Routen und Routinen

20. April 2010

Was wären wir ohne Vulkane

Jeder gute Coach empfiehlt seinem Schützling, immer wieder ganz bewusst aus Routinen auszubrechen. Etwa einen Tag alle Alltagsarbeiten mit der linken, statt der rechten Hand (sofern man Rechtshänder ist) zu verrichten. Meist eine sehr kuriose Erfahrung. Wie unbeholfen, “linkisch” zunächst alles von der Hand geht, aber dann immer besser. Und am Ende amüsiert man sich fast über seine alte Fixierung.

Es gibt so viel andere spannende Möglichkeiten, aus seinen Routinen auszubrechen: Etwa in ein Konzert eines Künstlers zu gehen, an den man nie im Leben gedacht hat. So bin ich vor Jahren eines Samstags mit meiner Freundin Annette zu einem Reggae- und Dub-Open Air irgendwo bei Frankfurt gereist. Ausgerechnet ich, der immer Reggae auf “trägge” gereimt habe und nur auf Gitarren und Rock stand – na ja, auch ein wenig Jazz. Was für ein ausgelassenes Fest das schließlich zu Reggae-Musik war, 12 Stunden tanzen am Stück, Frohsinn – Unsinn – Gemeinschaftssinn.

Carmen im Chiemgau

Oder mein erster Opernabend vor Jahren auf Gut Immling. Ich hatte mir geschworen, die Aufführung zu durchschlafen. Das hatte ich mir bei unaushaltbaren Theaterstücken ganz gut als Überlebenstaktik angewöhnt. Aber dann war “Carmen” eine solch rassige Person und die Inszenierung so mitreißend, dass sogar die Musik zu gefallen begann. Carmen spielte im Prostituierten-Milieu von Havanna. Der Chor hatte hier als schräge Mixtur aus Nutten und Zuhältern zu agieren. Und das taten die Mitglieder mit extrem viel Spiellust und Überzeugungskraft.

Dazu muss man wissen, dass sich der (berühmte) Chor vom Opernfestival auf Gut Immling aus Sängerinnen und Sängern aus allen Bevölkerungskreisen aus dem Chiemgau und München zusammensetzt. Und dann hatte man das Vergnügen, Tante Emmi und die Frau Nachbarin als Nutten und Onkel Bertram und Neffe Xaver als Zuhälter kennenlernen zu dürfen. Ich kann berichten, es gibt nichts Verbindenderes als solche “Überraschungen”. Nachher im Gastronomiezelt gab es ein riesiges Hallo, als der Chor nach der Vorstellung seine Verwandtschaft beim Bier traf. (Auf Gut Immling gibt es auch heuer wieder “Carmen” zu sehen (diesmal im Circus-Milieu) – und Wagners “Fliegenden Holländer” …)

Genauso irritierend waren meine ersten Besuche in den 70er-Jahren auf der “documenta” in Kassel. Zunächst kommt man sich inmitten der Kunstfreaks nur blöd und fremd vor. Aber schon am zweiten Tag ist aller Dünkel weg. Dann erzählen plötzlich die Kunstwerke, Installationen und Performances tolle, verständliche Geschichten. Man verbringt die Abende in einer wilden Mischung aus verrückten Menschen – und das ist dann einfach herrlich normal. So angeregt und in des Wortes Bedeutung “beseelt” wie damals habe ich nie zuvor und nie wieder danach in einem VW-Bus geschlafen.

Gemeinsam gegen die Asche

Und jetzt üben wir als Weltgesellschaft wieder mal einen Ausnahmezustand, dem unaussprechlichen Vulkan auf Island sei Dank. Und es gibt keine Panik. Überall hört man nur von Solidarität, neuen Freundschaften und Schicksalsgemeinschaften, die sich über alle Landesgrenzen und Mentalitäten gegen die Widrigkeiten einer unfreiwilligen Verbannung in der Fremde bilden. Jeff Jarvis, der es mit dem letzten Flieger aus München nach New  York geschafft hat, hat in seiner Erzählung seiner Odyssee von der re:publica in Berlin nach Hause voller Erstaunen von der Hilfsbereitschaft und dem Improvisationstalent von Deutschen (!) berichtet. Und selbst die Kanzlerin zeigte Solidarität mit ihrer Journalisten-Reisetruppe auf der Fahrt quer durch Europa via Italien nach Berlin.

Die Erzählungen und Witzchen, die in Facebook und Twitter zu den Irrfahrten per Zug, Auto und Schiff zu lesen sind, strotzen nur von Gelassenheit und Verbundenheit mit Leidensgenossen. Ja sogar eine TEDx-Konferenz ist spontan in London von gestrandeten Fachleuten veranstaltet und live im Internet übertragen worden. Dabei kam bei allen interessanten Inhalten eine wunderbar entspannte und solidarische Stimmung rüber.

Dem Eyjafjallajökull sei Dank. Er hat die Welt, auf alle Fälle aber Europa gezwungen, einmal innezuhalten und für ein paar Tage sozusagen von der linken Hand in den Mund zu leben. (Welch linkisches Bild!) Er hat uns gezeigt, wie eine Welt ohne Flugzeuge aussehen kann. Ohne Lärm und ohne Kondensstreifen. Aber auch ohne die übliche Selbstverständlichkeit, an jedem beliebigen Ort der Welt zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu sein. Ohne die Urlaubsbequemlichkeit, einfach “mal weg sein” zu können. (Und deswegen fliegen sie dann wieder: für das Bruttosozialprodukt: siehe dazu TEDxVolcano.)

Heilsame Zäsuren

Nach einem Tag, andem man nur mit links agiert, nach einem Kulturerlebnis, das einen auf dem falschen Fuß erwischt und daher unvorbereitet tief ins Herz trifft, ist die Welt ein klein bisschen anders, anders schön und anders gut. Und auch die Welt wird nach solch einem einschneidenden Abenteuer einer Zwangsimmobilität bzw. einer Zwangsverlangsamung ein kleines bisschen anders sein. Viele werden etwas bewusster reisen oder auch mal anders reisen – oder auch mal nicht. Es wird ein Stück weniger normal sein, woanders zu sein als zu Hause. Und so lange noch Aschepartikel herumschweben (und das werden sie noch lange), wird jeder Flug wieder ein Abenteuer sein. (Und dafür ist nicht jeder gebaut.)

Mal sehen, wie schnell sich die Reise-Routinen wieder einschleifen – und wie sie dann aussehen werden? Ich kann mir gut vorstellen, dass hier eine kleine Trendwende zu weniger unsinnigen (Geschäfts-)Reisen eingeleitet worden ist. Und zwar wirksamer als es bisher alle Einsparungen geschafft haben. Die logische Folge wäre eine gestiegene Akzeptanz von digitaler Kommunikation, von digitalen Dokumenten, von (hoffentlich bald mal wirklich problemlosen) Videokonferenzen und von virtueller Realität. Dann können wir unsere physische Präsenz in anderen Ländern wieder ganz anders, nämlich bewusst genießen.

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One Response to “Routen und Routinen”


  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Christoph. Christoph said: routen und routinen. http://is.gd/bE1lA [...]


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