etwas) geschont. 

Gewürz-Tiraden im TV 

Von solchen Entwicklungen bekommt man in den Massen von Kochshows im deutschen Fernsehen leider gar nichts mit. Dort wird auch mal schnell dahin gesagt, dass man gute Zutaten nehmen sollte oder Bio angesagt ist. Aber kompetent vertiefen will – und kann – das keiner. Wenn man einmal erlebt hat, wie ein extraordinäres Fleisch, wie nicht-industrielles Gemüse ohne alles Gewürzdoping schmecken kann, weil es selbst so viel Geschmack trägt, weil etwa die Tiere würziges Gras zu fressen hatten (und nicht Silage oder Schlimmeres), für den sind Schuhbecks Gewürz-Tiraden nur gequirlter Unsinn, wenn nichts Schlimmeres. 

Wer einmal wirklich eine Alternative zu dem Koch-Gedöhns und Koch-Geschwafel hierzulande erleben will, dem seien Dan Barber und seine Vorträge bei TED ans Herz gelegt. Einmal geht es um Foie Gras, die Entenstopfleber, aus der Barber in 20 Minuten eine Tierfabel aus der realen Welt entwickelt, die einem den Mund wahlweise wässert und/oder offen stehen lässt. Hier ist eben Thema, dass Fleisch längst vor der Zubereitung, nämlich bei der Aufzucht perfekt gewürzt werden kann, in bester Erlebnis-Rhetorik behandelt. 

Noch beeindruckender ist seine Parabel von dem Fisch, den er zu lieben lernte. Hier wird eine real gewordene Utopie einer Lebensmittelproduktion in sämtlichen Details erzählt, die alle Paradigmen der Nahrungsmittelindustrie auf den Kopf stellt. An dem Beispiel einer außergewöhnlichen Fischfarm in Spanien wird gezeigt, wie Nahrungsmittelproduktion in Zukunft aussehen sollte. In diesem Fall ist Naturförderung, nicht mehr Naturverträglichkeit das Ziel. Qualität steht vor Quantität. Der Begriff “Nachhaltigkeit” ist dann nur noch eine unzulässige Untertreibung. Dan Barber erledigt im Vorbeigehen auch noch all das ideologische Blendwerk, das die Nahrungsmittelindustrie in Sachen Welternährung verbreitet. Das Ergebnis: ein Fisch, der selbst bei Zubereitung durch einen mittelbegabten Koch gut schmeckt. 

Der andere Sternekoch 

Die Pointe an dieser Geschichte ist, dass Dan Barber ein Sternekoch ist. Nicht hierzulande, sondern in den USA, im Einzugsbereich von New York. Und seine Erzählweise ähnelt der Zubereitung eines Gourmet-Menüs: nur erstklassige Zutaten, sorgsam zubereitet, mit viel Liebe zum Detail, aber auch dem Blick für das große Ganze. Perfekt gewürzt (mit guten Scherzen) und getragen von einer grandiosen Begeisterung für das Thema Essen und dessen Verträglichkeit mit der Natur. In meinen Worten: Euphorie at it’s best! 

Liebe TV-Verantwortlichen. Alle Lafers, Polettos, Kleebergs und Herrmanns dieser Welt in Ehren. Aber warum muss kochen immer nur Show sein? Warum kann man nicht eine Kochsendung machen, die einem kochen, essen – und vor allem bewusst einkaufen und zubereiten – mit Begeisterung nahe bringt? Im europäischen Umfeld kommt da Jamie Oliver noch am nächsten. In Deutschland gibt es das leider nicht. Tim Mälzer ist dafür einfach zu sehr Proll. 

Das Problem nämlich ist, dass man sich, wenn man wirklich gutes Essen propagieren will, unweigerlich mit der Nahrungsmittelindustrie anlegen muss. Und das wird kein Sternekoch je tun. Dazu ist er viel zu sehr im Wertemuster der Food-Industrie zementiert. Sie können – in des Wortes Bedeutung – nicht über den Tellerrand hinausschauen. 

Der einzige Koch, dem ich so etwas in Deutschland zutrauen würde, ist Tim Raue in Berlin. Das war das einzige Mal, wo ich Sterneküche wirklich inspirierend und lehrreich empfand. im “Ma” in Berlin habe ich neue Gemüse, neue Geschmackserlebnisse und neue Zubereitungsweisen auf voll mundende Art erlebt. Unter anderem den besten Kabeljau meines Lebens.

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