Disruptiv & chaotisch

25. Januar 2010

Sicherheitsbedürfnis als Reichtums-Imperialismus

Die Klage ist allgegenwärtig. Die Zeiten sind härter geworden. Abrupte Änderungen geschehen innerhalb kürzester Zeit ohne große Vorwarnzeiten. Die Risiken steigen. Und nicht jedes Problem ist auch gleich eine Chance. Wie sollen auch Menschen oder Unternehmen mit massiven Problemen noch einen unbeschwerten Blick auf neue Chancen haben? Sie tunneln, unweigerlich.

Von außen sieht das meistens absurd und eigentümlich dumm aus. Aber wer sich jemals darauf eingelassen hat, seine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten von anderen zeigen zu lassen – oder dabei war, wie das anderen passiert ist – der weiß, wie schwer es ist, seinen eigenen blinden Fleck zu sehen oder ihn gar zu akzeptieren. Er ist ja deshalb blind, weil es so weh täte, genau diese Schwäche unbarmherzig anzusehen.

Und in unserer schnellen, komplexen Welt haben wir nicht nur einen blinden Fleck, sondern ganze blinde Systeme. Und der verbreitetste blinde Fleck aller derer, die sich die alte – vermeintliche? – Sicherheit und Risikoarmut wieder herbei sehnen, ist der dahinter verborgene (weiße) Wirtschaftskolonialismus.

Die heutigen Unsicherheiten, Umbrüche und Risiken sind der eigentlich extrem erfreulichen Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahrzehnten Millionen und Abermillionen Menschen – vor allem in Asien (China, Indien, Tigerstaaten), aber sogar auch in Afrika – der schlimmsten Armut entkommen und sogar einen relativen Wohlstand erreichen konnten. Eindrucksvoll und visuell greifbar ist das in den historischen Wohlstands- und Gesundheitsgraphen von Gapminder umgesetzt.

Diese Wohlstandszuwächse (verbunden mit Gesundheitszuwachs = geringerer Sterblichkeitsrate = Bevölkerungszuwachs) belasten massiv unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, machen sie volatiler, sprunghafter und chaotisch. Sie sind in Unruhe, also auch turbulenter und schwerer beherrschbar (vielleicht sogar unbeherrschbar).

Aber das will keiner hören, keiner sehen. Denn das wäre eine Bankrotterklärung unserer Gesellschaftsselbsttäuschung. Etwa dass Politik ein Prozess des Machbaren ist, dass Wirtschaft gestalten kann und wir kein machtloses Rädchen sind. Dabei ist genau das die große gesellschaftliche Aufgabe, die große gesellschaftliche Chance zu einer Überwindung alter Dichotomien von Links und Rechts, von Oben und Unten, von Kapitalismus und Sozialismus – you name it…

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