Die Herausgeber

18. Juni 2014


Der Herausgeber als Mut-Garant

Seit dem Tod von Frank Schirrmacher ist dank der vielen intensiven Nachrufe der Beruf des Herausgebers wieder in den Vordergrund gerückt. An diesem Beispiel wurde ein mal mehr deutlich, wie wichtig ein Herausgeber sein kann, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt und das nötige Format dazu hat.

Ich bin ja selber Herausgeber – des Multimedia Annuals des Walhalla Verlags. Das ist ein echtes Vergnügen – und auch Arbeit. Themen für die Artikel im Buch wollen gefunden werden und Autoren dazu. Das Konzept will weiter entwickelt werden, Marketingideen müssen immer neu geboren werden. Die Jury gilt es auszuwählen – und dann die Jurysitzung vorzubereiten und zu leiten. Herausgeber eines Buches zu sein, braucht vielleicht ein paar gute Ideen, ein paar Verbindungen und ein inhaltliches Konzept. Das finanzielle Risiko aber trägt in diesem Fall der Verleger (publisher).

Arno Hess - Verleger der Münchner Stadtzeitung  Foto: Dorin Popa

Arno Hess – Verleger der Münchner Stadtzeitung
Foto: Dorin Popa

Dieser Beruf des Herausgebers (publisher!) scheint mir im digitalen Raum viel zu kurz zu kommen. Er ist es, der die Leitlinien eines Mediums bestimmt, der die inhaltliche Ausrichtung mitbestimmt – und vor allem auch finanziell und rechtlich vor dem Verlag bzw. Verleger vertritt. Er ist es, der einer Redaktion vorgibt, wie mutig sie sein darf – oder wie liebedienerisch sie sein muss. Er bestimmt, wie konfrontativ ein Medium sein darf – samt möglichen rechtlichen Auseinandersetzungen – oder wie weichgespült es sein muss. Er justiert die Nähe zu Anzeigenkunden oder definiert die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Geldquellen.

Der renitente Verleger

Meine eigenen Erfahrungen mit Herausgebern sind begrenzt. Bei der Münchner Stadtzeitung hatte ich mich mit meinen Ideen und meinem Budget mit dem Verleger und Gründer Arno Hess auseinanderzusetzen. Er war, ohne sich je so explizit zu nennen, auch Herausgeber. Wurde es mal eng, sei es weil gegen Artikel geklagt wurde oder ein Anzeigenkunde sich nicht fair behandelt sah, kam bei Arno Hess immer ein sehr angenehmer Wesenszug zum Zug: Er war extrem freiheitsliebend, und jeder, der diese Freiheit einengen wollte, hatte bei ihm schlechte Karten. Sehr schlechte Karten.

Egal, was passierte, ich fühlte mich damals bei meiner Arbeit als verantwortlicher Redakteur immer unterstützt, immer sicher. Je schräger und besser die Ideen der Redaktion waren, desto mehr blühte Arno Hess in seiner Rolle als Herausgeber auf. Und wenn es galt, noch ein wenig Geld für schräge Ideen wie Brettspiele auf dem Titel, Rabattaktionen oder Aufkleber etc. zu akquirieren, schickte Verleger Arno Hess den Anzeigenaquisiteur Arno Hess auf die Straße und ans Telefon. Und wenn die Münchner Tagespresse solche Ideen dann per einstweiliger Verfügung zu stoppen versuchte, bereinigte Herausgeber Arno Hess die Situation klaglos – oft auch lautlos.

Rückhalt für Recherchen im Randbereich

Beim WIENER war die Situation brisanter. Viele Recherchen waren investigativ, und  da agierte man als Reporter oft in einem rechtlichen Graubereich. Bei vielen Geschichten wussten wir, dass rechtliche Auseinandersetzungen kommen könnten. Der einzige Schutz dagegen war der Erfolg der Geschichte – bei den Lesern und den Kollegen der anderen Presse. Wurdenwir dort zitiert, wagte kaum einer der Betroffenen, gegen die Geschichte zu klagen. Zu groß wäre das Medienecho gewesen – und zu negativ. (Und tatsächlich wurde ich für eine Geschichte, die nicht funktioniert hatte, verklagt und verurteilt. Wegen übler Nachrede und Gründung einer Scheinfirma, die als Homebase für eine investigative Geschichte dienen sollte.)

Beim WIENER habe ich exemplarisch erlebt, wie ein Herausgeber einem Chefredakteur den Rücken stärkt. In rechtlichen Auseinandersetzungen und in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Das war zuerst Hans Schmidt als Geldgeber und Verleger des Deutschen WIENER, den er aus Verärgerung darüber gegründet hatte, dass der Jahreszeitenverlag, mit dem er den WIENER nach Deutschland bringen wollte, hinter seinem Rücken seinen Chefredakteur Markus Peichl und seinen Artdirektor Lo Breier abgeworben hatte und ohne ihn TEMPO als Zeitgeistmagazin in Deutschland lancierte hatte.

Provokation als Pflicht

Der Herausgeber war hier nie Bremser, sondern im Gegenteil Antreiber. Er ging alle denkbaren Risiken ein, rechtlich und wirtschaftlich. Aber auch als der WIENER vom Bauer Verlag gekauft wurde, wurde der Rückhalt für die Redaktion nicht geringer. Rechtlich war der Verlag durch die lange Tradition der “Quick” in Rechtsstreitigkeiten erprobt. Man schien sogar geradezu Spaß daran zu haben, immer mal “wider den Stachel zu löcken”.

Solche Erfahrungen prägten mein Bild, wie ein Herausgeber zu sein hat – und was er einer Redaktion geben kann. Ich habe keinen Weltenerklärer wie Helmut Schmidt bei der “Zeit” erlebt. Keinen Journalistenmythos wie Augstein beim Spiegel. Keinen intellektuellen Antreiber wie Frank Schirrmacher.  Ich habe nur Menschen erlebt, die mir und meinen Kollegen ermöglicht haben, die Grenzen des Journalismus auszuloten und Recherchen zu wagen, die auch mal Neuland betraten. Das gelang bisweilen sehr gut, manchmal sind wir übers Ziel hinausgeschossen und – ganz selten – provozierten wir eher aus Selbstzweck. Da war es gut, eine Instanz zu haben, die nicht ins Tagesgeschäft verwickelt war und von außerhalb des Redaktions-Bubbles Feedback gab.

Plattform ohne Sinn & Zweck

Fragt sich, wie heute im Zeichen völlig veränderter Produktionsprozesse in den Medien diese Funktion erfüllt wird. Eine Arianna Huffington tut das bei ihrem Onlineportal. Sie hat ihre Freunde – darunter viele Prominente gebeten – für sie zu schreiben. Unentgeltlich. Als Gegenleistung bot sie in den USA eine Plattform – die Huffington Post -, die andere Zielgruppen im Internet erreichte und die politisch offen und unabhängig war. Keine Selbstverständlichkeit in den USA. So schaffte sie es, die HuffPo zu einer wichtigen liberalen Stimme in den USA zu machen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. (Natürlich auch dank der vielen gratis zuliefernden Autoren.)

Wie man in Deutschland auf die Idee kommen kann, einen Cherno Jobatey zum Herausgeber der deutschen Ausgabe der Huffington Post zu machen, ist dann schon sehr kurios. Man kann von diesem TV-Moderator halten was man will, aber als Kämpfer für redaktionelle, rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit ist er nicht recht vorstellbar. Hier wurde die Position des Herausgebers für PR-Zwecke missbraucht. Und das in einem Verlagshaus, das sehr genau weiß, wie wichtig gute Herausgeber sind: Burda.

Herausgeber für Corporate Content

Wie schwer es ist, qualitative Inhalte zu produzieren ohne die schützende oder fördernde Hand eines Herausgebers, durfte ich ein ums andere Mal bei unterschiedlichsten Firmen erleben. Da werden gerne ambitionierte Content-Projekte entwickelt – und so lange dieses Projekt ganz oben vom Vorstand gut geheißen und vielleicht auch noch inhaltlich begleitet wurde, konnten sogar im kommerziellen Umfeld gute, ja sogar mutige Inhalte umgesetzt werden. Hier fungierte der Vorstand (oder zumindest einer seiner Mitglieder) als Herausgeber. Das motiviert dann auch die damit befassten Manager. Denn so kann man ja Punkte beim Vorstand gut machen.

Aber das ist meist nur eine Optimalsituation auf Zeit. Irgendwann hat der Vorstand ein anderes wichtiges Thema zu verfolgen und gibt die Verantwortung ab, stets mindestens eine Entscheidungsebene weiter nach unten. Hier beginnt dann schon bald eine qualitative Nivellierung. Die Manager der zweiten und dritten Ebene haben nicht das Standing – und auch nicht den Mut -, sich für eine Publikation Probleme einzuhandeln. Hinzu kommt, dass Manager im Mittelmanagement mit der Aufgabe eines “Herausgebers” völlig überfordert sind. Und sie können in dieser Situation karrieremäßig wenig gewinnen, aber viel verlieren, etwa wenn ein Shitstorm über die Firma niedergeht.

Der CCO – Chief Communication Officer

Also versuchen die Manager, die Verantwortung für schwierige Content-Projekte möglichst schnell weiter zu delegieren. Natürlich wieder ein, zwei Hierarchiestufen nach unten. Und das verschärft das Dilemma nur noch weiter. Kompetenz, Interesse und Mut sind hier noch weniger verbreitet. Spätestens hier regierten dann nur noch Mutlosigkeit und Beliebigkeit. Und schnell ist der Punkt erreicht, wo solche Projekte schließlich mangels Erfolg eingestellt werden. Schuld sind natürlich die verantwortlichen Redaktionen und Agenturen, nie die Firma selbst.

Corporate Content wird für große Firmen aber immer wichtiger. Nur damit wird man sich in einer Daten- und Content-Gesellschaft noch wirkungsvoll profilieren können. Will man aber nicht ein ums andere Mal mit Content-Projekten, ob Blogs, (Web-)Magazinen, Social Media oder anderen (digitalen) Veröffentlichungen, scheitern, muss dafür gesorgt werden, dass die Verantwortung und das aktuelle Handling in die Hand eines Managers gelegt werden, der möglichst hoch in der Hierarchie des Unternehmens angesiedelt ist, möglichst direkt im Vorstand. Dieser “Herausgeber” – oder nennen wir ihn CCO, Chief Communication Officer, ist die logische Konsequenz einer Wirtschaft, die immer mehr durch die Effekte von Publikationen, von Corporate Content bestimmt ist. Und je besser der CCO, desto besser – und mutiger – die Publikationsqualität und die Wirkung nach außen. Nur so werden große Marken in Zukunft leben – und überleben – können.

 

 


Wir werden komplett verdrahtet und so 100 Jahre und älter

Ich habe den Grusel-Test erst wieder bei einigen Vorträgen gemacht. Die Aussicht, dass in nicht allzu ferner Zukunft unser Gehirn direkt mit dem Internet verkabelt sein könnte, weckt wirklich schaurige Urängste. Verständlich, keine Frage. Die Angst vor der Aufgabe der persönlichen Wesens-Autonomie und der Übergang zu einem fremdgesteuerten humanoiden Roboter ist nachvollziehbar. Und natürlich.

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Aber es nützt nichts. Man muss sich die Entwicklung unserer Wohlstandsgesellschaft nur mal genauer ansehen und alle Symptome unbarmherzig analysieren. Nimmt man dazu  steuert, dann ergibt sich ziemlich deutlich aber gerade dieses Szenario: die Vernetzung möglichst vieler Menschen direkt bis in die Neurozellen im Gehirn hinein.

Eine Parforce-Jagd in die Zukunft

Ich versuche mal, den möglichen Weg in eine derartige Zukunft in einem knappen Thesen-Gewitter zu zeichnen. Der Startpunkt solch einer Reise in die Zukunft startet bei unserer derzeitigen gesellschaftlichen Befindlichkeit. Die suchtartige Verbreitung von Gluten- und Laktose- und sonstigen Unverträglichkeiten hat Meike Winnemuth wunderbar in ihrer STERN-Kolumne beschrieben.

Der Trend zur höchst eigenen, ganz persönlichen gesundheitlichen Malfunktion ist in einer narzisstischen Gesellschaft nur allzu logisch. Durch nichts kann man sich mehr von den anderen abgrenzen als durch eine ganz ureigene medizinische Disposition. Und durch nichts kann man sich, wenn man den Kontakt zum eigenen Ich und Körper verloren hat – was die Grunddisposition jeder narzisstischen Störung ist – wieder besser spüren als durch eine Fehlfunktion, und sei sie auch nur eingebildet. Dass sie wirkt, dafür sorgt verlässlich der Nocebo-Effekt.

Und die Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschlimmern oder soll man sagen qualitativ weiter entwickeln: Schon in allernächster Zeit wird die Untersuchung des eigenen Genoms weniger als 1.000 Euro kosten – und kurz darauf nur noch etwa 100 Euro. Die wissenschaftliche Entwicklung hat die Preise dafür in ganz wenigen Jahren extrem minimiert.

Brisantes Wissen um die persönlichen Schwachstellen

Dann gibt es kein (Kosten-)Argument dagegen, seine höchst eigenen Schwachstellen und damit Risiko-Areale analysiert zu bekommen. Dann wird jeder seine wirklich höchstpersönlichen Malaisen-Optionen kennen. Und es werden ganz viele Menschen diese Untersuchung machen lassen. Die Angst, sein eigenes potentielles medizinisches Schicksal zu kennen wird mit dem Versprechen konterkariert werden, nur auf diese spezielle Weise ganz alt werden zu können – und das ohne Krankheiten, die die Lebensqualität bis jenseits der 100 Lebensjahre einschränken würden.

Schon heute ist absehbar, dass eine tatsächlich wirksame Krebstherapie hoch personalisiert sein wird. Das funktioniert nur mit einem genauen Wissen um die genetische Disposition. Und deshalb werden auch die Krankenkassen Druck machen. Schon heute finanzieren sie Gentests, um bei Frauen das Brustkrebs-Risiko zu klären. Und künftig wird der Krankenkassen-Tarif für Menschen, die sich einer Genanalyse verweigern, deutlich höher sein als für den genvermessenen Menschen.

Nichts kränkt Narzissten mehr als die Aussicht auf den Tod

Wir werden uns aber auch nicht groß wehren. Denn die Aussicht, bei voller körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit 100 Jahre und älter werden zu können, wird unsere Gesellschaft nachhaltig faszinieren. Denn auch hier laufen wir in die Narzissmus-Falle, da jede Krankheit, die unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit einschränken (Schlaganfall, Unfälle etc.), als grobe narzisstische Kränkung wahrgenommen wird. Ganz zu schweigen von der größten, ultimativen narzisstischen Kränkung, dem Tod. Schon heute sind wir eine Gesellschaft, die mit Krankheit und Tod nicht mehr gut umgehen kann. Und das wird sich noch dramatisch verschlimmern, wenn uns ein Ausweg in Aussicht gestellt wird: die Genom-Untersuchung – und völlig neue Heilungschancen.

In kaum einer anderen wissenschaftlichen Sparte kann man in den nächsten Jahren so bahnbrechende Neuentwicklungen erwarten wie in der Medizin. Schlicht schon deshalb, weil das Gesundheitswesen weltweit die Sparte mit immensen Gewinnmöglichkeiten ist. Wir geben überall immer mehr Geld für Krankheiten und deren Gesundung aus. Die Gründe sind nicht zuletzt die oben schon erwähnten. Entsprechend viel Geld fließt in die Entwicklung auch völlig neuer Heilungsmethoden.

Neue Technologien der Heilung

Wir werden in den nächsten Jahren neue Heilmethoden mithilfe von Nanopartikeln erleben. Die Stilllegung von Tumoren mithilfe von Nanopartikeln ist heute schon Realität. Wir werden immer bessere und personalisierte Prothesen bekommen (3-D-Printing). Wir werden auch Organe mit körpereigenem Zellenmaterial züchten können. Ausgerechnet die Leber wird wohl als erstes Organ mit körpereigenem Material ersetzt werden können. Und wir werden eine immer mehr personalisierte Medikamentation bekommen, die genau dort wirkt, wo sie der einzelne Mensch braucht.

Einer der vielversprechendsten Märkte wird aber der Kampf gegen den Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit sein. Mit zunehmender Lebenserwartung (jenseits von 100 Lebensjahren) wird der der Kampf vor allem gegen altersbedingte Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Demenz und auch gegen Folgeschäden eines langen Lebens wie Schlaganfall- und Unfallfolgen, also auch gegen Lähmungen und Wahrnehmungsdefizite, geführt werden.

Erschütternde Heilerfolge

Schon heute können bei bestimmten Dispositionen schwerhörige oder sogar gehörlose Menschen mit direkt im Gehirn implantierten Sensoren wieder hören. Wer einmal erlebt hat, wie nach einen Gehörsturz mit ein wenig Glück wieder das Hören zurückkommt, weiß welch Rückkehr von Lebensqualität das ist. Inzwischen wird auch daran experimentiert, Blinden mit Implantaten im Gehirn das Sehen wieder zu ermöglichen.

2005 beschrieb das Magazin WIRED, wie ein Paraplegiker mit einem Gehirnimplantat wieder aktiv handeln konnte. Auch bei Parkinson werden heute schon mit von außen steuer- und programmierbaren Implantaten direkt im Gehirn große Erfolge erzielt. Die Geschichte eines Parkinson-Patienten (und WIRED-Autors) erschütterte mich regelrecht beim Lesen. Denn immerhin konnte er dank dieser Therapie wieder schreiben: nämlich die Geschichte seiner peinvollen Therapie.

Das Tabu der Köperschranke zum Internet wird brechen

Mit jedem dieser Fortschritte gegen die Krankheitsgeiseln des hohen Alters, also Alzheimer, Parkinson und Demenz wird unser – natürlicher – Widerstand gegen solche Therapien schwinden. Mit jedem Blinden, der wieder sehen kann. Mit jedem Tauben, der wieder hören kann. Mit jedem Gelähmten, der wieder gehen kann. Und sie alle werden Implantate im Gehirn haben, die direkt auf die Nervenzellen des Gehirns wirken.

Und irgendwann wird dann das Tabu der „natürlichen“ Grenze zwischen menschlichem Körper und Gehirn und der digitalen Welt gebrochen sein. Dann werden Implantate so selbstverständlich sein wie heute künstliche Hüften: mit einem Hauch von Angst belegt, aber weithin gesellschaftlich akzeptiert. Und von dort ist der Weg zur Nutzung von Brain-Implantaten auch jenseits von Krankheitstherapien nicht mehr weit. Denn wo endet die normale Vergesslichkeit und beginnt die Demenz? Und warum sollen wir unser Wissen und Erinnerungsvermögen nicht gleich direkt per Standleitung ins Gehirn an Google outsourcen?

Zynisch – aber wahr. Das einzige Gegenmittel gegen solch eine Vision des direkt digital verdrahteten Menschen ist ausgerechnet die NSA und ihre schätzungsweise unausrottbare (und unkontrollierbare?) Spionierlust. – Wer möchte sich schon in seinen ureigensten Neuronenschaltkreisen ausspionieren lassen? Womöglich in Regionen, in denen unser eigenes Bewusstsein selbst gar keinen Zutritt hat: im limbischen System, im Unterbewusstsein. – Ach ja, davon hat das Marketing schon immer geträumt…

Macht doch was!

4. Juni 2014


Wie Machtinteressen unsere Zukunft bestimmen

Ich bin in einer Kleinfamilie aufgewachsen, in der die Machtfrage geklärt war. Papa verdiente das Geld, war politisch tätig. Er war intelligent und war extrem gut darin, die Welt mit viel Wissen und Toleranz zu erklären. (Das habe ich von ihm geerbt. – - – Das mit dem Erklären, meine ich…) Aber er war total unpraktisch – und an Macht offensichtlich wenig interessiert.

BonnEntsprechend hatte bei uns zuhause Mama das Sagen. In Sachen Finanzen und Organisation allemal. Zu Auseinandersetzungen kam es eher selten. Meine Mutter war klug genug – und liebte ihren um 17 Jahre älteren Mann genug, um ihn nach außen immer gut aussehen zu lassen. Bella Figura war wichtig. Nicht nur, weil meine Eltern schwer italophil waren, sondern auch katholisch. Und da war es bei aller Sündvermeidung doch auch sehr wichtig, das auch nach außen zu zeigen. Bis hin zum Pharisäertum.

Kein Weg nach Bonn

Nur einmal in dem von mir beobachteten Leben stellte mein Vater die Machtfrage. Er war gefragt worden, ob er nicht auf der Liste der CSU (sic!) für die Bundestagswahl kandidieren wolle. Auf einem Listenplatz ganz weit unten. Aber bei den Wahlergebnissen der CSU in den 60er-Jahren befürchtete meine Mutter das Schlimmste: nämlich einen Bundestagsabgeordneten im Haus – oder schlimmer: in Bonn.

Da ging es eine Zeit lang bei uns zuhause hoch her. Irgendwann drohte meine Mutter sogar mit Scheidung. Eine für Katholiken wirklich ultimative (und eigentlich unmögliche) Drohung. Irgendwie hatte Bonn wohl damals keinen besonders guten Ruf. Bald nach dieser Drohung versandeten jedenfalls die politischen Ambitionen meines Vaters.

Da mein Vater früh starb, blieb ich das einzige und zentrale Opfer der Machtselbstverständlichkeit meiner Mutter (die sie von ihrer dominanten Mutter geerbt haben musste). Entsprechend hoch, konfliktgeladen und leider auch sehr lieblos ging es dann für mehrere Jahre zwischen uns her, als ich mit 17, 18, 19 aufbegehrte. (Das geschah einst später als heute. Volljährig war man ja auch erst mit 21.)

Die Machtfrage haben wir zwischen uns nie klären können. Ein schwerer Schlaganfall machte diese Frage schließlich irrelevant. Dann war nicht mehr Konflikt angesagt, sondern möglichst liebevolle Pflege.

Hierarchien müssen gepflegt werden

Entsprechend wenig machtbegabt bin ich gewesen. Das hat mich im Beruf so manche Karrierechance gekostet, dafür habe ich aber meist in gutem Arbeitsklima arbeiten können. Kooperation und Respekt bringen halt mehr zustande als Aggression und Hahnenkämpfe. Aber das sieht halt nicht jeder so. Als wir kurz vor dem Start von Europe Online jeder 12 bis 14 Stunden arbeiteten und unsere Büros bis in die tiefe Nacht hell erleuchtet blieben, bekam ich von höchster Stelle den dringenden Hinweis: „Sie müssen Ihre Leute härter anpacken.“

Ich verstand diesen Wink damals einfach nicht. Aber in einem Machtsystem, das auf formellen Hierarchien aufgebaut ist, darf keiner aus der Reihe tanzen. – Genau das ist bis heute das Problem der etablierten Medienhäuser – egal wie modern und digital sie sich geben. Sie meinen, ihre hierarchischen Methoden und ihre Machtpositionen nicht aufgeben zu dürfen. Wahrscheinlich können Sie es auch nicht. Vor allem aber wollen sie es nicht. Es ist viel von einem Menschen verlangt, der sich in solch einem System mühsam nach oben gekämpft hat, oben angelangt dann freiwillig auf alle Privilegien verzichten zu sollen.

Jede Veränderung ist ein Risiko

Und Machtmenschen wollen ihre Macht auch gar nicht abgeben. Dazu ist sie wohl zu schön. (Habe ich mir sagen lassen.) Die Kleingeister unter den Mächtigen klammern sich an die Macht und ihre Privilegien – irgendwie wollen sie es unbeschadet bis in die Verrentung schaffen. Dass sie ein System dabei offenen Auges gegen die Wand fahren, ist ihnen egal. Hauptsache sie springen vor der Klippe vom in den Abgrund rasenden Wagen noch rechtzeitig ab. Was nach ihrem Abgang passiert, interessiert sie nicht. James Dean lässt grüßen.

Diejenigen aber, die wirklich mächtig sind, nutzen ihre Macht skrupellos, vorrangig dazu, um ihre Macht für sich und Ihresgleichen zu erhalten und zu zementieren. Das heißt für sie, möglichst viel Veränderung und Innovation zu fordern und zugleich dafür zu sorgen, dass möglichst wenig davon Realität wird. Denn jede Veränderung, jede Innovation, jeder Evolutionssprung ist für sie eine reelle Bedrohung. Denn danach könnten die Karten (der Macht) ja neu gemischt und man selbst nicht unter den Gewinnern sein.

Die Gefahr der digitalen Macht-Erosion

Wer sich heute wundert, was in unserer Welt gerade los ist, ob in Russland, in China, in den USA oder hierzulande. Wer sich über die skrupellose Ignoranz beim Thema NSA, Überwachung und Bürgerrechte wundert. Wer sich fragt, wie plötzlich in Ost wie West die alten Militarisierungsreflexe wieder ausbrechen können. Wer sich fragt, was denn auf einmal mit der Freiheit und Mitsprache versprechenden digitalen Welt passiert. Sie alle haben nicht verstanden, dass gerade mit allen, wirklich allen Mitteln versucht wird, das überkommene Machtverhältnis zu erhalten bzw. wieder herzustellen.

Die politische Klasse hat inzwischen überall in der Welt realisiert, wie sehr neue basisdemokratische und partizipatorische Optionen, die das Internet samt Social Media bietet, ihre Macht zu erodieren drohen. Daher sind die Herren Politiker nur allzu sehr bereit, dem wahren Mächtigen, der auch um seine Macht Sorge hat, brav zu Diensten zu sein: dem großen Geld. Den großen Besitzenden der Welt sind die Newcomer einer neuen Weltordnung längst ein Dorn im Auge: Google, Facebook & Co.

Freiräume werden kleiner – und virtuell

Daher die Angriffe auf diese Newcomer im Bund der Mächtigen. Das sind Drohungen, die dafür sorgen sollen, dass sie im Orchester der Macht brav mitzuspielen beginnen – und nicht auf die Idee kommen, die Macht nach unten verteilen zu wollen. Fast hat man den Eindruck, dass diese Drohungen in Richtung der Newcomer schon gefruchtet haben.

Wie gesagt, ich habe von Macht nur beschränkt Ahnung. Aber wenn man am eigenen Leib spürt, wie Freiräume kleiner werden und eher nur noch virtuell sind, wenn man realisiert, wie Freiheiten beschnitten werden, dann kann das nicht von ungefähr kommen. „Cui bono“ habe ich einst im Lateinunterricht gelernt: Wer hat davon einen Vorteil? Und es ist ziemlich klar, dass das nicht wir kleinen Allerwelts-User des Internets sind. – Wie gesagt: Wenn ich etwas von meinem Vater gelernt habe, dann das Talent, die Welt zu erklären. Jetzt müsste ich nur noch lernen, Macht gegen die Mächtigen zu organisieren…

Unter Generalverdacht

5. Januar 2014


Schlapphüte, die Herrscher der Welt

Es wird Zeit für ein Geständnis. Ich bin vorbestraft. Zweimal sogar. Einmal wegen unberechtigtem Tragen von Dienstuniformen. Das war, als ich Anfang der 80er-Jahre mit Fidelis Mager zusammen für die Münchner Stadtzeitung als vermeintlicher Schwarzer Sheriff durch die Münchner Innenstadt patrouillierte. (Die Geschichte ist hier im Blog ausführlich dokumentiert.) Und dann wurde ich damals noch einmal für eine investigative Recherche wegen “Urkundenfälschung” verurteilt. Ich hatte Visitenkarten für eine fiktive Firma, in deren Namen ich recherchierte, drucken lassen.

Feind hört mitDie Geldstrafen von damals sind längst vergessen und verdrängt – und wohl auch aus meinen Polizeiakten gelöscht. Das weiß ich, seit ich vor ein paar Jahren bei einer Zeugenbefragung nach Vorstrafen gefragt wurde. Ich antwortete in voller Unschuldsvermutung mit einem spontanen “Nein”. Der Beamte gegenüber sah mich daraufhin mit leicht sorgenvoller Miene an und machte erst mal eine beredsame Pause. Dann bedauerte er: “Meine Informationen hier auf dem Bildschirm sagen da was anderes.” Fakt war, es waren keine Vorstrafen (mehr) registriert, dafür gab es einen Vermerk, dass Vorstrafen gelöscht waren.

Wir sind alle Verbrecher – irgendwie

Was für Vorstrafen und für welche Vergehen – das war nicht vermerkt. Der Beamte mir gegenüber konnte also, sofern er ein wenig phantasiebegabt war, alles Mögliche vermuten, was ich “verbrochen” haben könnte. Eine besonders perfide Schuldvermutung, die um so schlimmer war, da sie unspezifisch war und nicht verifiziert werden konnte. Sie war ja gelöscht.

Das aber genau ist die Situation, in der wir uns alle inzwischen befinden, seit wir wissen, dass die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA uns überall und jederzeit ausspioniert. Ganz einfach, weil wir ja Böses gegen Amerika im Schilde führen könnten – irgendwie. Und weil es am allerverdächtigsten ist, wenn wir uns gegen diese Schnüffelei wehren. Wenn wir unsere Emails und Daten verschlüsseln, soll jetzt mit Hypercomputern, d. h. mithilfe gigantischer Rechnerleistung jede Verschlüsselungssoftware wirkungslos werden. Ganz einfach, weil jeder von uns ja Terrorist sein könnte – oder es jederzeit werden könnte. Etwa weil er wie ein Verbrecher behandelt wird…

Das Erbe des 11. September 2001

Mal angenommen, die Anschläge des 11. September 2001 hätten nicht stattgefunden. Dann wäre den USA und speziell New York ein Trauma kaum vorstellbaren Ausmaßes erspart geblieben. Fragt sich, ob es dann die Auswüchse eines Department of Home Security, eines U.S. Cyber Command und der NSA, die wir heute konstatieren müssen, nicht gegeben hätte. Ich denke, kaum. Es wären die Gelder vielleicht etwas spärlicher in diese Richtung geflossen. Aber der Großmachtanspruch der USA, noch dazu in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, hätte wohl schon allein gereicht, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.

Die Legitimation zu solch weltweiter Schnüffelei wäre den USA vielleicht etwas schwerer gefallen. Aber genug Terrorgefahr wäre auch so argumentierbar gewesen, und genug Schurkenstaaten hätte es sowieso gegeben, gegen die man sich wehren muss. Und das wären nicht nur Nordkorea, der Iran oder Pakistan gewesen, sondern auch China und Russland etc. – Vielleicht wären die Abhöraktionen gegen Angela Merkel und andere brave europäische Politiker und Institutionen etwas schwerer gefallen. Aber sei’s drum…

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Es ist dann aber doch ein veritabler Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der erste farbige Präsident der USA als gnadenloser Schnüffler, Kontrollfetischist und Demokratiesaboteur in die Geschichte eingehen wird. Ausgerechnet ein Präsident, der als besonders cool und liberal galt und ein Hoffnungsträger für einen neuen Politikstil war. Er wird nun der Referenzpunkt sein, an dem wir endgültig von einem Demokratieverständnis Abschied nehmen mussten, das die Bürger als Souverän definierte, Politiker als Volksbeauftragte auf Zeit und Geheimdienste bestenfalls als notwendiges Übel.

Es ist wirklich erstaunlich, wie geschickt es die Geheimdienste angestellt haben, ihr Schlapphut-Image abzulegen. Sie galten doch lange Zeit als eine Art schrulliges Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges. John Le Carre lässt grüßen. Heute sind unter der Führung schneidiger Generäle findige Hacker und ihre Zuarbeiter aus Privatfirmen (siehe Edward Snowden) zu einer unkontrollierbaren globalen Macht geworden. Die Erdball umfassende Datenschnüffelei von NSA & Co. hat dem Gefahrenpotential der Globalisierung eine völlig neue Dimension eröffnet. Und auch die Kollegen in China, Russland, Großbritannien, Israel, im Iran und anderswo sind fleißig an der Arbeit…

Willkommen in der Postdemokratie

Der britische Soziologe Colin Crouch hat 2004 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff der Postdemokratie geprägt. Er beschreibt darin ein Politiksystem, in dem die politischen Rituale wie Wahlen etc. zu Events verkommen, die zwar Regierungen stürzen, aber nichts am Politikbetrieb selbst ändern können. Der wird von der Wirtschaft und den Politbürokraten kontinuierlich und zu ihrem Vorteil am Laufen gehalten. Die Figuren der Politik wechseln, aber nicht die Politik und ihre – wirtschaftshörigen – Automatismen. Bestes Beispiel: Barack Obama.

Die eher wirtschaftsorientierte Definition der Postdemokratie von Colin Crouch muss jetzt noch um die Kaste der Geheimdienste erweitert werden. Nicht nur die Wirtschaft als von keinen demokratischen Prozessen kontrollierte politikbestimmende Macht existiert heute, sondern eben auch die Geheimdienste, heute ein kruder Mix aus Militär, Wirtschaft, Bürokraten und Hackern, entziehen sich jeder demokratischen Kontrolle – und Legitimation. Dafür aber stellen sie den offiziellen Souverän einer Demokratie, jeden einzelnen Bürger, unter Generalverdacht. Er wird ausgeforscht wie jeder gemeine Kriminelle und/oder potentielle Terrorist.

Parademokratie – eine deutsche Tradition

Die Idee, jeden Bürger als potentiellen Untäter und subversives Element zu sehen und daher auszuforschen hat in Deutschland eine unselige Tradition. Schon zweimal haben wir das im letzten Jahrhundert erlebt. Zunächst unter den Nazis und deren Gestapo und dann noch einmal in der DDR mit der Stasi. Beides undemokratische bzw. faschistische Systeme. Entsprechend entschlossen sollten wir hierzulande dagegen agieren, wenn nun ein drittes Mal der demokratische Souverän unter Generalverdacht gestellt wird. Aber davon ist die Großkoalition Merkel meilenweit entfernt.

Wir dürfen uns also hierzulande auf eine spezielle Sonderform der Postdemokratie einstellen. Nennen wir sie Parademokratie. Ein kruder Mix aus:

  • leeren demokratischen Ritualen
  • politisch hysterisierten Medien, die sich gerne als politische Akteure missverstehen (siehe Causa Wulff, BILD als neue APO…)
  • immer neuen Enthüllungen aus den unendlichen (Pseudo-)Wissensarsenalen von Geheimdiensten sämtlicher Couleur (gerne auch taktisch gestreut)
  • einem schulterzuckendem Demokratie-Wurstigkeitsgebahren frustierter Bürger
  • einer sublimen wie konsequenten Wohlverhaltens-Feigheit, wie sie überwachten Systemen stets immanent ist
  • einer systemübergreifenden inneren Lähmung, individuell, systemisch, politisch wie intellektuell

Bleierne Zeit, Mehltau – all diese Begriffe sind zu niedlich, um solch eine Welt der Parademokratie zu beschreiben… – Aber man kann sich dagegen ja wehren. Im Fall der Fälle auch außerparlamentarisch – und natürlich ohne Kai Diekmanns APO.

Trubel im Status Quo

12. November 2013


Nein zur Winter-Olympiade 2022 in München

Also jetzt keine Olympiade in München. Das Volk wurde befragt und hat es nicht gewollt. Ich hätte schon wollen. Meine Erinnerungen an die Olympiade 1972 waren einfach zu positiv. Das war ein Erweckungserlebnis für die kleine süddeutsche Stadt vor den Alpen. Aus einer zu groß gewordenen Kleinstadt wurde eine Großstadt. Und Flair gab es gratis dazu. Und Sportstätten und eine Infrastruktur, von der wir bis heute hier in München profitieren.

Nolympia01Aber ich verstehe die Gegner dieses Sportspektakels. Muss ich ja. Zu viele Gegner gibt es in meinem Freundeskreis bis hin zur eigenen Ehefrau. Keine erbitterten Gegner, sondern eher spontane Nein-Sager, die kurz und bestimmt ihr “Jetzt-ist-es-aber-genug!” zum Ausdruck bringen. Da verfangen bemühte – und zugegebenermaßen oft recht verlogene – rationale Argumente für Olympia kaum: neue Sportstätten, bessere Infrastruktur, mehr Image, mehr Bekanntheit in der Welt, blablabla… Da taten sich die Gegner der Olympiade 2022 in München so viel leichter. Sie hatten verfängliche Argumente: Naturzerstörung, Kommerz, Preissteigerung, Gigantomanismus – und sie wirkten alle gleich auch noch wunderbar emotional. (Doof waren sie oft trotzdem…)

IOC, FIFA & Co. sind bäh!

So weit, so gut. Wir könnten wieder zur Tagesordnung übergehen. Dann halt Olympia in Oslo. Denen Olympia zu gönnen tut sich keiner schwer. Die haben sich in einer Volksabstimmung ja nun mal FÜR Olympia entschieden. Aber wer weiß, vielleicht bewirbt sich ja auf den letzten Drücker doch auch noch Katar für die Winterolympiade. Dann wären die beiden Winterereignisse des Jahres 2022 gleich in einer Hand: die Fußball-WM und die Winterolympiade. Das hätte viele Vorteile. Die Kamerateams wären schon vor Ort. Man könnte die Anfangszeiten der Fußball-Spiele und der Winter-Events wunderbar dramaturgisch aufeinander abstimmen. Und Ablaufstörungen bei der Olympiade durch Schneefall, Nebel oder Stürme wären nicht zu erwarten. Und es gäbe kein Problem mit zu wenig Schnee, denn der wäre per se nicht vorhanden…

So absurd solch eine Vorstellung ist. So ganz kann man eine derartige Entwicklung in Anbetracht der Verfassung der maßgeblichen Sportverbände FIFA und IOC nicht ausschließen. Das Nein zur Olympiade in München ist eben auch ein Nein zur gesamten Funktionärsgilde, die heute mit immer neuen Eskapaden durch die Medien geistert. Es ist ein Nein zur schmierigen Biegsamkeit eines – noch dazu deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Es ist ein Nein zum alerten und völlig unauthentischen Profi-Funktionär Michael Vesper.

Politik einst und jetzt

Meine so positiven Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit zur Olympiade in München schließt ja auch eine breite Begeisterung der Bevölkerung für Olympiade ein. Die haben so seriöse, ernsthafte und authentische Menschen wie ein Sport- und Organisationschef Willi Daume und ein Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel vermittelt. Beide waren Gesinnungstäter für Olympia und für München – und für eine offene Gesellschaft. Bei ihnen war man sich sicher, dass sie im Namen und zum Wohle der Bürger handelten und keine Lobby-Schergen waren. Das Ergebnis war eine Begeisterung quer durch alle Schichten inklusive der Kulturschaffenden und Designer etc.

Und die Politik heute? Die war pflichtbewusst FÜR Olympia. Nur Grüne und die Linke opponierten. Aber wie sah die Unterstützung aus? Bestenfalls pflichtbewusst. In Pflicht nahmen eben Verbände und die Lobby. Vision? Null. Idee? Null. Begeisterung? Kaum wahrnehmbar. Entsprechend hölzern wirkte die Unterstützung und entsprechend krachend hat der abstimmende Souverän den Politikern, die sich zu nichts zu schade sind, die rote Karte gezeigt. Kam hinzu, dass man nach dem pflichtbewusst braven Abstimmungsverhalten für CSU und Merkel zuletzt bei Land- und Bundestagswahlen hier in Bayern mit großer Lust die Chance wahrnahm, es Seehofer & Co. mal wieder richtig zu zeigen. Schließlich ging es diesmal um nichts. Nur um Olympia…

Die Trennung von Politik und Leben

Bezeichnend aber die Reaktion der Befürworter von Olympia und der Politik. Sie waren bass erstaunt über die Niederlage, sie hatten sich tatsächlich in Sicherheit gewogen. Wir müssen nur pflichtschuldig dafür sein und die Sportverbände dazu, dann wird der Bürger schon brav dafür sein. Es scheint kein Sensorium in der Funktionärs- und Politikerkaste mehr zu geben, das Ermüdungserscheinungen und Ekelgefühle gegen einen Sport-Hyperkapitalismus wahrnimmt. Das fällt in den VIP-Logen auch schwer. Dabei wäre ein Blick auf den nun vorbestraften Karl-Heinz Rummenigge und den Steuersünder Uli Hoeneß und auf die laue und maue Fankultur beim dauergewinnenden FC Bayern durchaus lohnenswert. Nicht einmal Stimmungs-Sensibelchen Horst Seehofer scheint da was gemerkt zu haben.

Ach ja, und Franz Beckenbauer, der Alles-möglich-Macher musste diesmal als Werbefrontakteur seine erste Niederlage einstecken. Entsprechend verstockt fiel seine Reaktion darauf aus. Er, der in Katar keine Sklaven in Ketten und Fesseln gesehen hat und daher dort alles in Ordnung fand (siehe Video ab Minute 4:56), ist halt einfach schon viel zu lange in zu vielen internationalen Fußballgremien und -verbänden unterwegs, um noch einen klaren Blick auf Realitäten haben zu können. Denn dann hätte ihm schon mal auffallen müssen, wie inhaltsleer, billig und handwerklich schlecht gemacht die komplette Kampagne “Oja22” für die Olympiade war. Da war das Zitat des Farbdesigns von Olympia-1972-Designer Otl Aicher eher Hohn.

Der Saturierten-Gürtel Münchens

Dabei wäre es genau darum gegangen, die abstimmenden Bürger für eine neuerliche Olympiade, diesmal im Winter, zu begeistern. Keine leichte Aufgabe, zugegeben. In München gibt es für den sich in seinen Wohlstands-Ritualen schnell gestörten Saturations-Münchner genug Großereignisse und Events. Neuer Höhepunkt 2014: Black Sabbath live auf dem Königsplatz!? Da lehnt man schon fast reflexhaft jede Neuerung und jede vermeintliche neue Irritation ab. Da greift schnell der Saturierten-Narzissmus-Reflex. Du sollst keine (neuen) Helden neben mir haben.

Es ist schon bezeichnend, wenn man sich ansieht, welche Stadtteile Münchens am energischsten gegen die Olympiade gestimmt haben. Nicht die schnöden und mietpreismäßig etwas gemäßigten Stadtteile der Außenbezirke. Die hätten die fünf Ringe gerne in der Stadt gehabt. Es waren die südlichen Stadtteile mit den teuersten Mieten entlang der Isar, in der Innenstadt und in Schwabing, die am energischsten gegen die Olympiade gestimmt haben. Der typische Saturierten-Gürtel der Stadt. Bezeichnenderweise der typische Home-Turf von Münchens Bald-Ex-Bürgermeister Christian Ude.

Den Frieden mit der Ablehnung der Olympiade in München habe ich längst gemacht. Spätestens seit ich in meiner Facebook-Timeline mitbekommen habe, welch ur-anarchistische Freude viele Münchner an der Niederlage der Großkopferten und der politischen Gschwollschädel haben. So gesehen war die Abstimmung der perfekte Anlass, diese Deppen mal so richtig und wirksam zu derblecken. Wie gut das gelungen ist, zeigt die Reaktion der Olympiapromotoren. Sie benehmen sich stilgemäß als beleidigte Leberwürste. Die traurige Diagnose: nichts kapiert. Rein gar nichts. Und genau das ist das Problem…

Freiheit & Raum

2. November 2013


Stets auf der Suche nach Freiräumen

Wenn man meiner beruflichen Karriere irgendeine Logik geben will, dann am ehesten die, dass ich immer Freiräume gesucht habe. Das ging in der Uni los, Meine Mutter war eine der seltenen Male sprachlos, als ich statt brav auf Lehramt zu studieren mich in Theater- und Kommunikationswissenschaften (plus Germanistik) eingeschrieben hatte. Texte schreiben und inszenieren war eine traumhafte Spielwiese – und dabei konnte man gut austesten, wieweit die Toleranz der Institutsverantwortlichen bei provokativen Inszenierungen ging. Und mit Rezeptionsforschung (samt Computerauswertung mit Lochkarten!) konnte ich die Wirkungsweise solcher Arbeit gut abzuschätzen lernen.

opengateDer nächste logische Schritt war es, Theater- und später auch Filmkritiken zu schreiben – und erste Reportagen im Kulturumfeld. Auch hier viel Freiraum. Den konnte ich dann extrem erweitern, als ich die Münchner Stadtzeitung mit Arno Hess gründete und redaktionell leitete. Hier gab es wirklich keine thematische Begrenzung. Wir nutzten das ausgiebig, um die Grenzen unseres Könnens und mit unseren investigativen Recherchen die Grenzen der rechtlichen Möglichkeiten auszuloten. (Siehe hierzu auch: Humor & Justitia.)

Verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen

Der nächste Schritt, neue Freiräume im Journalismus auszuleben war mein Wechsel zum WIENER. Als Chefreporter und später als stellvertretender Chefredakteur durfte ich lernen, wie mühsam und zugleich höchst befriedigend es sein kann, verrückte Ideen zu spinnen und sie dann doch in funktionierende Geschichten umzusetzen. Und die publizistische Wirkung von investigativen Geschichten wie etwa über das AIDS-KZ oder Alois Müller (Müller Milch) war ungleich höher – und brisanter.

Next Stop Trendforschung. Bei Scholz & Friends war ich im weiten Feld der sich stetig verändernden Szenen, technologischen und soziologischen Entwicklungen und der unendlichen Kreativität von Konsumenten-Bedürfnissen und -Ideen unterwegs. Eine der interessantesten neuen Entwicklungen, die die Firmen damals noch kaum wahr-, geschweige denn ernst nehmen wollten war das Internet. Meine Schilderungen über die unendlichen neuen Möglichkeiten, die hier entstehen könnten, wurden bestenfalls belächelt.  (Ausnahme: “West” von Reemtsma.)

Aufbruch in The New Frontier

Na dann eben lieber selbst mitten hinein ins reale Geschehen, statt nur beratend am Rande zu stehen. Auf ins Internet, in The New Frontier, wie das Internet damals charakterisiert wurde: die neuen Gebiete, in die die Siedler Amerikas einst zogen, in die “the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled dreams”, wie es John F. Kennedy in seiner Inaugurationsrede als Präsident beschrieb: “Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.” Neue Freiräume, jetzt im neuen, weiten, leeren digitalen Raum.

Zuerst Europe Online, dann später MSN (Microsoft Network), dann eine eigene Firma und nun Beratungstätigkeit, zur großen Freude immer zusammen mit etlichen Mitentdeckern der neuen Freiräume – oder wenigstens in stetem Kontakt (etwa per Facebook). Es war anfangs sehr anstrengend, diese neuen Möglichkeiten real werden zu lassen. Aber immer hat es Spaß gemacht, sehr viel Spaß, immer neue Optionen zu entdecken und zu nutzen und zu verstehen. Immer ging es weiter in immer neue zu entdeckende (Frei-)Räume.

Das Beharrungsvermögen des großen Geldes

Sie waren nicht zuletzt deshalb frei, weil die großen Unfrei-Macher entweder diese digitale Welt nicht verstanden, sie unterschätzten und nicht für voll nahmen oder nicht mit ihnen umgehen konnten – und wollten: die (politischen) Institutionen und die Wirtschafts-Giganten. Gerade das große Geld wollte sich zunächst nicht auf das Internet einlassen, weil zu viele Risiken zu drohen schienen – und weil die bewährten Businessmodelle gut, allzu gut funktionierten. Das schuf die wirtschaftlichen Freiräume, die Google, Amazon oder Facebook so unendlich groß werden ließen.

Wir wundern uns, wie unsere Freiräume im Internet kontinuierlich – und ziemlich rabiat – immer mehr genommen werden. Kein Wunder. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte das schon vor fünf Jahren kommen sehen. Er warnte damals in Aspen vor dem Beharrungsvermögen des großen Geldes und der politischen Institutionen, die kontinuierlich die Freiräume des Internets beschneiden wollen. Das tun sie seitdem in immer intensiverem Maß. Das große Geld, weil die überkommenen Businessmodelle immer schlechter funktionieren und die wirtschaftlichen Optionen des Internets immer deutlicher sichtbar sind (siehe Google, Amazon, Facebook & Co.).

Gemeinsame Interessen der Wirtschaft und der Politik

Das große Geld scheut das Risiko. Deshalb ist es so lange dem Internet fern geblieben. Nun sind die Risiken kleiner geworden – oder haben sich als kleiner als gedacht herausgestellt. Also gehen die großen Wirtschaftskräfte jetzt ins Internet. Das aber zu ihren Bedingungen: das Risiko soll noch kleiner werden, die Rendite dafür um so größer. Das heißt automatisch, dass die Freiräume kleiner werden. Denn Freiräume bedeuten in diesem tristen Spiel nur unliebsame Risiken und gebremste Renditen.

Die Interessen des großen Geldes korrelieren dabei optimal mit den Interessen der großen Institutionen, speziell der Politik. Die Macht der Politik droht durch die Beschleunigung und der Partizipation, die das Internet brachte, zu bröseln. Und die Risiken, die dabei entstanden, waren der Politik sowieso stets suspekt. Politik scheut Risiken, sie scheut und hasst sie. Politik ist schließlich im besten Fall dazu da, Interessen auszugleichen. Im nicht so optimalen Fall ist sie dazu da, Spezial-Interessen (der Wirtschaft, anderer Institutionen etc.) durchzusetzen. Also auch hier das essentielle Interesse, Freiräume zu beschneiden. Notfalls auch unter dem Deckmäntelchen, Freiräume beschützen zu wollen oder Arbeitsplätze oder alte, lieb gewonnene Rituale.

Wir Freiraum-Bewahrer

Was also tun? Wie können wir diese Freiräume bewahren? Durch Regulationen, durch Limitationen und Vereinbarungen mit Politik & Konsorten? Uups, das stößt sauer auf. Der alternative politische Widerstand ist mit dem Scheitern der Piraten an ihrem störrisch Nicht-Politisch-sein-Wollen und der charakterlichen Beschränktheit vieler ihrer Protagonisten krachend gescheitert. Bisher jedenfalls. Also Rückzug ins Private und dessen Surrogat an Pseudo-Freiräumen? – Disclosure in eigener Sache: Ich schreibe diesen Blogpost während der Olivenernte im schönsten Italien. Aber daher weiß ich: das ist definitiv keine Lösung.

Also Aufbruch zur Suche nach neuen Freiräumen jenseits der heute bekannten? Sollen wir alle programmieren lernen, um Freiräume in der Welt der Algorithmen zu schaffen? Oder gibt es Freiräume in anderen Bereichen, die wir gar nicht recht erahnen können? In den Wissenschaften? Oder in anderen Teilen der Welt? In China? Was ich davon höre, ist es dort einerseits schlimmer als bei uns, aber mit immer wieder überraschenden Optionen. In einem neuen Wirtschafts- und/oder Politiksystem? Angesichts der sichtlichen Erschöpfung jedes Faszinosums des kapitalistischen Systems und seiner politischen Ableger vielleicht gar keine so schlechte Idee. Oder in einer Welt ohne existenzielle Angst – mit Grundrente und sozialer Absicherung und neuen, endlosen kreativen Möglichkeiten?

Eines ist sicher: Ich bin weiter auf der Suche nach Freiräumen für mich, für meine Welt – und die Welt an sich… Wenn ich was gelernt habe aus meiner Biografie: Freiräume sind dazu da, ausgelebt zu werden und dabei an die Grenzen zu gehen.

Der Utopie-Test

10. September 2013


Wie sähe der perfekte Datenschutz in einer idealen Welt aus?

Die Reaktionen auf die Enthüllungen der umfassenden Bespitzelung der (unserer) Welt durch die amerikanische NSA (National Security Agency) sind mehr als zurückhaltend. Die große Mehrheit der nicht-digitalen Deutschen versteht die Aufregung nicht oder fühlt sich in ihrer Ignoranz gegenüber der digitalen Welt nur bestätigt. Konservative bis rechts-bürgerliche Kreise und alle sicherheits-paranoiden Menschen finden so eine Bespitzelung gegen Terroristen, Attentäter und Kriminelle sowieso gut. Für die kann man gar nicht genug schnüffeln – FAZ.net sieht hier sogar einen modernen Gottersatz im Entstehen.

Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt...

Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt…

Und die Linke: Die fühlt sich in ihren schlimmsten Befürchtungen – endlich einmal – bestätigt und nimmt die Tatsache mehrheitlich mit einem erleichterten Schulterzucken zur Kenntnis. Man hat es sowieso immer schon gewusst. Und die Bösen sind praktischerweise die Amerikaner. Was will man mehr. – Bleiben als Opposition wenige Internet-Aktive, Links-Liberale und eine kleine Minderheit von um Freiheit und Demokratie bangenden Menschen. Die etablierte Politik ist vorrangig mit Wahlkampf beschäftigt und viel zu weit von der Thematik entfernt (“Neuland”!) und hält mangels echter Handlungs-Alternativen erst mal die Füße still. Ganz still.

Eine Demokratie-Utopie

Aber denken wir uns versuchsweise einmal kurz in eine ideale Welt, wagen wir eine Demokratie-Utopie. In ihr sind alle vernünftigen Demokraten und denkenden Menschen entsetzt über die Spitzelpraxis der USA und es entsteht eine echte Protestbewegung – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa (wahrscheinlich ohne Großbritannien), in Südamerika, Kanada etc. Vielleicht sogar in Teilen Asiens und des Mittleren Osten. Gerne jeweils auch unterstützt aus Eigeninteresse von der Wirtschaft, die sich nicht so mir-nichts-dir-nichts ausspionieren lassen will bzw. überflüssigerweise ihre Daten teuer und Abläufe komplizierend sichern müssen.

Würde so etwas passieren, müsste – und würde – die Politik reagieren. Und einmal angenommen, es würden nicht nur ohnmächtige Kommissionen gegründet und zahnlose Resolutionen verabschiedet, sondern man wollte wirklich effektiv handeln, was wäre dann zu tun? Welche Optionen hätte dann die freie, kritische, nicht-amerikanische Welt? Richtig: Mit Obama ein ernstes Wort reden. Guter Scherz. Denn was soll der tun? Seine Pauschal-Rechte an die NSA zurücknehmen? Die Geheim-Gerichte an die Kandare nehmen, die die amerikanischen Internet-Giganten nach Gutdünken gängeln und über deren Agieren keiner reden oder gar schreiben darf.

Catch 22 der Geheimdienste

Wie soll das aber gehen? Es ist doch kein Zufall, wie Obama vom liberalen Politiker zum Ordnungs-Fanatiker und willigen Geheimdienst-Förderer mutiert ist. Verschwörungstheoretiker mögen dazu ihre eigene Version spinnen. Aber wie soll ein amerikanischer Präsident seinen Parteigenossen oder gar den Republikanern erklären, nicht alles Mögliche zu tun, um Terroranschläge zu vermeiden. Und je mehr die Geheimdienste bei ihren Prognosen versagen (siehe Boston), desto mehr finanzielle Ausstattung, desto mehr Zugriffsrechte werden sie bekommen. Das ist die perverse Logik eines Volkes, das in seiner kollektiven Psyche zutiefst ängstlich ist bis hin zur Paranoia. Eine echte Catch 22-Situation.

Und zugleich weiß Obama, dass der “Rüstungswettlauf” in Sachen digitaler Kontrolle längst in vollem Gang ist. China und Russland, Frankreich und Großbritannien, Israel oder auch der Iran sind eifrige Mitbewerber und dazu Outcasts wie Syrien und allerlei kriminelle Organisationen. Dafür kennt der Aufwand der USA keine Grenzen. Die USA in ihrem Anspruch als Führungsmacht müsste da ganz vorneweg gehen. Daher die so großzügige Ausstattung der NSA, daher der Bau gigantischer Datenspeicher, die dafür ausgelegt sind, den weltweiten Datenverkehr über Jahre hinweg komplett abzuspeichern, daher die Aufweichung aller Datenschutzgesetze. Kurz: Ein amerikanischer Präsident kann – und will – gar nicht anders als wie jetzt geschehen.

Eine europäische Alternative

Jeder Versuch, Amerika von seinem bösen Tun abbringen zu wollen, ist also per se zum Scheitern verurteilt. Und wie sehr sich die großen Internet-Giganten Google, Facebook, Yahoo und Microsoft und all die US-amerikanischen Social Media Provider auch gegen staatliche Zugriffe wehren mögen, um für Kunden außerhalb der USA attraktiv zu bleiben, sie haben keine Chance. In einer idealen Welt, in der etwa Europa nicht das Internet (immerhin in Genf am CERN mit erfunden!) und die Wucht der digitalen Vernetzung verkannt hätte, wäre das die perfekte Gelegenheit, gleichwertige nicht-amerikanische Features (Mail, Kalender, Speicher etc.) und Social Media Services anzubieten und glaubhaft mehr Schutz gegen systematisches Ausspionieren anzubieten.

Internet-Features bieten etwa “1& 1″ oder die Deutsche Telekom an. Doch in welcher Qualität? Trotzdem scheinen sie mehr Zulauf zu erleben. Aber es gibt keinerlei Ansätze, eine ähnlich überzeugende Integration von Services (Suche, Maps, Produktivsoftware, Blogs etc.) wie bei Google oder Yahoo samt deren überzeugende Werbekraft zu entwickeln. Dafür gibt es auch kaum eine Chance. Das hat Microsoft mit seinen immer neu gescheiterten Bemühungen eindrucksvoll bewiesen. Stichwort: “Bing”.

Wo, bitte, ist der Weiße Ritter?

Zweiter Utopie-Ansatz: Und selbst wenn es möglich wäre, ein Google außerhalb der USA zu etablieren. Wo sollte das möglich sein? Technologisch, wirtschaftlich – und politisch. Wo sollten da die Server stehen, dass sie vor dem Zugriff der Amerikaner sicher wären? Da fällt jedes NATO-Mitglied aus, jedes Land der westlichen Allianz. Ja es müsste ein Land geben, das sich wirklich mit ernst gemeinten Datenschutzbemühungen (und entsprechender Gesetzgebung) profilieren möchte. Dabei wird man nicht einmal im sonst so korrekten Skandinavien fündig. Man erinnere sich nur an die schwedische Willfährigkeit gegenüber den USA im Fall Assange. Bleibt Island als Alternative. – Lächerlich, dafür ist es wirtschaftlich viel zu mickrig und angreifbar.

Und selbst wenn es unter den Staaten dieser Welt ein Äquivalent zu einem Weißen Ritter gäbe: einer, der es gut meint, der die Privatsphäre konsequent schützt, der technisch versiert genug ist, gegen die Spionageversuche aller anderen zu bestehen und wirtschaftlich stark genug ist, solch einen Weg durchzuhalten. Solch ein Staat wäre aus aller Welt unter Beschuss. Politisch und medial, weil er Terroristen und Verbrechern Schutz bietet. Technisch würden alle Konkurrenten, nicht nur die USA, alles daran setzen, ausgerechnet diese Schutzsphäre so schnell und so umfassend wie nur möglich zu knacken. Und politisch und wirtschaftlich wäre solch ein Land in kürzester Zeit völlig isoliert.

Koexistenz mit den Schnüfflern

Selbst in der erträumbarsten aller Welten scheint es also keinen gangbaren Ausweg aus dem Überwachungs-Dilemma zu geben. Das klingt schlimm pessimistisch. Aber bekanntlich sieht sich jeder Pessimist als Realist. Bliebe als private Alternative die Flucht in die Verschlüsselung aller Daten, die man versendet – und der Ausstieg aus allen Aktivitäten in Social Media. – Aber ist das die Alternative? Einige, natürlich deutsche Datenschützer empfehlen so etwas allen Ernstes. Die digitale Isolation von allen Menschen um einen herum. Der Abschied aus Facebook und allen seinen Freunden. Die Außerdienststellung der Smartphones samt ihrer intelligenten (weil vernetzten) Technologien? Die Versendung kryptischer, oft nicht ankommender, von kaum einem zu öffnender Emails?

Die Flucht in die Verschlüsselung aller Kommunikation kann nicht die Lösung sein. Das Argument, damit würde man es der NSA und allen verwandten Datenschnüfflern wenigstens schwerer machen, ist Sandkasten-Terrorismus: Wenn du mir nicht deine Förmchen gibst, mache ich deine Sandburg kaputt. Oh Gott, nein!

Unkaputtbare Solidarität als Sicherung

Die Wahrheit ist hart und unangenehm. Wir müssen mit der Schnüffelei leben – wir müssen unsere Gesellschaft und unsere Politik darauf einstellen. Vor allem aber müssen wir eine unkaputtbare Solidarität zueinander entwickeln – politisch, sozial und digital – so dass offensichtlicher Missbrauch nicht möglich ist – und sofort geahndet werden kann. So dass unsere Gesellschaft und unser demokratisches System leben und funktionieren.

Denn nur darin sind wir – absehbar – sicher. Schlimm wird es, wenn die Überwachungsmethoden und das daraus gewonnene – vermeintliche – Wissen in die Hände von (demokratisch) unkontrollierbaren Mächten gerät. Das kann sehr schnell passieren. Man sehe  nur nach Ungarn zu Herrn Orban. Oder es entstehen Mächte, in denen es dem Geheimdienst egal ist, welches Parlament und welcher Präsident unter ihnen regiert. (Ex-FBI-Chef Edgar Hoover lässt grüßen…) – Oder sind wir in den USA längst schon so weit? Fast mag es danach aussehen…

Edgar Hoover lässt grüßen...

Edgar Hoover lässt grüßen… – der schwarze Ritter

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