Placebo vs. Nocebo

1. Februar 2010

Neu im Psycho-Angebot: Posttraumatic Embitterment Disorder

Die sonst temperamentvoll miteinander konkurrierenden Pharmazeutik-Firmen haben sich doch tatsächlich zusammengetan, um mit vereinten Kräften einem Phänomen auf die Spur zu kommen, das ihre Geschäftsgrundlage zu gefährden droht. Sie finanzieren gemeinsam ein großes Forschungsprojekt, um verstehen zu lernen, wie und warum die Selbstheilungskräfte der Menschen immer besser und wirksamer werden.

Das Dilemma der Pharmazeuten ist, dass in den Blindtests, die für neue Medikamente und Therapien zwingend vorgeschrieben sind, bei denen nebeneinander die neuen Wirkstoffe mit gleich aussehenden, wirkstofffreien Mitteln verglichen werden, die Placebos immer öfter mindest ebenso gut, wenn nicht besser als die Medikamente wirken. Placebos sind sozusagen die neuen Wundermittel. (Wenn das bloß nicht unsere Gesundheitspolitiker spitz kriegen!)

Aber auch hier gilt es zu differenzieren. Placebo ist nicht gleich Placebo. Die Placeboforschung hat bislang unter anderem herausgefunden, wie die Zeitschrift WIRED im September letzten Jahres berichtete, dass gelbe Zuckerpillen gut gegen Depressionen helfen, rote dagegen anregend wirken. Grüne Pseudo-Pillen helfen gegen Angst, weiße gegen Übersäuerung. Und wie im richtigen Leben helfen mehr Placebos besser als weniger. Und Markennamen auf den Fake-Tabletten helfen auch mehr, und je besser die Marken klingen, um so besser.

Die faszinierende Wahrheit dahinter ist, dass die Selbstheilungskräfte der Menschen extrem groß sind. Der Arzt, der mir mal spät abends an der Hotelbar nach der Einnahme von reichlich vielen Tinkturen mit dem Wirkstoff Alkohol vertraulich ins Ohr brüllte, hat anscheinend recht: „97 Prozent der Heilung macht jeder Patient selbst. Nur für den Rest sind wir Ärzte wirklich zuständig.“ Die Patienten sind sich selbst die besten Gesundbeter. Es kommt wohl nur auf den geeigneten Trigger an: Pillen, Nadeln, Coaching – oder auch liebevoller oder strenger – je nach mentaler Prädisposition – Zuspruch. Erinnert sich doch jeder selbst: das Blasen auf Schrammen und Wunden hat in Kinderzeiten doch auch immer prima geholfen.

Nocebo, der Negativ-Placebo

Aber wie das so ist im Leben, der Effekt funktioniert auch umgekehrt. Dann nennt man das den Nocebo-Effekt. (So weit ich mich einnere: nocebo – lat. ich werde schaden.) Und für diesen Effekt sind jetzt weniger Pharmazeutika, sondern eher die immer schlimmer grassierenden Medien-Hysterien und Apokalypse-Szenarien schuld, die so viele Medien für auflagesteigernd halten. Stichwort: Schweinegrippe. Oder Vogelgrippe.

Zu Zeiten vom WIENER haben wir uns dort schon wirksam über Phänomene wie „Pseudo-Aids“ oder das „Waldi-Sterben“ (Umweltschäden bei Haustieren) lustig gemacht. – Was heißt, lustig gemacht. Solche Phänomene waren durchaus medizinisch gut nachweisbar. Leider war mir damals „Nocebo“ noch kein gängiger Begriff – und über Placebos habe ich mich damals noch lustig gemacht. Heute längst nicht mehr.

Ob Behandlung mit farbigem Licht, mit Infrarot, mit Wärme, mit Akupunkturnadeln, mit Globuli oder auch mit Hammermedikamenten. Ich habe alles schon prima wirken gesehen – bzw. selbst erlebt. Ich bin mir aber heute relativ sicher, dass nicht dieWirkstoffe geholfen haben, sondern der Glaube daran. Und da tun sich natürlich hyperkritische Geister schwer. Als im Katholizismus aufgewachsener Mensch (samt Ministranten-Karriere) stehe ich dem natürlich entspannt und aufgeschlossen gegenüber.

Sind wir alle (depresive) Berliner?

Und es hilft in dem Zusammenhang auch in Bayern zu leben. Die Maximen „Wann’s schee macht!“ oder: „Wann’s dann huift!“ waren hier schon immer Volksgut. Nocebos dagegen waren hier seit je her wenig verbreitet. Die wurden, wenn überhaupt, schlimmstenfalls aus dem Norden importiert. Die neueste einschlägige psychische Errungenschaft ist PTED. Die „Posttraumatic Embitterment Disorder“, die posttraumatische Verbitterungs Störung. Dieses Problem, das mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Depressionen etc. einher geht, wird vor allem in den USA jetzt bei Menschen, die in der Finanzkrise viel verloren haben (Geld, Job, Perspektive) diagnostiziert. Die American Psychiatric Association diskutiert bereits, ob diese Störung in den offiziellen Diagnostik-Kanon aufgenommen wird.

Erstmals wurde PTED aber in Deutschland, genauer gesagt in den Neuen Bundesländern und dort speziell in Berlin entdeckt. Dort unter den Opfern der Wende, unter Arbeitslosen und in der vom Absturz bedrohten unteren Mittelschicht. WIRED beschließt seinen Artikel in der aktuellen Ausgabe über PTED mit dem schönen Fazit: „We’re all Berliners now.“

One Response to “Placebo vs. Nocebo”

  1. Frank P. Says:

    Sehr hübsche Gschicht, wenngleich ich nicht uneingeschränkt beipflichten kann. Berlin zu den „Neuen Bundesländern“ zu zählen halte ich für eine nicht ganz zulässige Verbiegung der Historie. Nicht dass es jemandem schadet, oder ihn auf Dauer verbittert, aber helfen tuts auch nicht…oder doch.

    Übrigens haben wir einen ähnlich sarkastischen Stil. Guck mal: http://createordie.de/cod/kolumnen/Der-Untergang-von-Social-Media-053215.html

    Liebe Grüße aus dem verbiesterten Norden


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