Knacks im Zeitstrahl

9. Februar 2010

Kasperl-Theater von The WHO

Es gibt diese wunderschöne Geschichte – wahr oder unwahr? – aus einem Altersheim in den USA. Die älteren Damen und Herren hören gebannt und besorgt einer Rede von Ronald Reagan zur Lage der Nation zu. Es wurde wohl gerade wieder ein Krieg als unabdingbar an die Nation verkauft. Die ernste Stimmung wird von zwei der Zuschauer krass gestört. Sie lachen lauthals und können sich gar nicht einkriegen. Die beiden alten Herren waren taub und beobachteten allein die beredte Mimik und Gestik des Schauspielers, der so eindrucksvoll den Präsidenten gab. Und die dargebotene Gestik kollidierte so sehr mit dem Ernst der Lage, dass die beiden Taubhörigen, die längst perfekt gelernt hatten, Gesten und Mimik zu lesen, das Ganze als Comedy oder Kabarettveranstaltung missverstanden.

Wäre eigentlich auch eine sehr lustige Vorstellung, unter Gehörlosen einer Rede von Angela Merkel – oder noch besser: von Guido „Ich-bin-so-bedeutend“ Westerwelle zu folgen. Das grenzt ja schon oft für Hörende an Realsatire. Aber Halt, kein Grund zur Häme! Ist doch wirklich schwierig, wenn man frei sprechen soll und all die Vorgaben der Pressestellen, der Rede-Coaches, die verschiedenen Politstrategien und die Erwartungen diverser Lobby-Gruppen gleichzeitig unter einen Hut bringen zu wollen/sollen. Das kann nur zu so leeren Gesten und Worthülsen führen, wie jeden Tag in den Nachrichten zu beobachten. Der kleinste gemeinsame Nenner war noch nie Gassenhauer.

Eine seltsame, technisch bedingte Spreizung von Gestik und Akustik war Montag früh um die 3:00 Uhr  als Kuriosum zu bestaunen. Halbzeitpause beim Super Bowl in Miami. The WHO spielten auf. Wie anders sollte man das holprige 12-minütige Best-of-Medley nennen. Dabei ähnelte das Ganze einem außer Rand und Band geratene Kasperle-Theater. Was dann als „Digitale Panne“ in der internationalen Übertragung des Super Bowl entschuldigt wurde, war das technische Erbe von „Nipplegate“, der kurzzeitigen Entblößung des getapten Busens von Janet Jackson. Seitdem werden die Bilder zeitversetzt übertragen, damit im schlimmsten Fall einer neuerlichen Entblößung die übertragende Fernsehanstalt noch zensierend eingreifen kann.

Keine Ahnung, welche Ängste die Fernsehveratwortlichen und amerikanischen Sauberkeitspolitiker bei The WHO plagten. Weder Roger Daltrey noch Pete Townsend sind je durch Entblößungen auf offener Bühne auffällig geworden, nicht einmal in ihrer wüsten frühen Phase in den 60-er Jahren. Und was sollten auch ältere Herren von 64 bzw. 65 Jahren auch entblößen wollen?

Wenn schon Panne, dann „Digital“

So kam das Bild des kurzen Liveauftrittes um ca. eine halbe Minute zeitversetzt an, der Ton aber leider nicht. Der kam in Echtzeit. So durfte man in reinster digitaler Qualität die noch immer beachtliche Stimme von Roger Daltrey und die nicht so gut erhaltene von Pete Townsend hören, bekam die Bilder, wie sich die Herren dabei angestrengt haben, aber erst später nachgeliefert. Es hat sowieso etwas muppet-show-eskes, wenn ältere Herren die exaltierten Posen junger, stürmischer und aufmüpfiger Tage nachahmen. Durch die digitale Kluft von 30 Sekunden wirkte das aber zusätzlich lächerlich. Immerhin ist Roger Daltrey nicht verkalkt. Er selbst war über die Darbietung wenig begeistert. Seine Klage: Keine Konzertatmosphäre … viel zu kurzes Medley etc.

Immerhin glaube ich seit dieser kuriosen „Digitalen Panne“ wieder an die Geschichte mit Ronald Reagan (s.o.). Wenn Gestik und Sound – zeitlich – so weit auseinander liegen, entsteht automatisch Komik. Dann wird die Zeitillusion, in der wir leben und die wir stets so erfolgreich verdrängen, plötzlich ganz bewusst. Wir sind in des Wortes Bedeutung „aus der Zeit gefallen“. Das Kontinuum des Zeitstrahls hat plötzlich einen Knacks bekommen.

Interessant aber auch die lapidare Entschuldigung für die Asynchronität. Man muss vor das unangenehme Wort „Panne“ nur ein „Digital“ voranstellen, schon scheint die Peinlichkeit der Situation entschärft. „Digital“ scheint inzwischen schon so weit diskreditiert zu sein, und es hat schon so oft für Pannen und Unzulänglichkeiten herhalten müssen, dass es ganz kompetent und glaubwürdig menschliches Versagen kaschieren kann. Digitalität ist schon sehr weit auf dem Weg zur ganz normalen Normalität vorangekommen…

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