Digital native products

26. August 2014


Indianer von links, Indianer von rechts…

Es gibt Texte, da wird man als Journalist blass um die Nase, wenn man sie liest. Blass vor Neid, weil sie so gut sind. Ein Text, der sich mir in fast traumatischer Manier ins Gedächtnis eingefräst hat, erschien in der vierten Ausgabe des deutschen WIENER (August 1986). Dort beschrieb auf drei Druckseiten die österreichische Motor-Journalisten-Legende Herbert Völker in unnachahmlicher Art die Überführungsfahrt eines Ferrari GTO von Italien nach Salzburg. Am Steuer Niki Lauda, der neue Besitzer dieses GTO, den er für seine Verdienste für den italienischen Rennstall damals geschenkt bekommen hatte.

Eine Passage aus dem Artikel kann ich fast auswendig. Völker beschreibt die Geräuschkulisse des Ferrari bei Tempo 280. Zitat: “Als Schreiber ist man an dieser Stelle zu einem Wortbild verpflichtet, das Ihnen alle Urgewalt, Dröhnkraft, Nuancierung und Musikalität eines 400-PS-Ferrari nahe bringt. Wegen der beiden Turbos ist die Sache kompliziert. Man muss sich das so vorstellen: Indianer von links, Indianer von rechts, dazwischen siebentausend fliehende Büffel, hintendran sechzehn Coyoten, die hecheln und pfeifen. Der Rest geht im Lärm unter.”

Mit 421 PS in die Zukunft

Es hat dann genau 28 Jahre gedauert, bis ich selbst am Steuer eines Autos gesessen bin, das 400 PS hat, genauer gesagt 421 PS (310 kW). Und es beschleunigt in 4,4, Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ein in des Wortes Bedeutung “atemberaubendes” Erlebnis, wenn ein Auto so rücksichtslos mit der Körpersensorik umgeht wie dieses und einen bei Vollgas unbarmherzig in die Sitze presst. Und leicht traumatisch, wenn es auch jenseits der 100 km/h damit nicht aufhört.

Der große Unterschied dabei: die Lärmkulisse. Keine Indianer, keine Büffel und keine Coyoten, nix. Nur das Atmen der Mitfahrer ist hörbar. Und damit auch die Beschleunigung der Atemfrequenz der Wageninsassen mit zunehmender Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn die 421 PS entstanden hier nicht in acht oder zwölf hektisch explodierenden Verbrennungskammern, sondern sie kamen aus vier Elektromotoren, je einer für jeden Reifen. Denn ich hatte das Vergnügen einen Tesla S fahren zu dürfen. (Danke, Muck!)

Der Genuss des elektrischen Fahrens

Man kann sehr ins Schwärmen kommen, wenn man das Fahren mit einem Tesla beschreibt. Vorausgesetzt, man ist nicht motorgeräusch-abhängig. Ich habe jedenfalls reichlich Kontra bekommen, als ich meinen auto-affinen Freunden vom Tesla vorgeschwärmt habe. Diese Liebhaber von Porsches, schnellen Mercedes und Audi waren gleich mit heftiger Kritik und haufenweise Gegenargumenten unterwegs, warum man Tesla kein vollwertiges Auto ist. Die Reaktion erinnert mich an das starrsinnige Festhalten vieler meiner Generationsgenossen und Freunde an der Vorstellung, dass nur vollwertige Medien sind, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder per Funksignal auf dem TV erscheinen.

Ein Auto ohne Krach, Gestank und Ölverbrauch ist für viele Menschen – noch? – nicht vorstellbar. Mich befiel nach knapp 10 Minuten Probefahrt mit dem Tesla das Gefühl – nein, ich war mir sicher, das in spätestens zehn Jahren das Fahren mit Benzin verbrauchenden, lärmenden und Kohlenwasserstoff und Gifte ausstoßenden Vehikeln ebenso verpönt, bäh und unkorrekt sein wird, wie heute im Auto eines Nichtrauchers eine Zigarre anzuzünden – oder im Kreise von Veganern ein blutiges Steak zu verzehren. Und man wird sich wundern, warum die Menschheit so lange gebraucht hat drauf zu kommen, dass es viel sinnvollere und nötigere Verwendungszwecke von Öl und Benzin gibt, als das man diesen Stoff verbrennt, um von A nach B zu kommen. Vor allem, weil es so viel angenehmer, smarter und bequemer ist, elektrisch zu fahren.

Digital native Produkte

Der Grund meiner Begeisterung für Tesla ist dabei gar nicht so sehr der ökologische Faktor. Es ist der umfassende Komfort dieses Autos. Das fängt bei der Fahrleistung und der Geräusch-Schonung an und reicht weiter über die Service-Leistungen bis hin zum Bedienungskomfort. Der Tesla ist nämlich in Wahrheit ein wunderschön großes, einfach zu bedienendes Tablet, das die Mittelkonsole dominiert, mit einem Lenkrad zur Linken und vier Rädern unten dran. Zugegeben, eine schön designte und mit vielen intelligenten Features angereicherte Karosserie drumherum.

Der Tesla ist, und das steht im Kern meiner Begeisterung, ein digital natives Produkt. Es stammt aus der digitalen Gegenwart und ist für unsere digitale Zukunft gebaut. All die anderen Autos stammen aus der industriellen Vergangenheit und sind mit Computern und digitalen Assistenzsystemen angereichert. Dafür müssen Keilriemen und Antriebswellen Elektrizität erzeugen und weitere analoge Systeme deren Befehle wieder mechanisch umsetzen. Das hat der Tesla eben nicht nötig. Daher gibt es dort keine störenden Tunnel im Fahrgastraum, daher gibt es keinen Ölwechsel, keine platzenden Kühlwasserschläuche und andere Unsäglichkeiten. Er ist ein Auto, das zu allererst von Programmierern konzipiert und dann ingenieurisch umgesetzt worden ist. Bei den konventionellen Autos ist es umgekehrt, da steht der Ingenieur im Mittelpunkt und Programmierer werden nur notgedrungen geduldet, wenn es denn sein muss.

Digitale Business-Modelle

Das ist der Vorteil aller digital native Produkte. Sie sind originär und zentral für das digitale Zeitalter konzipiert und nicht mühsam und ungenügend und mit viel Kompromissen an die digitale Neuzeit nachgerüstet. Daher funktionieren mit ihnen ganz andere Businessmodelle und daher sind ganz andere Service-Optionen möglich. Das gilt für viele digital native Produkte und Services – und deswegen tun sie allesamt den etablierten Produkten und Services weh, egal wie sehr sie sich um digitales Aufhübschen bemühen. Und deshalb sind die Wächter des Undigitalen, vorneweg die Politik und die Verwaltung immer schnell dabei, den Startvorteil der digital nativen Angebote durch Verbote zu behindern oder zu verunmöglichen.

Chris Dixon, Partner des Hedge Fonds Andreessen Horwitz und Investor in Buzzfeed, bringt die besondere Qualität solcher Firmen in seinem Blog auf den Punkt: “BuzzFeed is a media company in the same sense that Tesla is a car company, Uber is a taxi company, or Netflix is a streaming movie company.” Sie alle sind es in dem Sinne, dass sie digital native sind und keine Kompromisse mit überkommenen Ideen und Konzepten vornehmen (müssen). Und sie sind es nicht, wenn man sie an den etablierten Erwartungen der jeweiligen Produktkategorien misst. Denn sie bieten so viel mehr als die “analogen” Vorgänger.

Die Vorteile der Digital Natives

Tesla ist nicht nur ein Tablet auf Rädern, sondern auch ein Netzwerk von Ladestationen, Fahrern und Afficionados. Netflix ist nicht nur ein Streaming Service, sondern die größte Abstimmungsplattform von Filmen mit einer grandiosen Empfehlungsqualität. Buzzfeed ist der wohl radikalste Ansatz eines populären Mediums, zugleich populistisch und anspruchsvoll, das User auf wirksame Weise einbindet und die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion neu definiert. Uber ist ein persönlicher Mobilitätsservice und zugleich ein Bewertungs-Netzwerk von Mobilitäts-Service. (Das sollten mal Taxivereinigungen hinkriegen, dass man die Fahrer und Autos und deren Service bewerten kann!)

Die Liste ließe sich locker fortsetzen. Airbnb ist keine Zimmer-Vermittlung, sondern mit seinem Netzwerk von Empfehlungen und Bewertungen ein echter City- & Fremdheitsintegrator von Reisenden. Wikipedia ist eben kein elektronisches Lexikon, sondern eine Plattform, auf der die verschiedenen Wahrheits- und Wissensvarianten von Themen einvernehmlich integriert werden (oder nicht, wie beim Beispiel Scientology). Facebook ist kein elektronischer Freundeskreis-Organisator, sondern für viele junge Menschen deren vornehmlicher Erfahrungskosmos im Internet. Und Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern der weltgrößte private Datensammler und die größte Keyword-Versteigerungsplattform.

Die Deployment-Phase

Chris Dixon beschreibt ganz richtig die heutige Zeit als die Deployment Phase des Computers, die Zeit der vielfältigen Anwendung, die auf die Installationsphase folgt. Und in dieser Phase gewinnen die Produkte, die originär die Vorteile der digitalen Zeit nutzen, gegenüber denen der industriellen Vorzeit, egal wie sehr sie und wie gut sie digital erweitert sind. Das genau erlebt man sogar rein physisch, wenn man einen Tesla fährt.

Herbert Völker schrieb damals vor fast 30 Jahren, würde nicht der Motor acht Zentimeter hinter seinen Ohren so laut arbeiten (Mittelmotor!), wäre es in dem so genial designten Ferrari so “still wie in einer geräumigen Kathedrale”. Er hat schon vor knapp 30 vorausgeahnt, wie ein Tesla klingt. Dass er ebenso gut fährt, konnte er kaum ahnen.

The de-material Boy

31. März 2012


Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Bei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, “Soon Over Baluma”, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single “See my Friends” von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger “besitzen” wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern “schenken” lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber “Better Place” (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden “stiller” sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: “Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.” Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.


Fremdeln in Tracht

Woran erkennt auch der medienscheueste Münchner, wenn Wiesn-Zeit ist? Richtig, plötzlich trifft man überall in der Stadt Menschen in Tracht. Vor allem sind dabei sehr viele Menschen, die Dirndl und Lederhosen sichtlich das erste Mal in ihrem Leben tragen. Das merkt man nicht nur, wenn sächsische, schwäbische oder andere fremdsprachige Laute aus Lederbuxen und/oder Rüschendekolletees tönen. Denn merke: Je fremder und unwohler man sich in bayerischer Traditionskleidung fühlt, desto mehr und  lauter spreche ich.

Monty Python: Ministry of Silly Walks

Das verräterischste Merkmal eines ungeübten Trachtenträgers sind neben völlig unzulässigen Kombinationen von Accessoires seltsame Bewegungs-Anomalien. Mädels von auswärts in Dirndln nesteln am Dekolletee und versuchen – vergeblich – zu kurze Rücke nach unten zu verlängern. Die Buben und Herren in ungewohnten Lederhosen haben einen seltsam gestelzten Gang, als seien sie in ein zu steifes, zwickendes Lederfutteral gesteckt worden. Und genau so ist es.

Ministry of Silly Walks

Was aber im Stadtbild noch mehr auffällt – etwa ab 14:00 Uhr jeden Tag – sind Menschen, die direkt aus dem “Ministry of Silly Walks” (aus dem legendären Sketch von Monthy Python) entsandt zu sein scheinen. Es gibt nichts Erheiterndes als den Versuch von Menschen, die konzentriert versuchen, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass sie am hellichten Tag schon zuviel Bier erwischt haben. Besonders absurd wird das natürlich, wenn solche Personen kurze Lederhosen mit Brustgeschirr und karierte Hemden tragen. Jeder Schritt ist zu groß oder zu klein, zu langsam, zu bemüht und natürlich unstet. Und je mehr versucht wird, das mit einem breiten, nicht sehr intelligenten Grinsen zu kaschieren, um so schlimmer wird es.

Je später der Abend, desto verrückter werden die Geh-Deformationen – und die Bemühungen, sie zu kaschieren tendieren gegen Null. Die Burschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, das Ziel mit großen Umwegen zu erreichen und dabei das Gleichgewicht zu halten, als dass noch auf Wirkung nach außen geachtet werden kann. Gäbe es das “Ministry of Silly Walks” heute noch, es müsste zu Recherchezwecken unbedingt eine Webcam aufstellen, die Menschen auf dem Weg vom Bierzelt zum Pissoir aufzeichnet. Ich denke, dass die U-Bahn-Angestellten, die die Monitore der Überwachungskameras an den Wies’n-Haltestellen überwachen, alle zwei Stunden wegen akuter Zwerchfellerschöpfung ausgetauscht werden müssen.

Theorie des Suri

Wer mit einem analytischen Auge und hoher Toleranzschwelle das Oktoberfest besucht, und dann nicht zu viel Bier erwischt, der kann  sehr gut die verschiedenen Stadien der Betrunkenheit feststellen. Es ist bezeichnend, dass die bayerische Sprache dafür auch unterschiedliche Begriffe geprägt hat, die es so im Hochdeutschen – und anderen Weltsprachen – nicht gibt. Der schönste Begriff in diesem Zusammenhang ist der “Suri”. Das ist der Zustand, der sich so langsam nach einer zügig getrunkenen Maß Oktoberfestbier einstellt, vor allem wenn einem dabei die Sonne voll aufs Hirn scheint.

“Suri” wird in den einschlägigen Wörterbüchern mit “Rausch” oder “Schwips” übersetzt. Beides ist grundfalsch. Der “Suri” ist eben (noch) kein Rausch. Es ist der Zustand, in dem man den Rausch erahnen kann, der die Welt um einen seltsam wattig aber zugleich sehr schön und angenehm wirken lässt. Er ist das bayerisch zurückgenommene Äquivalent zur Euphorie und ist dem Gefühl nahe, mit der weichen Seite der Faust einen liebevollen, aber veritablen Schlag auf die Stirn bekommen zu haben. Das Schöne am Suri ist, dass er keine negativen Folgeerscheiningen (Unwohlsein, Kater etc.) nach sich zieht. Er ist sozusagen die wohlseitige Variante des Rausches. Und es ist der Zustand, in dem die Kontrolle über die Gehmotorik langsam verloren geht.

Die Nebenwirkungen der Süffigkeit

Es ist ja auch bezeichnend, dass als Beschreibung für das Wiesnbier der Begriff “süffig” erfunden wurde, der sich von “saufen” ableitet. Einen Begriff, den andere Sprachen gar nicht kennen oder anders interpretieren. “Quaffable” im Englischen meint, dass man ein Gebräu sehr gut in großen Schlucken vertilgen kann, also die Vorbedingung zum “binge drinking” erfüllt. Das Italienische kennt das Wort beverino, was aber eher gut trinkbar meint und eher Weinqualität beschreibt.

Wenn man im Zustand des Suri nicht das Trinken langsam ausschleicht, ist der Weg zum Rausch nicht weit. Und das ist auf der Wiesn nur das Zwischenstadium zum “Fetzen Rausch”, dessen Nachwirkungen man dann am späten Abend in den verschiedenen Fahrzeugen des Öffentlichen Nahverkehrs in aller deprimierenden Deutlichkeit des Neonlichtes begutachten darf, wenn auch die letzte lederhosen-bedingte Steifheit völliger Erschlaffung gewichen ist.

Die Kultur des Rausches

Nein, wir schließen uns an dieser Stelle nicht dem üblichen Lamento an, dass das Oktoberfest doch nur ein widerliches Massenbesäufnis ist, eine staatlich sanktionierte und touristisch hoch willkommene Massen-Drogen-Darreichung. Der Rausch, vor allem der gemeinsam vollzogene Rausch, ist ein hohes und sehr altes Kulturgut. In allen Kulturen seit der Steinzeit wurde dem Rausch gefrönt, seien es Bier, Met, halluzinogene Pilze, Cannabis oder sonstige Rauschmittel gewesen. Selbst in der Bibel wird der maßvolle Rausch (Suri!) als positiv, weil fröhlich machend gesehen. Und noch in den indogensten Stämmen des Amazonas ist der Rausch Teil der Kultur und des Soziallebens.

Zwei steile Thesen gibt es, warum wir Menschen berauschende Momente dringend benötigen. Die erste, religiöse Variante ist, dass uns kulturhistorisch der Rausch aus unserem lapidaren Menschsein für Stunden befreit und uns den Göttern näher bringt. Die zweite, psychologische Interpretation ist, dass uns der Rausch dabei hilft, das stets verdrängte Bewusstsein, dass wir alle einmal sterben müssen, auszuhalten. Es bringt uns für Stunden dem Tode (je nach Dosis) sehr nah – wir springen ihm aber am nächsten Tag wieder vom Schippchen.

Es ist daher sehr faszinierend zu sehen, welche meiner Freunde fast jeden Tag diese Nähe zu Tod und Gott suchen. Facebook, Foursquare & Co. enttarnen die notorischen Wiesnbesucher.

Prost – samma wieda guad!

Wir sind die Europäer!

17. Juli 2011


Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: “Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!” geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: “Die macht mir mein Europa kaputt!” Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: “Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.” Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt “Wir sind das Volk!” muss es dann halt heißen: “Wir sind die Europäer!” – Ich bin’s.

Sich selber kitzeln

11. Juni 2011


Staunen auf der Modenschau

Ich habe meine ersten 10  Sekunden “Weltruhm” im stolzen Alter von drei Jahren erlebt. Mein Konterfei war in der Münchner Abendzeitung – und für 10 Sekunden sogar in der Film-Wochenschau, den Filmnachrichten, die vor der flächendeckenden Verbreitung des Fernsehens das Äquivalent der Tagesschau waren. Die Wochenschau lief vor jedem Film in allen Kinos. Ich schaue in dem Filmschnipsel fasziniert auf das Geschehen, das sich vor mir ereignete: eine glamouröse Kindermodenschau des Bekleidungshauses Konen im Deutschen Theater in München. Wie es meine Mutter so weit nach vorne in die erste Reihe geschafft hat, keine Ahnung. Aber bei solchen Gelegenheiten bewies sie ihr Leben lang Durchsetzungskraft.

Michael (rechts) mit Freundin Esther, jeweils auf den Schößen ihrer Mütter.

Die Begebenheit beweist sehr deutlich, dass ich seit frühester Kindheit ein sehr intensives und umfassendes Ausbildungsprogramm als Kunde und Konsument genossen habe. Ich war nicht nur jedes Jahr bei der Kindermodenschau (mit Unterhaltungsprogramm) des Hauses Konen dabei (bis die das irgendwann nicht mehr machten), sondern ich stand auch, so oft es ging, auf der Handwerksmesse in dem für Kinder extra gebauten großen Kaufmannsladen und durfte dort Markenartikel im Miniformat verkaufen. Meinem kaufmännischen Talent hat diese Übung wenig Aufschwung verliehen, aber sie hat meine Affinität zu bestimmten Marken spürbar und langfristig geprägt. Etwa zu Maggi, Bad Reichenhaller Salz, Südzucker, Bernbacher oder Bärenmilch.

Romeo y Julieta

Ich konnte so durchaus schon Markenpräferenzen formulieren, als Werbung noch Reklame hieß und es noch lange hin war bis zur Dauerberieselung mit Werbung in Radio und Fernsehen. Ich kannte die Lieblings-Zigarettenmarken meines Vaters, Finas oder Nil, beides flache, filterlose Zigaretten mit Orienttabak drin. Die rochen gut – und jeden Tag wurde davon genau ein Exemplar nach dem Mittagessen geraucht, die Karwoche ausgenommen. Abends wurde eine Zigarre geraucht, die roch nicht so gut und durfte in guten Zeiten (also später) auch mal eine Mark kosten. Leider war Papas Lieblingsmarke zu teuer: “Romeo y Julieta”. Ich weiß nicht, ob er sie mochte, weil sie so gut schmeckte oder weil sie die Lieblingsmarke von Winston Churchill war.

So markenaffin man damals auch war, auf den Tisch kam, was gerade billig, also im Sonderangebot war. Ich ahnte stets, wenn ich mit der Tram vom Gymnasium nach Hause fuhr und an Tengelmann und am Deutschen Supermarkt (der hieß so!) vorbeifuhr, was es wohl mittags zu essen gab. Ich musste nur schauen, was im Sonderangebot war. Das war im Schaufenster riesig groß plakatiert. Ich lag selten falsch mit meinen Vermutungen. Es gab viel Innereien, weil billig – und weil die schlesische Küche meiner Mutter daraus sehr schmackhafte Dinge zaubern konnte. Teures Fleisch oder sogar Rumpsteak gab es nur, wenn Besuch kam. Das war netterweise sehr oft der Fall.

Vom Mangel zum Überfluss

Ich habe so alle Phasen der Konsumation Deutschlands durchlaufen, von der kreativen Umsetzung von Mangel, weil das kleine Reihenhäuschen abzubezahlen war, über wahre Gelage mit schwerer Nötigung (zum Essen), weil immer viel zu viel gekocht wurde, über die Mangelküche studentischen Kochdilettantismus’ bis hin zur Gourmetküche – und dann zurück zu gesunder, bewusster, mediterraner Kost.

Es gab Zeiten, da war ich dank werbungskritischer Indoktrination in der Schule sehr kritischer Konsument, dann in den späten 80-ern schlug das ins Gegenteil zu einem kurzzeitigen Markenfetischwahn um. Nach den ersten längeren Aufenthalten in den USA war ich davon aber bald geheilt, zuerst durch ein Übermaß an Markenbegeisterung (GAP, Banana Republic), dann aber schnell durch ein Zuviel an Werbung in allen Medienkanälen.

Trends 2015 – Der Prosumer

Bewusst wurde ich meiner recht braven und gefälligen Konsumentenrolle in der Zusammenarbeit mit Gerd Gerken, zuerst für Interviews und eine Artikelreihe im WIENER, dann in dem daraus resultierenden Buch, das wir zusammen geschrieben haben: “Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven” (Scherz Verlag 1995, dtv 1996). Da prognostizierten wir einen Paradigmenwechsel in der Konsum- und Warenwelt, wenn der Konsument durch die  neuen digitalen Netze mehr Macht bekommt und sich als Prosumer mit den Produzenten von Waren (und Marken) auf gleicher Augenhöhe auseinandersetzen kann.

Die Idee eines gleichberechtigten und im besten Fall kooperativen Umgangs zwischen Konsument und Produzent, wie sie Alvin Toffler 1980 als Erster beschrieben hatte, faszinierte mich, weil er die komplette Wohlstands-Konsumwelt, wie wir sie nach dem Krieg erlebt und gestaltet hatten, auf den Kopf stellt. Und konsequent zu Ende gedacht waren schon damals die schwerwiegenden Friktionen erahnbar, wie sich diese Machtverschiebung auf Werbung, Marketing und Vertrieb, aber auch auf den gesamten von der Werbung finanzierten Mediensektor auswirken wird. Damals durften wir diesen Trend ein ums andere Mal in Vorträgen näher ausführen – und wurden dafür auch wohlwollend beklatscht. Wohlwollend, weil sich alle Betroffenen einig waren, dass es so weit nie kommen wird. (“Prometeus”, mein Lieblingsvideo dazu gibt es noch immer auf YouTube.)

Die Realität 2011 ff

Heute sind wir in dieser damals als Zukunftsszenario beschriebenen Situation  angekommen, sie ist heute zu großen Teilen Realität. Wir erleben heute in allen Ebenen den Machtkampf zwischen dem durch das Internet privilegierten Konsumenten und den um ihre (Markt-)Macht ringenden Produzenten. Immer abstruser und brachialer werden dabei die Versuche, die alten Marktprivilegien irgendwie zu bewahren. Das Spektrum reicht von Ideen wie einem so genannten Leistungsschutzrecht, das das überkommene Geschäftsmodell von Verlegern irgendwie retten soll – das in seiner Abstrusität an den legendären Heizer auf der Elektro- bzw Diesellok erinnert, den britische Gewerkschaften einst – zeitweise – durchgesetzt haben.

Ein anderes typisches Beispiel rigiden Marktprotektionismus erleben wir in der gesamten Patent- und Copyright-Debatte.Tim Renner hat sich dankenswerterweise in seinem Motorblog detailliert damit auseinandergesetzt (“kino.to für alle!”), wie abstrus die Polizeiaktion bei kino.to ist, so lange die Filmproduzenten dem legitimen Bedürfnis der Konsumenten, Kino- und TV-Filme unmittelbar nach der Veröffentlichung im Internet – gerne auch gegen angemessene Bezahlung – anzusehen, nicht durch Installierung einer geeigneten Plattform entgegen kommen. Dass es geht und wie es geht zeigen in den USA Plattformen wie “Hulu” und andere. Dasselbe gilt für die Musik. Warum gibt es in Europa noch keine “Pandora” – oder warum funktioniert “Spotify” nur in Schweden und sonst nirgendwo?

Crowd-Marketing & Crowd-Promotion

Klar ist, dass mit der Verbreitung von Mobile Commerce und Mobile Media die Karten in diesem Spiel definitiv neu gemischt werden. Hier funktionieren die alten Muster von Vermarktung und Vertrieb nun schon gar nicht mehr. Wenn immaterielle Güter (digitale Daten) aus einer anonymen Cloud kommen, wie sollen hier die alten Mechanismen, die zu Zeiten des Mangels und der Massenproduktion entwickelt wurden, noch funktionieren. Wir Konsumenten wollen das nicht, und wenn die Produzenten dabei bleiben wollen, ist das ihr Problem. (Unser Problem zurzeit ist es – noch -, dass sie die Meinungshoheit im politischen Bereich derzeit noch haben.

Besonders spannend wird in Zukunft, wie wir immer selbstbewusster und mächtiger werdenden Prosumer mit dem Thema Marketing und Werbung umgehen werden. In der hierarchielosen Welt des Prosumismus kann die Idee, von oben herab Illusionen, Images und Bedürfnisse zu oktruieren, nicht mehr funktionieren. Die Macht über die Deutungshoheit von Marken ist im Konsumbereich längst von den Produzenten größtenteils zu den – formerly known as – “Konsumenten” übergegangen. Unter anderem auch, weil vor allem die junge Generation echte Immuneffekte gegen Werbung entwickelt hat, die diese immer mehr ins Leere laufen lassen.

In absehbarer Zukunft wollen auch die Prosumer weiter neue, interessante Produkte kaufen, wollen sich für attraktive Marken begeistern und Moden genießen – vor allem so lange der Trend zum Individualismus noch anhält. (Ein Ende ist absehbar, aber dauert noch…) Aber wie soll das funktionieren, ohne weiter die alten Paradigmen künstlich am Leben zu erhalten? Man wird Werbung und Marketing selbst organisieren müssen. Das kann in sozialen Netzwerken (auch gerade abseits deren Vermarktungsplattformen!) geschehen oder in kommenden, neuen Plattformen der kommerziellen Selbstbegeisterung, der Crowd-Produktentwicklung, in unendlichen, medusahaften Long Tails und vielleicht sogar mit solch “undenkbaren” Mitteln wie einem Crowd-Marketing oder einer Crowd-Promotion. – Eine spannende – und dabei paradoxe Vorstellung: Schon einmal versucht, sich selbst zu kitzeln? – – – Aber wir schaffen das…

Mysterium Bleistift

16. April 2011


Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für “Griffel”)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: “Train of Thought”. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie “Train of Thought”, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch “Error”. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley (“The Rational Optimist”) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel “When ideas have sex” auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der “Sendung mit der Maus” – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…

Rock Hero

10. Februar 2011


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel “Guitar Hero” mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes “Rock Band” für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la “Guitar Hero” die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von “Guitar Hero” ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

“Guitar Hero” hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen “Guitar Hero”-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen (“Herzblatt” mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine “Hagstrøm” – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von “Allsound”. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines “Musikerlebens”

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie “singen” zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker “Redaktionsschluss” für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: “Lifetime Heroes”.

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