Digital Anxiety Syndrom

2. Februar 2010

Wer hat Angst vor dem großen, weiten Web?

Eigentlich hatte ich mir geschworen, auf Frank Schirrmacher und seine mediale Allpräsenz nicht zu reagieren. Zu beschränkt scheint mir seine Web-Sicht in „Payback“ zu sein. Aber man kommt ihm ja kaum aus. In seinen diversen Talkshow-Auftritten wirkte er seltsam missionarisch und oft auch wirr. Stets fühlte er sich in seiner Argumentation wohl nicht genug verstanden oder ernst genommen und entsprechend ereiferte er sich noch streberischer – und damit erratischer.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war sein Auftritt auf dem DLD. Wenn man sich das Video der Podiumsdiskussion ansieht (und das ist dank Schirrmacher nur begrenzt ein Vergnügen), dann kann man ihn beobachten, wie verzweifelter und mäandernder seine Argumentation wurde. Dass das Symposion in Englisch diskutierte, machte es nur noch schlimmer. Schirrmacher wirkte wie ein von einer schweren Angstpsychose getriebener Eiferer. Diagnose schätzungsweise: Digital Anxiety Disorder, zu Deutsch, Angst vor den Weiten – und der Unkontrollierbarkeit – des Internet.

Wie kann es zu solch einem Fall von digitaler Agoraphobie kommen? Erster Lösungsansatz: der Patient hat sich zu lange in zu engen Räumen aufgehalten, in diesem Fall den analogen Welterklärungs-Stuben der FAZ. Dabei kann es nach gängiger Lehrmeinung allzu leicht passieren, dass man sich vor weiten Räumen zu fürchten beginnt.

Kontrollverlust, Kontrollverlust, oh Gott!

Aber ein zweiter Diagnoseansatz ist vielleicht zielführender. Es ist der Kontrollverlust, der den Patienten so virulent unruhig und manisch mitteilungsbedürftig macht. Dieses Problem hat eigentlich in Ansätzen jeder erlebt, der tief in der analogen Kultur verankert war und sich dann auf die Digitale Welt einzulassen hatte. Nur ist Frank Schirrmacher eben kein Early Adopter – und artikuliert daher erfolgreich die Irritationen, Frustrationen und Ängste der nun langsam zwangsdigitalisierten Generation, die das Internet lange unterschätzt – oder aber arrogant als Kinderkram abgetan hat. Motto: „Das macht meine Sekretärin für mich…“

Wenn man es richtig versteht, ist das zentrale Anliegen von Frank Schirrmacher die (drohende?) Allmacht der Algorithmen und der sie beherrschenden Firmen. Das ist im Ansatz ein wirklich wichtiges Anliegen. In Schirrmacher hat es leider nur den falschen Protagonisten. Durch seine begrenzte Internet-Kompetenz  („Tweed“ statt „Tweet“!) und sein eiferndes bis erratisches Auftreten diskreditiert er das wichtige Anliegen und drängt es an den Rand kabarettistischer Themenstellungen. Schade auch. – Und schade, dass ihm beim DLD – aus Höflichkeit? – so wenig Einhalt geboten wurde – oder seine Einlassungen wenigstens zugespitzt wurden.

Die kulturelle Leistung des Internets

Panel-Teilnehmer Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat Gott im Nachgang seine Sicht der Dinge in einem Leitartikel mit dem Titel „Digitales LSD“ klar gemacht. Seine Klage, das Internet habe zwar unseren Alltag komplett verändert, aber kulturell (noch?) viel zu wenig geleistet. – Ich erinnere mich noch gut an die Frühzeiten von Europe Online 1995. Da wurde wild und munter herumexperimentiert. Es gab echt avantgardistische Magazine – so lange das Investorengeld reichte.

Das Faszinierende am Internet ist eben, dass es es – auch dank etlicher Finanzblasen – geschafft hat, sich binnen eines Jahrzehnts als mediale Leittechnologie durchzusetzen und dabei genug Geld in Bewegung zu setzen, um eine weltumspannende billionenschwere Infrastruktur zu schaffen, zu Land und in der Luft. Kein Wunder, dass das Internet dafür so schnell so kommerziell wurde.

Die kulturellen Leistungen des Internets sind nicht herausragende Einzelperformances, sondern es ist die exorbitante generelle Erweiterung und Verbreitung von Spielmitteln für kreative kulturelle Leistungen. (Zum Beispiel die Reality-Animation von blublu.) Und wir stehen da noch ganz am Anfang. Noch ist das Internet in seiner Pubertät, mal sehen, was es leistet, wenn es älter und reifer wird. Wenn man sieht, wie leicht neue Ideen per Internet kreiert und propagiert werden, bleibt einem noch heute oft der Mund vor Staunen offen. Wie viel mehr schafft man pro Tag, wie viel mehr Themen kann man verfolgen – und dabei sich so nahe mit Freunden und Gesinnungspartnern vernetzen. In meiner Erinnerung der vor-digitalen (Medien-)Ära war das Arbeiten auch schön und kreativ, aber langsam und oft mühselig.

iPad – mickrige Fernbedienung der Welt

Und an dem Punkt komme ich dann doch noch mal auf Frank Schirrmacher zurück. Überraschend gut sind seine  neuesten Einlassungen zu Apples iPad im FAZ.NET. Droht durch die konzeptionell wohl bewusst so wenig interaktiv gehaltene „Fernbedienung der Welt“, aka iPad, eine neue Generation von digitalen Couchpotatoes – und mit ihnen, eine Passivisierung des Web-Konsums, wie es bislang nur das Fernsehen geschafft hat?

Andrian Kreye bemerkt in seinem Artikel treffend, dass es Steve Jobs mit Apple sichtlich nicht daran gelegen ist, kulturelle Spitzenleistungen zu schaffen – oder auch nur zu ermöglichen. Das war, wenn überhaupt, nur ein hingenommenes Kollateralereignis. Jobs baut Interfaces, mehr nicht . Und jetzt halt auch für die Digital Beginners. (Für kulturell Leistungen ist bei Steve Jobs wohl nur Pixar, die von ihm gegründete Filmfirma, zuständig, die so geniale Werke wie „Oben“, „Wall E“ oder „Ratatouille“ geschaffen hat.)

Hier droht also der ultimative Kontrollverlust. (Richtig bemerkt, Herr Schirrmacher!) Der Paradigmenwechsel wäre schon krass. Aus Apple, dem Lieblingstool der Kreativen, wird eine Marke für die tumben, passiven Medien-Konsumenten, die auch brav für immer wieder neu aufbereitete Inhalte bezahlen. Und der PC, bislang die Inkarnation des tumben Nerd, wird das Tool der kreativen, interaktiven, digitalen Fundamentalopposition. Kurios. Die erste erfreuliche Sicherheitslücke im Windows-System…

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