Heilige Maria & Gefrierfisch

12. Februar 2010

Döntjes auf 10.000 Meter

Ein kleines Seitenthema in „Up in the Air“ (Buch & Regie: Jason Reitman) mit dem wunderbaren George Clooney in der Hauptrolle (mehr zum Film in „Up in the Air 1“) sind die Bekanntschaften und Freundschaften auf (ganz kurze) Zeit, die man vor allem auf Langstreckenflügen mit Sitznachbarn schließt. In „Up in the Air“ erkennen sich Clooney und sein Flugkamerad vom Vortag am nächsten Morgen beim Einchecken nicht einmal mehr.

Zwei solcher Gespräche in der intimen Nähe einer Sitzreihe sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. – Auf dem Flug von Seattle zurück saß vor Jahren ein gemütlicher, vollbärtiger Mann neben mir. Vielleicht Anfang 60, Typ sympathischer Pappi. Angenehm unaufdringlich, aber wir kamen trotzdem ins Gespräch. Anlass war seine Bemerkung, mit der er mich von meinem Gangplatz aufscheuchte, er müsse jetzt hinten im Flugzeug nach seinen Norwegern sehen, die er gestern gefeuert habe und die deshalb heute nach Hause fliegen. – So ein Satz macht neugierig.

Käpt’n Iglo erzählt

Der nette Pappi stellte sich als Chef der Fischfangflotte eines großen Nahrungsmittelherstellers heraus. Er war also der Herr der Fischstäbchen. Gruselig die Schilderung der Arbeitswirklichkeit auf den Fangschiffen und speziell auf den Fabrikschiffen, auf denen der frisch gefangene Fisch gleichg erzählt vor Ort ausgenommen, portioniert, gefroren und paniert wird.

An den Fließbändern arbeiten – so erzählte es jedenfalls Käpt’n Gefrierfisch – fast nur russische Frauen, vorzugsweise Akademikerinnen. Nur sie hätten die psychischen Voraussetzungen, solch schlimme Arbeit in brutalster Kälte und Nässe bei schwankendem Schiff durchzuhalten. Sechs Monate am Stück, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich. Dann vier Monate Pause und Familienleben, die Ehemänner kümmern sich derweil um Haushalt und Kinder.

Diese Frauen seien die Einzigen, so der Käpt’n, die bei der Knochenarbeit nicht irgendwann zu saufen beginnen. Deshalb habe er ja auch die Norweger, die die Schiffsmannschaft stellten, rausgeschmissen. – Der Grund für das rigide Vorgehen: Gerade erst wäre ein Fabrikschiff mit etlichen Dutzend Mann Besatzung und zig Fabrikarbeiterinnen im Nordpazifik urplötzlich spurlos verschwunden. Ausgerechnet am Weihnachtsabend. Da sei wohl dann doch, trotz aller Verbote gefeiert worden, nahm er an. So heftig, dass nicht mal mehr ein Notrufsignal abgesetzt wurde.

Nach solch einer Erzählung liebt man seinen eigenen Job wieder von ganzem Herzen. Und so sah das auch mein Sitznachbar, der das alles in seiner norddeutschen, seemännischen Gemütsruhe erzählte, aber deutlich diese Gruselstory mal loswerden wollte. Ausgerechnet an eine Landratte wie mich – und das in 10.000 Metern Höhe.

Kommunistische Indianer in Tripolis

Die zweite kuriose Begegnung fand auf einem Flug von Tripolis (Libyen) nach Paris statt – das ist noch ein bisschen länger her. Ich war dort auf einem einwöchigen Kongress mit amerikanischen, kommunistischen Indianern (!!!). Thema der Veranstaltung: von arabischen Wissenschaftlern wurde versucht nachzuweisen, dass es eine genetische (!!!) Verbindung zwischen Arabern und US-Indianern gibt. Um die Voraussetzungen für diese gewagte These zu schaffen, sollen phönizische Schiffe schon um die Zeit von Christi Geburt Amerika entdeckt haben. Na ja, die Beweise dafür waren dünn, wurden dafür um so emphatischer vorgetragen – und von den Indianern angemessen beklatscht. Besonders schön war das große Solidaritätsfest der „Abrabianer“, so richtig mit Kriegstänzen in vollem Federschmuck.

Meine Anwesenheit dort war ein Missverständnis. Ich war eigentlich für ein Interview mit Gadhafi angereist. Doch das hatte sich von der Botschaft in Bonn (sic!), die das Interview in Aussicht gestellt hatte, nicht bis Tripolis herumgesprochen. So durfte ich die Stadt mit riesigem Schnellstraßenkreisel – stolz: Made in Germany – kennenlernen. (Toll die italienisch angehauchte Altstadt!) Den Zoo durfte ich besuchen, dort hatten die meisten Tiere aber anscheinend gerade Ausgang. Und dann die Begegnung mit arabischem Akademismus. (Vielleicht sollte ich daraus noch mal eine eigene Novelle schreiben – als Hommage an Kafka.)

Da Vinci déjà vu

Nach acht Tagen wurde ich sehr unhöflich wieder aus dem Land heraus komplimentiert. Ohne Interview. – Im Flugzeug saß ich neben dem coolsten der US-Kommie-Indianer. Bert sah wie ein echter Cowboy aus, samt Streichholz zwischen den Zähnen. (So was ging damals noch!) Wir kamen ins Gespräch. Er war gar kein Cowboy, sondern Elektriker, in einem Kraftwerk in Indiana. Und jetzt nutzte er die Gelegenheit und schaute noch schnell in Südfrankreich vorbei. Dort wollte er sich drei Wochen auf die Spuren von Christi Nachwuchs begeben.

Der Mythos, dass Jesus mit Maria (Magdalena) Kinder hatte, die samt Mutter nach seinem Tod nach Gallien – also Frankreich – in Sicherheit gebracht wurden und dort – angeblich mit dem wiederauferstandenen Jesus – ein Familiengeschlecht gründeten, deren Nachfolger noch heute leben, war mir damals neu. Und das als Ministrant! Ich muss die Geschichte auch nicht weiter ausführen, sie ist schließlich der Plot von Dan Browns Bestseller „Da Vinci Code“ (deutsch: „Sakrileg“) und dort samt aller Verschwörungstheorien nachzulesen. Ein echtes déjà vu, als ich das Buch erstmals in Händen hatte.

Solche netten Döntjes bekommt man in 10.000 Metern Höhe zu hören, wenn man Up in the Air ist und ein wenig Glück mit seinen Sitznachbarn hat. Manchmal sollte man sie ein wenig ernster nehmen. Wenn ich an Dan Brown und seine Auflagen denke…

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