Mann ohne Gedankenstriche

26. Februar 2010

Innehalten bei Robert Musil    

Manchmal holt einen die Vergangenheit auf kuriose Weise ein. Zum Beispiel ganz spät nachts im Bett, im Warten auf dass der Schlaf kommt. (Was schreibt man auch noch so spät des Nachts am Blog!) Noch kurz nachsinnend über die Möglichkeiten, die die PC-Tastatur uns bietet, um (positive!) Emotionen ausdrücken zu können (siehe dazu Emotionen in Bits & Bytes 2). Da kommt als Flash aus längst vergangenen Zeiten, am Anfang meines Germanistik-Studiums, die längst verschollene Erinnerung an eine Proseminararbeit. Thema: Die Rolle des Gedankenstrichs in Robert Musils Über-Roman „Mann ohne Eigenschaften“.    

Kurfürstendamm 217, Berlin

Die Arbeit selbst ist längst bei diesem oder jenem Umzug im Orkus der Münchner oder Hamburger Müllabfuhr verschwunden. Den Roman habe ich mittlerweile wohl schon vier Mal oder öfter nachgekauft. (Das letzte Mal, informiert mich Amazon, im Mai 2004.) Irgendwie ist der Roman ein schönes Geschenk, wenn man einem guten Freund einen kleinen Tipp zu seiner Lebensführung geben möchte. Ich zitiere Adolf Frisé, wie er Ulrich, den Mann ohne Eigenschaften schildert: „Anfang Dreißig, sportlich trainiert, Mathematiker, Philosoph, ein sich passioniert in Frage stellender Nicht-Held…“    

Robert Musil gebraucht in seinem Roman den Gedankenstrich sehr ausgiebig – und vielfältig. Er liebt Parenthesen, Gedankeneinschübe. Dabei unterscheidet er, ob er vor und nach dem Gedankenstrich eine Leerstelle lässt oder nicht. Entsprechend atemlos oder überlegt ist der Gedanke in der jeweiligen Situation des Romans. Es gibt aber auch den doppelten Gedankenstrich: “ – – “ und sogar den dreifachen „- – -“ Und das in verschiedenen Sperrungen. Das sind „Leerstellen“ im Leben des Nicht-Helden, des Helden ohne Eigenschaften, ein Innehalten. (Auch so ein fast schon verschollener Begriff in unserer voll beschleunigenden Zeit…)

Leider ist solch ein Spiel mit Gedankenstrichen viel zu „literarisch“ und zu subtil, um im Web oder gar in Social Media Einzug zu halten. (Außerdem gibt die verbreitetste Blog-Software eine Unterscheidung zwischen Binde- und Gedankenstrich gar nicht her.) Aber als Stilmittel wäre so etwas durchaus eine schöne Option. Schließlich sind Denken und Gedanken ein wertvolles Gut, das es gerade auch in Blogs zu pflegen gilt – – -.    

Spiel mit Sonderzeichen    

Und das fiel mir dann da im Bett noch ein: Sind die Gedanken etwas tiefgründig, oder gar unterirdisch, könnte man eigentlich treffend den Underscore einsetzen: „_ _ _“. (Die gab es zu Musils Zeiten so noch nicht.) Verbotene Unziemliche Gedanken oder zynische satirische Versprecher kann man natürlich wunderbar durch die Durchgestrichen-Funktion inszenieren. (Perfekt angewandt immer wieder von Dieter auf www.11tech.de.)    

Bleiben als weitere Stilmittel in der Textwelt noch einige schöne Sonderzeichen: „¶“ etwa, das Breakzeichen. Das wäre doch prima zu setzen, wenn man einen stupenden Gedanken hat – oder argumentativ gegen eine Wand läuft. Sehr brauchbar ist als Facebook-Kommentar vielleicht auch auch das Cent-Zeichen „¢“, wenn etwa ideelles Kleingeld verteilt wird, sprich kleingeistig argumentiert wird. Und das spanische Initial-Fragezeichen „¿“ könnte doch beispielsweise ganz brauchbar hoch fragwürdige Bemerkungen oder Argumente kommentieren.    

Fehlt aber immer noch ein geeignetes Symbol für wirklich hochpositive Momente oder die von mir so geschätzte Euphorie. ¿Warum stellen die Spanier nur bei Fragesätzen das umgekehrte Fragezeichen dem Satz voran? ¿Warum haben sie nicht das umgekehrte Ausrufezeichen erfunden? Das wäre doch eine elegante Lösung, subtil Freude auszudrücken. – – – Die einzige Option, die mir nach ausführlicher Durchsicht der verfügbaren Sonderzeichen als Möglichkeit erscheint, ist das „e“ mit lustigem Hütchen obendrauf: „ĕ“. Das gibt es auch als Großbuchstaben, passend etwa für ganz große Euphorie: „Ĕ“.    

Na ja, um das mal cool mit Robert Musil zu kommentieren: „ –   –   –

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2 Responses to “Mann ohne Gedankenstriche”


  1. […] Erinnerung an Robert Musil machte mich auf ein kleines Pamphlet aus seiner Feder aufmerksam: “Über die Dummheit” […]

  2. konitzer Says:

    Das umgekehrte Ausrufezeichen ist inzwischen im Sonderzeichen-Labyrinth gefunden: „¡“. – Danke Karl-Heinz für den Tipp!


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