Die stillbare Sehnsucht nach einer Stunde Null

Am 18. September entscheiden 4,2 Millionen Schotten, ob sie die Staatengemeinschaft mit Großbritannien aufgeben und 2016 unabhängig werden wollen. Nachdem die Umfragen seit Neuestem einen möglichen Sieg der Separatisten andeuten, steigt die Nervosität im Rest-Britannien, dass es gar nicht mehr so groß sein könnte, wie es sich selbst versteht. Die deutschen Medien staunen und verbergen nur mit Mühe ein bisschen klammheimliche Freude. Nur in den Wirtschaftsredaktionen wird gewarnt. Nach dem Motto: Haben wir nicht schon genug Probleme? (Nein haben wir nicht. Wir erinnern uns an das Konstantin Wecker-Axiom: “Genug ist nicht genug.”)

IndyRefSept

Was hat den Umschwung in den Umfragen von 61 Prozent Gegnern zu 51 Prozent Befürwortern der Unabhängigkeit innerhalb eines Monats ausgelöst? Sicher eine sehr gute, emotionale Kampagne der Separatisten (huch, darf man sie so bezeichnen?) und eine bräsige Reaktion der Unionisten. Aber ich denke, da steckt mehr dahinter. Es muss viel passieren, bis solch ein deutlicher Stimmungsumschwung passiert. Meiner Meinung nach hat den Meinungsumschwung eine ganze Reihe (scheinbar) “unpolitischer”, gesellschaftlicher Stimmungen und Hoffnungen bewirkt.

Der Traum vom Neuanfang

Es ist zuallererst eine wunderschöne Vorstellung, einmal wieder ganz von vorne anfangen zu können. All die öden Gewohnheiten, hohlen Konventionen und
Üblichkeiten hinter sich lassen zu können. Und das alles ohne einen Krieg, eine Katastrophe oder einen Totalbankrott. Einfach so, nur mit einem Kreuzchen auf einem Stimmzettel. So scheinbar unverbindlich und harmlos.

Und die Nachbarinsel Island hat es ja vorgemacht, es geht. Man kann recht einfach wieder von vorne neu loslegen. In diesem Fall nach einem Bankrott und dem Austausch der gesamten Riege der Verantwortlichen im politischen und wirtschaftlichen Bereich. Stattdessen durften ein paar Künstler und Aussteiger ran. Die waren zwar ein bisschen verrückt, aber das hat dem Ergebnis nur gut getan.

Nette Vorbilder in der Nachbarschaft

Ein bisschen so stellen sich die Schotten das wohl auch vor. Und wäre das nicht auch bei uns eine verlockende Aussicht: das gesamte politische und wirtschaftliche Personal, das man längst nicht mehr sehen und dessen Ideen man nicht mehr aushalten mag, einfach aufs Abstellgleis? Was für eine schöne Idee. Neue Ideen statt antiquierter Maut. Mutiges Handeln statt merkelscher Stagnation. Innovation statt Restauration?

Das zweite nette Vorbild für Schottland ist auch in der Nachbarschaft zu finden: Irland. Ähnlich groß und zuletzt auch schon so gut wie pleite. Und die haben das auch wieder hingekriegt. Gut, hier mit Hilfe der EU und mit minimalem Austausch der Verantwortlichen. Aber das könnte ja der Plan B für Schottland sein: abspringen ins Sicherheitsnetz der EU. Europa war in Schottland seit je her weit beliebter als im stolzen England.

Das Berlin-Paradigma

Das andere Vorbild für Schottland liegt im Nord-Osten jenseits des Skagerrak: Norwegen. Das hat sich dank seiner Einkünfte mit dem Nordsee-Öl zu einem schmucken, vorbildlichen Gemeinwesen mit bestechend hoher Funktionalität entwickelt. Soweit werden es die Schotten wohl nicht bringen. Dazu kennen sie sich und ihre Mentalität zu gut. Aber das von Wowereit selig forsch für Berlin formulierte Attraktivitäts-Paradigma “arm aber sexy” könnte jedem Schotten jederzeit gefallen. Tut es ja sogar für uns wohlständige Deutsche – auch außerhalb Berlins. Lieber ein bisserl weniger geldig aber dafür attraktiv. (Nur München meint unbedingt, beide Pole stets vereinen zu müssen – meist zu seinen Ungunsten.)

Gerade in Schottland dürfte die Aussicht sehr attraktiv sein, nicht weiter politisch von den Ideen und Ideologen der Banken und der Banker in London, der einzigen in Großbritannien noch übrig gebliebenen “Industrie” abhängig zu sein. Auch hier stehen die Schotten nicht allein. In der westlichen Welt ist die Finanzindustrie längst so weit in Verruf geraten, dass Gebrauchtwagenhandel dagegen als seriös gilt. Eben darum: arm aber sexy.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne 

Geben wir es doch zu, in jedem von uns steckt ein bisschen Schotte. Die Aussicht, ganz neu von vorne anzufangen, fasziniert jeden – mindestens insgeheim. “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”, hat Hermann Hesse einst so schön formuliert. Nur die Mutlosen haben davor Angst. (Zugegeben, schon Hermann Hesse musste einst erkennen, dass die Mutlosen in Deutschland eher die Mehrheit stellen.) Auch die Idee, eine Demokratie völlig neu gründen und von vornherein richtig partizipativ gestalten zu können, das hat was. Hinzu kommt, dass die Schotten in der Unabhängigkeit das bisher aktive Personal in Politik, Wirtschaft und Medien, das man längst über hat, los wäre. (Darunter übrigens sehr viele Schotten, die in England Karriere gemacht haben…)

Auf alle Fälle habe ich den Verdacht, dass der recht plötzliche Stimmungsumschwung in Schottland, hin zur Zustimmung für die Unabhängigkeit, nicht zuletzt auch auf der Gewissheit beruht, dass ein wurstiges “Weiter so” einfach nicht mehr geht. Der Status Quo hat als Faszinosum längst ausgedient, egal auf welchem Wohlstands-Niveau. Die politischen und sozialen Organisationen haben ihre Unfähigkeit, sich evolutionär zu entwickeln und die Probleme der Zeit entschlossen anzugehen, zur Genüge bewiesen: Digitalität, Klimakatastrophe, Bevölkerungsexplosion, Armutswanderungen, Energiewende, technische Revolution, Ende des Arbeitszeitalters, Krise des Kapitalismus etc. etc.

Welches Risiko ist größer?

Insgeheim wissen wir doch alle, dass eine gehörige Portion Disruption uns allen viel besser bekommt als die jetzt übliche Überdosis Stagnation,. Das Risiko, durch Aussitzen, Wegschauen und Alles-so-lassen-wie-es-ist, in eine wirklich grässliche Krise zu schlittern ist größer als kleinen Irrtümer auszuhalten und zu korrigieren, die man bei Veränderungen immer erleben wird. Voraussetzung dafür wäre ein gesundes Selbstvertrauen und eine fröhliche Gewissheit, auch schwierige Situationen bestehen zu können. – Genau diese Mentalität wird den Schotten zugesprochen. Das Wahlmotto ihres Landes lautet: „In My Defens God Me Defend“.  Fragt sich, ob wir alle auch in diesem Sinne ein bisschen Schotte sind.

 

Digital native products

26. August 2014


Indianer von links, Indianer von rechts…

Es gibt Texte, da wird man als Journalist blass um die Nase, wenn man sie liest. Blass vor Neid, weil sie so gut sind. Ein Text, der sich mir in fast traumatischer Manier ins Gedächtnis eingefräst hat, erschien in der vierten Ausgabe des deutschen WIENER (August 1986). Dort beschrieb auf drei Druckseiten die österreichische Motor-Journalisten-Legende Herbert Völker in unnachahmlicher Art die Überführungsfahrt eines Ferrari GTO von Italien nach Salzburg. Am Steuer Niki Lauda, der neue Besitzer dieses GTO, den er für seine Verdienste für den italienischen Rennstall damals geschenkt bekommen hatte.

Eine Passage aus dem Artikel kann ich fast auswendig. Völker beschreibt die Geräuschkulisse des Ferrari bei Tempo 280. Zitat: “Als Schreiber ist man an dieser Stelle zu einem Wortbild verpflichtet, das Ihnen alle Urgewalt, Dröhnkraft, Nuancierung und Musikalität eines 400-PS-Ferrari nahe bringt. Wegen der beiden Turbos ist die Sache kompliziert. Man muss sich das so vorstellen: Indianer von links, Indianer von rechts, dazwischen siebentausend fliehende Büffel, hintendran sechzehn Coyoten, die hecheln und pfeifen. Der Rest geht im Lärm unter.”

Mit 421 PS in die Zukunft

Es hat dann genau 28 Jahre gedauert, bis ich selbst am Steuer eines Autos gesessen bin, das 400 PS hat, genauer gesagt 421 PS (310 kW). Und es beschleunigt in 4,4, Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ein in des Wortes Bedeutung “atemberaubendes” Erlebnis, wenn ein Auto so rücksichtslos mit der Körpersensorik umgeht wie dieses und einen bei Vollgas unbarmherzig in die Sitze presst. Und leicht traumatisch, wenn es auch jenseits der 100 km/h damit nicht aufhört.

Der große Unterschied dabei: die Lärmkulisse. Keine Indianer, keine Büffel und keine Coyoten, nix. Nur das Atmen der Mitfahrer ist hörbar. Und damit auch die Beschleunigung der Atemfrequenz der Wageninsassen mit zunehmender Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn die 421 PS entstanden hier nicht in acht oder zwölf hektisch explodierenden Verbrennungskammern, sondern sie kamen aus vier Elektromotoren, je einer für jeden Reifen. Denn ich hatte das Vergnügen einen Tesla S fahren zu dürfen. (Danke, Muck!)

Der Genuss des elektrischen Fahrens

Man kann sehr ins Schwärmen kommen, wenn man das Fahren mit einem Tesla beschreibt. Vorausgesetzt, man ist nicht motorgeräusch-abhängig. Ich habe jedenfalls reichlich Kontra bekommen, als ich meinen auto-affinen Freunden vom Tesla vorgeschwärmt habe. Diese Liebhaber von Porsches, schnellen Mercedes und Audi waren gleich mit heftiger Kritik und haufenweise Gegenargumenten unterwegs, warum man Tesla kein vollwertiges Auto ist. Die Reaktion erinnert mich an das starrsinnige Festhalten vieler meiner Generationsgenossen und Freunde an der Vorstellung, dass nur vollwertige Medien sind, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder per Funksignal auf dem TV erscheinen.

Ein Auto ohne Krach, Gestank und Ölverbrauch ist für viele Menschen – noch? – nicht vorstellbar. Mich befiel nach knapp 10 Minuten Probefahrt mit dem Tesla das Gefühl – nein, ich war mir sicher, das in spätestens zehn Jahren das Fahren mit Benzin verbrauchenden, lärmenden und Kohlenwasserstoff und Gifte ausstoßenden Vehikeln ebenso verpönt, bäh und unkorrekt sein wird, wie heute im Auto eines Nichtrauchers eine Zigarre anzuzünden – oder im Kreise von Veganern ein blutiges Steak zu verzehren. Und man wird sich wundern, warum die Menschheit so lange gebraucht hat drauf zu kommen, dass es viel sinnvollere und nötigere Verwendungszwecke von Öl und Benzin gibt, als das man diesen Stoff verbrennt, um von A nach B zu kommen. Vor allem, weil es so viel angenehmer, smarter und bequemer ist, elektrisch zu fahren.

Digital native Produkte

Der Grund meiner Begeisterung für Tesla ist dabei gar nicht so sehr der ökologische Faktor. Es ist der umfassende Komfort dieses Autos. Das fängt bei der Fahrleistung und der Geräusch-Schonung an und reicht weiter über die Service-Leistungen bis hin zum Bedienungskomfort. Der Tesla ist nämlich in Wahrheit ein wunderschön großes, einfach zu bedienendes Tablet, das die Mittelkonsole dominiert, mit einem Lenkrad zur Linken und vier Rädern unten dran. Zugegeben, eine schön designte und mit vielen intelligenten Features angereicherte Karosserie drumherum.

Der Tesla ist, und das steht im Kern meiner Begeisterung, ein digital natives Produkt. Es stammt aus der digitalen Gegenwart und ist für unsere digitale Zukunft gebaut. All die anderen Autos stammen aus der industriellen Vergangenheit und sind mit Computern und digitalen Assistenzsystemen angereichert. Dafür müssen Keilriemen und Antriebswellen Elektrizität erzeugen und weitere analoge Systeme deren Befehle wieder mechanisch umsetzen. Das hat der Tesla eben nicht nötig. Daher gibt es dort keine störenden Tunnel im Fahrgastraum, daher gibt es keinen Ölwechsel, keine platzenden Kühlwasserschläuche und andere Unsäglichkeiten. Er ist ein Auto, das zu allererst von Programmierern konzipiert und dann ingenieurisch umgesetzt worden ist. Bei den konventionellen Autos ist es umgekehrt, da steht der Ingenieur im Mittelpunkt und Programmierer werden nur notgedrungen geduldet, wenn es denn sein muss.

Digitale Business-Modelle

Das ist der Vorteil aller digital native Produkte. Sie sind originär und zentral für das digitale Zeitalter konzipiert und nicht mühsam und ungenügend und mit viel Kompromissen an die digitale Neuzeit nachgerüstet. Daher funktionieren mit ihnen ganz andere Businessmodelle und daher sind ganz andere Service-Optionen möglich. Das gilt für viele digital native Produkte und Services – und deswegen tun sie allesamt den etablierten Produkten und Services weh, egal wie sehr sie sich um digitales Aufhübschen bemühen. Und deshalb sind die Wächter des Undigitalen, vorneweg die Politik und die Verwaltung immer schnell dabei, den Startvorteil der digital nativen Angebote durch Verbote zu behindern oder zu verunmöglichen.

Chris Dixon, Partner des Hedge Fonds Andreessen Horwitz und Investor in Buzzfeed, bringt die besondere Qualität solcher Firmen in seinem Blog auf den Punkt: “BuzzFeed is a media company in the same sense that Tesla is a car company, Uber is a taxi company, or Netflix is a streaming movie company.” Sie alle sind es in dem Sinne, dass sie digital native sind und keine Kompromisse mit überkommenen Ideen und Konzepten vornehmen (müssen). Und sie sind es nicht, wenn man sie an den etablierten Erwartungen der jeweiligen Produktkategorien misst. Denn sie bieten so viel mehr als die “analogen” Vorgänger.

Die Vorteile der Digital Natives

Tesla ist nicht nur ein Tablet auf Rädern, sondern auch ein Netzwerk von Ladestationen, Fahrern und Afficionados. Netflix ist nicht nur ein Streaming Service, sondern die größte Abstimmungsplattform von Filmen mit einer grandiosen Empfehlungsqualität. Buzzfeed ist der wohl radikalste Ansatz eines populären Mediums, zugleich populistisch und anspruchsvoll, das User auf wirksame Weise einbindet und die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion neu definiert. Uber ist ein persönlicher Mobilitätsservice und zugleich ein Bewertungs-Netzwerk von Mobilitäts-Service. (Das sollten mal Taxivereinigungen hinkriegen, dass man die Fahrer und Autos und deren Service bewerten kann!)

Die Liste ließe sich locker fortsetzen. Airbnb ist keine Zimmer-Vermittlung, sondern mit seinem Netzwerk von Empfehlungen und Bewertungen ein echter City- & Fremdheitsintegrator von Reisenden. Wikipedia ist eben kein elektronisches Lexikon, sondern eine Plattform, auf der die verschiedenen Wahrheits- und Wissensvarianten von Themen einvernehmlich integriert werden (oder nicht, wie beim Beispiel Scientology). Facebook ist kein elektronischer Freundeskreis-Organisator, sondern für viele junge Menschen deren vornehmlicher Erfahrungskosmos im Internet. Und Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern der weltgrößte private Datensammler und die größte Keyword-Versteigerungsplattform.

Die Deployment-Phase

Chris Dixon beschreibt ganz richtig die heutige Zeit als die Deployment Phase des Computers, die Zeit der vielfältigen Anwendung, die auf die Installationsphase folgt. Und in dieser Phase gewinnen die Produkte, die originär die Vorteile der digitalen Zeit nutzen, gegenüber denen der industriellen Vorzeit, egal wie sehr sie und wie gut sie digital erweitert sind. Das genau erlebt man sogar rein physisch, wenn man einen Tesla fährt.

Herbert Völker schrieb damals vor fast 30 Jahren, würde nicht der Motor acht Zentimeter hinter seinen Ohren so laut arbeiten (Mittelmotor!), wäre es in dem so genial designten Ferrari so “still wie in einer geräumigen Kathedrale”. Er hat schon vor knapp 30 vorausgeahnt, wie ein Tesla klingt. Dass er ebenso gut fährt, konnte er kaum ahnen.


Ich war nicht da, aber mein Handy

Die mit Sicherheit bislang effektivste Erfindung, um Zeit zu vernichten, ist das Smartphone. Und mit jeder neuen Gerätegeneration erweitert sich das Arsenal an Optionen. Den frappierenden Beweis für diese These trat jetzt ein etabliertes New Yorker Restaurant an, dokumentiert auf Craiglist. Das Restaurant wollte wissen, warum die Beschwerden und negativen Rezensionen im Internet kontinuierlich zunahmen. Beklagt wurde vor allem der langsame Service des Hauses. Und das, obwohl das Restaurant nach den ersten Beschwerden das Personal aufgestockt hatte. Ein Berater, der das Problem klären wollte, kam auf die Idee, den Serviceablauf anhand der Aufnahmen der Überwachungskameras im Restaurant gegenüber früher zu analysieren.

HandyMit Glück wurde noch ein Band gefunden, das in einem zehn Jahre ausrangierten System vergessen worden war. Das Ergebnis des Vergleichs der Aufnahmen aus dem Jahr 2004 mit dem von 2014 war eindeutig. 2004 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in dem Restaurant eine gute Stunde. In der Zeit waren die Bestellung aufgenommen, die Getränke und das Essen serviert – und es war abkassiert. (In den USA ist es ja üblich, möglichst schnell aus einem Restaurant heraus komplimentiert zu werden.) Und wichtig: Es gab nur ganz wenige Reklamationen.

Die digitale Enteffizientier-Maschine

Ganz anders im Jahr 2014. Jetzt dauerte derselbe Prozess fast zwei Stunden. Und schuld waren vor allem iPhone & Co. Das ging schon los beim Bestellen. Bis die Speisekarte überhaupt in die Hand genommen wurde, dauerte es ewig lange. Zu viel war zuvor am Handy zu erledigen. Und natürlich musste das Personal helfen, wie man ins hauseigene WLAN hinein kam. Erst nach mehrmaligem Mahnen wurde die Speisekarte zur Hand genommen, und natürlich wurde sie gerne auch mit dem Handy abfotografiert.

Wenn das Essen endlich auf den Tisch kam, wurde es ausführlich fotografiert, per Facebook etc. versendet – und auch gegenseitig wurden munter Menschen mit ihrem Essen fotografiert. . Dieser Prozess dauerte oft so lang, dass das Essen kalt geworden war – und Reklamation! – zum Aufwärmen zurück in die Küche gehen musste. Als besonders zeitraubend erwies sich zudem die weit verbreitete Gewohnheit, sich vom Servicepersonal gemeinsam beim Essen fotografieren zu lassen. Natürlich nicht nur einmal, denn oft ist das schönste Bild erst das dritte.

Little brother ist immer dabei

Und auch das Essen selbst dauerte länger, weil auch da immer wieder Wichtiges dazwischen kam, was per Smartphone zu erledigen war. Ebenso langsam ging es mit dem Abkassieren voran, weil immer wieder von unaufschiebbarer Handykommunikation unterbrochen. Selbst beim Verlassen des Restaurants waren iPhone & Co. hinderlich. Immer wieder rannten Gäste in andere Menschen, auch in Essen servierende Kellner, weil sie auf ihre Minibildschirme starrten und darüber die Welt um sich herum vergaßen.

Mich irritiert seit Jahren die um sich greifende Manie, überall und jedes per Handy aufzuzeichnen – und im besten Fall mit seinen Freunden zu teilen. Das führt längst dazu, dass bei Konzerten kaum mehr jemand registriert, was auf der Bühne passiert, weil jeder sein Handy hoch hält und vollauf damit beschäftigt ist ein brauchbares, nicht allzu verwackeltes Bild aufzunehmen. Längst sieht man keine Zuseher und Zuhörer mehr, sondern nur ein Meer bunt flimmernder Smartphone-Bildschirme. “Little brother”, wie die freiwillige Selbstüberwachung von Menschen durch Seinesgleichen gerne ironisch definiert wird, sieht alles – und ist immer und überall dabei.

Ällabätsch-Effekt & Minimal-Empathie

Was treibt die Menschen an, Restaurant-Essen oder Konzerterlebnisse manisch als Foto oder Video festzuhalten? Weil das die Ausnahmesituationen in ihrem Leben sind. Das sind Live-Erlebnisse, die – endlich – einmal nicht aus der Retorte digitaler Speicher oder abgestandener TV-Bilder stammen, sondern leibhaftig und unique sind. Und weil solche Momente in einem schick durchgetakteten Leben so selten (geworden) sind, werden sie unbeirrbar mit anderen digital geteilt. Das ist im optimalen Fall nett und schön, bisweilen kommt dabei aber auch ein deutlicher Ällabätsch-Appeal mit rüber. “Schade, dass du da nicht dabei sein kannst!”

Die Dokumentitis per Smartphone-Kamera aber hat meiner Meinung nach vor allem andere Gründe, die in unserer Gehirnfunktionsweise begründet sind. Ein schön drapiertes und im besten Fall schmackhaftes Essen ist sicher ein Vergnügen, mal die geeigneten Geschmacksknospen im Mund vorausgesetzt – und deren Training. Das Gehirn belohnt solchen Genuss im besten Fall auch durch Ausschüttung von Glückshormonen. Aber dieses Erlebnis ist einmalig, nur sehr kurzlebig und vor allem sehr privat. Wenn man aber Bilder von dem Essen, vom Event und dem Drumherum in Social Media postet, kann man dieses Erlebnis um den Faktor X steigern. (X = Zahl der zu Minimal-Empathie befähigten Freunde.)

Wir Dopamin-Addicts

Denn mit jedem “Like”, das unser Posting von Essen, Speisekarte und Restaurant erntet, erfolgt eine neuerliche Ausschüttung von Dopamin. Das ist wissenschaftlich mehrfach nachgewiesen. Die Dosis an Dopamin ist dabei jeweils gering, aber die andauernde Beflutung unserer Gehirnregionen bei allen Glücksmomenten (und seien es winzige empathische Erlebnisse wie ein “Like”) hat uns längst zu Dopaminsüchtigen gemacht. Wir tun alles, um nur die nächste Dosis sicher zustellen. Daher posten wir notorisch, was nur irgendeine Chance birgt, “Likes” zu ernten.

Eine sehr gute Wahrscheinlichkeit, “Likes” zu ernten besteht, wenn wir von einmaligen, nicht wiederkehrenden Events berichten. Also von Events, Konzerten, Sportereignissen – oder auch Restaurantbesuchen. Deswegen ist da die Nutzung von Handys zur Dokumentation so hoch. – Vielleicht gibt es aber auch einen zweiten Grund. In flüchtigen Zeiten wie diesen (s.a. Liquid Modernity: “Das Ende der Zukunft” hier im Blog vom April 2013), in denen jede Gewissheit, jede Substanzialität immer wieder in Sekundenschnelle zerstäubt, will man womöglich Dinge auf digitale Weise festhalten. Für alle Fälle. Dem eigenen Gedächtnis vertraut man da anscheinend immer weniger. Dabei schönt letzteres Ereignisse im Nachhinein, die digitalen Speicher jedoch banalisieren sie. Darum schaut auch niemand die Aufzeichnungen noch oft an.

Die Rationalisierung von Emotionen

Aber schließlich will nicht nur unser Reptiliengehirn, das in Glücksmomenten Dopamin ausschüttet, bedient werden. Auch unsere Ratio, das offizielle Rechtfertigungsorgan, will gepampert werden. Dieses ist, wie die Neurowissenschaft herausgefunden hat, vor allem damit beschäftigt, die Entscheidungen unseres Reaktionsgehirns im Nachhinein zu legitimieren und “vernünftig” erscheinen zu lassen. Und dieser Ratio-Teil ist natürlich voll besänftigt, wenn wir reale Nachweise solcher Events mit nach Hause tragen.

Aus dem einstigen Ich-denke-also-bin-ich  ist nun ein profanes Ich-habe-es-gefilmt-also-hat-es-stattgefunden geworden. Die logische Konsequenz dazu habe ich auf einer Bahnfahrt durch das Postkartenidyll der Schweiz erlebt. Neben mir eine asiatische Familie mit Sohn Bibi, etwa vier Jahre alt. Er langweilte sich und stresste ausgiebig seine Eltern. Er sah nie aus dem Fenster, egal wie schön sich die Schweiz präsentierte. Reality sucks. Aber alle halbe Stunden sah er sich mit Interesse die Aufnahmen an, die seine Mutter während der Fahrt aus dem Fenster mit ihrem Handy geschossen hat: die Schweiz als digitales Abbild. Das war dann interessant. Die neue digitale Wirklichkeit.

 

Die Herausgeber

18. Juni 2014


Der Herausgeber als Mut-Garant

Seit dem Tod von Frank Schirrmacher ist dank der vielen intensiven Nachrufe der Beruf des Herausgebers wieder in den Vordergrund gerückt. An diesem Beispiel wurde ein mal mehr deutlich, wie wichtig ein Herausgeber sein kann, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt und das nötige Format dazu hat.

Ich bin ja selber Herausgeber – des Multimedia Annuals des Walhalla Verlags. Das ist ein echtes Vergnügen – und auch Arbeit. Themen für die Artikel im Buch wollen gefunden werden und Autoren dazu. Das Konzept will weiter entwickelt werden, Marketingideen müssen immer neu geboren werden. Die Jury gilt es auszuwählen – und dann die Jurysitzung vorzubereiten und zu leiten. Herausgeber eines Buches zu sein, braucht vielleicht ein paar gute Ideen, ein paar Verbindungen und ein inhaltliches Konzept. Das finanzielle Risiko aber trägt in diesem Fall der Verleger (publisher).

Arno Hess - Verleger der Münchner Stadtzeitung  Foto: Dorin Popa

Arno Hess – Verleger der Münchner Stadtzeitung
Foto: Dorin Popa

Dieser Beruf des Herausgebers (publisher!) scheint mir im digitalen Raum viel zu kurz zu kommen. Er ist es, der die Leitlinien eines Mediums bestimmt, der die inhaltliche Ausrichtung mitbestimmt – und vor allem auch finanziell und rechtlich vor dem Verlag bzw. Verleger vertritt. Er ist es, der einer Redaktion vorgibt, wie mutig sie sein darf – oder wie liebedienerisch sie sein muss. Er bestimmt, wie konfrontativ ein Medium sein darf – samt möglichen rechtlichen Auseinandersetzungen – oder wie weichgespült es sein muss. Er justiert die Nähe zu Anzeigenkunden oder definiert die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Geldquellen.

Der renitente Verleger

Meine eigenen Erfahrungen mit Herausgebern sind begrenzt. Bei der Münchner Stadtzeitung hatte ich mich mit meinen Ideen und meinem Budget mit dem Verleger und Gründer Arno Hess auseinanderzusetzen. Er war, ohne sich je so explizit zu nennen, auch Herausgeber. Wurde es mal eng, sei es weil gegen Artikel geklagt wurde oder ein Anzeigenkunde sich nicht fair behandelt sah, kam bei Arno Hess immer ein sehr angenehmer Wesenszug zum Zug: Er war extrem freiheitsliebend, und jeder, der diese Freiheit einengen wollte, hatte bei ihm schlechte Karten. Sehr schlechte Karten.

Egal, was passierte, ich fühlte mich damals bei meiner Arbeit als verantwortlicher Redakteur immer unterstützt, immer sicher. Je schräger und besser die Ideen der Redaktion waren, desto mehr blühte Arno Hess in seiner Rolle als Herausgeber auf. Und wenn es galt, noch ein wenig Geld für schräge Ideen wie Brettspiele auf dem Titel, Rabattaktionen oder Aufkleber etc. zu akquirieren, schickte Verleger Arno Hess den Anzeigenaquisiteur Arno Hess auf die Straße und ans Telefon. Und wenn die Münchner Tagespresse solche Ideen dann per einstweiliger Verfügung zu stoppen versuchte, bereinigte Herausgeber Arno Hess die Situation klaglos – oft auch lautlos.

Rückhalt für Recherchen im Randbereich

Beim WIENER war die Situation brisanter. Viele Recherchen waren investigativ, und  da agierte man als Reporter oft in einem rechtlichen Graubereich. Bei vielen Geschichten wussten wir, dass rechtliche Auseinandersetzungen kommen könnten. Der einzige Schutz dagegen war der Erfolg der Geschichte – bei den Lesern und den Kollegen der anderen Presse. Wurdenwir dort zitiert, wagte kaum einer der Betroffenen, gegen die Geschichte zu klagen. Zu groß wäre das Medienecho gewesen – und zu negativ. (Und tatsächlich wurde ich für eine Geschichte, die nicht funktioniert hatte, verklagt und verurteilt. Wegen übler Nachrede und Gründung einer Scheinfirma, die als Homebase für eine investigative Geschichte dienen sollte.)

Beim WIENER habe ich exemplarisch erlebt, wie ein Herausgeber einem Chefredakteur den Rücken stärkt. In rechtlichen Auseinandersetzungen und in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Das war zuerst Hans Schmidt als Geldgeber und Verleger des Deutschen WIENER, den er aus Verärgerung darüber gegründet hatte, dass der Jahreszeitenverlag, mit dem er den WIENER nach Deutschland bringen wollte, hinter seinem Rücken seinen Chefredakteur Markus Peichl und seinen Artdirektor Lo Breier abgeworben hatte und ohne ihn TEMPO als Zeitgeistmagazin in Deutschland lancierte hatte.

Provokation als Pflicht

Der Herausgeber war hier nie Bremser, sondern im Gegenteil Antreiber. Er ging alle denkbaren Risiken ein, rechtlich und wirtschaftlich. Aber auch als der WIENER vom Bauer Verlag gekauft wurde, wurde der Rückhalt für die Redaktion nicht geringer. Rechtlich war der Verlag durch die lange Tradition der “Quick” in Rechtsstreitigkeiten erprobt. Man schien sogar geradezu Spaß daran zu haben, immer mal “wider den Stachel zu löcken”.

Solche Erfahrungen prägten mein Bild, wie ein Herausgeber zu sein hat – und was er einer Redaktion geben kann. Ich habe keinen Weltenerklärer wie Helmut Schmidt bei der “Zeit” erlebt. Keinen Journalistenmythos wie Augstein beim Spiegel. Keinen intellektuellen Antreiber wie Frank Schirrmacher.  Ich habe nur Menschen erlebt, die mir und meinen Kollegen ermöglicht haben, die Grenzen des Journalismus auszuloten und Recherchen zu wagen, die auch mal Neuland betraten. Das gelang bisweilen sehr gut, manchmal sind wir übers Ziel hinausgeschossen und – ganz selten – provozierten wir eher aus Selbstzweck. Da war es gut, eine Instanz zu haben, die nicht ins Tagesgeschäft verwickelt war und von außerhalb des Redaktions-Bubbles Feedback gab.

Plattform ohne Sinn & Zweck

Fragt sich, wie heute im Zeichen völlig veränderter Produktionsprozesse in den Medien diese Funktion erfüllt wird. Eine Arianna Huffington tut das bei ihrem Onlineportal. Sie hat ihre Freunde – darunter viele Prominente gebeten – für sie zu schreiben. Unentgeltlich. Als Gegenleistung bot sie in den USA eine Plattform – die Huffington Post -, die andere Zielgruppen im Internet erreichte und die politisch offen und unabhängig war. Keine Selbstverständlichkeit in den USA. So schaffte sie es, die HuffPo zu einer wichtigen liberalen Stimme in den USA zu machen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. (Natürlich auch dank der vielen gratis zuliefernden Autoren.)

Wie man in Deutschland auf die Idee kommen kann, einen Cherno Jobatey zum Herausgeber der deutschen Ausgabe der Huffington Post zu machen, ist dann schon sehr kurios. Man kann von diesem TV-Moderator halten was man will, aber als Kämpfer für redaktionelle, rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit ist er nicht recht vorstellbar. Hier wurde die Position des Herausgebers für PR-Zwecke missbraucht. Und das in einem Verlagshaus, das sehr genau weiß, wie wichtig gute Herausgeber sind: Burda.

Herausgeber für Corporate Content

Wie schwer es ist, qualitative Inhalte zu produzieren ohne die schützende oder fördernde Hand eines Herausgebers, durfte ich ein ums andere Mal bei unterschiedlichsten Firmen erleben. Da werden gerne ambitionierte Content-Projekte entwickelt – und so lange dieses Projekt ganz oben vom Vorstand gut geheißen und vielleicht auch noch inhaltlich begleitet wurde, konnten sogar im kommerziellen Umfeld gute, ja sogar mutige Inhalte umgesetzt werden. Hier fungierte der Vorstand (oder zumindest einer seiner Mitglieder) als Herausgeber. Das motiviert dann auch die damit befassten Manager. Denn so kann man ja Punkte beim Vorstand gut machen.

Aber das ist meist nur eine Optimalsituation auf Zeit. Irgendwann hat der Vorstand ein anderes wichtiges Thema zu verfolgen und gibt die Verantwortung ab, stets mindestens eine Entscheidungsebene weiter nach unten. Hier beginnt dann schon bald eine qualitative Nivellierung. Die Manager der zweiten und dritten Ebene haben nicht das Standing – und auch nicht den Mut -, sich für eine Publikation Probleme einzuhandeln. Hinzu kommt, dass Manager im Mittelmanagement mit der Aufgabe eines “Herausgebers” völlig überfordert sind. Und sie können in dieser Situation karrieremäßig wenig gewinnen, aber viel verlieren, etwa wenn ein Shitstorm über die Firma niedergeht.

Der CCO – Chief Communication Officer

Also versuchen die Manager, die Verantwortung für schwierige Content-Projekte möglichst schnell weiter zu delegieren. Natürlich wieder ein, zwei Hierarchiestufen nach unten. Und das verschärft das Dilemma nur noch weiter. Kompetenz, Interesse und Mut sind hier noch weniger verbreitet. Spätestens hier regierten dann nur noch Mutlosigkeit und Beliebigkeit. Und schnell ist der Punkt erreicht, wo solche Projekte schließlich mangels Erfolg eingestellt werden. Schuld sind natürlich die verantwortlichen Redaktionen und Agenturen, nie die Firma selbst.

Corporate Content wird für große Firmen aber immer wichtiger. Nur damit wird man sich in einer Daten- und Content-Gesellschaft noch wirkungsvoll profilieren können. Will man aber nicht ein ums andere Mal mit Content-Projekten, ob Blogs, (Web-)Magazinen, Social Media oder anderen (digitalen) Veröffentlichungen, scheitern, muss dafür gesorgt werden, dass die Verantwortung und das aktuelle Handling in die Hand eines Managers gelegt werden, der möglichst hoch in der Hierarchie des Unternehmens angesiedelt ist, möglichst direkt im Vorstand. Dieser “Herausgeber” – oder nennen wir ihn CCO, Chief Communication Officer, ist die logische Konsequenz einer Wirtschaft, die immer mehr durch die Effekte von Publikationen, von Corporate Content bestimmt ist. Und je besser der CCO, desto besser – und mutiger – die Publikationsqualität und die Wirkung nach außen. Nur so werden große Marken in Zukunft leben – und überleben – können.

 

 


Wir werden komplett verdrahtet und so 100 Jahre und älter

Ich habe den Grusel-Test erst wieder bei einigen Vorträgen gemacht. Die Aussicht, dass in nicht allzu ferner Zukunft unser Gehirn direkt mit dem Internet verkabelt sein könnte, weckt wirklich schaurige Urängste. Verständlich, keine Frage. Die Angst vor der Aufgabe der persönlichen Wesens-Autonomie und der Übergang zu einem fremdgesteuerten humanoiden Roboter ist nachvollziehbar. Und natürlich.

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Aber es nützt nichts. Man muss sich die Entwicklung unserer Wohlstandsgesellschaft nur mal genauer ansehen und alle Symptome unbarmherzig analysieren. Nimmt man dazu  steuert, dann ergibt sich ziemlich deutlich aber gerade dieses Szenario: die Vernetzung möglichst vieler Menschen direkt bis in die Neurozellen im Gehirn hinein.

Eine Parforce-Jagd in die Zukunft

Ich versuche mal, den möglichen Weg in eine derartige Zukunft in einem knappen Thesen-Gewitter zu zeichnen. Der Startpunkt solch einer Reise in die Zukunft startet bei unserer derzeitigen gesellschaftlichen Befindlichkeit. Die suchtartige Verbreitung von Gluten- und Laktose- und sonstigen Unverträglichkeiten hat Meike Winnemuth wunderbar in ihrer STERN-Kolumne beschrieben.

Der Trend zur höchst eigenen, ganz persönlichen gesundheitlichen Malfunktion ist in einer narzisstischen Gesellschaft nur allzu logisch. Durch nichts kann man sich mehr von den anderen abgrenzen als durch eine ganz ureigene medizinische Disposition. Und durch nichts kann man sich, wenn man den Kontakt zum eigenen Ich und Körper verloren hat – was die Grunddisposition jeder narzisstischen Störung ist – wieder besser spüren als durch eine Fehlfunktion, und sei sie auch nur eingebildet. Dass sie wirkt, dafür sorgt verlässlich der Nocebo-Effekt.

Und die Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschlimmern oder soll man sagen qualitativ weiter entwickeln: Schon in allernächster Zeit wird die Untersuchung des eigenen Genoms weniger als 1.000 Euro kosten – und kurz darauf nur noch etwa 100 Euro. Die wissenschaftliche Entwicklung hat die Preise dafür in ganz wenigen Jahren extrem minimiert.

Brisantes Wissen um die persönlichen Schwachstellen

Dann gibt es kein (Kosten-)Argument dagegen, seine höchst eigenen Schwachstellen und damit Risiko-Areale analysiert zu bekommen. Dann wird jeder seine wirklich höchstpersönlichen Malaisen-Optionen kennen. Und es werden ganz viele Menschen diese Untersuchung machen lassen. Die Angst, sein eigenes potentielles medizinisches Schicksal zu kennen wird mit dem Versprechen konterkariert werden, nur auf diese spezielle Weise ganz alt werden zu können – und das ohne Krankheiten, die die Lebensqualität bis jenseits der 100 Lebensjahre einschränken würden.

Schon heute ist absehbar, dass eine tatsächlich wirksame Krebstherapie hoch personalisiert sein wird. Das funktioniert nur mit einem genauen Wissen um die genetische Disposition. Und deshalb werden auch die Krankenkassen Druck machen. Schon heute finanzieren sie Gentests, um bei Frauen das Brustkrebs-Risiko zu klären. Und künftig wird der Krankenkassen-Tarif für Menschen, die sich einer Genanalyse verweigern, deutlich höher sein als für den genvermessenen Menschen.

Nichts kränkt Narzissten mehr als die Aussicht auf den Tod

Wir werden uns aber auch nicht groß wehren. Denn die Aussicht, bei voller körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit 100 Jahre und älter werden zu können, wird unsere Gesellschaft nachhaltig faszinieren. Denn auch hier laufen wir in die Narzissmus-Falle, da jede Krankheit, die unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit einschränken (Schlaganfall, Unfälle etc.), als grobe narzisstische Kränkung wahrgenommen wird. Ganz zu schweigen von der größten, ultimativen narzisstischen Kränkung, dem Tod. Schon heute sind wir eine Gesellschaft, die mit Krankheit und Tod nicht mehr gut umgehen kann. Und das wird sich noch dramatisch verschlimmern, wenn uns ein Ausweg in Aussicht gestellt wird: die Genom-Untersuchung – und völlig neue Heilungschancen.

In kaum einer anderen wissenschaftlichen Sparte kann man in den nächsten Jahren so bahnbrechende Neuentwicklungen erwarten wie in der Medizin. Schlicht schon deshalb, weil das Gesundheitswesen weltweit die Sparte mit immensen Gewinnmöglichkeiten ist. Wir geben überall immer mehr Geld für Krankheiten und deren Gesundung aus. Die Gründe sind nicht zuletzt die oben schon erwähnten. Entsprechend viel Geld fließt in die Entwicklung auch völlig neuer Heilungsmethoden.

Neue Technologien der Heilung

Wir werden in den nächsten Jahren neue Heilmethoden mithilfe von Nanopartikeln erleben. Die Stilllegung von Tumoren mithilfe von Nanopartikeln ist heute schon Realität. Wir werden immer bessere und personalisierte Prothesen bekommen (3-D-Printing). Wir werden auch Organe mit körpereigenem Zellenmaterial züchten können. Ausgerechnet die Leber wird wohl als erstes Organ mit körpereigenem Material ersetzt werden können. Und wir werden eine immer mehr personalisierte Medikamentation bekommen, die genau dort wirkt, wo sie der einzelne Mensch braucht.

Einer der vielversprechendsten Märkte wird aber der Kampf gegen den Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit sein. Mit zunehmender Lebenserwartung (jenseits von 100 Lebensjahren) wird der der Kampf vor allem gegen altersbedingte Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Demenz und auch gegen Folgeschäden eines langen Lebens wie Schlaganfall- und Unfallfolgen, also auch gegen Lähmungen und Wahrnehmungsdefizite, geführt werden.

Erschütternde Heilerfolge

Schon heute können bei bestimmten Dispositionen schwerhörige oder sogar gehörlose Menschen mit direkt im Gehirn implantierten Sensoren wieder hören. Wer einmal erlebt hat, wie nach einen Gehörsturz mit ein wenig Glück wieder das Hören zurückkommt, weiß welch Rückkehr von Lebensqualität das ist. Inzwischen wird auch daran experimentiert, Blinden mit Implantaten im Gehirn das Sehen wieder zu ermöglichen.

2005 beschrieb das Magazin WIRED, wie ein Paraplegiker mit einem Gehirnimplantat wieder aktiv handeln konnte. Auch bei Parkinson werden heute schon mit von außen steuer- und programmierbaren Implantaten direkt im Gehirn große Erfolge erzielt. Die Geschichte eines Parkinson-Patienten (und WIRED-Autors) erschütterte mich regelrecht beim Lesen. Denn immerhin konnte er dank dieser Therapie wieder schreiben: nämlich die Geschichte seiner peinvollen Therapie.

Das Tabu der Köperschranke zum Internet wird brechen

Mit jedem dieser Fortschritte gegen die Krankheitsgeiseln des hohen Alters, also Alzheimer, Parkinson und Demenz wird unser – natürlicher – Widerstand gegen solche Therapien schwinden. Mit jedem Blinden, der wieder sehen kann. Mit jedem Tauben, der wieder hören kann. Mit jedem Gelähmten, der wieder gehen kann. Und sie alle werden Implantate im Gehirn haben, die direkt auf die Nervenzellen des Gehirns wirken.

Und irgendwann wird dann das Tabu der „natürlichen“ Grenze zwischen menschlichem Körper und Gehirn und der digitalen Welt gebrochen sein. Dann werden Implantate so selbstverständlich sein wie heute künstliche Hüften: mit einem Hauch von Angst belegt, aber weithin gesellschaftlich akzeptiert. Und von dort ist der Weg zur Nutzung von Brain-Implantaten auch jenseits von Krankheitstherapien nicht mehr weit. Denn wo endet die normale Vergesslichkeit und beginnt die Demenz? Und warum sollen wir unser Wissen und Erinnerungsvermögen nicht gleich direkt per Standleitung ins Gehirn an Google outsourcen?

Zynisch – aber wahr. Das einzige Gegenmittel gegen solch eine Vision des direkt digital verdrahteten Menschen ist ausgerechnet die NSA und ihre schätzungsweise unausrottbare (und unkontrollierbare?) Spionierlust. – Wer möchte sich schon in seinen ureigensten Neuronenschaltkreisen ausspionieren lassen? Womöglich in Regionen, in denen unser eigenes Bewusstsein selbst gar keinen Zutritt hat: im limbischen System, im Unterbewusstsein. – Ach ja, davon hat das Marketing schon immer geträumt…

Macht doch was!

4. Juni 2014


Wie Machtinteressen unsere Zukunft bestimmen

Ich bin in einer Kleinfamilie aufgewachsen, in der die Machtfrage geklärt war. Papa verdiente das Geld, war politisch tätig. Er war intelligent und war extrem gut darin, die Welt mit viel Wissen und Toleranz zu erklären. (Das habe ich von ihm geerbt. – – – Das mit dem Erklären, meine ich…) Aber er war total unpraktisch – und an Macht offensichtlich wenig interessiert.

BonnEntsprechend hatte bei uns zuhause Mama das Sagen. In Sachen Finanzen und Organisation allemal. Zu Auseinandersetzungen kam es eher selten. Meine Mutter war klug genug – und liebte ihren um 17 Jahre älteren Mann genug, um ihn nach außen immer gut aussehen zu lassen. Bella Figura war wichtig. Nicht nur, weil meine Eltern schwer italophil waren, sondern auch katholisch. Und da war es bei aller Sündvermeidung doch auch sehr wichtig, das auch nach außen zu zeigen. Bis hin zum Pharisäertum.

Kein Weg nach Bonn

Nur einmal in dem von mir beobachteten Leben stellte mein Vater die Machtfrage. Er war gefragt worden, ob er nicht auf der Liste der CSU (sic!) für die Bundestagswahl kandidieren wolle. Auf einem Listenplatz ganz weit unten. Aber bei den Wahlergebnissen der CSU in den 60er-Jahren befürchtete meine Mutter das Schlimmste: nämlich einen Bundestagsabgeordneten im Haus – oder schlimmer: in Bonn.

Da ging es eine Zeit lang bei uns zuhause hoch her. Irgendwann drohte meine Mutter sogar mit Scheidung. Eine für Katholiken wirklich ultimative (und eigentlich unmögliche) Drohung. Irgendwie hatte Bonn wohl damals keinen besonders guten Ruf. Bald nach dieser Drohung versandeten jedenfalls die politischen Ambitionen meines Vaters.

Da mein Vater früh starb, blieb ich das einzige und zentrale Opfer der Machtselbstverständlichkeit meiner Mutter (die sie von ihrer dominanten Mutter geerbt haben musste). Entsprechend hoch, konfliktgeladen und leider auch sehr lieblos ging es dann für mehrere Jahre zwischen uns her, als ich mit 17, 18, 19 aufbegehrte. (Das geschah einst später als heute. Volljährig war man ja auch erst mit 21.)

Die Machtfrage haben wir zwischen uns nie klären können. Ein schwerer Schlaganfall machte diese Frage schließlich irrelevant. Dann war nicht mehr Konflikt angesagt, sondern möglichst liebevolle Pflege.

Hierarchien müssen gepflegt werden

Entsprechend wenig machtbegabt bin ich gewesen. Das hat mich im Beruf so manche Karrierechance gekostet, dafür habe ich aber meist in gutem Arbeitsklima arbeiten können. Kooperation und Respekt bringen halt mehr zustande als Aggression und Hahnenkämpfe. Aber das sieht halt nicht jeder so. Als wir kurz vor dem Start von Europe Online jeder 12 bis 14 Stunden arbeiteten und unsere Büros bis in die tiefe Nacht hell erleuchtet blieben, bekam ich von höchster Stelle den dringenden Hinweis: „Sie müssen Ihre Leute härter anpacken.“

Ich verstand diesen Wink damals einfach nicht. Aber in einem Machtsystem, das auf formellen Hierarchien aufgebaut ist, darf keiner aus der Reihe tanzen. – Genau das ist bis heute das Problem der etablierten Medienhäuser – egal wie modern und digital sie sich geben. Sie meinen, ihre hierarchischen Methoden und ihre Machtpositionen nicht aufgeben zu dürfen. Wahrscheinlich können Sie es auch nicht. Vor allem aber wollen sie es nicht. Es ist viel von einem Menschen verlangt, der sich in solch einem System mühsam nach oben gekämpft hat, oben angelangt dann freiwillig auf alle Privilegien verzichten zu sollen.

Jede Veränderung ist ein Risiko

Und Machtmenschen wollen ihre Macht auch gar nicht abgeben. Dazu ist sie wohl zu schön. (Habe ich mir sagen lassen.) Die Kleingeister unter den Mächtigen klammern sich an die Macht und ihre Privilegien – irgendwie wollen sie es unbeschadet bis in die Verrentung schaffen. Dass sie ein System dabei offenen Auges gegen die Wand fahren, ist ihnen egal. Hauptsache sie springen vor der Klippe vom in den Abgrund rasenden Wagen noch rechtzeitig ab. Was nach ihrem Abgang passiert, interessiert sie nicht. James Dean lässt grüßen.

Diejenigen aber, die wirklich mächtig sind, nutzen ihre Macht skrupellos, vorrangig dazu, um ihre Macht für sich und Ihresgleichen zu erhalten und zu zementieren. Das heißt für sie, möglichst viel Veränderung und Innovation zu fordern und zugleich dafür zu sorgen, dass möglichst wenig davon Realität wird. Denn jede Veränderung, jede Innovation, jeder Evolutionssprung ist für sie eine reelle Bedrohung. Denn danach könnten die Karten (der Macht) ja neu gemischt und man selbst nicht unter den Gewinnern sein.

Die Gefahr der digitalen Macht-Erosion

Wer sich heute wundert, was in unserer Welt gerade los ist, ob in Russland, in China, in den USA oder hierzulande. Wer sich über die skrupellose Ignoranz beim Thema NSA, Überwachung und Bürgerrechte wundert. Wer sich fragt, wie plötzlich in Ost wie West die alten Militarisierungsreflexe wieder ausbrechen können. Wer sich fragt, was denn auf einmal mit der Freiheit und Mitsprache versprechenden digitalen Welt passiert. Sie alle haben nicht verstanden, dass gerade mit allen, wirklich allen Mitteln versucht wird, das überkommene Machtverhältnis zu erhalten bzw. wieder herzustellen.

Die politische Klasse hat inzwischen überall in der Welt realisiert, wie sehr neue basisdemokratische und partizipatorische Optionen, die das Internet samt Social Media bietet, ihre Macht zu erodieren drohen. Daher sind die Herren Politiker nur allzu sehr bereit, dem wahren Mächtigen, der auch um seine Macht Sorge hat, brav zu Diensten zu sein: dem großen Geld. Den großen Besitzenden der Welt sind die Newcomer einer neuen Weltordnung längst ein Dorn im Auge: Google, Facebook & Co.

Freiräume werden kleiner – und virtuell

Daher die Angriffe auf diese Newcomer im Bund der Mächtigen. Das sind Drohungen, die dafür sorgen sollen, dass sie im Orchester der Macht brav mitzuspielen beginnen – und nicht auf die Idee kommen, die Macht nach unten verteilen zu wollen. Fast hat man den Eindruck, dass diese Drohungen in Richtung der Newcomer schon gefruchtet haben.

Wie gesagt, ich habe von Macht nur beschränkt Ahnung. Aber wenn man am eigenen Leib spürt, wie Freiräume kleiner werden und eher nur noch virtuell sind, wenn man realisiert, wie Freiheiten beschnitten werden, dann kann das nicht von ungefähr kommen. „Cui bono“ habe ich einst im Lateinunterricht gelernt: Wer hat davon einen Vorteil? Und es ist ziemlich klar, dass das nicht wir kleinen Allerwelts-User des Internets sind. – Wie gesagt: Wenn ich etwas von meinem Vater gelernt habe, dann das Talent, die Welt zu erklären. Jetzt müsste ich nur noch lernen, Macht gegen die Mächtigen zu organisieren…

Unter Generalverdacht

5. Januar 2014


Schlapphüte, die Herrscher der Welt

Es wird Zeit für ein Geständnis. Ich bin vorbestraft. Zweimal sogar. Einmal wegen unberechtigtem Tragen von Dienstuniformen. Das war, als ich Anfang der 80er-Jahre mit Fidelis Mager zusammen für die Münchner Stadtzeitung als vermeintlicher Schwarzer Sheriff durch die Münchner Innenstadt patrouillierte. (Die Geschichte ist hier im Blog ausführlich dokumentiert.) Und dann wurde ich damals noch einmal für eine investigative Recherche wegen “Urkundenfälschung” verurteilt. Ich hatte Visitenkarten für eine fiktive Firma, in deren Namen ich recherchierte, drucken lassen.

Feind hört mitDie Geldstrafen von damals sind längst vergessen und verdrängt – und wohl auch aus meinen Polizeiakten gelöscht. Das weiß ich, seit ich vor ein paar Jahren bei einer Zeugenbefragung nach Vorstrafen gefragt wurde. Ich antwortete in voller Unschuldsvermutung mit einem spontanen “Nein”. Der Beamte gegenüber sah mich daraufhin mit leicht sorgenvoller Miene an und machte erst mal eine beredsame Pause. Dann bedauerte er: “Meine Informationen hier auf dem Bildschirm sagen da was anderes.” Fakt war, es waren keine Vorstrafen (mehr) registriert, dafür gab es einen Vermerk, dass Vorstrafen gelöscht waren.

Wir sind alle Verbrecher – irgendwie

Was für Vorstrafen und für welche Vergehen – das war nicht vermerkt. Der Beamte mir gegenüber konnte also, sofern er ein wenig phantasiebegabt war, alles Mögliche vermuten, was ich “verbrochen” haben könnte. Eine besonders perfide Schuldvermutung, die um so schlimmer war, da sie unspezifisch war und nicht verifiziert werden konnte. Sie war ja gelöscht.

Das aber genau ist die Situation, in der wir uns alle inzwischen befinden, seit wir wissen, dass die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA uns überall und jederzeit ausspioniert. Ganz einfach, weil wir ja Böses gegen Amerika im Schilde führen könnten – irgendwie. Und weil es am allerverdächtigsten ist, wenn wir uns gegen diese Schnüffelei wehren. Wenn wir unsere Emails und Daten verschlüsseln, soll jetzt mit Hypercomputern, d. h. mithilfe gigantischer Rechnerleistung jede Verschlüsselungssoftware wirkungslos werden. Ganz einfach, weil jeder von uns ja Terrorist sein könnte – oder es jederzeit werden könnte. Etwa weil er wie ein Verbrecher behandelt wird…

Das Erbe des 11. September 2001

Mal angenommen, die Anschläge des 11. September 2001 hätten nicht stattgefunden. Dann wäre den USA und speziell New York ein Trauma kaum vorstellbaren Ausmaßes erspart geblieben. Fragt sich, ob es dann die Auswüchse eines Department of Home Security, eines U.S. Cyber Command und der NSA, die wir heute konstatieren müssen, nicht gegeben hätte. Ich denke, kaum. Es wären die Gelder vielleicht etwas spärlicher in diese Richtung geflossen. Aber der Großmachtanspruch der USA, noch dazu in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, hätte wohl schon allein gereicht, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.

Die Legitimation zu solch weltweiter Schnüffelei wäre den USA vielleicht etwas schwerer gefallen. Aber genug Terrorgefahr wäre auch so argumentierbar gewesen, und genug Schurkenstaaten hätte es sowieso gegeben, gegen die man sich wehren muss. Und das wären nicht nur Nordkorea, der Iran oder Pakistan gewesen, sondern auch China und Russland etc. – Vielleicht wären die Abhöraktionen gegen Angela Merkel und andere brave europäische Politiker und Institutionen etwas schwerer gefallen. Aber sei’s drum…

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Es ist dann aber doch ein veritabler Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der erste farbige Präsident der USA als gnadenloser Schnüffler, Kontrollfetischist und Demokratiesaboteur in die Geschichte eingehen wird. Ausgerechnet ein Präsident, der als besonders cool und liberal galt und ein Hoffnungsträger für einen neuen Politikstil war. Er wird nun der Referenzpunkt sein, an dem wir endgültig von einem Demokratieverständnis Abschied nehmen mussten, das die Bürger als Souverän definierte, Politiker als Volksbeauftragte auf Zeit und Geheimdienste bestenfalls als notwendiges Übel.

Es ist wirklich erstaunlich, wie geschickt es die Geheimdienste angestellt haben, ihr Schlapphut-Image abzulegen. Sie galten doch lange Zeit als eine Art schrulliges Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges. John Le Carre lässt grüßen. Heute sind unter der Führung schneidiger Generäle findige Hacker und ihre Zuarbeiter aus Privatfirmen (siehe Edward Snowden) zu einer unkontrollierbaren globalen Macht geworden. Die Erdball umfassende Datenschnüffelei von NSA & Co. hat dem Gefahrenpotential der Globalisierung eine völlig neue Dimension eröffnet. Und auch die Kollegen in China, Russland, Großbritannien, Israel, im Iran und anderswo sind fleißig an der Arbeit…

Willkommen in der Postdemokratie

Der britische Soziologe Colin Crouch hat 2004 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff der Postdemokratie geprägt. Er beschreibt darin ein Politiksystem, in dem die politischen Rituale wie Wahlen etc. zu Events verkommen, die zwar Regierungen stürzen, aber nichts am Politikbetrieb selbst ändern können. Der wird von der Wirtschaft und den Politbürokraten kontinuierlich und zu ihrem Vorteil am Laufen gehalten. Die Figuren der Politik wechseln, aber nicht die Politik und ihre – wirtschaftshörigen – Automatismen. Bestes Beispiel: Barack Obama.

Die eher wirtschaftsorientierte Definition der Postdemokratie von Colin Crouch muss jetzt noch um die Kaste der Geheimdienste erweitert werden. Nicht nur die Wirtschaft als von keinen demokratischen Prozessen kontrollierte politikbestimmende Macht existiert heute, sondern eben auch die Geheimdienste, heute ein kruder Mix aus Militär, Wirtschaft, Bürokraten und Hackern, entziehen sich jeder demokratischen Kontrolle – und Legitimation. Dafür aber stellen sie den offiziellen Souverän einer Demokratie, jeden einzelnen Bürger, unter Generalverdacht. Er wird ausgeforscht wie jeder gemeine Kriminelle und/oder potentielle Terrorist.

Parademokratie – eine deutsche Tradition

Die Idee, jeden Bürger als potentiellen Untäter und subversives Element zu sehen und daher auszuforschen hat in Deutschland eine unselige Tradition. Schon zweimal haben wir das im letzten Jahrhundert erlebt. Zunächst unter den Nazis und deren Gestapo und dann noch einmal in der DDR mit der Stasi. Beides undemokratische bzw. faschistische Systeme. Entsprechend entschlossen sollten wir hierzulande dagegen agieren, wenn nun ein drittes Mal der demokratische Souverän unter Generalverdacht gestellt wird. Aber davon ist die Großkoalition Merkel meilenweit entfernt.

Wir dürfen uns also hierzulande auf eine spezielle Sonderform der Postdemokratie einstellen. Nennen wir sie Parademokratie. Ein kruder Mix aus:

  • leeren demokratischen Ritualen
  • politisch hysterisierten Medien, die sich gerne als politische Akteure missverstehen (siehe Causa Wulff, BILD als neue APO…)
  • immer neuen Enthüllungen aus den unendlichen (Pseudo-)Wissensarsenalen von Geheimdiensten sämtlicher Couleur (gerne auch taktisch gestreut)
  • einem schulterzuckendem Demokratie-Wurstigkeitsgebahren frustierter Bürger
  • einer sublimen wie konsequenten Wohlverhaltens-Feigheit, wie sie überwachten Systemen stets immanent ist
  • einer systemübergreifenden inneren Lähmung, individuell, systemisch, politisch wie intellektuell

Bleierne Zeit, Mehltau – all diese Begriffe sind zu niedlich, um solch eine Welt der Parademokratie zu beschreiben… – Aber man kann sich dagegen ja wehren. Im Fall der Fälle auch außerparlamentarisch – und natürlich ohne Kai Diekmanns APO.

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