Mutmachen für die Zukunft

8. Oktober 2017


Mein Besuch auf der Blauen Couch

Die Email kam überraschend. Einladung auf die Blaue Couch von Gabi Fischer auf Bayern 1. Zugegeben, ich bin kein sehr eifriger Hörer von Bayern 1, ja generell von terrestrischem Radio. Wenn Radio, dann spezielle Sender aus aller Welt via Streaming, aus den USA (z. B. NRP), aus Großbritannien (immer noch gut: BBC!) oder auch aus dem Nachbarland Österreich (FM4). Natürlich auch mal die jungen Programme des BR.

 

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Dabei halte ich Radio auch weiterhin für unterschätzt. Na ja, vielleicht nicht Radio per se, sondern alle zeitgemäßen auditiven Inhalte, ob Podcasts, Streaming, Hörbücher, Hörspiele, also alles, was informiert, unterhält oder berieselt, ohne dass dafür das Auge in Anspruch genommen werden muss. Dabei geht es nicht nur darum, beim Autofahren ein wenig Ablenkung zu bekommen. Ich finde es auch schön, statt zu lesen, in der S-Bahn zu hören und trotzdem Umgebung und vor allem die umgebenden Menschen beobachten zu können. Nicht immer sind die so unterhaltsam – oder so seltsam – dass man ihnen zuhören muss.

Zukunftsdiskussion als Podcast

Jetzt gibt es auch mich als Podcast. Der Bayerische Rundfunk stellt alle Beiträge der Blauen Couch als Podcasts zum Hören und/oder zum Download zur Verfügung.
Hier der Link zum Podcast auf Bayern1.de. (auch zum Download)
Und hier der Podcast zum Download auf Soundcloud.

Das Thema der Gesprächstunde mit Gabi Fischer war die Zukunft, die Ängste davor – berechtigt oder nicht – und wie man Mut schöpfen kann, die Herausforderungen der Zukunft, die – ziemlich unerbittlich – auf uns warten, meistern zu können.

Schön, das ich ansatzweise die Gelegenheit hatte, im Gespräch auf der Blauen Couch meine Ideen zu einer Art Zukunftsmut kurz skizzieren zu können.

Schritt 1: Evolution akzeptieren & leben

Schritt Eins wäre, sich generell zuzugestehen, dass wir alle Kinder der Evolution, also einer permanenten Fortentwicklung sind. Wir wären nicht Mensch, wohl kaum Lebewesen, gäbe es die Evolution nicht. Also ist stets Veränderung unser typisches Erbgut. Das müssen wir uns einfach eingestehen und akzeptieren. (Man kann ja dann immer noch jammern, dass das alles immer schneller geht, wenn es ohne Jammern nicht geht.)

Schritt 2: Eigene Veränderung lieben lernen

Ein zweiter Schritt wäre meiner Meinung nach, einmal kurz in sich zu gehen und nachzudenken, ob man der, der man vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen ist, auch heute noch gerne wäre. Ich für mich verneine diese Frage entschieden. Ich bin froh, dass ich mich weiterentwickelt habe. Klar habe ich die meiste Mühsal, die Ängste, die ich unterwegs hatte, die peinlichen Momente und die Niederlagen überwiegend vergessen, verdrängt. Die Errungenschaften, die Glücksmomente, die Momente, wo man etwas wider Erwarten geschafft hat, müssen auch erst mühsam hervorgekramt werden. Aber ich bin heute der, der ich früher so nie war. Und das macht mich froh.

Warum nicht diese Haltung auch an die Zukunft anlegen? Klar, es wird oft schwierig werden, es wird Widerstände, Ängste, Niederlagen und unschöne Momente geben. Aber mit ein wenig Glück und Geschick werden auch in Zukunft die positiven Momente überwiegen. Vor allem, wenn wir uns aktiv darum kümmern, wenn wir unsere Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv gestalten, anstatt sie uns von anderen ungefragt vorgesetzt zu bekommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Nach dem Motto: Friss oder stirb.

Schritt 3: Anpassungsfähigkeit schätzen lernen

Vor allem aber sollten wir uns – und das ist Schritt Nummer Drei – sehr bewusst daran erinnern, welche Mühsal, welche Frustrationen, welche Niederlagen, welche Probleme, welche Verluste wir im Leben schon bewältigt haben. Manchmal vielleicht mit Glück, oft aber sicher auch mit Geschick, oft auch nur mit Geduld und im Laufe der Zeit. Wir übersehen, so wie wir schlimme Momente gnädigerweise schnell vergessen können, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Die Wissenschaft hat in letzter Zeit in vielen Studien und Metastudien (das sind Studien, die Studien zusammenfassen) nachgewiesen, dass die Adaptionsfähigkeit des Menschen ungeheuer groß ist. Zugleich ist aber der Glaube der Menschen daran unvergleichlich gering. Wir unterschätzen uns und unsere Fähigkeit, Änderung und Wechsel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen. In Wahrheit genießen wir es sogar – mit Ablauf der Zeit, und im gnädigen Blick zurück sind wir dann manchmal sogar stolz darauf.

Inertia, die Lust und Manie der Beharrung

Die zwei Gegner unseres Anpassungstalents sind die Angst und die sogenannte Inertia, das uns innewohnende Beharrungsvermögen, das man vielleicht besser Beharrungslust nennen sollte. Angst haben wir vor Veränderung weniger, weil sie Arbeit und Mühe bei der Anpassung macht, sondern weil wir nicht wissen, ob wir dabei Gewinner oder Verlierer sein werden. Das ist das Wesen jeder Veränderung, dass die Spielregeln und die Spielklötzchen andere sind. Die Gewinner und Verlierer werden neu bestimmt. Und ehe man Verlierer ist, blockiert man lieber die Veränderung. Man verpasst dabei aber auch die Chance, auf der Seite der Gewinner zu sein.

Zudem sind Menschen als solche sehr beharrlich. Wir sind zwar die Motoren der Evolution, sind aber selbst das trägste Moment in diesem Spiel. Die Technik hat sich drastisch verändert. Was im Großen und Ganzen geblieben ist, wie es war, das sind wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, unserem Verhalten und unseren Denkmustern. Wir tragen noch heute biologische Grundmuster aus vorhumanen Zeiten mit uns herum (Gänsehaut!), und ähnlich archaisch ist unser Hormonhaushalt (Testosteron, Adrenalin!) und  sind es viele unserer emotionalen Spontanreaktionen. Zugelernt haben wir in erster Linie nur kulturell.

Schritt 4: Zukunftskultur mit klaren Zielen

Daher müssen wir uns eine Zukunftskultur schaffen. Das wäre für mich der Schritt Vier. Wir müssen über Zukunft reden, diskutieren, streiten und dabei Schritt für Schritt weiterkommen. Aber Schritt für Schritt wohin? Wir brauchen Zielvorgaben. Das heißt, wir müssen die möglichen, wichtiger noch die nötigen Veränderungen offen benennen und dann diskutieren, ob das o. k. ist – und vor allem, wie wir dahin kommen. Dafür braucht es vielleicht gar nicht die vielzitierten (und von Helmut Schmidt desavouierten) „Visionen“. Es wäre schon genug, klar zu benennen, wo die Reise hingehen soll.

Solche eindeutigen Zielvorgaben scheut die Politik heute wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaft ist da zu Teilen anders, also in den Teilen, die sich zu den möglichen Gewinnern zählen. Die Teile der Wirtschaft, die zu verlieren fürchten, verstecken sich hinter den Politikern und ihrer Beharrungsmanie und stützen sie. Also herrscht ein beliebiges Vor-sich-hin-wursteln, das sich von einer unwichtigen oder übersteigerten Hysterie zur nächsten hangelt.

Zu wünschen wäre eine Politik, die klare Ziele hat. Über die kann man sich austauschen und streiten. Über ein konturloses Allerlei namens „alternativlose“ Realpolitik, kann man das nicht. Das erinnert an ein Fahren im dichten Nebel, in dem man sich nur an den Rückspiegeln orientiert. Da wäre es doch besser, man wüsste, wohin die Fahrt gehen soll.

Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war in Ansätzen eine solche Zielvorgabe. Nur hätte man gerne gewusst, was sie mit „das“ konkret meint. Und noch schöner wäre gewesen, es wäre auch mal grob skizziert worden wie das geschafft werden soll.

Zukunftsforschung, oder „Zukunftssoziologie“, wie ich das lieber nenne, sammelt und analysiert die Ideen und Optionen, wohin es gehen kann und wie es gehen soll – im Rahmen der bekannten Möglichkeiten, die uns unser Planet und unsere gesellschaftliche Verfassung erlauben. Und sie versucht, Ängste zu nehmen – und Mut zu machen. Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft! Also kümmern wir uns gefälligst darum…

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Sind wir fit für unsere Zukunft?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Das hat der liebe Joachim Fuchsberger selig festgestellt. Und sogar ein Buch darüber geschrieben. Alt werden, das ist nicht nur eine Zunahme von Malaisen. Alt werden ist nicht nur ein Verlust an Energie und Vitalität. Alt werden ist vor allem eine herbe Belastung für das psychische Immunsystem.

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Alter heißt: schon pensioniert sein bzw. in Rente sein. Das heißt, das gewohnte Leben ist vorbei. Und egal, wie sehr man den Ruhestand herbei gesehnt haben mag, es ist erst mal gar nicht schön, seinen täglichen Rhythmus zu verlieren. Und gar nichts mehr zu sagen zu haben, gar nicht mehr gebraucht zu werden. Und Ehe oder Partnerschaft sind auf dem Prüfstand, wo man jetzt dauernd aufeinander sitzt. Und so toll sind die neuen Hobbys, die man sich ausgedacht hat, wenn man ehrlich ist, nicht.

Sehenden Auges aufs Abstellgleis

Und auch die Zeit vor dem Ende des Arbeitslebens ist nicht schön. Wichtige neue Projekte laufen an einem vorbei, man ist ja bald weg. Die eigene, so wichtige Erfahrung, wird nicht mehr gebraucht, wird nicht mehr wertgeschätzt. Man fährt sehenden Auges aufs Abstellgleis. Eine eklige, niederschmetternde Erfahrung.

An diesem Punkt wird jeder gezwungen inne zu halten und einen Blick auf sein Leben zurück zu werfen. Und wer es da versäumt hat, für sich zu sorgen, emotional, ideell – und natürlich finanziell, wie soll der noch gute Laune haben? Wer jetzt nicht auf ein wirklich gelungenes Leben zurück blicken kann – und jetzt mal ehrlich und keine Lebenslügen! -, der hat eigentlich kaum noch eine Chance, das wirksam zu ändern.

Die Auflösung des Vertrauten

Rund um einen herum ändert sich währenddessen die Welt in atemberaubendem Tempo. Internet, Smartphone, Soziale Medien – alles ganz schlimm. Und so sehr man darüber schimpft, es nützt nichts. Man muss mit – oder wird abgehängt. Schlimmstenfalls von der eigenen Ehefrau, die sich das Internet von Kindern oder Enkeln hat beibringen lassen. Von den Kindern! Den Enkeln!!!

Und dann diese Globalisierung. Alles wird so fremd. Die Worte, die Gesichter, die Sprache, die Nachbarn, die Produkte. Und jetzt auch noch all diese Flüchtlinge. Millionen von ihnen. Schwarze! Araber! Muslime! Frauen mit Kopftuch! Das darf doch nicht wahr sein. Die haben noch ihr Leben vor sich – und wir sollen ihnen noch dabei helfen.

Depression, die Boomkrankheit

Die Psychologie kennt das Phänomen gut: Altersdepression. Menschen über 65 neigen dazu. Sie sind dreimal so anfällig für Depression wie jüngere Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Senioren darunter leiden. Vorzugsweise Männer. Und in Altenheimen sind die Zahlen noch verheerender, da sind fast die Hälfte depressiv. Und Depression ist die Boom-Krankheit schlechthin!

Diagnostiziert und behandelt werden diese Depressionen kaum. Denn alte Menschen geben nur körperliche Malaisen zu, psychische nie: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Also werden die körperlichen Symptome der Altersdepression behandelt, nicht aber die Ursachen: die geknickte Psyche.

Typische Symptome der Altersdepression sind:

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wehrlosigkeit
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken

Die Folgen: Verzweiflung, Aggression, Ohnmachtgefühle, Narzissmus (mangels Selbstwert), Wut, Schuldzuweisungen, Empathieverlust, Rigidität etc.

Gegenmittel: ein geglücktes Leben

Warum ich das schreibe? Ja, auch ich werde älter. Ja, auch ich erlebe Malaisen. Aber ich habe den großen Vorteil, dass ich vor ca 20 Jahren sehr drastisch und effektiv vor der Altersdepression aus berufenem Mund gewarnt worden bin. Zitat: „Herr Konitzer, Sie haben es jetzt noch in der Hand, im Alter griesgrämig auf der Bank zu sitzen – oder gut gelaunt den Lebensnachmittag und -abend zu genießen.“

Ich habe mich damals für Zweiteres entschieden und etliche Dinge in meinem Leben – und vor allem in meinem Psychosystem geändert. Ich hoffe, nachhaltig erfolgreich. Auch ich kenne die schwarzen Vögel, die manchmal über einem kreisen. Aber ich weiß inzwischen, wie ich den Blick von ihnen wenden kann und dem Leben zu.

Der Booster nach rechts

Ich erlebe aber rund um mich herum Altersgenossen, die das nicht gemacht haben. Und mit ihnen zu diskutieren, wird immer schwieriger. Speziell natürlich zum Thema Flüchtlinge. Oft ist die rigide Haltung erschreckend: Grenzen dicht, alle raus, und zwar sofort. Etwa in der Tonlage. Meist verschwiemelt und nur dumpf. Aber wehe, das Thema kommt irgendwie zur Sprache. Und das kommt es heutzutage unweigerlich.

Die Altersdepression und ihre Auswirkungen, das sind jetzt die Probleme der Generation der Babyboomer. Die Ältesten von ihnen, Jahrgang 1946, werden dieses Jahr 70, die Jüngsten, Jahrgang 1964, sind auch schon 52 – und habe es nicht mehr soooo weit hin zur Rente. Und genau diese Generation muss sich jetzt entscheiden, ob sie unsere Welt, Europa und Deutschland nach rechts drängt oder ob sie sich, allen innerem Grummeln zum Trotz, für eine offene, tolerante und vielleicht sogar innovationsfreundliche Gesellschaft erwärmen kann.

Mut machen statt Katastrophismus

Schön wär’s. Wir haben hierzulande keinen Macron, der mit seiner Art einem ganzen Volk Mut, gute Laune und Kraft geben und den Weg in eine offene Gesellschaft verheißungsvoll machen kann. Da ist auch keiner in dieser Art in Sicht. Merkel? Schulz?? Lindner??? Schade. Aber glücklicherweise droht auch kein Rattenfänger rechts von der Mitte.

Bliebe als Hoffnung, dass die Medien endlich ihren Alarmismus und Katastrophismus, ihren Zynismus und ihre akademische Version von Altersdepression beenden und in kritischer Haltung Mut machen sowie die zunehmend schnellere Veränderung der Welt erklären und moderieren. Ich werde versuchen, das an dieser Stelle hier auch weiter zu tun.

In diesem Sinne: Die Zukunft ist da! – Meine Prognosen, was auf uns in den nächsten Jahren alles zukommt, habe ich in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg zusammengefasst.

Die Slides dazu sind hier zu finden: www.slideshare.net/MichaelKonitzer/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

Der Soundfile des Vortrages ist hier: soundcloud.com/michkon-1/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

 

Welten mit Zacken

22. Juli 2017


Die vergangene Kunst des Briefmarkensammelns

„Briefmarken waren Fenster in wunderschöne fremde Welten. Kleine Fenster mit gezackten Kanten, kleine Bildschirme auf denen wunderschöne bunte Bilder projiziert waren. Sie waren nicht besonders wertvoll, aber die bunten Farben, die stolzen Köpfe von Monarchen, die exotischen Vögel und andere Tiere, die majestätischen Schiffe und Flugzeuge, die dort abgebildet waren, waren faszinierend.“

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Die blaue und die rote Mauritius, die teuersten Briefmarken der Welt

Schöner habe ich das weit verbreitete Hobby der Nachkriegszeit, das Briefmarkensammeln, nie beschrieben erlebt wie im Thriller von Peter Robinson „No Cure for Love“. Diese Sätze haben mir geholfen, wieder ein wenig mehr von meinem Vater zu verstehen, der mit Hingabe, Geduld und Fleiß Briefmarken gesammelt hat.

Mit Pinzette und Lupe

Ich habe ihn als Kind oft beobachtet, wie er mit Pinzette und einer dicken Lupe bewaffnet über seine Briefmarkenalben gebeugt saß und die Briefmarken ergänzte, vorsichtig neu sortierte oder auch nur betrachtete. Sie waren nach Ländern und Motiven geordnet und waren am Ende als er – früh – starb, in ca. 25 Alben sortiert. Der Großteil waren Briefmarken aus Deutschland, West und Ost, vor dem Krieg und nach dem Krieg. Aber auch die fernen Kontinente waren umfangreich vertreten und natürlich alle Länder Europas.

So haben mir die Briefmarken eine solide Grundbildung in Geografie und Historie vermitteltet. Ich wusste, wo die verschiedenen Länder der Welt lagen, wie ihre Oberhäupter aussahen, ihre Trachten, technische Errungenschaften und Naturschauspiele (samt Flora und Fauna). Ich kannte Hindenburg und Hitler, erlebte in absurden Preisaufdrucken die Inflation nach dem ersten Weltkrieg und die Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Afrika und Asien – lange bevor das im Geschichtsunterricht durchgenommen wurde.

Der Fetisch der Ersttagsbriefe

Und ich kannte die DDR sehr gut, samt ihren Parolen und ihrer martialischen Staatskunst. Meine Tante, die Schwester meines Vaters, arbeitete in der DDR bei der Post und so bekamen wir alle Neuerscheinungen samt Ersttagsbriefen komplett frei Haus, gestempelt und ungestempelt. Ersttagsbriefe! Es war noch ein Ereignis, wenn neue Briefmarken ausgegeben wurden. Old School-Marketing.

Ich habe nie darüber nachgedacht, was meinen Vater dazu gebracht hat, Briefmarken zu sammeln. Dazu war dieses Hobby in den 50er- und 60er-Jahren zu normal, weit verbreitet und gut beleumundet. Es war der anerkannte Zeitvertreib. Frauen legten Patiencen, Männer widmeten sich ihren Briefmarkensammlungen. Das war der Zeitvertreib vor TV und Internet.

Bildung mit kleinen gezackten Bildchen

Peter Robinson öffnete mir jetzt eine ganz andere, neue Perspektive, dieses Hobby anzusehen. Briefmarken waren wirklich Fenster in andere, fremde Welten. In andere Länder und andere Zeiten. Es war der kleinstmögliche Fernweh-Fetisch – und ein klein wenig auch ein Grundkurs in fremden Sprachen. Man wusste immerhin, wie die länder sich selbst nannten. Sverige war Schweden, Norge Norwegen. Frankreich war France und die Schweiz Helvetia. Und natürlich lernte man auch die fremden Währungen kennen.

Mein Vater hatte definitiv Fernweh. Das erste Mal kam er wohl unfreiwillig aus Deutschland heraus, als Soldat nach Frankreich. Da zog es ihn nach seiner schweren Kriegsverletzung dank der Resistance nie wieder hin. Dafür aber immer und immer wieder nach Italien. Aber auch nach Spanien und sogar Marokko. Das war damals ein Abenteuer, da fuhr man Anfang der 60er Jahre per Schiff hin, von Genua aus.

Die Hoffnung auf den großen Gewinn

Das Fernweh war so groß, dass mein Vater schon Anfang der 50er Jahre italienisch lernte und es gut und flüssig sprach. Er übte ja auch viel. Am liebsten wandte er es in länglichen Preisverhandlungen für Souvenirs und Schmuck für seine Frau an. Da war er in seinem Element obwohl er sonst, was Geld und Finanzen anbetraf, eher unbedarft und ängstlich war, Kriegskind (2 Weltkriege) und Flüchtling (auch 2 mal), der er war.

Ach ja, ein bisschen Lotteriespiel war das Briefmarkensammeln ja auch. Immer wenn mein Vater mit einer neuen dicken Tüte voller en gros gekaufter Briefmarken nach Hause kam, war beim ersten Checken und Vorsortieren auch immer die Hoffnung dabei, dass in dem Haufen eine ganz seltene, wertvolle Briefmarke dabei sein könnte. Keine blaue Mauritius, aber wenigstens ein Fehldruck oder eine seltene Marke ungestempelt.

Das private Fort Knox

Und natürlich war der offizielle Grund des Briefmarkensammelns, dass das eine erstklassige Wertanlage wäre, die kontinuierlich im Wert steigen würde. Für mich waren die Alben als Kind so etwas wie unser ganz privates Fort Knox. Ein buntes Sammelsurium an Wertpapieren mit gezahnten Kanten.

Ich habe die Briefmarkensammlung Mitte der 90er Jahre verkauft. Nach drei Umzügen mit der geerbten Sammlung hatte ich genug davon. Die Wertanlage stellte sich als eher dürftig heraus. Ich bekam gerade mal 6.000 Mark dafür. Herzlich wenig für die ausdauernde und penible Arbeit, die mein Vater in seine Sammlung investiert hat. Aber inzwischen hatte das in Flugzeugen und Autos ausgelebte touristische Fernweh längst diese winzigen Bildchen entwertet.

Wenn Träume Träume bleiben dürfen

Danke an Peter Robinson, dass er mir den Wert der kleinen Bildchen wieder zurückgegeben hat und er die Erinnerung an meinen Vater um eine wunderschöne Facette ergänzt hat. Eine Facette mit gezackten Kanten, ungestempelt und völlig neu gedruckt.

Briefmarken: Eine sehr ökologische Art, Fernweh auszuleben, ganz ohne Billigflieger, Autobahnstau, Touristenschwärme und Kreuzfahrtschiffe. Eine sehr phantasievolle Art von Fernweh: Die kleinen Bildchen mussten schließlich in der eigenen Imagination zum Laufen gebracht werden. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der unsere Träume noch nicht wahr geworden sind, sondern nur geträumt wurden.

[Übrigens: Peter Robinson und vor allem seine Inspektor-Banks-Serie sind mein Favorit, wenn es um – britsche – Krimis geht. Vor allem, weil man dabei auch eine Menge erstklassiger Musik-Tipps bekommt – von Klassik bis Pop und Rock. Und gut geschrieben sind sie sowieso alle.]


Jede Kritik an ihm macht Trump stärker

Als Mensch, der in der Schule Rhetorik am Beispiel eines Cicero nahe gebracht bekommen hat, ist jede Rede von Donald Trump eine Pein. Nicht dass man im Römischen Reich vor 2.000 Jahren nicht auch gelogen hat, dass sich die Balken (der Rednerbühnen?) gebogen haben. Ein Julius Cäsar hatte einen ähnlich kreativen Umgang mit Fakten und Wahrheiten wie die Populisten heute. Aber ihm gelang es wenigstens, einen Gedanken nach dem anderen verständlich zu formulieren.

Donald Trump Hairstyle

Anders Donald Trump. Wenn er frei spricht, schafft er es ohne Anstrengung (wahrscheinlich genau deswegen!) in gestoppten 32 Sekunden Redezeit sieben Themen nacheinander anzureißen, ohne eines davon zu irgendeinem Ende zu bringen. Jeder Goldfisch wäre mit solch einer Rede unterfordert, wie der britische Comedian John Oliver scherzt (min 6:20).  Nichtsdestoweniger bekommt er viel Beifall bei solchen Reden. Nicht nur von seinen Claqueuren, die er zu allen seinen Reden mitbringt. (Hat er sich von Putin & Co. oder auch den alten Römern abgeschaut.)

Realitäten aus Wolkenkuckucksheim

Egal welche öffentliche Rede man sich von Trump anschaut/anhört. Egal wie gruselig die Inhalte sind, wie viel gelogen wird und Tatsachen verdreht werden, Trump begeistert seine Massen. Er tut das um so mehr, je weniger er an einem Redemanuskript hängt. Frei spricht er am erfolgreichsten. Vor allem auch, weil er dann völlig unbekümmert die Realitäten beschreiben kann, wie er sie sich in seinem Wolkenkuckucksheim (derzeit Pennsylvanian Avenue 1600) zurechtgezimmert hat.

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, was Trump in seinen Reden so erfolgreich macht. Vor allem, weil man ja so konsterniert ist über seine billige Art, Beifall zu heischen. „Fremdschämen“ ist als Ausdruck zu harmlos, wenn man seine Lügen und Verdrehungen hört und seine mangelnde Kenntnis von Grundwissen live erleben muss.

Monolog unter Gleichgesinnten

Tatsache ist, dass Trump rein gar nicht zu Menschen wie mich und Unsereinem spricht. Er spricht ausschließlich zu Seinesgleichen. Zu Menschen, die genauso ungebildet, vorurteilsbesessen, banal und stumpf sind wie er selbst. Zu Menschen, die genauso gerne an Verschwörungstheorien glauben wie er, die ebenso Gutmenschen und treue Steuerzahler verachten. Kurzum, die sich vom politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen System abgehängt fühlen; weil sie weniger Bildung, weniger Geld, weniger Chancen und weniger Perspektive haben. Ausgerechnet sie haben in ihm, dem reichen Söhnchen, der Chancen im Übermaß hatte, ihr Idol gefunden.

Trumps Geheimnis ist auch seine banale Sprache. Linguisten haben es analysiert: Es ist der Sprachstil eines Viertklässlers. Sein Wortschatz ist extrem begrenzt, er nutzt nur kurze Worte und Begriffe, malt damit aber prägnante Bilder. Er grenzt keinen Zuhörer durch zu viel Zahlen, Wissen, Fremdwörter oder komplexe Inhalte aus. Das ist nicht neu, das hat schon Berlusconi und anderen seines Kalibers zum Erfolg verholfen. Aber Trumps Sprache ist zudem grammatikalisch brutal primitiv. Sie ist stets nur eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, unterbrochen nur von Inklusions-Gesten nach dem Motto: Wir verstehen uns, wir sind die, die fürs Richtige kämpfen.

Ausgrenzung der Etablierten

Mit seiner Art zu reden – und seinen Inhalten – grenzt Donald Trump wirksam die Andersdenkenden, die Gebildeten, die Wissenden und die Menschen aus, denen Komplxität keine Angst macht. Daher geht die Philippika des Schriftststellers und Intellektuellen Philipp Roth gegen Trump in der New York Times ins Leere: „Ich habe noch nie einen Politiker erlebt, der menschlich so armselig ist, wie Trump: Er hat keine Ahnung vom Regierungsgeschäft, von Geschichte, Wissenschaften, Philosophie oder Kunst. Er ist unfähig, Subtiles oder Nuanciertes auszudrücken oder zu verstehen, er kennt keine Scham und sein Wortschatz umfast gerade mal 77 Wörter.“

Trumps Sprachstil und seine Inhalte sind sogar das perfekte Gegenmittel gegen Kritik solcher Art. Seine Sprache ist, TV-Reality-geübt, das perfekte Antidot (Achtung, Fremdwort) gegen jeden Intellektualismus, gegen das Establishment und ihre kulturellen, sprachlichen und wissenshuberischen Ausgrenzungsriten. Sie schafft ein heimeliges Zugehörigkeitsgefühl der Zu-kurz-Gekommenen, der Ungebildeten und Unwissenden, der Chancenlosen. Sie fühlen sich ernst genommen, sie haben das Gefühl, verstanden zu werden, weil sie diesen Trump verstehen. Und zum Dank nehmen sie ihm auch noch jeden Unsinn ab und bejubeln ihn.

Die gespaltene Gesellschaft

Trump und seine Unterstützer haben kapiert, dass die amerikanische Gesellschaft (und nicht nur die) brutal gespalten ist: Zwischen urbanen, besser gebildeten und sensibel sozialisierten Menschen und den von Bildung und Jobchancen abgehängten ländlichen Gebieten im amerikanischen Kernland: der Heimat der Republikaner und der Religiösen, der von Arbeit und Chancen beraubten Arbeiter, der unteren Mittelklasse. Trump baut durch seine hypersimple Sprache eine veritable Mauer zwischen Stadt und Land.

In den ländlichen Gebieten ist man von Bildung, Wissen und der Vielfalt urbaner Gesellschaft und urbaner Medien abgeschnitten und dafür heimgesucht von beredten Spinnern, Predigern und Talkradio-Hosts, die Verschwörungstheorien und Unbildung verbreiten und das Sprachniveau längst auf niedrigstes Niveau gebracht haben. Überraschend, dass ausgerechnet ein New Yorker diesen niedrigen Sprachlevel genau trifft. Donald Trump ist der lebende Beweis dafür, dass auch ein New York Weltläufigkeit nicht garantieren kann.

Jede Kritik hilft Trump

Es nutzt daher nicht, wenn wir jede der Reden Trumps analysieren, wenn wir deren Fakten penibel checken oder uns auch nur lustig über ihn machen. Wir sind Trump so egal wie sonst was. Wir sind der Feind, und jede kritische Anmerkung, sei sie noch so richtig, klug oder feinsinnig, verstärkt nur die Wirkung seiner Reden bei seiner Zielgruppe. Jede Kritik der Intellektuellen lässt Trump in den Augen seiner Fans noch mutiger, noch entschlossener und wichtiger wirken.

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Nein, der gebe ich keine Hand! Die ist ja Physikerin!

Der verweigerte Händedruck mit Merkel und der pöbelhafte Auftritt Trumps bei der NATO und der G8 waren kein Zufall. Das war jeweils eine Konfrontation mit dem Feind: Angela Merkel, eine Wissenschaftlerin, Physikerin sogar, die Rationalität liebt, das ist für Trump, den Pöbler und Gernegroß, die Personifizierung des Anti-Trump. Und jedes Merkel-Bashing oder die anhaltenden Beleidigungen des Londoner Bürgermeisters, einem Intellektuellen und Muslim, bringt Trump Punkte bei seinen Fans und Wählern. Und Trump hat nie aufgehört Wahlkampf zu machen, jetzt schon für die Wahl 2020.

Die De-Intellektualisierung der USA

Spannend wird sein, ob Trump es schafft, der Dummheit in Amerika auf Dauer eine Mehrheit zu geben und die amerikanische Gesellschaft erfolgreich zu de-intellektualisieren und damit zu de-politisieren. Spannend wird sein zu beobachten, ob und wie es Wissenschaft, Intellektualität und Vernunft schaffen, wieder von den Abgehängten und Unterprivilegierten, von den Unwissenden und Ungebildeten gehört und verstanden zu werden.

Das ist die Herausforderung, vor der wir auch in Europa im Angesicht von Populismus und rechten Rattenfängern stehen. Wie ist es zu schaffen, die wirtschaftliche und die intellektuelle Spaltung unserer Gesellschaft zu bremsen oder gar aufzuheben? Nur mit schönen Worten geht das wohl nicht. Aber ebenso wenig mit einer Infantil-Sprache à la Trump.

 

 


Die Lust an der Angst

Unsere Welt ist zugegeben arg unübersichtlich geworden. Nichts ist mehr fix, alles im Fluss. Es gibt keine Wahrheiten mehr – eher viel zu viele davon. Das Wissen explodiert, kein Mensch kann da mehr mithalten. Gefühlt wird man jeden Tag dümmer. Der Gang der Dinge scheint unaufhaltsam, die Illusion, mit seiner Wahlstimme die Weltläufe ein wenig beeinflussen zu können, ist längst dahin. Es gibt keine Wahrheiten mehr – eher viel zu viele davon. Und wer an dieser Stelle einwirft: „Fake news!“, der ist der größten medialen Blendgranate zum Opfer gefallen. (Anstrengend, aber lohnend zu lesen (engl.): „The Deep Truth about Fake News“.

Shouting screaming person with open mouth

All das zusammen produziert das irritierende Gefühl, in einer Art Treibsand geraten zu sein – und in ihm allmählich unterzugehen. Kontrollverlust allenthalben. Stabile Gemüter retten sich mit medialen Enthaltsamkeitskuren: No news, no Social Media.. Denn egal was passiert, die Welt dreht sich weiter. Vorausgesetzt wir kümmern uns aktiv darum, dass wir Teil davon sein dürfen.

Im Treibsand der News gefangen

Trotzdem bleibt immer ein unangenehmes, tief im Innersten nagendes Gefühl, letztlich nur ein kleiner, unbedeutender Wicht zu sein. Man ist viel zu oft nur Zuschauer (oder Voyeur) im eigenen Leben, das an einem vorbei läuft, ohne Kenntnis von einem zu nehmen. Dieses innere Gefühl von Leere und Hohlheit ist nur ganz schwer zu ertragen. Von vielen gar nicht. Denn es setzt eine sehr seltene Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein voraus.

Wem solche Talente nicht gegeben sind, hat nur zwei Alternativen: die resignative Wurstigkeit und ein Leben in der schalen Spaßgesellschaft. Oder eine hyperaktive, depressive Hysterie. Diese Menschen steigern ihr Unbehagen über Modernitätsdefizite und Kontrollverlust in Ängste und Aggression. Für sie steht der Untergang Deutschlands und des gesamten Abendlandes kurz bevor. Sie verabschieden sich aus der realen Welt und lassen sich in einer gefühlt schlimmen Parallelrealität verschlingen. Sie werden zur Gartenzwergversion von Darth Vader.

Die Hysterie der Angst

Aus ihrer angstgesteuerten Situation heraus verlieren diese Menschen jedes Maß und jede Scheu. Sie schlagen wie wild argumentativ um sich – manchmal auch nicht nur argumentativ. Sie ziehen die Legitimation ihrer aggressiven Argumentation und Handlungen aus der Größe ihrer Aufgabe. Schließlich müssen sie – zusammen mit Gleichgesinnten – die Welt retten. Wahlweise vor Flüchtlingsströmen, den Muslimen, dem IS, dem Niedergang der deutschen Heimat, der Leitkultur – oder auch des Finanzsystems. Und ihre Wut und ihr Hass richten sich gegen die, die ihrer Meinung nach dafür verantwortlich sind, dass die Welt aus den Fugen geraten ist: Gutmenschen, Linke, Journalisten, Merkel – you name it.

In einem ebenso zurückgenommenen wie dabei eindrucksvollen Artikel im Spiegel hat Christian Stöcker die Hassmails von Lesern in seinem Artikel „Sehnsucht nach dem Grauen“ analysiert. Er beschreibt die in sich konsistente verzerrte Wirklichkeit solcher Menschen, die sich darin so sicher fühlen, dass sie Gewaltphantasien gegen die Familie des Autors sogar mit vollem Namen samt akademischem Grad zeichnen.

Sucht nach Gräuel

Die Quintessenz der Analyse von Christian Stocker erklärt sehr treffend die dunkle Energie solcher Menschen, die den rechten Rand unserer Gesellschaft derzeit scheinbar so zahlreich werden lässt. Die Wirklichkeit dieser Menschen ist durch ihre Filterblase und ihren selbstreferenziellen Medienkonsum völlig verzerrt. (Christian Buggisch hat den rechten Filterbubble, den er authentisch recherchiert hat, in einem sehr guten Vortrag beschrieben und analysiert.)

Die Kluft zwischen dieser Welt und der real existierenden führt aber eigentlich zu einer schmerzhaften kognitiven Dissonanz. Die wird allerdings mit aller Macht kaschiert. Daher die Aggression gegen Lügenpresse, gegen die Propaganda von Gutmenschen. Sie alle sind schuld an der kognitiven Dissonanz. Was nicht sein kann, darf dann auch nicht sein. Und parallel dazu werden alle Informationen, die das eigene, düstere Weltbild bestätigen, hysterisch überhöht. Und es entsteht eine wahre Sucht nach schlimmen Nachrichten und Gräueltaten, die ihre Weltsicht bestätigen.

Apokalypse als Heilmittel

Christian Stöcker: „Konsonante Information wird aufgewertet, und so ist jede Straftat und jeder Terrorakt den Untergangspropheten in Wahrheit hochwillkommen. So sehnen sich Menschen wie der Mailschreiber augenscheinlich danach, dass ihre entsetzlichen Ängste endlich Wahrheit werden. Nur, damit dieses unangenehme Gefühl im Kopf endlich aufhört.“

Irgendwie so muss es sich unter dem schwarzen Plastikhelm von Darth Vader auch anfühlen. Als Heilmittel hilft nur die Apokalypse. Darunter machen wir es in Deutschland nicht…

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Lehrstunde in Südafrika

Manchmal ist es ebenso peinlich wie hilfreich, deutsches Denken ausgetrieben zu bekommen. Wir fuhren mit unseren Freunden über den Highway im südlichen Südafrika. Vor uns ein Pickup mit Einheimischen. Es verging kein Kilometer, an dem nicht irgendeine Büchse, ein Papier oder sonstiger Müll aus dem Auto auf der Straße oder im Straßengraben landete. Dem schaute ich eine Weile zu – und konnte irgendwann nicht umhin, eine sehr deutsche Bemerkung zu machen. Irgendwie von der Art, das gehört sich doch nicht. Wahrscheinlich war es nicht ganz so neutral formuliert.

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Unsere Freunde, er weißer Südafrikaner, sie Deutsche, klärten uns geduldig auf. Das sei nicht Umweltverunreinigung, sondern ein sehr bewusster Akt schwarzer Solidarität und konsequenter Arbeitsbeschaffung. Da der Müll ja irgendwann aufgesammelt werden muss, und das natürlich von schwarzen Arbeitern erledigt wird, sorgten die Autoinsassen vor uns sehr gewissenhaft dafür, dass Landleute von ihnen einen – gut bezahlten – Job als staatlicher Straßenmüllbeseitiger bekommen und immer genug zu tun haben. Es gibt halt immer auch eine alternative Sicht auf Verhaltensweisen. Lesson learned.

Zettels Alptraum

Solch solidarisches Verhalten, das uns Deutschen als hahnebüchene Effizienzvernichtung vorkommt, kann man auch bei jedem Besuch bei einer Bank in Italien erleben. Jede Überweisung (im Inland!) ist ein arbeitsintensiver Kraftakt mit einer (ständig wechselnden) Zahl von Zetteln, Formularen und Anweisungen, zu dem der zuständige SchalterBEAMTE immer unterstützende Hilfe von anderen Kollegen braucht. Und das jedes Mal, weil es immer irgendwie andere Regeln und Prozeduren gibt. Will man einen Scheck einreichen (Inland!), geht erst mal gar nichts, weil das Vorgehen erst noch in der Zentrale geklärt werden muss. Und das kann schon mal Tage dauern.

Alles kein Scherz. (Man erträgt es aber nur mit viel Humor.) Aber es ist eben kein Zufall, dass in den Banken im Land stets eine Vielzahl von Bearbeitern herumwuseln, die ja alle irgendwie ihre Daseinsberechtigung und Tätigkeit nachweisen müssen. Also macht man alles so kompliziert wie möglich. Krönung des erlebten realen Wahnsinns. Eine geschlagene Stunde Wartezeit in einem Postamt, weil die Kundin vor einem ein neues Konto eröffnet. In der Stunde wurde inklusive ein paar Computerabstürzen ein mehr als daumendicker Stapel an Papieren kreiert. Je einer für die Post und einer für den Kunden. Effektiver ist ein Kampf gegen Rationalisierung und Jobabbau  kaum denkbar.

Wer braucht Tegel?

Es ist sehr deutsch, sich über die Ineffizienz aufzuregen. Ein Reflex, der uns sehr leicht von der Hand geht. Schließlich haben wir ja auch einen Ruf zu verlieren, wir Deutsche, die anerkannten Weltmeister der Effizienz. Wo man auch hinkommt in der Welt, ist neben Beckenbauer, Müller (Thomas!), Schweinsteiger, AUDI, Mercedes, BMW (nein, Opel nicht), Erdinger und Jägermeister vor allem unsere deutsche Effizienz, die gelobt wird: pünktliche Züge, funktionierende Luftlinien, streikfreie Produktion und in Großbritannien auch gerne der Blitzkrieg.

Man muss nur mal kurz nach Berlin fliegen, um hautnah zu erleben, wie absurd das Vorurteil deutscher Effizienz sein kann – selbst wenn man einen großen Bogen um BER, das Phantom eines Flughafens, macht. Dafür reicht der alte Flughafen Tegel locker. 15 Minuten Warten, bis an den Flieger, der pünktlich gelandet ist, endlich die Fluggastbrücke gefahren ist. Dann warten auf das Gepäck, das eigentlich nur einen Steinwurf weit transportiert werden muss. Und klar, kein Bus wartet an den Haltestellen. 15 weitere Minuten später kommen denn drei TXL-Busse hintereinander dahergefahren. Effizienz, Berlin-style. Und klar: Berlin braucht Tegel – so der Slogan der FDP(!)-Bürgerinitiative.

Lob der Ineffizienz

Unser Wohnsitz-Hopping zwischen Italien, Erding und Berlin ist immer auch ein Effizienz-Hopping: Italien relaxt, Erding funktionabel, Berlin chaotisch – und retour nach Erding/München. Die unterschiedlichen Effizienzlevel und die unterschiedlichen Arten von Verpeiltheit haben uns sehr geduldig und sehr kreativ in der Entschlüsselung der verschiedenen Effizienz-Defizite gemacht.

Ineffizienz ist auf alle Fälle eine gut funktionierende Waffe gegen Effizienz-Wahn. Das öffnet den Blick auf die uns Deutschen immanente Lust an Zackigheit. Wie sehr wir uns dafür selbst blauäugig an die Kandare nehmen und Freiheiten allzu freiwillig abgeben, wird einem erst dann klar, wenn man einen Nachmittag in Italien, in dem man etwas schnell erledigen wollte, mit netten Gesprächen und lustigen Erlebnissen verbracht hat, ohne das, was man erledigen wollte, erledigt zu haben, dafür aber sehr schöne neue Dinge gelernt hat.

Alternative Effizienz

Oder man lernt, wie schnell und unkompliziert ein abgebrochener Rückspiegel am Auto ersetzt werden sein kann, wenn man ihn in einer italienischen Werkstatt quasi gratis ersetzt bekommt, weil eine Rechnung dafür auszustellen ja viel zu kompliziert und langwierig wäre. Dasselbe ist uns auch mit einem Glühbirnchen im Autoscheinwerfer passiert. Die Birne wurde sofort ersetzt – und ein Ersatzbirnchen gleich mitgegeben. Natürlich auch gratis. Korrekt ist das nicht, auch nicht, dass man dann aus Dankbarkeit ein kleines Trinkgeld zurücklässt. Aber effizient. Alternativ effizient.

Car Plant

Ein lehrreiches Erlebnis war auch das Verhalten unserer Metallwerkstatt in Italien. Wir hatten eine wunderschöne Reling für unsere Terrasse in Auftrag gegeben. Alles verstanden, alles wunderbar, Kostenvoranschlag versprochen. – Aber er kommt nicht. Nachtelefonieren: ja kommt! – Kommt wieder nicht. Zwischenschalten des Bauleiters – Warten. Schließlich nach Monaten die Wahrheit: Der fabbro, der Metallbauer, fand, dass unsere gewünschte Lösung am gewünschten Ort nicht gut aussieht. Zu modern, zu maritim. Aber er hatte erst mal keine bessere Lösung parat. Aber irgendwann, nach Monaten, hat er sie – und dafür kommt auch gleich eine Skizze samt Kostenvoranschlag. Die Lösung war perfekt – und billiger. Vielleicht nicht effizient, aber genau richtig.

Die neue Welt jenseits der Effizienz

Wir müssen uns in solch kluger Non-Effizienz noch viel üben. Aber es ist wichtig, von der Effizienz-Fixierung weg zu kommen. Denn wir haben keine Chance, künftig mit der Effizienz von Robotern und Rechnern auch nur ansatzweise mithalten zu können. Roboter, einmal richtig installiert und mit den richtigen Algorithmen gefüttert, sind fehlerfrei und effizient wie es ein Mensch nie sein kann – und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – abzüglich ein bisserl Wartung.

Schluss also mit unserem Effizienz-Fetisch. Im Gegenteil. Wollen wir in Zukunft eine Chance gegen künstliche Intelligenz und smarte Roboter haben, müssen wir uns auf unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Fähigkeit, uns ablenken zu lassen, und auf unsere emotionalen Beschränkungen und Wirrungen besinnen. Das nämlich macht unsere Kreativität, unsere Phantasie, unsere Ideen aus. Die sind nie effizient, im Gegenteil. Innovationen stören zunächst jede Effizienz, stehen blöd im Weg rum. Sie müssen sich erst durchsetzen – neue Perspektiven schaffen – und wenn nötig, dann auch neue Effizienz.


Cui bono – was treibt einen Menschen an?

Die einfachste Art und Weise einen Menschen zu verstehen (zu versuchen) ist zu hinterfragen: Was treibt ihn an? Was ist der Benefit aus seinem Handeln – und mag es noch so erratisch oder destruktiv sein? Was ist seine Motivation, was seine Triebfeder – oder auch seine Lebenslüge? Cui bono, was nützt ihm was?

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Es gibt ein paar Hinweise, was unser aktuelles universelles Schreckgespenst, Donald Trump, antreiben mag. Geld ist es nicht – davon hat er, so behauptet er, genug. Den Beweis dafür, seine Steuererklärung, liefert er aber nicht. Aufmerksamkeit und Anerkennung sind deutlich sein Lebenselixier. Noch nie war ein Mensch, noch dazu solch prominent exponiert, ein so typischer, offen durchschaubarer, sozusagen „transparenter“ Narzisst. Gegen Donald Trump war Silvio Berlusconi fast schon ein diskreter, zurückhaltender Mensch.

Rachdonald-trumpe ist Blutwurst

Aber seine Triebfeder, Präsident zu werden und der Präsident zu sein, wie er ihn so provokant und penetrant gibt, ist Rache. Den besten Hinweis darauf hat Richard Branson, Chef von „Virgin“ (und erklärter Hillary Clinton-Fan), geliefert. Er erzählt in seinem Blog von seinem ersten Treffen mit Trump vor einigen Jahren. Trump lud ihn nach zuhause im Trump-Tower ein und legte gleich, noch bevor man sich zum Essen hingesetzt hat, mit der Geschichte seines gerade überstandenen Bankrotts. Richard Branson befürchtete schon, um Geld angebettelt zu werden.

 

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Aber Trump wollte unbedingt diese Story loswerden: Er hatte diverse Menschen gebeten, ihm zu helfen, aus seiner finanziellen Bredouille herauszukommen. Fünf Menschen, auf die er gerechnet hatte, hatten ihm diese Hilfe verweigert. Den Rest seines Lebens wolle er jetzt, so Trump zu Branson, darauf verwenden, das Leben dieser fünf Menschen zu zerstören. Das sei sein Lebensziel. Branson beschreibt das Erlebnis – und den Abend mit Trump – als traurig, befremdlich und niederschmetternd.

Das desaströse Galadiner

Es ist also Rache, die Trump antreibt. Seine Feinde sind aber nicht nur diese ominösen fünf Menschen. Es gibt noch einen weiteren Feind, den er mit aller Macht und Kraft vernichten will: die Medien. Und wir alle durften dabei live zusehen, als ihm die Schmach angetan wurde, die in ihm womöglich erst die Idee entstehen ließ, ernsthaft für das Präsidentenamt zu kandidieren. Es geschah 2011 beim Galadiner der Korrespondenten am Weißen Haus 2011. Zunächst zog der Moderator des Abends, Seth Meyers, relativ bösartig über ihn her.

Es lohnt sich, die Ganzkörper-Erstarrung Trumps und seinen vor Wut hochrot anlaufenden Kopf während der Scherze über ihn zu beobachten. Die Gags über sich und die ziemlich herbe Verarschung scheinen ihm fast körperlich spürbare Schmerzen zu bereiten. Noch nie habe ich einen Menschen so uncool auf Scherze über sich reagieren sehen. Und seine Reaktion lässt die teilweise schwachen Pointen um so explosiver erscheinen. Exemplarisch kann man das im Video zwischen den Minuten 1:50 bis 2:20 und von 3:20 bis 4:00 beobachten. Keine Bewegung im Gesicht, kein befreiendes Grinsen, Lachen sowieso nicht.

Das Dilemma von Narzissten ist, dass sie über sich nicht lachen können. Noch schlimmer, sie halten es nicht aus, wenn über sie gelacht wird. Sie dürfen sich nicht einen Moment anzweifeln lassen. Sie dürfen nie in Frage gestellt werden. Das ist viel zu gefährlich. Ihr Selbstbewusstsein ist so schwach, dass sie dringend kontinuierlich Zuspruch brauchen, von außen oder in Selbstsuggestion. Lächerlichkeit ist das blanke Gegenteil zu Zuspruch. Es macht klein, es stellt in Frage. Daher ist jedes Lächerlich-Sein, jedes Lächerlich-Gemacht-Werden eine unglaublich massive Verletzung. Und je öffentlicher das geschieht, umso schlimmer. Und wenn die Kameras auch noch gnadenlos draufhalten, desaströs.

Mit einer kleinen Geste, einem schiefen Grinsen, einem lahmen Klatschen oder gar einem Herzhaften Lachen, ließe sich Gespött leicht die Spitze zu nehmen. Aber dazu braucht es eine wenigstens halbwegs stabile Persönlichkeit. Bezeichnend ist, dass Trump dazu nicht in der Lage ist. Er ist in seiner Wut gefangen, er ist in seiner Kränkung gelähmt.

Narzissten halten Gespött nicht aus

Das war allerdings erst Teil eins des Fiaskos. Dann kam der damalige Präsident Obama mit seiner launigen Rede. Und der tat sich besonders gütlich an seinem damaligen Hauptfeind Donald Trump, der ihn Tage zuvor genötigt hatte, seine Geburtsurkunde zu veröffentlichen, um zu beweisen, dass er in Hawaii, also den USA, geboren ist und nicht in Kenia und dass er nicht Muslim ist. Das alles hatte die Monate davor Donald Trump unablässig behauptet. Diese Demütigung zahlte Barack Obama nun Donald Trump heim. Und das demütigend. Man beachte wieder die Reaktion von Donald Trump. Hier im Zeitabschnitt zwischen Minute 3:10 und 4:50. Hier ist Trump wieder festgefroren, bis er sich am Ende eine Andeutung eines Grinsens abringt und kurz und scheu abwinkt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Trump die Situation als extrem demütigend empfand. Nie mehr danach hat er das Galadiner der Korrespondenten im Weißen Haus besucht. Und auch für dieses Jahr hat er vorweg schon klar gemacht, dass er nicht kommt. Über ihn wird nicht gelacht. Punktum.

Motivation für die Präsidentschaft

Es wird gern erzählt, dass die Demütigung damals der endgültige Auslöser für Trump war, als Präsident zu kandidieren und dafür auch eigens Geld zu investieren. Das ist gut vorstellbar. Und die öffentliche Demütigung dürfte auch der Grund für den abgrundtiefen Hass von Donald Trump gegen die Medien und die Korrespondenten im Weißen Haus im Besonderen sein.

Es scheint, als hätte er seinen Lebensplan erweitert. Er will nicht nur das Leben der fünf Investoren, die ihn in der Not im Stich gelassen haben, vernichten. Er will auch die Medien zerstören. Vor allem die Medien, die sich über ihn lustig machen oder ihn dem Gespött von Menschen aussetzen. Das Motto ist klar: Trump First!

P.S.: Man muss sich nur die Bildergalerien von Donald Trump ansehen. Es gibt ihn in allen Arten von Grinsen. Ich habe kein Foto gefunden, in denen er mal frei und lauthals lacht. Er kann nur andere verlachen und schlechte Altmänner-Scherze machen. („grab her by the pussy…“) Er kann keine Witze und er kann nicht lachen. Lachen befreit, er ist gefangen in sich selbst. Und wir mit ihm.

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