Avatare unseres Selbst

19. Februar 2010

Einsam im Internet

Der Literaturkritiker William Deresiewicz beklagt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Vereinsamung im Internet. Deresiewicz firmiert in dem Interview als Kulturkritiker, als solcher ist er aber bislang kaum aufgetreten. Einige Aspekte – vor allem im zweiten Teil des Interviews – sind interessant, aber einmal mehr wird hier Kulturpessimismus beschworen und Digital-Allergie gelebt, wie sie in den Printmedien-Häusern in Deutschland so zwanghaft gepflegt wird. (Siehe dazu auch: Das Digital Anxiety Syndrom.)

Diesmal geht es also um  Vereinsamung. Klingt ja schön provokant, dass ausgerechnet die große Kommunikationsmaschine Internet einsam machen soll. Deresiewicz beruft sich bei dieser These auf den amerikanischen Kulturkritiker Lionel Trilling. Zitat: „(Er) schrieb bereits vor 50 Jahren, dass die Moderne von der Angst des Einzelnen geprägt ist, nur eine einzige Sekunde von der Herde getrennt zu sein.“

Trilling kritisierte in den 50-er Jahren, nach seiner Wandlung vom Marxisten zum Proto-Neo-Konservativen, gerne die Moderne. Er lag mit seinen Beobachtungen oft nicht falsch. Nur leider kritisierte er eine Moderne, die so heute nicht mehr existiert. Die Moderne bei Trilling ist noch die  der 50-er Jahre samt Atomkraft-, Maschinen- und Automatisierungsbegeisterung. Metropolis und Orwells „1984“ lassen grüßen.

Da sind wir heute längst hinweg. Hilfreich ist hier die Unterscheidung zwischen der so genannten schweren Moderne, wie sie Trilling beschreibt, und der leichten, flüchtigen Moderne, wie sie Zygmunt Baumann für unser postindustrielles Zeitalter der Bits und Bytes beschreibt. Eine Zeit und eine Kultur eher jenseits der Post-Moderne. Einer bislang sicher erst rudimentär entwickelten Digitalen Kultur.

Angst vor dem Alleinsein

Kernthese Deresiewiczs ist eine Analogie zum TV, das eigentlich geschaffen wurde, um Langeweile zu vertreiben, die Langweile aber nur vervielfachte. Das Internet sieht Deresiewicz auf demselben Weg: „Je mehr uns eine Technik die Möglichkeit gibt, eine Angst des modernen Lebens zu bekämpfen, umso schlimmer wird diese Angst bei uns werden. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt treten können, fürchten wir uns umso mehr, allein mit uns und unseren Gedanken zu sein.“

Hier unterschätzt ein Literaturkritiker (!) wieder einmal die interaktive Netzwerkkraft des Internet. Noch nie wurden so viele Gedanken so schnell (Twitter) und so zahlreich (Facebooks, Blogs) ausgetauscht wie heute. Viele banale Gedanken, zugegeben, aber eben auch viele, viele intelligente, einfühlsame und gute Gedanken und Ideen.

Spannendes Digitales Ich

Deresiewicz betont, dass er selbst in Facebook aktiv ist. Na ja. Auf alle Fälle überrascht dann doch seine These: „Je mehr Spaß Menschen an ihren Facebook-Statusnachrichten zu haben scheinen, umso weniger Spaß haben sie in ihrem echten Leben. Das kann dazu führen, dass wir uns zu Avataren unserer Selbst verwandeln: Plötzlich merke ich, dass mein digitales Ich auf Facebook ein aufregenderes Leben hat als ich selbst.“

Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass dieses Problem eher im realen Leben besteht: Da nerven mich „Darsteller der Wirklichkeit“ mit ihrem Klischeeverhalten weit mehr als Wichtigtuer in Facebook. Die kann man auch mit „hide“ wunderschön ausbremsen. Im realen Leben geht das nicht – leider…

2 Responses to “Avatare unseres Selbst”


  1. Die Angst vor Vereinsamung verbinde ich eher mit den Wohnblocks der 60er und 70er.

  2. konitzer Says:

    Oder mit dem in-interaktiven Zeitungsleser in eben diesen Wohnblocks, der seinen Frust, sein Wissen oder seine Ideen nicht weitergeben kann – außer in einem Leserbrief, der nicht abgedruckt wird…


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