The de-material Boy

31. März 2012


Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Bei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, “Soon Over Baluma”, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single “See my Friends” von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger “besitzen” wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern “schenken” lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber “Better Place” (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden “stiller” sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: “Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.” Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.


Fremdeln in Tracht

Woran erkennt auch der medienscheueste Münchner, wenn Wiesn-Zeit ist? Richtig, plötzlich trifft man überall in der Stadt Menschen in Tracht. Vor allem sind dabei sehr viele Menschen, die Dirndl und Lederhosen sichtlich das erste Mal in ihrem Leben tragen. Das merkt man nicht nur, wenn sächsische, schwäbische oder andere fremdsprachige Laute aus Lederbuxen und/oder Rüschendekolletees tönen. Denn merke: Je fremder und unwohler man sich in bayerischer Traditionskleidung fühlt, desto mehr und  lauter spreche ich.

Monty Python: Ministry of Silly Walks

Das verräterischste Merkmal eines ungeübten Trachtenträgers sind neben völlig unzulässigen Kombinationen von Accessoires seltsame Bewegungs-Anomalien. Mädels von auswärts in Dirndln nesteln am Dekolletee und versuchen – vergeblich – zu kurze Rücke nach unten zu verlängern. Die Buben und Herren in ungewohnten Lederhosen haben einen seltsam gestelzten Gang, als seien sie in ein zu steifes, zwickendes Lederfutteral gesteckt worden. Und genau so ist es.

Ministry of Silly Walks

Was aber im Stadtbild noch mehr auffällt – etwa ab 14:00 Uhr jeden Tag – sind Menschen, die direkt aus dem “Ministry of Silly Walks” (aus dem legendären Sketch von Monthy Python) entsandt zu sein scheinen. Es gibt nichts Erheiterndes als den Versuch von Menschen, die konzentriert versuchen, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass sie am hellichten Tag schon zuviel Bier erwischt haben. Besonders absurd wird das natürlich, wenn solche Personen kurze Lederhosen mit Brustgeschirr und karierte Hemden tragen. Jeder Schritt ist zu groß oder zu klein, zu langsam, zu bemüht und natürlich unstet. Und je mehr versucht wird, das mit einem breiten, nicht sehr intelligenten Grinsen zu kaschieren, um so schlimmer wird es.

Je später der Abend, desto verrückter werden die Geh-Deformationen – und die Bemühungen, sie zu kaschieren tendieren gegen Null. Die Burschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, das Ziel mit großen Umwegen zu erreichen und dabei das Gleichgewicht zu halten, als dass noch auf Wirkung nach außen geachtet werden kann. Gäbe es das “Ministry of Silly Walks” heute noch, es müsste zu Recherchezwecken unbedingt eine Webcam aufstellen, die Menschen auf dem Weg vom Bierzelt zum Pissoir aufzeichnet. Ich denke, dass die U-Bahn-Angestellten, die die Monitore der Überwachungskameras an den Wies’n-Haltestellen überwachen, alle zwei Stunden wegen akuter Zwerchfellerschöpfung ausgetauscht werden müssen.

Theorie des Suri

Wer mit einem analytischen Auge und hoher Toleranzschwelle das Oktoberfest besucht, und dann nicht zu viel Bier erwischt, der kann  sehr gut die verschiedenen Stadien der Betrunkenheit feststellen. Es ist bezeichnend, dass die bayerische Sprache dafür auch unterschiedliche Begriffe geprägt hat, die es so im Hochdeutschen – und anderen Weltsprachen – nicht gibt. Der schönste Begriff in diesem Zusammenhang ist der “Suri”. Das ist der Zustand, der sich so langsam nach einer zügig getrunkenen Maß Oktoberfestbier einstellt, vor allem wenn einem dabei die Sonne voll aufs Hirn scheint.

“Suri” wird in den einschlägigen Wörterbüchern mit “Rausch” oder “Schwips” übersetzt. Beides ist grundfalsch. Der “Suri” ist eben (noch) kein Rausch. Es ist der Zustand, in dem man den Rausch erahnen kann, der die Welt um einen seltsam wattig aber zugleich sehr schön und angenehm wirken lässt. Er ist das bayerisch zurückgenommene Äquivalent zur Euphorie und ist dem Gefühl nahe, mit der weichen Seite der Faust einen liebevollen, aber veritablen Schlag auf die Stirn bekommen zu haben. Das Schöne am Suri ist, dass er keine negativen Folgeerscheiningen (Unwohlsein, Kater etc.) nach sich zieht. Er ist sozusagen die wohlseitige Variante des Rausches. Und es ist der Zustand, in dem die Kontrolle über die Gehmotorik langsam verloren geht.

Die Nebenwirkungen der Süffigkeit

Es ist ja auch bezeichnend, dass als Beschreibung für das Wiesnbier der Begriff “süffig” erfunden wurde, der sich von “saufen” ableitet. Einen Begriff, den andere Sprachen gar nicht kennen oder anders interpretieren. “Quaffable” im Englischen meint, dass man ein Gebräu sehr gut in großen Schlucken vertilgen kann, also die Vorbedingung zum “binge drinking” erfüllt. Das Italienische kennt das Wort beverino, was aber eher gut trinkbar meint und eher Weinqualität beschreibt.

Wenn man im Zustand des Suri nicht das Trinken langsam ausschleicht, ist der Weg zum Rausch nicht weit. Und das ist auf der Wiesn nur das Zwischenstadium zum “Fetzen Rausch”, dessen Nachwirkungen man dann am späten Abend in den verschiedenen Fahrzeugen des Öffentlichen Nahverkehrs in aller deprimierenden Deutlichkeit des Neonlichtes begutachten darf, wenn auch die letzte lederhosen-bedingte Steifheit völliger Erschlaffung gewichen ist.

Die Kultur des Rausches

Nein, wir schließen uns an dieser Stelle nicht dem üblichen Lamento an, dass das Oktoberfest doch nur ein widerliches Massenbesäufnis ist, eine staatlich sanktionierte und touristisch hoch willkommene Massen-Drogen-Darreichung. Der Rausch, vor allem der gemeinsam vollzogene Rausch, ist ein hohes und sehr altes Kulturgut. In allen Kulturen seit der Steinzeit wurde dem Rausch gefrönt, seien es Bier, Met, halluzinogene Pilze, Cannabis oder sonstige Rauschmittel gewesen. Selbst in der Bibel wird der maßvolle Rausch (Suri!) als positiv, weil fröhlich machend gesehen. Und noch in den indogensten Stämmen des Amazonas ist der Rausch Teil der Kultur und des Soziallebens.

Zwei steile Thesen gibt es, warum wir Menschen berauschende Momente dringend benötigen. Die erste, religiöse Variante ist, dass uns kulturhistorisch der Rausch aus unserem lapidaren Menschsein für Stunden befreit und uns den Göttern näher bringt. Die zweite, psychologische Interpretation ist, dass uns der Rausch dabei hilft, das stets verdrängte Bewusstsein, dass wir alle einmal sterben müssen, auszuhalten. Es bringt uns für Stunden dem Tode (je nach Dosis) sehr nah – wir springen ihm aber am nächsten Tag wieder vom Schippchen.

Es ist daher sehr faszinierend zu sehen, welche meiner Freunde fast jeden Tag diese Nähe zu Tod und Gott suchen. Facebook, Foursquare & Co. enttarnen die notorischen Wiesnbesucher.

Prost – samma wieda guad!

Wir sind die Europäer!

17. Juli 2011


Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: “Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!” geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: “Die macht mir mein Europa kaputt!” Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: “Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.” Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt “Wir sind das Volk!” muss es dann halt heißen: “Wir sind die Europäer!” – Ich bin’s.

Sich selber kitzeln

11. Juni 2011


Staunen auf der Modenschau

Ich habe meine ersten 10  Sekunden “Weltruhm” im stolzen Alter von drei Jahren erlebt. Mein Konterfei war in der Münchner Abendzeitung – und für 10 Sekunden sogar in der Film-Wochenschau, den Filmnachrichten, die vor der flächendeckenden Verbreitung des Fernsehens das Äquivalent der Tagesschau waren. Die Wochenschau lief vor jedem Film in allen Kinos. Ich schaue in dem Filmschnipsel fasziniert auf das Geschehen, das sich vor mir ereignete: eine glamouröse Kindermodenschau des Bekleidungshauses Konen im Deutschen Theater in München. Wie es meine Mutter so weit nach vorne in die erste Reihe geschafft hat, keine Ahnung. Aber bei solchen Gelegenheiten bewies sie ihr Leben lang Durchsetzungskraft.

Michael (rechts) mit Freundin Esther, jeweils auf den Schößen ihrer Mütter.

Die Begebenheit beweist sehr deutlich, dass ich seit frühester Kindheit ein sehr intensives und umfassendes Ausbildungsprogramm als Kunde und Konsument genossen habe. Ich war nicht nur jedes Jahr bei der Kindermodenschau (mit Unterhaltungsprogramm) des Hauses Konen dabei (bis die das irgendwann nicht mehr machten), sondern ich stand auch, so oft es ging, auf der Handwerksmesse in dem für Kinder extra gebauten großen Kaufmannsladen und durfte dort Markenartikel im Miniformat verkaufen. Meinem kaufmännischen Talent hat diese Übung wenig Aufschwung verliehen, aber sie hat meine Affinität zu bestimmten Marken spürbar und langfristig geprägt. Etwa zu Maggi, Bad Reichenhaller Salz, Südzucker, Bernbacher oder Bärenmilch.

Romeo y Julieta

Ich konnte so durchaus schon Markenpräferenzen formulieren, als Werbung noch Reklame hieß und es noch lange hin war bis zur Dauerberieselung mit Werbung in Radio und Fernsehen. Ich kannte die Lieblings-Zigarettenmarken meines Vaters, Finas oder Nil, beides flache, filterlose Zigaretten mit Orienttabak drin. Die rochen gut – und jeden Tag wurde davon genau ein Exemplar nach dem Mittagessen geraucht, die Karwoche ausgenommen. Abends wurde eine Zigarre geraucht, die roch nicht so gut und durfte in guten Zeiten (also später) auch mal eine Mark kosten. Leider war Papas Lieblingsmarke zu teuer: “Romeo y Julieta”. Ich weiß nicht, ob er sie mochte, weil sie so gut schmeckte oder weil sie die Lieblingsmarke von Winston Churchill war.

So markenaffin man damals auch war, auf den Tisch kam, was gerade billig, also im Sonderangebot war. Ich ahnte stets, wenn ich mit der Tram vom Gymnasium nach Hause fuhr und an Tengelmann und am Deutschen Supermarkt (der hieß so!) vorbeifuhr, was es wohl mittags zu essen gab. Ich musste nur schauen, was im Sonderangebot war. Das war im Schaufenster riesig groß plakatiert. Ich lag selten falsch mit meinen Vermutungen. Es gab viel Innereien, weil billig – und weil die schlesische Küche meiner Mutter daraus sehr schmackhafte Dinge zaubern konnte. Teures Fleisch oder sogar Rumpsteak gab es nur, wenn Besuch kam. Das war netterweise sehr oft der Fall.

Vom Mangel zum Überfluss

Ich habe so alle Phasen der Konsumation Deutschlands durchlaufen, von der kreativen Umsetzung von Mangel, weil das kleine Reihenhäuschen abzubezahlen war, über wahre Gelage mit schwerer Nötigung (zum Essen), weil immer viel zu viel gekocht wurde, über die Mangelküche studentischen Kochdilettantismus’ bis hin zur Gourmetküche – und dann zurück zu gesunder, bewusster, mediterraner Kost.

Es gab Zeiten, da war ich dank werbungskritischer Indoktrination in der Schule sehr kritischer Konsument, dann in den späten 80-ern schlug das ins Gegenteil zu einem kurzzeitigen Markenfetischwahn um. Nach den ersten längeren Aufenthalten in den USA war ich davon aber bald geheilt, zuerst durch ein Übermaß an Markenbegeisterung (GAP, Banana Republic), dann aber schnell durch ein Zuviel an Werbung in allen Medienkanälen.

Trends 2015 – Der Prosumer

Bewusst wurde ich meiner recht braven und gefälligen Konsumentenrolle in der Zusammenarbeit mit Gerd Gerken, zuerst für Interviews und eine Artikelreihe im WIENER, dann in dem daraus resultierenden Buch, das wir zusammen geschrieben haben: “Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven” (Scherz Verlag 1995, dtv 1996). Da prognostizierten wir einen Paradigmenwechsel in der Konsum- und Warenwelt, wenn der Konsument durch die  neuen digitalen Netze mehr Macht bekommt und sich als Prosumer mit den Produzenten von Waren (und Marken) auf gleicher Augenhöhe auseinandersetzen kann.

Die Idee eines gleichberechtigten und im besten Fall kooperativen Umgangs zwischen Konsument und Produzent, wie sie Alvin Toffler 1980 als Erster beschrieben hatte, faszinierte mich, weil er die komplette Wohlstands-Konsumwelt, wie wir sie nach dem Krieg erlebt und gestaltet hatten, auf den Kopf stellt. Und konsequent zu Ende gedacht waren schon damals die schwerwiegenden Friktionen erahnbar, wie sich diese Machtverschiebung auf Werbung, Marketing und Vertrieb, aber auch auf den gesamten von der Werbung finanzierten Mediensektor auswirken wird. Damals durften wir diesen Trend ein ums andere Mal in Vorträgen näher ausführen – und wurden dafür auch wohlwollend beklatscht. Wohlwollend, weil sich alle Betroffenen einig waren, dass es so weit nie kommen wird. (“Prometeus”, mein Lieblingsvideo dazu gibt es noch immer auf YouTube.)

Die Realität 2011 ff

Heute sind wir in dieser damals als Zukunftsszenario beschriebenen Situation  angekommen, sie ist heute zu großen Teilen Realität. Wir erleben heute in allen Ebenen den Machtkampf zwischen dem durch das Internet privilegierten Konsumenten und den um ihre (Markt-)Macht ringenden Produzenten. Immer abstruser und brachialer werden dabei die Versuche, die alten Marktprivilegien irgendwie zu bewahren. Das Spektrum reicht von Ideen wie einem so genannten Leistungsschutzrecht, das das überkommene Geschäftsmodell von Verlegern irgendwie retten soll – das in seiner Abstrusität an den legendären Heizer auf der Elektro- bzw Diesellok erinnert, den britische Gewerkschaften einst – zeitweise – durchgesetzt haben.

Ein anderes typisches Beispiel rigiden Marktprotektionismus erleben wir in der gesamten Patent- und Copyright-Debatte.Tim Renner hat sich dankenswerterweise in seinem Motorblog detailliert damit auseinandergesetzt (“kino.to für alle!”), wie abstrus die Polizeiaktion bei kino.to ist, so lange die Filmproduzenten dem legitimen Bedürfnis der Konsumenten, Kino- und TV-Filme unmittelbar nach der Veröffentlichung im Internet – gerne auch gegen angemessene Bezahlung – anzusehen, nicht durch Installierung einer geeigneten Plattform entgegen kommen. Dass es geht und wie es geht zeigen in den USA Plattformen wie “Hulu” und andere. Dasselbe gilt für die Musik. Warum gibt es in Europa noch keine “Pandora” – oder warum funktioniert “Spotify” nur in Schweden und sonst nirgendwo?

Crowd-Marketing & Crowd-Promotion

Klar ist, dass mit der Verbreitung von Mobile Commerce und Mobile Media die Karten in diesem Spiel definitiv neu gemischt werden. Hier funktionieren die alten Muster von Vermarktung und Vertrieb nun schon gar nicht mehr. Wenn immaterielle Güter (digitale Daten) aus einer anonymen Cloud kommen, wie sollen hier die alten Mechanismen, die zu Zeiten des Mangels und der Massenproduktion entwickelt wurden, noch funktionieren. Wir Konsumenten wollen das nicht, und wenn die Produzenten dabei bleiben wollen, ist das ihr Problem. (Unser Problem zurzeit ist es – noch -, dass sie die Meinungshoheit im politischen Bereich derzeit noch haben.

Besonders spannend wird in Zukunft, wie wir immer selbstbewusster und mächtiger werdenden Prosumer mit dem Thema Marketing und Werbung umgehen werden. In der hierarchielosen Welt des Prosumismus kann die Idee, von oben herab Illusionen, Images und Bedürfnisse zu oktruieren, nicht mehr funktionieren. Die Macht über die Deutungshoheit von Marken ist im Konsumbereich längst von den Produzenten größtenteils zu den – formerly known as – “Konsumenten” übergegangen. Unter anderem auch, weil vor allem die junge Generation echte Immuneffekte gegen Werbung entwickelt hat, die diese immer mehr ins Leere laufen lassen.

In absehbarer Zukunft wollen auch die Prosumer weiter neue, interessante Produkte kaufen, wollen sich für attraktive Marken begeistern und Moden genießen – vor allem so lange der Trend zum Individualismus noch anhält. (Ein Ende ist absehbar, aber dauert noch…) Aber wie soll das funktionieren, ohne weiter die alten Paradigmen künstlich am Leben zu erhalten? Man wird Werbung und Marketing selbst organisieren müssen. Das kann in sozialen Netzwerken (auch gerade abseits deren Vermarktungsplattformen!) geschehen oder in kommenden, neuen Plattformen der kommerziellen Selbstbegeisterung, der Crowd-Produktentwicklung, in unendlichen, medusahaften Long Tails und vielleicht sogar mit solch “undenkbaren” Mitteln wie einem Crowd-Marketing oder einer Crowd-Promotion. – Eine spannende – und dabei paradoxe Vorstellung: Schon einmal versucht, sich selbst zu kitzeln? – - – Aber wir schaffen das…

Mysterium Bleistift

16. April 2011


Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für “Griffel”)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: “Train of Thought”. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie “Train of Thought”, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch “Error”. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley (“The Rational Optimist”) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel “When ideas have sex” auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der “Sendung mit der Maus” – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…

Rock Hero

10. Februar 2011


Leben statt Posen ist die Devise

Es gibt Meldungen, die machen einfach Spaß. Weil sie einem den Glauben an den Realitäten und an simplem Menschenverstand zurückgeben. Die Meldung, dass das Computerspiel “Guitar Hero” mangels Erfolg eingestellt wird, ist solch eine erfreuliche Nachricht. Oder dass die Firma des Konkurrenzproduktes “Rock Band” für 50 $ von Viacom verkauft worden sind, für die  sie einst 175 Millionen $ bezahlt haben.

Um meine Freude zu verstehen, muss man wissen, dass ich ein begeisterter Gitarrist bin, vorzugsweise der elektrischen Art. Und man muss wissen, wie Computerspiele à la “Guitar Hero” die Fähigkeit, aus sechs Saiten sehr schöne, sehr eigenartige Töne und auch mal sehr laute und voluminöse Schallwände zu produzieren, banalisiert haben – auf fast schon zynisch verballhornte Art: Es waren hier statt harter Saiten nur bestimmte Tasten am Gitarrengriffbrett zu drücken und ungefähr im richtigen Moment muss man mit der rechten Hand so zu tun, als würde man Saiten anschlagen – und schon war man in der virtuellen Welt von “Guitar Hero” ein Star.

Was für ein Humbug! Aber das Computer-Spiel war zunächst super-erfolgreich. Es erfüllte perfekt narzisstische Bedürfnisse. Erfolg, Zustimmung, Aufmerksamkeit und Stardom ohne jeden wirklichen Aufwand, weder finanziell, noch ideell oder gar handwerklich.

Narzisstische Genialität

Wer mit jungen Menschen heute zu tun hat, weiß, wie schwer sie sich tun, die schwierige, lange Zeit auszuhalten, bis sich – etwa durch fleißiges Üben – eine Tätigkeit so sehr einschleift, dass sich erste Erfolge einstellen. Kids wollen lieber Dinge sofort können und durch Posen den Glauben an ein außergewöhnliches Talent, ja an Genialität zelebrieren. Und wenn das, was ja meist der Fall ist, nicht funktioniert, dann ist die jeweilige Tätigkeit halt langweilig, blöd, doof.

“Guitar Hero” hat sich diese Zeitgeist-Krankheit perfide zunutze gemacht. Hier konnte man sich durch Posieren und minimale rhythmische Begabung schnell als Rock-Heroe fühlen. Aber anscheinend nicht dauerhaft – und am schlimmsten: nur im eigenen Kämmerchen, vor dem eigenen Bildschirm, vor einer virtuellen Fangemeinde. Jede soziale Komponente fehlte, die sonst Musik ja erst ausmacht. So war der Misserfolg vorprogrammiert.

Ich will nicht behaupten, dass ich als Jugendlicher mit allzu viel Übungsfleiß gesegnet war. Im Gegenteil. Ich wäre wahrscheinlich auch schnell ein Opfer eines schalen “Guitar Hero”-Erfolgs gewesen. Aber damals gab es solche Ersatz-Freuden im Instant-Format nicht. Es blieb nichts anderes als Üben übrig.

Die Leiden des jungen M.

Die ersten Begriffe des Gitarrenspiels habe ich in einem regulären Gitarrenunterricht gelernt, im Keller des Pfarrhauses in München Berg am Laim. Ich hatte etwa mit 10 Jahren zu Weihnachten eine (billige) Westerngitarre geschenkt bekommen – mit Stahlsaiten – und sollte auf der dann Sonaten von Ferdinand Sor und sogar von Mozart und Beethoven (für Gitarre umgeschrieben) spielen. Das machte so was von keinen Spaß. Warum der Gitarrenlehrer meine Eltern nicht aufklärte, dass man für solch klassische Gitarrenmusik eine Gitarre mit Nylonsaiten brauchte, ist mir bis heute schleierhaft. Nach knapp zwei Jahren hörte ich auf alle Fälle auf – und die Gitarre verstaubte in der Ecke.

Dann aber entdeckte ich mit 13 oder 14 die Rockmusik, zuerst die Kinks, dann die Equals (!), irgendwann auch Cream und vor allem all die Bluesbands damals: John Mayall, Ten Years After, Steamhammer – und wie sie alle hießen. Das bestimmende Instrument dieser Bands war stets die Gitarre – eine mit Stahlsaiten, wohlgemerkt.

Alvin Lee als Lehrer

Da war dann schnell die alte Gitarre wieder aktiviert. Die war inzwischen ein wenig bundunrein, aber das machte nichts. Im eifrigen Abhören und Nachspielen brachte ich mir autodidaktisch die nötigen Akkorde, Harmonien – und schließlich auch erste Solomelodien bei. Meine Lehrmeister waren Muddy Waters, Eric Clapton, Alvin Lee, Stan Webb, Miller Anderson, Carlos Santana – und später Tony Iommi, Jimmy Page oder Mick Abrahams.

Da dauerte es nicht lange, bis dringend die erste elektrische Gitarre her musste. Und natürlich der entsprechende Verstärker dazu. Das kostete damals richtig viel Geld. Mit Zeitungsaustragen (Katholische Kirchenzeitung!), Filmaufnahmen (“Herzblatt” mit Georg Thomalla!) und dann als Briefträger verdiente ich mir das nötige Geld. Meine erste Gitarre war eine “Hagstrøm” – dazu ein tonnenschwerer Dynacord-Verstärker und ein Lautsprecher-Kabinett von “Allsound”. Später verbesserte ich mich mit einer Höfner-Les Paul mit echten Gibson-Tonabnehmern (Das gute Stück besitze ich bis heute!) und ein echter VOX AC-30 (längst in einem Übungsraum geklaut).

Fazit eines “Musikerlebens”

Was ich damit erzählen will, ist nicht die übliche Schelte an der Ungeduld der Jugend – sondern wie viel mir meine Leidenschaft für mein Leben beschert hat:

  • So mancher bewundernde Blick junger, hübscher Mädels. (Manchmal war es auch mehr – aber zugegeben, viel zu selten und meist bei den falschen.) – Nein im Ernst. Ich habe die Freuden der Autodidaktik gelernt.
  • Ich habe mir selbst beigebracht, wie schön das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit ist. Ich habe viel gearbeitet in den Ferien, aber ich wusste immer wofür.
  • Ich habe verstanden, wie Musik funktioniert und wie wichtig Rockmusik für mich ist. Und das ganz alleine. Das hilft, sich später vieles andere selbst beizubringen. Ich spiele noch heute gute Stücke mit oder nach, um ihre Struktur zu verstehen.
  • Ich habe mir so eine lebenslange Neugier für immer neue Sounds bewahrt, von Rock über Punk und New Wave über Techno und House immer weiter.
  • Ich habe meine eigenen Stücke komponiert – zu eigenen Texten. Keine Hits. Aber Perlen einer selbst entdeckten und umgesetzten Kreativität.
  • Ich habe gelernt, auf der Gitarre Töne zu kreieren, sie “singen” zu lassen, Temperament auszuleben und Melodien zu zelebrieren.
  • Ich habe kennengelernt, wie schön es ist, mit anderen in einer Band gemeinsam Musik zu machen und dort gemeinsam völlig neue Musikdimensionen zu erobern. Zuerst mit meinen Freunden Mike und Walter, später in verschiedenen anderen Formationen.
  • Ich habe es zu genießen gelernt, live vor Publikum zu spielen, aller Nervosität, allem Schweiß und technischen Problemen zum Trotz. Am schönsten war der Auftritt der Band der Münchner Musikkritiker “Redaktionsschluss” für Amnesty International im Domicile. (Ralph Siegel – sic! – bescheinigte dabei in einer Konzertkritik meiner Stimme Chart-Perspektiven!)
  • Ich war mir mein eigener Guitar Hero – in meinen Träumen, in der Trance des Übens, in der Freude des Performens vor anderen. Und das ohne Fake, sondern ganz real.
  • Wenn ich mir über die Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand streiche, fühle ich, wie real Gitarrensaiten sind und wie schön es ist, Musik zu machen. Wenn ich sie nicht spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist, wieder mal zu üben.

Es geht doch nichts über real gelebtes Leben (samt Risiken und Nebenwirkungen). Die Alternative erleben wir allzu oft: Menschen posen nur in Funktionen und Rollen, statt sie zu leben. Sie tun nur so, sie sind nicht so. Das Leben ist für sie nur ein Spiel(feld), auf dem man vogibt, als würde man im Puls der Zeit mitschwingen: “Lifetime Heroes”.

Augmented Retaility

6. Januar 2011


Einkauf-Safari mit der Tram

Als ich ein kleiner Bub war, waren die Einkaufsfahrten in die Stadt echte Abenteuer, sozusagen Shopping-Safaris. Das wurde von langer Hand geplant, es wurde Geld besorgt (es gab ja noch keine Bankautomaten) und es wurden ausgiebig Pläne gemacht, wo man hin wollte und was besorgt werden sollte. Das Wort “Impulskauf” war damals noch nicht erfunden – schon allein wegen der fehlenden Bankautomaten, Kreditkarten & Co.

Kaufhaus Oberpollinger

Wenn es dann in die Stadt ging – vom Stadtrand aus – dann ratterte man erst einmal für lange Zeit mit der Trambahn in die Innenstadt. Zuerst zum Ostbahnhof, dort gab es damals das Kaufhaus “Horn”. Das war eher klein, aber die Besitzerin Anna Horn, geborene Hübler, war mal Eisläuferin gewesen und hatte 1908 sogar olympisches Gold im Paarlauf gewonnen. Später war sie Sängerin und Schauspielerin, bis sie den Kaufhausbesitzer Ernst Horn heiratete. Nicht allein wegen dieser schönen biografischen Geschichte kaufte man dort ein. (So gesehen hat Marika Kilius falsch geheiratet. – Oder auch Rosi Mittermaier. Als Kaufhausbesitzersgattin müsste sie heute nicht durch Charts-Shows tingeln.)

Eine kleine Weltreise

Weiter ging es bei der Shopping-Safari durch Haidhausen und das Lehel ins Münchner Zentrum, zum Beck am Rathauseck, zum Kaufhof und natürlich zum Oberpollinger. Eine kleine Weltreise. Denn das war noch weit vor der Olympiade 1972 in München also lange vor dem Bau des S- und U-Bahn-Netzes in München und der Erfindung der Fußgängerzone. In der Innenstadt bewegten sich die Straßenbahnen damals mit gestoppten 4 bis 13 Stundenkilometern. So verwinkelt und verstaut war die Stadt.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in Sachen Olympiade. Ich habe München vor, während und nach der Olympiade 1972 erlebt. Damals wurde aus einem verschlafenen Nest vor den Alpen eine wirklich attraktive Stadt. Und durch den Bekanntheitsschub wurde München in der Folge eines der beliebtesten Reiseziele Europas und eine der attraktivsten Städte für Arbeitnehmer. Da bleibt einem nur ein verzweifeltes Kopfschütteln, wenn Teile der bayerischen Grünen hier Profilierungsoptionen wittern. Zugegeben, Olympia 2018 ist was anderes als Olympia 1972, es ist kommerzialisierter und gigantomanischer. Aber es bringt unverändert viel. (Mal ganz zu schweigen, wie nötig Garmisch-Partenkirchen diesen Innovationsschub bräuchte!)

Reasons to buy

Aber weiter geht die Shopping-Safari durchs München der 60er-Jahre. Da es die Fußgängerzone nicht gab, schob man sich auf schmalen Bürgersteigen von Geschäft zu Geschäft. Die steuerte man gezielt an, weil “man” dort kauft, und nicht anderswo. Das hatte zum einen mit dem sozialen Status des Geschäftes zu tun (Empfehlungen), mit seinem Renommee (siehe Kaufhaus Horn), seiner Historie (also ging man zu Oberpollinger), oder aber seinen Marketing-Aktivitäten.

Klamotten etwa wurden bei uns entweder bei Hirmer (Renommee) gekauft, dann durfte das auch ein wenig teurer sein (obwohl eisern gespart wurde, wir hatten ja unser Reihenhaus abzubezahlen!). Kleidung wurde aber vor allem bei Konen gekauft. Nicht nur, weil das Haus gute Ware und eine große Auswahl hatte, sondern vor allem, weil es einmal im Jahr Mütter und Kinder ins Deutsche Theater einlud, sie dort bewirtete und eine wunderschöne, liebevoll gemachte, große Show mit Artisten, Zauberern, Sängern – und natürlich auch einer Modenschau veranstaltete. Einmal habe ich es mit meinen hypnotisch auf den Laufsteg fixierten, glänzenden Augen und einem staunenden Liebkindgesicht sogar bis in die Wochenschau und als Foto in die Abendzeitung geschafft. Da war meine Mami stolz – und Konen hatte eine Stammkundschaft mehr.

After Sales Rituale

Das Kaufen selbst war aber eine Pein. Das war zum einen der üblichen, kindlichen Ungeduld geschuldet, vor allem aber dem wirklich kritischen Konsumverhalten meiner Mutter. Nur wer als Verkäufer ihren inquisitorischen Fragen stand halten konnte, hatte eine Chance, Umsatz zu machen. Wie gut ist der Stoff? Sitzt der auch noch in ein paar Jahren etc. Gibt es das nicht auch billiger? Und dieser Fleck hier, der ist doch auf jeden Fall ein Grund für eine Preisminderung! Ich fand das immer nur peinlich. Und die Schnäppchen, die sie so machte, waren fatal. Meine Ski oder meine Eislaufschuhe waren so minderwertig, dass ich den einen Sport sehr spät mit einem anderen Paar Skier lernte, Eislaufen habe ich nie gelernt.

Aber immerhin gab es nach dem Einkaufsmarathon immer eine Belohnung. Es gab wahlweise eine meiner Leibspeisen: ein halbes Hähnchen vom Grill bei Hertie oder den unnachahmlichen Backfisch mit Kartoffelsalat bei Hein Essers Hamburger Fisch(brat)stube am Isartor. (Dass es letztere nicht mehr gibt, ist ein echter Verlust. Das beste denkbare Fastfood auf dieser Seite des Atlantiks.)

Geo, Time und Ego-Location

Warum diese Kindheitserinnerungen ausgerechnet heute emporkommen? Das ist dem sehr schönen Papier des Trendbüros zum Thema “Augmented Retaility” zu verdanken. Hier ist sehr gut das Mulitichannel-Kauferlebnis der Zukunft in einem Mix aus Mobile Internet, Social Media und Geolocation beschrieben. Die drei vielleicht wichtigsten Thesen des Papiers:

  • Kunden suchen nicht mehr Produkte, sondern Produkte müssen ihren Weg zum Kunden finden.
  • Augmented Retail muss Kunden einen Mehrwert in den Dimensionen von Ort (Geo), Zeit (Time) und Ich-Findung (Ego Location) bieten.
  • Wer nicht zugleich im Internet, im Mobilen Netz und dem Augmented Web präsent ist, wird nicht wahrgenommen.

Das Intermezzo des Lust-Shoppings

Es wird also wieder wie früher sein. Man geht nicht mehr frank und frei durch die Stadt und durch die Shops und lässt sich vom aktuellen Angebot verführen. Das Intermezzo des Lust-Shoppings, bei dem man sich selbst zum Konsumenten-Freiwild machte, ist vorbei. Es geht nicht mehr um immer ausgefallenere Konsumideen, auch nicht mehr um immer aberwitzigere niedrige Preise, sondern um eine persönliches Verhältnis zum Kunden, um stete und spontane Verfügbarkeit und um ein Renommee, das vom sozialen Umfeld geprägt bzw. “genehmigt” wird.

Wir kehren wieder zu einem weit persönlicheren Verhältnis beim Kaufakt zurück. Der große Unterschied ist nur, dass wir uns nicht mehr wie einst auf einen beschwerlichen Weg machen müssen, wollen wir etwas kaufen, sondern es kommt alles auf uns zu. Der Anbieter, das Produkt und die Idee, es zu kaufen. Und das ohne alle werbliche Anbiederung, ohne alle marketingtechnische Manipulation, sondern ganz reell, ganz ernsthaft und ganz persönlich. Und so kurios es klingen mag, erfolgreiche Retailer der Zukunft können sich ein Vorbild an den Erfolgskonzepten von einst machen. Die Zaubermittel sind sehr ähnlich: Produkt-Qualität, Uniqueness, Storytelling, Investment in Customer, Content, Renommee, History, Beratungs-Qualität, Individualisierung, After-Sales, Direct Marketing etc. – Siehe oben!

Danke, danke, danke

24. Dezember 2010


Rente von der Post

Der einzige Beruf, den ich wirklich “erlernt” habe, ist der des Briefträgers. Und was heißt “erlernt”. Ich habe eine einwöchige Einweisung bekommen, und das war’s. Da war ich 16 Jahre alt – und fortan habe ich in allen großen Ferien – und später dann in den Semesterferien als Zusteller bei der Post gejobt. 10 Jahre lang. Ich war knapp davor Rentenansprüche zu erwerben, hieß es damals im Scherz.

Briefträger war damals ein richtig toller Job, speziell im Sommer, wenn das Postaufkommen geringer war. Wenn man sich richtig sputete, dann war man schon um 13:00 Uhr mit allem fertig – und ab ging’s ins Michaelibad oder an den Feldkirchener Baggersee. Dort habe ich aber meist erst einmal mein Schlafdefizit ausgeglichen, schließlich ging es in dem Job schon um 5:00 Uhr oder 5:30 los.

Lehrstunde fürs Leben

Damals zahlte man noch viel Geld bar aus. Vor allem Renten wurden da noch persönlich an der Haustüre ausgezahlt. Meine Mutter fiel fast in Ohnmacht, als sie erfuhr, dass ich mit meinen 16 Jahren manchen Tag um den Zahltag herum mit 50.000 Mark in kleinen Scheinen unterwegs war.

Die Rentenzahlungen brachten netterweise beachtliche Trinkgelder. Zu den 1.500 Mark, die ich damals im Monat verdiente, kam gerne noch mal die Hälfte als Trinkgeld dazu. Je nachdem in welchem Viertel man unterwegs war. Im noblen Bogenhausen sah es damit schlecht aus. Keine Renten und die Ärzte, denen man täglich Massen von Päckchen mit Arzneiproben vorbeibringen musste, ließen sich noch den letzten Pfennig herausgeben.

Viel besser war es dagegen in den Arbeitervierteln in Ramersdorf oder Berg-am-Laim. Hier war es selbstverständlich, dem “jungen Studenten” reichlich Trinkgeld zu geben. Und Lehrstunde fürs Leben: je kleiner die Rente war, die es auszuzahlen galt, desto höher das Trinkgeld. Und wehe, man zögerte es anzunehmen, denn das war Ehrensache.

Freiheit mit 120 Watt

Das Geld war mir damals auch wichtig. Es machte mich unabhängig von den pädagogischen Einflussversuchen meiner Mutter. Es finanzierte meine erste E-Gitarre, eine Les-Paul-Kopie von Höfner (die mit dem Bass, den Paul McCartney heute noch spielt) mit echten Gibson-Tonabnehmern. Dazu ein Dynacord-Verstärker (den ich vor lauter Röhren kaum heben konnte) und eine Allsound-Box mit 120 Watt Musikleistung.

Das war richtig schön laut. Im Reihenhaus reichte das selbst mit halber Stärke noch fünf Häuser weit. Später leistete ich mir sogar einen echten VOX AC-30. (Alles wurde irgendwann in irgendwelchen Übungsräumen geklaut, nur die Gitarre gibt es noch!)

Das Geld finanzierte aber auch Reisen. Denn in den verbleibenden 10 bis 14 Tagen der Ferien musste die zuvor – mangels Schlaf – zu kurz gekommene Erholung dann im Schnelldurchgang nachgeholt werden. Das führte dann auch schon mal zu einer Woche wortlosen Lesens am Strand und gefühlten drei kompletten Sätzen pro Tag.

Danken im Affekt

Diese autistischen Phasen waren nötig, um sich von der schlimmsten Berufskrankheit eines jungen, eifrigen – und natürlich höflichen – Briefträgerdaseins zu erholen: dem manischen Dank-Affekt. Als Briefträger, als höflicher noch zudem, hatte man stets für irgendetwas zu danken. Für Trinkgeld, für das Aufmachen von verschlossenen Türen, für Unterschriften, für angebotene Kaffees etc.. Das führte dazu, dass man sich schließlich irgendwann bei Jedem und für alles bedankte. Rein aus dem Affekt heraus. Selbst wenn einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde: “Danke!”

Das Danke-Sagen habe ich mir dann aber immer schnell wieder abgewöhnt, es war einfach zu uncool. Wie man sich ja überhaupt, wenn man sich vom Elternhaus und seinen Konventionen ablöst, erst mal dezidiert von den dort beigebrachten Höflichkeits-Gesten und -Floskeln frei macht. Das ist zwar nicht sehr schön für das persönliche Umfeld, vermittelt aber ein schön post-pubertäres Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit.

Die Schule der Dankbarkeit

Erst allmählich in der langen Phase des relaxten Erwachsenseins lernt man das Danke wieder zu schätzen – und auch selbst wieder zu verwenden. Wenn einem ein Kollege oder Mitarbeiter aus einer verfahrenen Situation hilft. Wenn man Unterstützung genau dann bekommt, wenn man es am nötigsten hat. Oder auch einfach, weil man sich über etwas freut.

Die beste Schule der ebenso unverbindlichen wie effektiven Danke-Kultur habe ich in den USA genossen. Da war zwar auch viel notorisches Danke-Sagen dabei wie ich es einst als Postbote praktiziert habe, aber ich habe es zu schätzen gelernt.

Digitale Dankbarkeit

Einen ähnlichen Prozess haben auch die digitalen Medien gemacht. Am Anfang, als Interaktivität noch kaum entdeckt war und praktiziert wurde, war ein Danke und positives Feedback absolute Mangelware. Das haben die Social Media dankenswerterweise (!) geändert. Jedes “Like” ist ja nicht nur Zustimmung und Zeichen der Aufmerksamkeit, sondern auch immer ein kleines Danke. Ein Danke für eine schöne Formulierung, eine gute Idee oder einen wichtigen Gedanken.

Nur da, wo ein kleines Danke, eine zarte Anerkennung bzw. positives Feedback am dringendsten notwendig wären, fehlt es noch immer viel zu sehr: bei Online-Shopping und eCommerce. In den wenigsten digitalen Kaufprozessen bekommt der Kunde nötigen Rückhalt oder positive Anerkennung. Jeder gute Verkäufer weiß, wie wichtig es ist, einen Kunden bei der Entscheidung für eine Kaufinvestition kontinuierlich zu unterstützen und zu bestärken. Nur im digitalen Raum interessiert das kaum jemanden.

Man muss sich nur mal durch die diversen Konfiguratoren etwa der Autobranche kämpfen. Dort wird nicht einmal der rationalste Kunde glücklich. Wer aber etwas Emphase oder gar Empathie erwartet, keine Chance. Dabei braucht jeder die Umschmeichelung unserer tief sitzenden – und gar nicht so negativen – narzisstischen Bedürfnisse.

Danke an die Käufer - und an die Leser

Und das wäre dann die Krönung der Individualisierung im Kaufprozess. Jeder Kunde bekommt genau den emotionalen Response, den er persönlich braucht, genau die Dosis an “Danke”, die ihn freut. Nicht zu wenig, wie heute; und nicht zu viel, denn das wäre cheesy.

Apropos, lieber Leser: Danke, dass Du Dich so weit durch diesen Text durchgekämpft hast. Ohne Dein Interesse und Deine Aufmerksamkeit zu verlieren.

Im Ernst. Ich danke allen meinen Lesern, ohne Euer Interesse würde das Schreiben eines solchen Blogs nur halb so viel Spaß machen. Jeder Hit in der Seiten-Statistik ist ja auch ein Interesse-Danke. Besonderen Dank aber an alle, die Kommentare gegeben haben, hier, auf Facebook oder per Mail. Und ein ganz großes Dankeschön an alle, die auf diesen Blog verlinkt haben und so ganz neue Leser auf diesen Versuch, einen Unterschied zu machen, hingewiesen haben.

Interaktives Speisen

20. Dezember 2010


La Baracca, die Faszination selbstbestimmten Essens

Keine Angst, hier kommt keine Restaurantkritik. Nein nur die Schilderung einer kleinen Lehrstunde in Sachen Interaktivität, Selbstbestimmung – und wenn man so will: Digitalität. La Baracca ist das neue In-Restaurant in München. Immer voll, man kann nur mit Glück Tage im voraus einen Platz reservieren. (Vor Weihnachten war es dann ganz aus, da haben Firmen und Abteilungen ganze Fluchten reserviert – oder gleich das komplette Restaurant in Beschlag genommen.)

Das Besondere am Baracca ist, dass man hier nicht bei Kellnern bestellt, sondern alle Speisen über einen kleinen Tablet-Computer (nein, kein iPad!). Dort sind alle Speisen samt Foto und allen digestiven Werten (Kalorien, Fette etc.) verzeichnet und werden über das Device direkt bestellt. Und keine drei, fünf oder sieben Minuten später wird alles an den Tisch gebracht. (Pech hat, wer den guten Rat nicht befolgt, und gleich komplett alle Gänge bestellt. Die kommen dann gnadenlos alle gleichzeitig an den Tisch.)

Italieneske System-Gastronomie

La Baracca nennt sich” italienisches” Restaurant. Solche Anmaßung kennt man ja schon von der Vapiano-Kette. Bloß weil die Speisen italienisch heißen und aussehen, sind sie es noch lange nicht, vor allem wenn sie systemgastronomie-gerecht nach dem Prinzip “schnell und unaufwändig” produziert werden. Das ist italienesk, nicht italienisch.Das Italienische an dem Restaurant ist am ehesten, dass es in den Räumen am Maximiliansplatz zuhause ist, in dem einst Ferraris verkauft wurden. Und o.k., das Design könnte man modern italienisch nennen – und das ist wirklich gelungen.

Der geneigte Leser ahnt es: Ich war zutiefst von der Qualität der gebotenen Speisen gefrustet. Nichts war richtig schlecht, aber halt auch nichts richtig gut. Schlimmster Fauxpas sind die Pizzen. Sie sind im Prinzip nicht schlecht, dünn und knusprig, aber weil es schnell und systemkonform gehen muss, werden alle Extrabeilagen erst nach Fertigstellung der Pizzchen kalt darauf gelegt. Kalter Schinken auf lauwarmer Pizza, das muss man mögen.

Das Ende jeder Diskretion

Aber ich habe ja versprochen, keine Restaurantkritik abzuliefern. Daher noch das letzte große Manko des Hauses. Da ja jeder Essplatz seinen eigenen Tablet-Computer hat, der mit einem dicken Kabel in einem Aufbewahrungsschacht steckt, sind die Tische extrem breit, um Platz für Computer plus Essplatz zu schaffen. Das bringt es mit sich, dass man sich kaum mit seinem Gegenüber am Tisch unterhalten kann, es sei denn man spricht sehr laut. Da das aber so ziemlich alle tun, ist es zum einen sehr laut (was zu noch mehr eigener Lautstärke führt) und zudem bekommt man wirklich in aller Deutlichkeit mit, was die Tischnachbarn bewegt. Da reicht das Spektrum von Büroalltag bis zu Beziehungs-Intimitäten. Diskretion ade!

Damit nicht genug der Ärgerlichkeiten. Im Baracca werden alle Bestellungen auf einen  Chip gespeichert, der in einer Art Leder-Ticket verborgen ist. Keine schlechte Idee eigentlich, wenn sie nur funktioniert oder wenn dadurch das Auschecken schneller ginge. Weil das System aber noch hakt, ist leider das Gegenteil der Fall. Das führt zu reichlich Ärger am überforderten Check out. Im La Baraacca kann man sich mit diesem Leder-Chip auch seinen Wein selbst an einer Art Automaten abfüllen und so etwa das Weinangebot vorkosten. Aber auch hier mit der Einschränkung: wenn es nur gut funktionieren würde.

Es gibt also genug zu bemängeln im La Baracca. Eigentlich keine übliche Erfolgsmethode. Aber dessen ungeachtet brummt das Lokal – und man wird immer wieder gefragt: warst du schon… da musst du hin! Man schaue nur mal zu Qype: das Bild ist kurios. Die eine Hälfte der 67 Bewertungen sind Lobeshymnen, die andere Hälfte Verrisse und Schilderungen von Rundum-Desastern. Und beide Positionen werden mit viel Emotion und Herzblut vertreten.

Der Erfolgsfaktor De-Personalisierung

Blieb vor Ort – und auf der Rückfahrt genug Zeit, mal kurz zu reflektieren, warum Menschen und ganz besonders junge Frauen, die das Gros des Publikums stellen, bereit sind, mediokre Essqualität, technische Widrigkeiten und eine handfeste Lärmkulisse nicht nur zu tolerieren, sondern sogar deutlich zu goutieren. Sonst würden sie dieses Lokal nicht auch noch lautstark empfehlen, weil hip und so geil digital.

Meine These über den Erfolg von La Baracca geht so. Ein junges, computeraffines Publikum ist es längst gewohnt, online zu bestellen, warum nicht auch im Restaurant. Der Vorteil. Man muss nicht darauf warten, bis ein Kellner/eine Kellnerin einem die Gunst schenkt. Und man wird auch bei seiner Bestellung zu nichts genötigt, nicht mal durch  hochgezogene Augenbrauen. “Ein Rotwein zum Fisch, Madame?” Man kann sich nicht blamieren, indem man was falsch ausspricht. Die De-Personalisierung ist garantiert ein Erfolgsfaktor. Und zugegeben, es kommt wirklich alles sehr schnell an den Tisch.

Und es scheint außerdem ein Restaurant-Klientel zu geben (junge Damen beispielsweise), das sehr gerne genau Bescheid wissen will, wie viele Kalorien bzw. welche Kohlehydrat-, Fett- und Einweißmengen sich demnächst auf den Weg in den eigenen Magen machen beziehungsweise sich in die Fettpölsterchen abzulagern drohen. Die Rationalisierung des Ernährungsvorganges ist wohl allenthalben auf dem Vormarsch.

Zeitgerechtes Gerichte-Sampling

Die Befreiung vom Diktat des persönlichen Umgangs, der Anonymisierung des Bestellvorgangs wird scheinbar als Akt der Befreiung erlebt. Man kann sich seine Menüfolge völlig willkürlich zusammenstellen. Man kann mit Süß anfangen und mit Sauer aufhören, man kann mehrere Desserts nacheinander verdrücken, und keiner mosert. Vor allem aber kann man in der Gruppe alles mögliche durcheinander bestellen und dann untereinander austauschen und probieren. Diese Interaktion hat einst das Fondue zur beliebten Gruppen-Degustation werden lassen.

Der Trend zum interpersonellen Essen und dem Speisen-Sampling nimmt sowieso schon längst spürbar zu. Man pickt sich durch die Teller der Anwesenden anstatt sich auf eine bestimmte Speise festzulegen. Social Media à la carte sozusagen. Es gibt schon Menschen, die erst abwarten, was die schlimmsten Teller-Ursupatoren bestellen und bestellen dann dasselbe, weil sie nur so die Chance haben, ungestört ihren Teller aufessen zu können.

Fragt sich, ob die Prinzipien des Internets La Baracca so erfolgreich machen : Online-Bestellung, Kosten-Kontrolle, umfassende Information (KalorienLeaking), Instant-Delivery, Interaktion, Sampling, Anonymität, social? Oder sind genau das die inneren Bedürfnisse unserer Zeit – und sie haben das Internet so erfolgreich werden lassen? Oder noch einmal anders herum: Sie geben uns so viele Freiheiten, sie geben uns mindestens das Gefühl, selbstbestimmt zu sein, und spontan und unkonventionell… – Daher ist es so wichtig, dass jeder, der heute erfolgreich sein will, mit einer Business-Idee, einer Marketing-Kampagne etc. diese Prinzipien anwendet.

Gänsehaut-Feeling

4. Oktober 2010


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: “You’re sitting in a chair, flying!” Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: “Everything is amazing and nobody is happy!”

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

“Everything is amazing and nobody is happy!” – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

“Everything is amazing and nobody is happy!” Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 386 Followern an

%d Bloggern gefällt das: