Wandel und Handel

13. Dezember 2010

Paradigmenwechsel gehen nie sanft vonstatten

Mario Sixtus, kompetenter Blogger und Twitterer, lange Zeit “Elektrischer Reporter” des ZDF, brachte es am 6. Dezember in einem Tweet auf den Punkt: “2010, das Jahr, in dem nicht Bomben eine Großmacht die Fassung verlieren ließen, sondern Informationen. #wikileaks” – um Minuten später im nächsten Tweet zu prognostizieren: “2011, das Jahr, in dem die Mächtigen alles versuchen werden, um das Netz unter Kontrolle zu bekommen.” Er könnte recht haben.

John Wilkes

Noch kein Paradigmenwechsel, vor allem kein essentieller, ist je still, sanft und friedlich verlaufen. Und schon gar nicht, wenn es um einen Quantensprung in der Verbreitung von Informationen ging. Man denke da nur mal an Johannes Gutenberg oder Martin Luther – oder auch an John Wilkes. Dieser Kämpfer für die Pressefreiheit im England des 18. Jahrhunderts wurde etliche Male verhaftet, verbannt und verurteilt, weil er dafür kämpfte, dass über Unterhausdebatten im Wortlaut berichtet werden durfte. Das war verboten, weil geheim; weil die Obrigkeit davon ausging, dass das gemeine Volk zu dumm, zu sensibel und psychologisch zu wenig stabil war, um die politischen Debatten im Wortlaut mitzuverfolgen. Juristisch verfolgt wurde Wilkes damals vor allem aufgrund seines sexuell recht ausschweifenden Lebens! (sic!) (Die Geschichte erzählt Henry Porter sehr schön im Guardian.)

Trägheit der Evolution

Es ist das Wesen der Evolution, dass es immer wieder Umbrüche und Neuerungen gibt. Wäre es nicht so, wir Menschen hätten es nie so weit gebracht, dass wir uns über WikiLeaks und die Folgen streiten könnten. Ja wir hätten es nicht einmal so weit geschafft, zu solch Boshaftigkeiten (Diplomaten-Depeschen) oder Bösartigkeiten (Militär-Mord per Hubschrauber im Irak) fähig zu sein, über die WikiLeaks uns aufklärt. (Eine sehenswerte Dokumentation zu Wikileaks hat das schwedische Fernsehens produziert – und online gestellt.)

Noch nie aber gab es in der Geschichte der Menschheit – oder unserer kleinen Evolutions-Brutstätte namens “Erde”, dass Neuerungen oder Umbrüche ohne den Widerstand des Bestehenden passierten. Im Normalfall siegt sogar der Status Quo gegen das Neue. Neue Paradigmen müssen schon sehr stark und überzeugend sein, um gegen die Kraft der Norm zu siegen. Diese müssen schon sehr dringend nötig sein, dass sie den Durchbruch schaffen. Diese Trägheit der Evolution ist hilfreich und nimmt ihr die Willkürlichkeit – und sorgt für ihre positive Intention.

Der Widerstand des Bestehenden ist verständlich und erklärlich. So leicht es sich dahin spricht, dass in jedem Neuen große Chancen liegen, es gibt immer viele, die dabei verlieren werden oder zurückstecken müssen. Und das ist im Normalfall die große Mehrheit. Und wer verliert schon gerne, woran er vielleicht sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, einer Position, einer Karriere, einer vermeintlichen finanziellen Sicherheit. Da wird Neues aus schlichtem schnöden Eigeninteresse blockiert. Maxime: Hinter mir die Sintflut.

John Paton, der Sanierer der Journal Register Company (JRC), die in Michigan, Ohio, Connecticut und Philadelphia Marktführer in der Zeitungsbranche ist, erklärt in seiner erfrischend direkten Abrechnung mit der (amerikanischen) Zeitungswirtschaft, warum der nötige Umbruch gescheut wird wie der Teufel das Weihwasser: “The reasons are simple: Fear, lack of knowledge and an aging managerial cadre that is cynically calculating how much they DON’T have to change before they get across the early retirement goal line. Look at the grey heads in any newspaper and you will see what I am talking about.”

Die Latenz des großen Geldes

Der größte Bremser des (über-)fälligen Paradigmenwechsels von analoger Welt zu einer digitalen, von analogen zu digitalen Medien, von analoger Politik und analoger Wirtschaft zu digitaler ist allen voran das Geld. So wild auch immer auf die irrwitzigsten Finanzkonstruktionen gewettet wird, bis es buchstäblich “kracht”, so risikoscheu ist im Prinzip das große Geld. Es hat so viel mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn es zu grundlegenden paradigmatischen Veränderungen kommt.

Es gibt bei Umbrüchen zwar stets mehr Gewinner als Verlierer, aber wer Verlierer und wer Gewinner sein wird, steht vorab nicht fest. Und die Gewinner sind leise, die Verlierer laut. Also bekommt die Mehrheit Angst, eventuell Verlierer sein zu können. Und die. die relativ sicher sein können, zu den Verlierern zu gehören, investieren alles in ihrer (verbliebenen) Macht stehende, um den Status Quo möglichst lange hinaus zu zögern. Und die beste Methode dabei ist, Angst und Zweifel zu säen.

Eric Schmidt, CEO von Google, hat das auf sehr offene Weise in seiner Rede am Aspen-Institut - und speziell in seiner Antwort dort auf die Frage von Jeff Jarvis klar gemacht. Er stellt fest, dass das Geld, das große Kapital den Wandel ins Digitale (noch) nicht will. Daher bauen diese zusammen mit der Politik und der Verwaltung Barrieren und Regulative auf, um den Wandel, wenn sie ihn schon nicht verhindern können, wenigstens möglichst weit abzubremsen und aufzuhalten. Entwicklungen, die einen Bruch absehbar machen, sind daher gegen all die Interessen derer gerichtet, die es sich in dem bestehenden System bequem gemacht haben.

Druck des Systems

Das ist nicht die Sicht eines der Kapitalismuskritik verdächtigen Umstürzlers, sondern des Chefs eines der erfolgreichsten und innovativsten digitalen Konzerns. Und er meint das nicht als Kritik, sondern als Feststellung einer Tatsache. Und was wir in den vergangenen Wochen als Reaktion des Big Business auf WikiLeaks und dem daraus entstehenden politischen Druck erlebt haben, ist nur die logische Konsequenz daraus: Mastercard, Visa und die Banken haben kein Interesse an WikiLeaks und deren Sprengkraft.

Überraschender – und enttäuschender – ist da schon die wetterwändische Haltung digitaler Megabusinesses wie Amazon oder Paypal. Aber auch hier sind “analoge” Manager am Werk, und gerade auch diese Firmen sind vom großen Geld und den Regulatoren in der Politik abhängig – oder meinen es zu sein.

Eric Schmidt sieht aus seiner Sicht nur einen Ausweg, wie es dann doch zum nötigen Wandel – von analog zu digital – kommen kann. Der Druck des Marktes muss so groß sein, dass auch Bremser mit den großen Geldbündeln einsehen, dass das große Geld nicht mehr im Bestehenden zu holen ist, sondern dass da eher mehr zu verlieren ist.

Würde mich freuen von Mario Sixtus zu lesen: 201x, das Jahr, in dem die Mächtigen den Kampf gegen das Digitale aufgegeben haben. – Zugegeben, das wird noch eine Weile brauchen. Aber auch wir, der Markt, der Wähler und Netzbürger entscheiden mit, wie lange das dauern wird. Weniger durch Attacken auf Netserver, sondern weit besser durch gezielte Wahl unserer digitalen (Finanz-)Dienstleister…

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3 Responses to “Wandel und Handel”


  1. [...] hier den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – Wandel und Handel « The Difference [...]


  2. [...] Paradigmenwechsel von analog zu digital ist auch ein Problem der Protektion (von mangelnden [...]


  3. [...] neue Spiele zu lernen und zu spielen. Ich habe schon an ein paar Stellen in diesem Blog (hier und hier) Eric Schmidt den langjährigen CEO von Google 2009 beim Aspen Ideas Festival zitiert, wie [...]


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