Darsteller der Wirklichkeit

7. Februar 2010

Authentizität als rares Gut

Kennen Sie auch dieses kleine Bohren im Bauch, die kleine Versteifung im Nacken oder gar das unerklärliche Gefühl, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen zu wollen. Und man weiß zunächst gar nicht, warum. Dieses Gefühl, das noch weit vor dem Fremdschämen kommt? – Solche kleinen, unangenehmen Körpersensationen entstehen, wenn einem das Unterbewusstsein sanft mitteilen will, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass irgendeine kleine Lüge im Raum steht, dass jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist. Kurz: wenn es massiv an Authentizität fehlt.

Mich beschleichen solch unschöne Gefühle immer dann, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die eine Rolle nur spielen und sie nicht ausfüllen. All die Manager, die in Ausbildung und Praktika nicht gelernt haben, zu analysieren, zu denken und zu entscheiden, sondern nur alle Gesten, die den Eindruck vermitteln sollen, dass man analysiert, dass man denkt oder entscheidet. Da werden Stirne in Falten gelegt, sorgsam die Fingerspitzen gefalteter Hände an die Nasenspitze geführt, da wird ostentativ hinter dem Ohr gekratzt. Allein es fehlt die Überzeugungskraft solcher erlernter Gesten. Das liegt vor allem am Timing. Die Gesten kommen zu schnell hintereinander oder in erratischen Abständen, meist zu falschen Momenten.

Wie sehr solch unauthentisches Gebaren schmerzen kann, ist in (fast) allen Soap-Operas zu erleben. Auch hier muss ja jeder Satz, jeder Dialog mit den Händen gestisch unterstützt werden und ihnen mit heftigem Gesichtsmuskeleinsatz mimische Bedeutsamkeit eingehaucht werden. So etwas ist schon an sich schrecklich. Aber immerhin kann man solchen Situationen mit dem entschlossenen Einsatz der Fernbedienung entfliehen. Schwieriger ist das schon im realen Leben. Da hilft die Fernbedienung nicht weiter, wie einstmals schon Mr. Chance (in „Willkommen, Mr. Chance“) erkennen musste. Da muss man durch, egal wie schlecht die Performance der versammelten Manager-Darsteller gerade ist.

Ich habe lange nicht verstanden, wie man auf die Idee kommen kann, lieber so zu tun, als sei man jemand oder etwas, als es wirklich und real zu sein oder zu tun. Es muss doch, so dachte ich lange, anstrengend und schmerzhaft sein, nur so zu tun – und damit so wenig bewirken zu können. Ich musste mich aber selber über die Zeit hinweg eines Besseren belehren. Es scheint zu gehen, solch eine virtuelle Persönlichkeit zu verkörpern. Es scheint auch vergleichsweise risikoarm zu sein. Da man nur so tut, als täte man etwas, ist das Risiko von Versagen und Niederlagen vergleichsweise gering. Hauptsache man ist so gut in seiner mangelnden Authentizität, dass man wirkungsvoll Entscheidungen, wirklich bahnbrechende Innovationen oder gar mutige Projekte unterbindet.

Virtuelle Schatten sind nicht überspringbar

Wer sich wundert, warum in ewigen Konferenzen so wenig herauskommt, dass trotz massigem Einsatz von Manntagen so wenig geschieht und selbst willkommenste Innovationen immer wieder erfolgreich abgewürgt werden, der weiß jetzt: das ist vor allem solchen Manager-Darstellern zu „verdanken“. Diese Pappkameraden meinen es nicht böse, sie wollen ja nur spielen. Und sie sind logischerweise nicht in der Lage, über ihren Schatten zu springen. Wie auch, virtuelle Schatten sind noch nicht erfunden.

Diese eigenartige Spezies der notorisch Non-Authentischen erlebt man aber nicht nur im Business, sondern täglich, im realen Leben. Beispiel TV: Ich vergesse nie, wie ein „Wer wird Millionär“-Kandidat Günther Jauch schier in den Wahsinn getrieben hat, indem er perfekt den Kandidaten gab: das heißt, er hat alle Sätze, die ein denkender Kandidat normalerweise von sich gibt, aufgesagt und die entsprechende Mimik dazu beigesteuert. Man hatte aber nie den Eindruck, dass er wirklich denkt. Und entsprechend kam er auch nie recht zu einem Entschluss, ob er jetzt A, B, C oder D antworten sollte. Vor allem war er aber so sehr mit seinen auswenig gelernten Texten und nachgeahmten Gesten beschäftigt, dass er nie zu Potte kam. Und Günther Jauch glitt ein ums andere Mal an diesem hauptberuflichen Kandidaten-Darsteller ab. Er bekam ihn nie zu fassen.

Oder auch im privaten Umfeld. Ich habe schon etliche Paare kennengelernt, die es scheinbar perfekt drauf hatten, ein perfekt harmonierendes und natürlich glücklich verliebtes Paar zu geben. Vorstellung war jedes Wochenende auf irgendeiner Einladung, bei einem Essen etc. Eigentlich stimmte bei diesem Stunt jede Geste und jeder Satz, und trotzdem überzeugte das Paar nicht, im Gegenteil es verstörte tief. Das Timing war falsch, es war alles zu dick aufgetragen und die Pointen saßen schon gar nicht. Fast hatte man Mitleid: waren hier zwei Menschen aneinander geraten, die nie zu lieben gelernt hatten, aber in zu vielen schlechten Filmen ein wirres Arsenal an Klischees zum Thema Liebe gesammelt hatten?

Humor zieht den Boden unter den Füßen weg

Apropos Pointen. Solche Darsteller der Wirklichkeit sind am besten und schnellsten durch Ironie, noch nachhaltiger aber durch Humor aus der Fassung zu bringen. Da sie gleichsam im luftleeren Raum agieren ohne jeden echten Bodenkontakt, können sie gar nicht damit umgehen, wenn ihnen durch Witz oder Ironie sozusagen gleichsam noch einmal der Boden unter den Füßen genommen wird. Diese doppelte Leere irritiert sie ungeheuer und lässt sie meist ratlos zurück, während alle um sie herum lächeln oder lachen. Der Horror Vacui solch einer Situation muss entsetzlich sein.

Der Anlass meines kleinen Ausfluges von der Welt der Authentizität in das weite Feld der Mimikri und des gelebten Blue Screen ist ein Petitesse heute beim nachmittäglichen Kuchenkauf. Ich hatte eine gefühlte Viertelstunde hinter einem Paar zu warten, dass eigentlich nur zwei Kaffee, einen Kuchen und ein belegtes Brot bei Aran kaufte. Aber bis das so weit war, musste eine immense Menge an Gesten des bedächtigen Nachdenkens, des vorweggenommenen Genusses und des sorgfältigen Abwägens abgespult werden. Das ganze natürlich inklusive der entsprechenden hohlen Dialoge, Nachfragen und Denkpausen. Drei Mitarbeiter waren vollauf beschäftigt, diesem massiven Einsatz virtuellen Lebens irgendwie Herr zu werden und in reale Produkte umzusetzen.

Als das Paar, perfekt gestylt, aber auch hier ausgemacht unauthentisch, sich endlich an seinen Tisch getrollt hatte, kam in mir echt so etwas wie Mitleid auf. Es muss so anstrengend und dabei so wenig erfüllend und spannend sein, solch eine ewige Inszenierung einer Wirklichkeit zu leben. Aber immerhin bekam ich eine Erklärung dafür, warum Authentizität heute so hoch im Kurs steht; warum es so im Trend liegt. Ganz einfach: Das Angebot regelt die Nachfrage. Und Authentiziät scheint ein sehr rares Gut zu werden…

5 Responses to “Darsteller der Wirklichkeit”

  1. regido Says:

    schoener artikel ich werde ihn morgen noch mal lesen….ich bin jetzt zu muede….🙂

  2. Bettina Says:

    Haah!! genauso sind se. Die automatischen Menschen. Und dann noch einen Kurs zur Selbstfindung -und dann ist da nichts. Gerne auch: die Behauptung, eigentlich ein anderer zu sein – dafür die Rollen : ich bin spontan, ich bin heimlich ein Autonomer, im Herzen bin ich jung geblieben, ich bin eigentlich Rocker, oder- ich hab auch meine sanfte Seite und viel andere Klischees mehr. Bloß – die Rollen sind ungeprobt!! Und das ist dann ganz furchtbar schockermäßig grausam. Gruselfilm.

    Die Welt der aufsagenden Soapstars um uns herum ist ja als Folie noch berechenbar und auch als Nebengeräusch ortbar – aber die wilden Seiten der automatischen Darsteller aus den C- und Double-D Movies entliehen – das ist wirklich schlimm. Wenn Hausfrauen auf der Tanzfläche mit Headbanging und schlechtem Rhythmusgefühl „ausflippen“ spielen, der Elektriker, der auf der Landstrasse den Autostunt mit starrem Blick auf das Weisse im Auge des Feindes begeht, oder das Pärchen, das ein romantisches Dinner mit Begrüßungscoktail und anschliessender Spitzenwäscheverführung, Rotkäppchensekt im Bauchnabel und weitere Peinlichkeiten zelebriert – da wird das Grauen erst erst zum Gruseln.

    Der Schlüsselsatz heißt: Mal was anderes. Seit neuestem mein Lieblingssatz der künstlichen Menschen. Man kocht stundenlang vietnamesich (schlimm genug) aber statt eines Kompliments wird man mit dem „mal was anderes“ geohrfeigt. Früher war wenigstens „Ihr habt Euch ja so viel Mühe gemacht“ der Standard-Automatensatz.

    Aber ein anderer Aspekt – ist ein guter Film nicht eine anständige Orientierungshilfe im Alltag? Wenn nicht in jedem Film der nackte Mann/Frau sich nicht im Bettaufsetzen noch im Sitzen zu am Fußende liegenden Bademantelgreifen würde, um sich den im Sitzen anzuziehen, wenns nicht so laufen würde, wüssten wir halt nicht, wie man da reinkommt.

    So – die Leutchen beim Bäcker haben eben aufgepaßt, nicht einfach kaufen und raus, sondern Kopf schieflegen, Blickkontakt mit der Verkäuferin, Blickkontakt mit dem Partner, Nicken (langsam) dazu noch ein privates Wort (Nic „Hey, Joe, was machen die Kinder?“ Joe „Du weiß ja, Nic, wir werden alle älter“. Nic „Du sagst es“) – Ja so läuft es wie geschmiert, alle wissen was zu tun und zu sagen ist, gehen raus und erschießen den Feind, von dem man auch weiß, wer es ist. Und wenn Herr Konitzer mal öfter ins Kino ginge, so würde er auch wissen, dass zu viele Fragen nicht gut enden, man als Autor viele Zigaretten rauchen muß, dafür aber zeitweise tolle Weiber kriegt.

    • konitzer Says:

      Das mit dem tollen Weib hat schon lange geklappt. Und ganz ohne Raúchen. Und ohne Spicken im Kino. – Herrlicher Kommentar, danke Bettina. (Kennst du eigentlich das Pärchen – du hast sie so „authentisch“ beschrieben?)


  3. […] jedenfalls habe den Eindruck, dass dieses Problem eher im realen Leben besteht: Da nerven mich “Darsteller der Wirklichkeit” mit ihrem Klischeeverhalten weit mehr als Wichtigtuer in Facebook. Die kann man auch mit […]


  4. […] auch der Versuch, dann wenigstens die Rolle eines weniger Dummen spielen zu wollen (siehe hierzu “Darsteller der Wirklichkeit”), funktioniert sehr selten. Eine falsche Geste, ein falscher Mucks, und schon platzt der Ballon der […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: