Up in the Air

11. Februar 2010

Die hilfreiche Schule des Feuerns

„Up in the air“ – der Film mit George Clooney ist für jeden Cineasten ein Muss. Für weibliche Cineasten vielleicht noch ein bisschen mehr. Schließlich darf George in der Rolle des Entlassungs-Experten Ryan Bingham diesmal die komplette Palette der Emotionen, von cool über verliebt bis zutiefst enttäuscht spielen (Zitat Originaldrehbuch: „He’s emotionally bleeding to death.“) Und diese Bandbreite an Emotionen spielt er wunderbar vielseitig und authentisch. Aber auch alle anderen Darsteller sind großartig. Was Cineasten noch interessieren dürfte: Die Kameraführung ist intelligent und sensibel, die Bilder wohltuend weit von allem Hollywood-Lack entfernt. Das Drehbuch ist wunderbar. Ein kleine Novelle ist hier ohne jedes Brimborium vielschichtig und respektvoll erzählt worden.

Aber „Up in the Air“ ist vor allem für alle Manager, vor allem in internationalen Firmen, ein noch größeres Muss als für Cineasten. Jeder, der Personalverantwortung hat und – in Zeiten wie diesen – Gefahr läuft, Entlassungen vornehmen zu müssen, bekommt von George Clooney (und Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitmann) einen erstklassigen Fortgeschrittenenkurs, wie man solch heikle Gespräche führen sollte – und wie nicht. Wie wäre ich froh gewesen, hätte ich frühzeitig solch lebensnahe Nachhilfe in Sachen Kündigungsgespräch bekommen.

Mein Irrtum war in Frühzeiten meiner Berufskarriere, dass ich tatsächlich erwartet habe, ich dürfte Verständnis für die Entlassung vom Gekündigten erwarten, wenn ich die Kündigung nur gut begründe und Verständnis für die missliche Lage des künftigen Ex-Mitarbeiters formuliere. Was für eine krasse narzisstische Fehlleistung. Eine Kündigung, aus welch gutem Grund auch immer, ist stets eine absolute Kränkung, die dem Gekündigten jede mögliche emotionale Regung erlaubt, nur nicht einen Hauch Verständnis oder gar Sympathie für den Kündigenden.

Dessen Rolle ist der Bote der schlechten Nachricht, der Prellbock – und bestenfalls ein erster Helfer, eine neue Perspektive zu entwickeln. Zu beneiden sind alle die, die in diesem Gespräch schon die berechtigte Aussicht auf einen Job anderswo präsentieren können. Der Normalfall aber ist, dass man geballte Panik und Aggression in voller Breitseite abbekommt – und das einfach stoisch und fair aushalten muss. Die einzige erlaubte Emotion ist qualifiziertes Mitgefühl. Mitleid ist schon falsch, weil von oben herab. Und die Machthierarchie bei einem Entlassungsgespräch ist sowieso schon eklatant. Clooney: „Das ist die persönlichste Situation, die nur denkbar ist.“

Und das vermittelt der Film eindringlich. Die Bandbreite der Reaktionen auf die Kündigung ist zu erleben. Bis hin zum worst case. Das Drehbuch ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ein Geniestreich. Die Dialoge sind extrem knapp, aber immer ganz nah an der Wirklichkeit real gesprochener Texte. Es gibt eine Menge absolut witziger Momente, köstliche Gags und schön absurde Szenen.

Non-Menschen an Non-Orten

Vor allem einen Effekt hat der Film. Man denkt nach über die zu oft zu wenig reflektierte Wirklichkeit der Business-Welt. Über die aberwitzig vielen Stunden, die man in schalem Airport-Ambiente verplempert hat. Die vielen Tage in einer seltsam plastfizierten Parallel-Welt, die man hinter der psychischen Milchglasscheibe von rot geränderten Augen, steter Übermüdung, Jet Lag und übersäuertem Magen nur noch sediert wahrnimmt. Ich erinnere mich an etliche Monate meines Lebens, die mir heute wie ein schlecht verdautes, andauerndes Alpdrücken vorkommen.

Der Philosoph Zygmunt Baumann nennt die so sorgfältig glattpolierte Parallelwelt der Flughäfen, Business- und Nobelhotels, der Lounges und Satelliten, der Terminals und Gates „Nicht-Orte“. Er definiert diese Non-Orte folgendermaßen: „Sie verbieten jeden Gedanken an ein ,Verweilen‘. (…) Jeder sollte sich dort ganz zu Hause fühlen, sich aber bitte nicht so benehmen.“ Und die Menschen, die dort zu viel Zeit verbringen, werden dort zu seltsam sinnentleerten „Non-Menschen“. Sie sind nicht ganz von dieser Welt. – Ich bin froh, von dort mittlerweile zurückgekehrt zu sein.

(Fortsetzung folgt)

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One Response to “Up in the Air”


  1. […] & Regie: Jason Reitman) mit dem wunderbaren George Clooney in der Hauptrolle (mehr zum Film in “Up in the Air 1″) sind die Bekanntschaften und Freundschaften auf (ganz kurze) Zeit, die man vor allem auf […]


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