Mach mich nicht nass!

22. September 2010

Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der “Netzpolitischen Soiree” der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel “Oh, those Germans” in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: “Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.” Die Begründung: “Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.” (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner “Netzwerkfamilie” bei Facebook oder meinem “Inspirationskreis” bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und “schlaue” Kommentare abgeben.

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7 Responses to “Mach mich nicht nass!”


  1. Wie immer: Treffend analysiert und lesenswert geschrieben. Bleibt allerdings die für mich erschütternde Erkenntnis, daß ich von einer Truppe Beckenrand-Schauer regiert werde. Schleswig-Holstein ist kein Einzelfall und leider beschränkt sich das Beckenrand-Verhalten auch nicht nur auf die Einstellung zu Google, sondern setzt sich in einem umfassenden Entfremdungsprozess zwischen Volk und seinen gewählten Volksvertretern fort….

  2. Ralf Maier Says:

    Obwohl ich zu denen gehöre, die erstmal reinspringen und jetzt dementsprechend mittendrin bin im Social-Network-Gewusel, ist mir dabei nicht wirklich wohl. Die Beckensteher-Argumente sind nämlich durchaus nicht von der Hand zu weisen.

    Ob nun jemand sein Leben als fließenden Prozess erlebt oder gerne “Neustarts” fährt, ist eine Frage der persönlichen Haltung und entzieht sich der Kritik, finde ich. Das kann jeder machen, wie er will, und muss nicht bewertet werden. Allzeit “untadelig” gewesen zu sein, ist auch nicht unbedingt ein Plus. Zumindest nicht außerhalb des Beckens. ;-)

    • konitzer Says:

      Man kann sich auch im Wasser der “Gefahren” und Probleme bewusst sein, sollte man sogar. Aber das ist kein Grund, sich dort nicht wohl zu finden. – Und “untadelig” zu sein, ist sowieso das allerschlimmste. (Was für ein schönes und typisches deutsches Wort!) Wer untadelig ist, der ist statisch und verweigert sich so dem Prozess der persönlichen Weiterentwicklung.
      Und zum Thema Neustart vs. Prozess. Für mich ist ein “Neustart” immer nur eine Inszenierung. Authentizität kommt – wenn überhaupt – aus einem Entwicklungsprozess, der nie zu Ende ist…


  3. mein urgrossvater war der erste bademeister baden (no pun intended)-württembergs nach dem krieg. er brachte mir schwimmen bei indem er mich gerade soweit ins becken warf, dass ich wieder zurücktauchen konnte. nach ein paar würfen warf er mich etwas weiter. als mir die luft ausging, streckte ich den kopf über wasser und… schwamm. ich erinnere mich daran, weil ich gerade die überschrift dieses blogs las. und weil ich die geschichte aufgeschrieben habe. vor langer zeit, als ich mich, wie so oft in meiner jugend, mal wieder furchtbar gelangweilt hatte.

    in dem 6000 seelen kaff in dem ich aufgewachsen bin, gab´s kein kino und keine spielsalons. der bus in die nächstgrössere stadt verkehrte nur 2 mal täglich, aber ein ticket war im taschengeld sowieso nicht drin. im fernsehen gab´s nur 3 programme und was interessantes erst ab acht. gamekonsolen und internet exisitierten nur in science fiction romanen. um nicht vor langeweile zu sterben mussten wir uns damals sprichwörtlich selbst was einfallen lassen.

    also fing ich an zu schreiben. kurzgeschichten. längere geschichten. gedichte. und lernte gitarre spielen. und machte aus den gedichten songs. und fing an zu zeichnen. und lag manchmal nur da und machte mir gedanken über gott und die welt. ich brachte es mit alledem nie zu wahrer meisterschaft, aber immerhin raus aus dem 6000 seelen kaff. ein wenig talent und viel übung qualifizierten mich für jobs in london, hongkong, tokyo. als creativer. und alles nur aus reiner langeweile.

    und damit endlich zum punkt. kritiker sind so darauf konditioniert nach den schwachstellen ihrer sujets zu suchen, dass sie meist komplett übersehen, dass deren stärken eigentlich ihre wirklichen achillesversen sind.

    facebook, social media, internet ist fantastisch. unterhaltsam, lustig, traurig, informativ, kommunikativ, sexy und vieles mehr. man kann chatten, urlaubsbilder austauschen, sich in einer world of warcraft verlieren, freunden die weisheiten posten, die man von anderen freunden gepostet bekommt.

    facebook ist der tod der langeweile. und genau das ist das problem.

    facebook nimmt dem individuum den leidensdruck, sich mit sich selber zu beschäftigen. sich die fragen zu stellen, die keine community für einen stellen kann. die antworten zu finden, die kein google für einen findet. und die frustration auf dem weg dorthin in kreative energie zu verwandeln. in schaffenskraft.

    klassik, rocknroll, rock, punk entstand aus frust und langeweile. und nicht, weil sich menschen prima amüsierten. nichts gegen social media und was sonst noch kommen wird. es ist alles eine frage der ansprüche, die man an sich selber stellt. und wie man social media dafür nutzt. wer sein persönliches “sergeant pepper” schaffen will, der fängt am besten damit an, sich auszuloggen.


  4. [...] This post was mentioned on Twitter by Christian Miessner, DJ Term, Philipp Ley, Christian Guettler, Marcel Soegiarto and others. Marcel Soegiarto said: Mach mich nicht nass!: http://t.co/UrDpkgj [...]


  5. [...] das, ohne sich je wirklich auf Facebook eingelassen zu haben oder es gar je ausprobiert zu haben. (Meine Meinung zu Facebook-Kritikern, die es selbst nie probiert haben, findet sich unter dem Titel:… Das kann man mit einem Schulternzucken [...]


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